Experten schlagen Alarm:
Schwerin bleibt Alkohol-Hotspot Deutschlands
Schwerin weist bundesweit die höchste Rate alkoholabhängiger Menschen auf. Neue Barmer-Daten zeigen: Die Landeshauptstadt ist besonders stark belastet und Hilfsangebote geraten zunehmend an ihre Grenzen.

Schwerin ist deutschlandweit die am stärksten von Alkoholsucht betroffene Kommune. Das zeigt der neue Morbiditäts- und Sozialatlas der Barmer, der Diagnosedaten aus dem Jahr 2023 analysiert. Während bundesweit 14,8 von 1000 Erwachsenen unter einer ärztlich bestätigten Alkoholabhängigkeit leiden, sind es in Mecklenburg-Vorpommern bereits 23,1. In der Landeshauptstadt jedoch steigt der Wert auf 27,6 Betroffene je 1000 Einwohner – ein Spitzenwert, der 86 Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegt. Damit ragt Schwerin nicht nur im Landesvergleich, sondern bundesweit an erster Stelle hervor.
Barmer-Landeschef Henning Kutzbach spricht von einer Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet. „Die Zahlen für Schwerin sind dramatisch. Sie zeigen erneut, dass Alkoholabhängigkeit in der Landeshauptstadt ein gravierendes Gesundheitsproblem darstellt.“ Besonders besorgniserregend sei, dass die Diagnosedaten lediglich die sichtbare Spitze eines viel größeren Problems darstellen. Untersuchungen zufolge nimmt nur ein kleiner Teil der Abhängigen überhaupt medizinische oder therapeutische Hilfe in Anspruch.
Tief verankerter Alkoholkonsum als Risiko
Kutzbach warnt davor, Alkohol gesellschaftlich zu verharmlosen. Trotz bekannter gesundheitlicher Risiken sei der Konsum fest im Alltag verankert – ob im Freundeskreis, bei Festen oder in vielen sozialen Situationen. „Alkohol ist ein Zellgift, das dem Körper immer schadet, egal wie viel man trinkt“, betont er. Bereits moderater Konsum könne zu erheblichen gesundheitlichen Schäden wie Depressionen, Lebererkrankungen, Herz-Kreislauf-Problemen oder Schädigungen des ungeborenen Kindes führen.
Gerade in Schwerin spielt aus Sicht von Fachleuten die leichte Verfügbarkeit von Alkohol eine besondere Rolle. Die Landeshauptstadt gilt als Späti-Hochburg Mecklenburg-Vorpommerns. Wer spät abends oder nachts alkoholische Getränke kaufen möchte, hat hier deutlich mehr Möglichkeiten als in vielen ländlichen Regionen des Landes. Diese nahezu durchgängige Einkaufsmöglichkeit erhöhe das Risiko für spontane oder unkontrollierte Konsumentscheidungen, sagt Birgit Grämke, Geschäftsführerin der Landeskoordinierungsstelle für Suchtthemen (Lakost).
Soziale und wirtschaftliche Faktoren verstärken das Problem
Die Barmer-Daten zeigen, dass Alkoholsucht stark mit sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusammenhängt. Personen mit geringem Einkommen, unsicheren Arbeitsverhältnissen oder niedrigem Bildungsniveau sind überdurchschnittlich häufig betroffen. Auch in Schwerin, wo viele Haushalte unter bundesweitem Einkommensniveau liegen und die Erwerbsquote schwankt, könnten diese Faktoren zur besonderen Belastung beitragen.
Besonders auffällig ist der geschlechtsspezifische Unterschied. Männer sind nach wie vor deutlich stärker betroffen als Frauen. In ganz Mecklenburg-Vorpommern liegt die Rate alkoholabhängiger Männer bei 37 pro 1000 Einwohner – mehr als dreimal so hoch wie bei Frauen. In Schwerin zeigen sich ähnliche Tendenzen. Bei Männern zwischen 40 und 49 Jahren liegt die Diagnosequote sogar bei mehr als dem Anderthalbfachen des Bundeswertes. Auch Jungen und junge Männer weisen deutlich höhere Raten auf als Jugendliche in anderen Regionen.
Am höchsten ist die Betroffenheit jedoch bei Männern im Alter von 60 bis 69 Jahren. Viele von ihnen haben über Jahrzehnte hinweg ein Trinkverhalten aufgebaut, das gesellschaftlich akzeptiert war und lange nicht als problematisch wahrgenommen wurde. „Möglicherweise entspricht dieses Verhalten einem Rollenbild ihrer Generation“, sagt Kutzbach. „Das macht die Präventionsarbeit in dieser Altersgruppe besonders schwierig.“
Hilfsangebote geraten an ihre Grenzen
Während die Zahlen steigen, geraten Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen in Schwerin zunehmend an ihre Belastungsgrenzen. Birgit Grämke berichtet gegenüber dem „Nordkurier”, dass ihre Einrichtung derzeit 725 Klienten betreut, darunter mehr als 400 Alkoholabhängige. Doch für diese Nachfrage stehen lediglich 4,5 Suchtberatungsstellen zur Verfügung. „Wir müssen um jeden Cent für Räume und Personal kämpfen. Dabei sind wir die erste Anlaufstelle für viele Betroffene“, sagt Grämke. Kürzungen im sozialen Bereich träfen ausgerechnet diejenigen Strukturen, die dringend benötigt würden, um Menschen frühzeitig zu erreichen.
Hinzu komme die angespannte medizinische Versorgung in der Landeshauptstadt. Wer keinen Hausarzt finde oder lange Wartezeiten in Kauf nehmen müsse, verliere eine wichtige Möglichkeit der frühen Intervention. Damit steige das Risiko, dass Menschen weiter in die Abhängigkeit abrutschen, ohne rechtzeitig Unterstützung zu erhalten.
Experten sind sich einig, dass die Zahlen aus Schwerin ein klares Warnsignal darstellen. Kutzbach fordert ein gesellschaftliches Umdenken im Umgang mit Alkohol. Die Annahme, Alkohol sei harmlos oder gehöre selbstverständlich zum Alltag, müsse endlich hinterfragt werden. Auch die Politik sei gefordert. Aus Sicht der Lakost könnte eine Anhebung der Altersgrenze für den Alkoholkauf auf 18 Jahre ein wichtiger Schritt sein. Zudem müsse über eine Erhöhung der Alkoholsteuer nachgedacht werden. Zusätzliche Einnahmen könnten direkt in Prävention und Suchthilfe fließen.
Grämke betont, dass Prävention nur dann wirke, wenn sie dauerhaft und verlässlich finanziert werde. „Die Situation in Schwerin zeigt mehr als deutlich, dass wir stabile Hilfsstrukturen brauchen – und zwar flächendeckend und langfristig.“
Ein Weckruf für Schwerin
Die neuen Barmer-Zahlen legen offen, wie groß die Herausforderung für Schwerin tatsächlich ist. Die Landeshauptstadt steht bundesweit an trauriger erster Stelle – und das, obwohl die Dunkelziffer vermutlich noch weitaus höher liegt. Für Fachleute ist klar: Ohne ein Zusammenspiel von Prävention, verlässlicher Beratung, einer besseren medizinischen Versorgung und einem veränderten gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol wird sich die Lage kaum verbessern. Schwerin steht damit vor einer Aufgabe, die weit über statistische Werte hinausreicht – es geht um die Gesundheit und Zukunft vieler Menschen in der Stadt.



