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Experten schlagen Alarm:
Schwerin bleibt Alkohol-Hotspot Deutschlands

Schwerin weist bundesweit die höchste Rate alkoholabhängiger Menschen auf. Neue Barmer-Daten zeigen: Die Landeshauptstadt ist besonders stark belastet und Hilfsangebote geraten zunehmend an ihre Grenzen.

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  • Veröffentlicht Dezember 4, 2025
Alkoholsucht in Schwerin
Alko­hol­re­gal: Leichte Ver­füg­barkeit fördert das Sucht­prob­lem. Foto: Gay­la Glav­ina auf Unsplash

 

Schw­erin ist deutsch­landweit die am stärk­sten von Alko­hol­sucht betrof­fene Kom­mune. Das zeigt der neue Mor­bid­itäts- und Sozialat­las der Barmer, der Diag­nose­dat­en aus dem Jahr 2023 analysiert. Während bun­desweit 14,8 von 1000 Erwach­se­nen unter ein­er ärztlich bestätigten Alko­ho­lab­hängigkeit lei­den, sind es in Meck­len­burg-Vor­pom­mern bere­its 23,1. In der Lan­deshaupt­stadt jedoch steigt der Wert auf 27,6 Betrof­fene je 1000 Ein­wohn­er – ein Spitzen­wert, der 86 Prozent über dem Bun­des­durch­schnitt liegt. Damit ragt Schw­erin nicht nur im Lan­desver­gle­ich, son­dern bun­desweit an erster Stelle her­vor.

Barmer-Lan­deschef Hen­ning Kutzbach spricht von ein­er Entwick­lung, die sich seit Jahren abze­ich­net. „Die Zahlen für Schw­erin sind drama­tisch. Sie zeigen erneut, dass Alko­ho­lab­hängigkeit in der Lan­deshaupt­stadt ein gravieren­des Gesund­heit­sprob­lem darstellt.“ Beson­ders besorgnis­er­re­gend sei, dass die Diag­nose­dat­en lediglich die sicht­bare Spitze eines viel größeren Prob­lems darstellen. Unter­suchun­gen zufolge nimmt nur ein klein­er Teil der Abhängi­gen über­haupt medi­zinis­che oder ther­a­peutis­che Hil­fe in Anspruch.

Tief verankerter Alkoholkonsum als Risiko

Kutzbach warnt davor, Alko­hol gesellschaftlich zu ver­harm­losen. Trotz bekan­nter gesund­heitlich­er Risiken sei der Kon­sum fest im All­t­ag ver­ankert – ob im Fre­un­deskreis, bei Fes­ten oder in vie­len sozialen Sit­u­a­tio­nen. „Alko­hol ist ein Zell­gift, das dem Kör­p­er immer schadet, egal wie viel man trinkt“, betont er. Bere­its mod­er­ater Kon­sum könne zu erhe­blichen gesund­heitlichen Schä­den wie Depres­sio­nen, Leber­erkrankun­gen, Herz-Kreis­lauf-Prob­le­men oder Schädi­gun­gen des unge­bore­nen Kindes führen.

Ger­ade in Schw­erin spielt aus Sicht von Fach­leuten die leichte Ver­füg­barkeit von Alko­hol eine beson­dere Rolle. Die Lan­deshaupt­stadt gilt als Späti-Hochburg Meck­len­burg-Vor­pom­merns. Wer spät abends oder nachts alko­holis­che Getränke kaufen möchte, hat hier deut­lich mehr Möglichkeit­en als in vie­len ländlichen Regio­nen des Lan­des. Diese nahezu durchgängige Einkauf­s­möglichkeit erhöhe das Risiko für spon­tane oder unkon­trol­lierte Kon­sumentschei­dun­gen, sagt Bir­git Grämke, Geschäfts­führerin der Lan­desko­or­dinierungsstelle für Sucht­the­men (Lakost).

Soziale und wirtschaftliche Faktoren verstärken das Problem

Die Barmer-Dat­en zeigen, dass Alko­hol­sucht stark mit sozialen und wirtschaftlichen Rah­menbe­din­gun­gen zusam­men­hängt. Per­so­n­en mit geringem Einkom­men, unsicheren Arbeitsver­hält­nis­sen oder niedrigem Bil­dungsniveau sind über­durch­schnit­tlich häu­fig betrof­fen. Auch in Schw­erin, wo viele Haushalte unter bun­desweit­em Einkom­men­sniveau liegen und die Erwerb­squote schwankt, kön­nten diese Fak­toren zur beson­deren Belas­tung beitra­gen.

Beson­ders auf­fäl­lig ist der geschlechtsspez­i­fis­che Unter­schied. Män­ner sind nach wie vor deut­lich stärk­er betrof­fen als Frauen. In ganz Meck­len­burg-Vor­pom­mern liegt die Rate alko­ho­lab­hängiger Män­ner bei 37 pro 1000 Ein­wohn­er – mehr als dreimal so hoch wie bei Frauen. In Schw­erin zeigen sich ähn­liche Ten­den­zen. Bei Män­nern zwis­chen 40 und 49 Jahren liegt die Diag­nose­quote sog­ar bei mehr als dem Anderthalb­fachen des Bun­deswertes. Auch Jun­gen und junge Män­ner weisen deut­lich höhere Rat­en auf als Jugendliche in anderen Regio­nen.

Am höch­sten ist die Betrof­fen­heit jedoch bei Män­nern im Alter von 60 bis 69 Jahren. Viele von ihnen haben über Jahrzehnte hin­weg ein Trinkver­hal­ten aufge­baut, das gesellschaftlich akzep­tiert war und lange nicht als prob­lema­tisch wahrgenom­men wurde. „Möglicher­weise entspricht dieses Ver­hal­ten einem Rol­len­bild ihrer Gen­er­a­tion“, sagt Kutzbach. „Das macht die Präven­tion­sar­beit in dieser Alters­gruppe beson­ders schwierig.“

Hilfsangebote geraten an ihre Grenzen

Während die Zahlen steigen, ger­at­en Beratungsstellen und Hil­f­sein­rich­tun­gen in Schw­erin zunehmend an ihre Belas­tungs­gren­zen. Bir­git Grämke berichtet gegenüber dem „Nord­kuri­er”, dass ihre Ein­rich­tung derzeit 725 Klien­ten betreut, darunter mehr als 400 Alko­ho­lab­hängige. Doch für diese Nach­frage ste­hen lediglich 4,5 Sucht­ber­atungsstellen zur Ver­fü­gung. „Wir müssen um jeden Cent für Räume und Per­son­al kämpfen. Dabei sind wir die erste Anlauf­stelle für viele Betrof­fene“, sagt Grämke. Kürzun­gen im sozialen Bere­ich träfen aus­gerech­net diejeni­gen Struk­turen, die drin­gend benötigt wür­den, um Men­schen frühzeit­ig zu erre­ichen.

Hinzu komme die anges­pan­nte medi­zinis­che Ver­sorgung in der Lan­deshaupt­stadt. Wer keinen Hausarzt finde oder lange Wartezeit­en in Kauf nehmen müsse, ver­liere eine wichtige Möglichkeit der frühen Inter­ven­tion. Damit steige das Risiko, dass Men­schen weit­er in die Abhängigkeit abrutschen, ohne rechtzeit­ig Unter­stützung zu erhal­ten.

Experten sind sich einig, dass die Zahlen aus Schw­erin ein klares Warnsignal darstellen. Kutzbach fordert ein gesellschaftlich­es Umdenken im Umgang mit Alko­hol. Die Annahme, Alko­hol sei harm­los oder gehöre selb­stver­ständlich zum All­t­ag, müsse endlich hin­ter­fragt wer­den. Auch die Poli­tik sei gefordert. Aus Sicht der Lakost kön­nte eine Anhebung der Alters­gren­ze für den Alko­holka­uf auf 18 Jahre ein wichtiger Schritt sein. Zudem müsse über eine Erhöhung der Alko­hol­s­teuer nachgedacht wer­den. Zusät­zliche Ein­nah­men kön­nten direkt in Präven­tion und Suchthil­fe fließen.

Grämke betont, dass Präven­tion nur dann wirke, wenn sie dauer­haft und ver­lässlich finanziert werde. „Die Sit­u­a­tion in Schw­erin zeigt mehr als deut­lich, dass wir sta­bile Hil­f­sstruk­turen brauchen – und zwar flächen­deck­end und langfristig.“

Ein Weckruf für Schwerin

Die neuen Barmer-Zahlen leg­en offen, wie groß die Her­aus­forderung für Schw­erin tat­säch­lich ist. Die Lan­deshaupt­stadt ste­ht bun­desweit an trau­riger erster Stelle – und das, obwohl die Dunkelz­if­fer ver­mut­lich noch weitaus höher liegt. Für Fach­leute ist klar: Ohne ein Zusam­men­spiel von Präven­tion, ver­lässlich­er Beratung, ein­er besseren medi­zinis­chen Ver­sorgung und einem verän­derten gesellschaftlichen Umgang mit Alko­hol wird sich die Lage kaum verbessern. Schw­erin ste­ht damit vor ein­er Auf­gabe, die weit über sta­tis­tis­che Werte hin­aus­re­icht – es geht um die Gesund­heit und Zukun­ft viel­er Men­schen in der Stadt.