Neue EU-Regeln, alte Probleme:
Schwerin ordnet Altkleider-Sammlung neu
Der Altkleidermarkt ist eingebrochen, Container werden missbraucht. In Schwerin zieht sich das Diakoniewerk Kloster Dobbertin zurück – die Stadt organisiert die Sammlung nun neu.

Wer in Schwerin alte Kleidung entsorgen möchte, muss sich auf Veränderungen einstellen. Der Markt für Altkleider ist in den vergangenen Jahren massiv unter Druck geraten – mit spürbaren Folgen für die Stadt, soziale Träger und Entsorgungsunternehmen. Sinkende Erlöse, schlechte Materialqualität und zunehmender Missbrauch der Sammelcontainer haben dazu geführt, dass sich viele Akteure aus dem Geschäft zurückziehen. Nun setzt die Landeshauptstadt auf ein neues System.
Seit dem 1. Mai übernimmt die Schweriner Abfallentsorgungs- und Straßenreinigungsgesellschaft mbH (SAS) die Bewirtschaftung der Altkleider-Container im Stadtgebiet. Beauftragt wurde das Unternehmen von den Stadtwirtschaftliche Dienstleistungen Schwerin (SDS). Insgesamt 45 Container stehen aktuell in Schwerin – sie werden nun zentral durch die SAS betreut.
Markt unter Druck: Fast Fashion als Problem
Hintergrund der Umstrukturierung ist ein grundlegender Wandel auf dem globalen Textilmarkt. Während Altkleider früher ein gefragtes Gut waren – insbesondere in internationalen Märkten –, ist die Nachfrage inzwischen stark gesunken. Ein entscheidender Faktor: die zunehmende Verbreitung von sogenannter Fast Fashion. Kleidung wird heute oft billig produziert, schnell gekauft und ebenso schnell wieder entsorgt.
Diese Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf die Wiederverwertung. Viele Kleidungsstücke sind qualitativ so minderwertig, dass sie sich kaum noch weiterverkaufen lassen. „Die Absatzpreise sinken kontinuierlich“, heißt es aus der Branche. Gleichzeitig fehlen internationale Abnehmer, die früher große Mengen gebrauchter Kleidung importierten.
Das Ergebnis: Das Geschäftsmodell Altkleidersammlung rechnet sich für viele Organisationen nicht mehr.
Container werden zur Müllhalde
Hinzu kommt ein weiteres Problem, das vor Ort immer deutlicher sichtbar wird: der Missbrauch der Sammelcontainer. Immer häufiger werden diese nicht nur für Kleidung genutzt, sondern als illegale Müllabladeplätze. Neben Textilien landen dort auch Hausmüll, Elektrogeräte oder Sperrmüll.
Die Folgen sind gravierend. Überfüllte und verschmutzte Container sorgen nicht nur für Ärger bei Anwohnern, sondern treiben auch die Entsorgungskosten in die Höhe. Für die Stadt Schwerin bedeutet das eine zusätzliche finanzielle Belastung.
Rückzug des Diakoniewerks
Die schwierige Lage hat bereits konkrete Konsequenzen gehabt. Das Diakoniewerk Kloster Dobbertin hat seine Altkleider-Sammlung in Schwerin zum 1. Mai eingestellt. Über viele Jahre hinweg war dieser Bereich ein fester Bestandteil der sozialen Arbeit des Trägers.
Doch zuletzt wurde der Betrieb zunehmend unwirtschaftlich. Neben den sinkenden Erlösen spielten auch steigende Kosten für Personal, Logistik und Entsorgung eine Rolle. Zudem häuften sich Beschwerden über verschmutzte Standorte und überfüllte Container.
Versuche, gemeinsam mit der Stadt Lösungen zu entwickeln, blieben ohne Erfolg. Bereits zuvor hatte das Diakoniewerk seine Sammelaktivitäten in anderen Städten wie Parchim, Lübz und Goldberg eingestellt. Mit dem Rückzug aus Schwerin und Malchow ist dieser Schritt nun abgeschlossen.
EU-Richtlinie verschärft die Lage
Parallel dazu sorgt eine neue EU-Vorgabe für zusätzliche Dynamik. Seit Kurzem gilt eine verpflichtende Getrenntsammlung von Textilien. Kleidung darf nicht mehr über den Hausmüll entsorgt werden. Ziel der Richtlinie ist es, die Recyclingquote in Europa deutlich zu erhöhen und Ressourcen besser zu nutzen.
Was aus ökologischer Sicht sinnvoll erscheint, stellt Kommunen und Entsorger jedoch vor neue Herausforderungen. Denn die Menge an gesammelten Textilien steigt – während die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gleichzeitig schlechter werden. Für viele Organisationen bedeutet das ein Verlustgeschäft.
SAS setzt auf zentrale Lösung
In Schwerin soll nun die SAS für mehr Stabilität sorgen. Das Unternehmen hat die Aufgabe übernommen, die bestehenden Container zu betreiben und die Sammlung neu zu organisieren. „Von diesem Zeitpunkt an werden wir 45 Behälter bewirtschaften“, erklärt SAS-Geschäftsführer Andreas Lange.
In den vergangenen Tagen wurden die Container entsprechend gekennzeichnet und mit neuen Aufklebern versehen. Für die Bürgerinnen und Bürger ändert sich zunächst wenig – die Standorte bleiben erhalten. Neu ist jedoch die Organisation im Hintergrund.
Die Entleerung der Container erfolgt zunächst testweise alle zwei Wochen. Ziel ist es, den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln und die Abläufe entsprechend anzupassen. „Unsere Fahrzeuge sind ohnehin im Stadtgebiet unterwegs und können diese Aufgabe effizient mit übernehmen“, so Lange. Neben den Containern gibt es weiterhin zusätzliche Möglichkeiten, Altkleider abzugeben. So können Bürger ihre nicht mehr benötigten Textilien auch auf dem Wertstoffhof in der Ludwigsluster Chaussee abgeben. Dort werden die Säcke gesammelt und anschließend zur Weiterverarbeitung transportiert.
Auch die Kleiderkammern in der Perleberger Straße, Güstrower Straße und im Ziegeleiweg bleiben bestehen. Sie spielen vor allem für sozial schwächere Menschen eine wichtige Rolle und bieten weiterhin gut erhaltene Kleidung zu günstigen Preisen oder kostenlos an.
Vom Secondhand-Shop bis zur Industrie
Nach der Sammlung beginnt der eigentliche Verwertungsprozess. Die Textilien werden in Sortieranlagen gebracht und dort in verschiedene Kategorien eingeteilt. Gut erhaltene Kleidung wird gereinigt und gelangt in den Secondhand-Handel.
Was nicht mehr tragbar ist, wird jedoch nicht einfach entsorgt. Stattdessen erfolgt eine stoffliche Weiterverwertung. So werden aus alten Textilien beispielsweise Dämmstoffe für die Autoindustrie hergestellt oder Putzlappen produziert. Ziel ist es, möglichst viele Materialien im Kreislauf zu halten und Ressourcen zu schonen.
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen sehen die Verantwortlichen in Schwerin die Neustrukturierung als wichtigen Schritt. „Wir freuen uns über diese gemeinsame Lösung“, sagt SDS-Werkleiterin Ilka Wilczek. Durch die zentrale Organisation erhofft sich die Stadt mehr Kontrolle, geringere Kosten und eine bessere Abstimmung der Abläufe.




