Alarmstimmung an der Volkshochschule in Schwerin

Eine Anfrage von Stadtvertreter Peter Brill (DIE LINKE) - ober vielleicht richtiger die Antwort des Oberbürgermeisters auf diese - birgt deutlichen Sprengstoff. Ein diffiziles Thema auf den Punkt gebracht: Zahlt die Stadt Schwerin nicht bald höhere Honorare für die Lehrenden, die an der Volkshochschule die Unterrichte zur Berufsreife und Mittleren Reife abdecken, droht ein Ende dieser wichtigen Angebote.

Droht ein Ende für die Schulabschlüsse an der Volkshochschule in Schwerin? | Foto: privat

„Ab dem Schuljahr 2022/23 ist die bedarfsgerechte Absicherung der gem. § 32 SchulG MV durchgeführten Kurse und Prüfungen zum Nachholen der Schulabschlüsse Berufsreife und Mittlere Reife an der VHS Schwerin gefährdet.“ Ein kleiner, sehr formal klingender Satz in der Antwort der Stadtverwaltung Schwerin auf eine Anfrage des Stadtvertreter Peter Brill (DIE LINKE) birgt vor allem bildungspolitischen Sprengstoff. Denn er sagt nicht weniger aus, als dass ein elementarer Zweig des Bildungswesens in der Landeshauptstadt gefährdet ist.

Jährlich sind es um 100 Personen, die in Schwerin die Möglichkeit nutzen, durch Unterrichte an der Volkshochschule die Berufsreife oder auch die Mittlere Reife nachzuholen, und so zu einem Berufsabschluss zu kommen. Aus den verschiedensten Gründen war ihnen dies im Vorfeld oftmals nicht geglückt. Das Angebot der Volkshochschule nicht zuletzt auch bessere berufliche Perspektiven eröffnen.

 

Im schlimmsten Fall nicht einmal eine Klasse möglich

Eben dieser wichtige zusätzliche Weg ist nun offenbar massiv gefährdet. Denn weiter heißt es in der Antwort der Verwaltung: „Durch den sich stark zuspitzenden Lehrkräftemangel könnte es ohne das Ergreifen weiterer Maßnahmen der Volkshochschule schlimmstenfalls nicht gelingen, im Schuljahr 2022/23 auch nur eine der seit vielen Jahren üblichen vier Klassen für den Schulabschluss der Mittleren Reife sowie zwei Klassen der Berufsreife gemäß der gesetzlichen Vorgaben zu eröffnen.“

 

Ohne Gegensteuern droht massiver Rückgang der Lehrkräfte

Was aber ist los, dass „plötzlich“ diese Alarmstimmung herrscht? Ein Blick auf die Anzahl der die einzelnen Kurse im Bereich „Schulabschlüsse“ leitenden Personen – der Lehrkräfte also – lässt erahnen, woher die Panik kommt. Waren in den Schuljahren 2019/20 sowie 2020/21 noch jeweils 25 Lehrende im Einsatz, so sind es aktuell schon nur noch 23. Das ist zwar nicht optimal, aber der Lehrbetrieb ist abgesichert. Ein Blick nach vorn, auf das kommende Schuljahr 2022/23 aber macht die Dramatik der Situation deutlich. Denn für diesen Zeitraum weist die Verwaltung nur noch zwischen 9 und 18 Lehrkräften aus. Also mindestens fünf weniger als jetzt – was schon dramatisch genug wäre. Im schlimmsten Fall verlassen sogar 14 Lehrende die VHS. In beiden Fällen ist das derzeitige Angebot nicht mehr vollumfänglich möglich, beziehungsweise muss komplett gestrichen werden.

Dr. Rico Badenschier, Oberbürgermeister Schwerin. | Foto: Timm-Allrich

Schwerin zahlt mit Abstand niedrigstes Honorar im Land

„Hier muss dringend umgesteuert und der Alarmknopf ausgeschaltet werden. Letztendlich geht es auch um die Umsetzung des Rechts auf Bildung und lebenslanges Lernen“, so Peter Brill. Die Hintergründe für diese Entwicklung allerdings sind nicht unerwartet eingetreten. Sie können weder auf Corona noch auf den Ukraine-Krieg geschoben werden. Sie waren schon länger vorhersehbar. Denn bislang „wurde der Lehrbetrieb im zweiten Bildungsweg überwiegend von Lehrkräften im Rentenalter getragen“, so die Verwaltung. „Einige dieser Lehrkräfte beenden ihre Tätigkeit aus Altersgründen.“ Das dürfte nicht überraschend kommen. Hinzu kommt ein ebenso auf der Hand liegendes Problem: Die Bezahlung. Denn während andernorts in Mecklenburg-Vorpommern überwiegend zwischen 30 und 35 Euro je Unterrichtsstunde gezahlt werden, sind es in Schwerin, gemäß Honorarordnung der Volkshochschule vom 03.12.2018, magere 20 Euro. Festangestellte Lehrkräfte gibt es für diesen Bereich nicht.

„Unter der Voraussetzung einer zu prüfenden Honorarerhöhung erklären sich derzeit ca. 18 Kursleitende (KL) bereit, auch im kommenden Schuljahr zur Verfügung zu stehen. Andernfalls stehen nur 9 KL zur Verfügung.“
(Dr. Rico Badenschier, Oberbürgermeister)

 

 

Ändere sich an dieser Situation nicht grundlegend etwas, drohe der massive Rückgang an Lehrkräften auf, nach aktueller Lage, nur noch neun Personen. Dann gehen die Lichter in Sachen Schulabschlüsse an der Volkshochschule Schwerin aus. Denn vor dem Hintergrund eines ohnehin bestehenden Lehrkräftemangels ist eine „angemessenen und wertschätzenden Entlohnung der Lehrkräfte“, wie es Oberbürgermeister Rico Badenschier in der Antwort auf Peter Brills Anfrage formuliert, ein elementarer Baustein zur Angebotssicherung. Vor dem Hintergrund, dass Badenschier aber auch seit mehreren Jahren Finanzdezernent ist, und damit eine zentrale Verantwortung für den kommunalen Haushalt trägt, muss die Frage erlaubt sein, ob er nicht schon viel früher diese Situation hätte thematisieren können.

Peter Brill, Fraktion DIE LINKE, Schwerin

Schwerin leitet ohne Aufschlag Landeszuschuss weiter

Denn letztendlich wird es städtisches Geld sein, dass man in die Hand wird nehmen müssen, um die Honorare auf ein angemessenes und vergleichbares Niveau zu bringen. Etwas boshaft formuliert, würde sich die Stadt Schwerin dann überhaupt erst an einer Wertschätzung, die Badenschier sich wünscht, beteiligen. Denn aktuell entsprechen die gezahlten 20 Euro Honorar exakt dem Betrag, den das Land als Förderbetrag überweist. Anders als überall sonst im Land fließt von Seiten der Stadt, so zumindest liest sich die Antwort der Verwaltung, kein Cent in diese Honorare. Es wäre also durchaus an der Zeit, dass auch von dieser Seite etwas Wertschätzung kommt.

„Wenn ich für mich entscheiden müsste, fiele mir die Entscheidung leicht. Ich würde an einer Volkshochschule im Umland tätig werden. Beim Geld hört eben auch die Freundschaft zur Heimatstadt auf.“ 
(Peter Brill, DIE LINKE, Stadtvertreter)

 

Wäre eine Anstellung durch das Land der richtige Weg?

Nun lässt sich vortrefflich darüber streiten, ob es nicht richtig wäre, dass auch die Lehrkräfte, die für den zweiten Bildungsweg hin zu Berufsreife und Mittlerer Reife benötigt werden, festangestellte oder zumindest ausreichend durch das Land finanzierte Lehrende sein sollten. Wie es auch an Abendgymnasien, an denen man das Abitur nachholen kann, der Fall ist. Bei der akuten Suche nach kurzfristig wirksamen Lösungen der dramatischen Situation an der Volkshochschule aber dürfte das nicht helfen. Mit einer besseren Bezahlung, die im Optimum oberhalb der Honorare der an Schwerin grenzenden Landkreise liegen sollte, ließen sich offenbar zumindest 18 Lehrkräfte halten. Und eventuell entscheiden sich dann auch weitere für ein zusätzliches Engagement in diesem Bereich.

 

Verwaltung prüft Maßnahmen im Zusammenhang mit kommendem Haushaltsentwurf

Diesen Ansatz scheint nun auch die Verwaltung zu verfolgen. „Im Rahmen der Haushaltsberatungen für den Doppelhaushalt 2023/24 werden gerade Maßnahmen geprüft, auch zukünftig eine bedarfsgerechte Absicherung zu gewährleiten“, heißt es von dort in der Beantwortung der Anfrage von Peter Brill. Schon in Kürze wird sich die Fraktion DIE LINKE nun mit der Leitung der Volkshochschule treffen, um über die aktuelle Situation und mögliche Maßnahmen zu beraten.

 

 

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