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Streit um neuen A14-Zubringer:
Stadt hält am Autobahnanschluss „Schwerin Süd“ fest

Stadtvertretung beschließt Einleitung des Planfeststellungsverfahrens – Kosten steigen auf rund 49 Millionen Euro – Wirtschaft hofft auf Investoren, Umweltverband warnt vor Klimaschäden.

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  • Veröffentlicht Dezember 10, 2025
Autobahnzubringer Schwerin
Die Grafik (rote Lin­ie) zeigt der Ver­lauf der Auto­bah­nan­bindung von der A14 zum Gewer­bege­bi­et Göhren­er Tan­nen. Grafik: LHS

Die Lan­deshaupt­stadt Schw­erin treibt eines ihrer größten Infra­struk­tur­pro­jek­te weit­er voran: Mit deut­lich­er Mehrheit hat die Stadtvertre­tung am Mon­tagabend beschlossen, das Plan­fest­stel­lungsver­fahren für den geplanten Auto­bahnzubringer zwis­chen dem Indus­triepark Schw­erin und der A14 einzuleit­en. Damit ist ein weit­er­er wichtiger Schritt auf dem Weg zur drit­ten Auto­bah­nan­schlussstelle der Stadt – nach „Nord“ und „Ost“ – getan. Trotz steigen­der Kosten hält die Mehrheit der Stadt­poli­tik­er an dem Pro­jekt fest. Kri­tik­er hinge­gen sprechen von einem unnöti­gen, teuren und ökol­o­gisch prob­lema­tis­chen Vorhaben.

Nach aktuellen Berech­nun­gen belaufen sich die Gesamtkosten für den Bau der neuen Anschlussstelle und der Zubringer­trassen inzwis­chen auf rund 49 Mil­lio­nen Euro. Der Anteil der Lan­deshaupt­stadt steigt dabei von bish­er kalkulierten 3,4 Mil­lio­nen Euro auf vier Mil­lio­nen Euro. Das teilte Ober­bürg­er­meis­ter Rico Baden­schi­er (SPD) zu Beginn der Sitzung mit. Grund­lage seien neue, detail­liert­ere Abrech­nun­gen des Wirtschaftsmin­is­teri­ums.

„Trotz der Kosten­steigerung bleibt der Eigenan­teil der Stadt mit unter zehn Prozent über­schaubar“, betonte Baden­schi­er. Der über­wiegende Teil der Finanzierung wird vom Bund, vom Land Meck­len­burg-Vor­pom­mern, von der Auto­bahn GmbH sowie vom Land­kreis Lud­wigslust-Parchim getra­gen. Genau diese hohe Förderquote sei der entschei­dende Grund dafür, das seit Jahren disku­tierte Pro­jekt nun umzuset­zen.

Zwei neue Zubringertrassen geplant

Der neue Auto­bah­nan­schluss soll südlich der Stadt bei Plate entste­hen. Vorge­se­hen sind zwei Zubringer­straßen: Eine Verbindung vom Indus­triepark Schw­erin zur Lan­desstraße 72 sowie eine zweite Trasse direkt zur A14. Damit soll das Gewer­bege­bi­et bei den Göhren­er Tan­nen kün­ftig eine direk­te Auto­bah­nan­bindung erhal­ten. Die Stadt ver­spricht sich davon eine Ent­las­tung inner­städtis­ch­er Verkehrsach­sen sowie bessere Bedin­gun­gen für beste­hende und kün­ftige Unternehmen.

Nach Ein­schätzung der Ver­wal­tung ist der Indus­triepark noch längst nicht aus­ge­lastet. Mit Blick auf mögliche weit­ere Ansied­lun­gen rech­net die Stadt zudem mit einem wach­senden Verkehrsaufkom­men in den kom­menden Jahren. Beson­ders Knoten­punk­te wie die Lud­wigslus­ter Chaussee, die Criv­itzer Chaussee und die Karl-Marx-Allee gel­ten bere­its heute als stark belastet.

IHK wirbt für den Standort Schwerin

Rück­endeck­ung für das Pro­jekt kommt aus der regionalen Wirtschaft. Die Indus­trie- und Han­del­skam­mer (IHK) Schw­erin hat­te sich bere­its im Vor­feld mehrfach klar für den Zubringer aus­ge­sprochen. IHK-Präsi­dent Matthias Belke beze­ich­nete die neue Auto­bah­nan­bindung als „entschei­den­den Baustein für die Attrak­tiv­ität des Wirtschafts­stan­dorts“. Der Indus­triepark Schw­erin biete derzeit eines der größten zusam­men­hän­gen­den Indus­trieflächen­poten­ziale in der Metropol­re­gion Ham­burg. Durch die direk­te Anbindung an die A14 entste­he für poten­zielle Inve­storen ein deut­lich­er Stan­dortvorteil.

Die IHK rech­net zudem mit weit­eren Ansied­lun­gen, auch mit Blick auf den Fehmarn­belt-Tun­nel, der voraus­sichtlich 2032 fer­tiggestellt wird und neue Verkehrsströme zwis­chen Skan­di­navien und Mit­teleu­ropa brin­gen soll.

Befürworter sehen „Investition in die Zukunft“

Unter­stützt wurde das Pro­jekt in der Stadtvertre­tung vor allem von SPD, CDU und AfD. Daniel Mes­lien (SPD) machte deut­lich, dass die Anschlussstelle nicht allein für den heuti­gen Verkehr gedacht sei. „Der Zubringer muss als Zukun­ft­spro­jekt gese­hen wer­den. Die großen Inve­storen wollen und brauchen diese Auto­bah­nan­bindung“, sagte Mes­lien. Nur so kön­nten langfristig neue Arbeit­splätze entste­hen.

Ähn­lich äußerte sich CDU-Frak­tion­schef Gert Rudolf. Seit rund 17 Jahren werde über den Auto­bah­nan­schluss disku­tiert. Jet­zt gebe es erst­mals eine Förderkulisse, die eine Umset­zung real­is­tisch mache. „Das ist eine Investi­tion in die Zukun­ft Schw­erins. Wenn wir diese Chance jet­zt nicht nutzen, wird sie so schnell nicht wiederkom­men“, sagte Rudolf. Die Indus­trie werde langfristig auch zusät­zliche Ein­nah­men für die Stadtkasse brin­gen.

Leif-Erik Holm (AfD) beze­ich­nete das Vorhaben als wirtschaftlich notwendig. Man dürfe nicht die heutige Verkehrslage zum Maßstab machen. Entschei­dend sei, wie sich der Indus­triepark in zehn oder 15 Jahren entwick­le. „Wir müssen die Infra­struk­tur schaf­fen, bevor die Unternehmen kom­men“, so Holm.

Auch aus den Rei­hen der Unab­hängi­gen Bürger/FDP kam Unter­stützung. Diet­mar Tack­mann ver­wies vor allem auf die hohe Förderquote: „Wenn wir 90 Prozent Förderung bekom­men, dann müssen wir auch zugreifen.“

BUND warnt vor Klimaschäden und Eingriffen in den Wald

Scharfe Kri­tik kommt hinge­gen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutsch­land (BUND). Der Ver­band hat­te schon vor eini­gen Jahren in ein­er Stel­lung­nahme vor den ökol­o­gis­chen Fol­gen des Pro­jek­ts gewarnt.

Das Vorhaben ste­he im klaren Wider­spruch zur von Schw­erin selb­st aus­gerufe­nen Kli­man­ot­lage sowie zu den Zie­len der Verkehr­swende. Die Notwendigkeit des Pro­jek­ts sei bis­lang nicht durch belast­bare Verkehrszahlen oder Prog­nosen belegt, eine tat­säch­liche Ent­las­tung der Stadt­teile durch den neuen Zubringer sei rein speku­la­tiv.

Zudem warnt der BUND vor erhe­blichen ökol­o­gis­chen Schä­den: Für die bis zu vier Kilo­me­ter lange Trasse müssten großflächig Wald­flächen gerodet wer­den, wodurch wichtige Kohlen­stoff­spe­ich­er ver­loren gin­gen. Wälder binde­ten rund sieben bis acht Prozent der deutschen Treib­haus­gase­mis­sio­nen – Neuanpflanzun­gen kön­nten diese Funk­tion erst nach Jahrzehn­ten erset­zen.

Auch arten­schutzrechtliche Aus­gle­ichs­flächen wür­den durch das Pro­jekt zer­schnit­ten. Statt weit­eren Straßen­baus fordert der Umweltver­band eine stärkere Nutzung der vorhan­de­nen Bah­n­trasse nördlich des Indus­triege­bi­ets als zukun­fts­fähige, kli­mafre­undliche Alter­na­tive. Der BUND appel­lierte daher  damals an Stadt und Land, die Pla­nun­gen nicht weit­er zu ver­fol­gen. Diese Bedenken spiegel­ten sich auch in den Wort­mel­dun­gen mehrerer Stadtvertreter wider.

Massive Kritik von mehreren Stadtvertretern

Deut­lich­er Gegen­wind kam aus ver­schiede­nen poli­tis­chen Lagern. Der parteilose Stadtvertreter und frühere Lkw-Fahrer Heiko Stein­müller warnte ein­dringlich vor der „Sinnlosigkeit“ des Vorhabens. Aus sein­er beru­flichen Erfahrung her­aus sei klar, dass der Schw­er­lastverkehr aktuell über­wiegend über die A24 laufe. „Kein Lkw fährt heute über die A14. Die A24 ist die Hauptschla­gad­er“, sagte Stein­müller. Der neue Zubringer sei aus sein­er Sicht ein „teur­er Beton­streifen durch den Wald“.

Auch Arndt Müller, Frak­tionsvor­sitzen­der von Bünd­nis 90/Die Grünen/Die Partei, kri­tisierte vor allem die fehlende Daten­grund­lage. Es gebe wed­er eine aktuelle Verkehrszäh­lung noch eine belast­bare Bedarf­s­analyse. „Wir pla­nen hier eine Straße, ohne zu wis­sen, ob sie über­haupt gebraucht wird“, sagte Müller.

Die Linke stellte vor allem die finanziellen Risiken in den Vorder­grund. Stadtvertreter Daniel Treps­dorf ver­wies darauf, dass sich der städtis­che Anteil weit­er erhöhen könne. Per­spek­tivisch seien auch sechs Mil­lio­nen Euro nicht aus­geschlossen. „Dieses Geld wäre im öffentlichen Nahverkehr bess­er investiert. Wir sind immer sehr schnell dabei, in Beton zu investieren – aber wir soll­ten mehr in Men­schen investieren“, so Treps­dorf.

Auch der frak­tion­slose Stadtvertreter Stephan Mar­ti­ni äußerte grund­sät­zliche Zweifel an den wirtschaftlichen Ver­sprechun­gen rund um das Pro­jekt. „Das Märchen, dass mit ein­er Auto­bahnz­u­fahrt automa­tisch neue Indus­trie kommt, ist nicht beleg­bar“, sagte Mar­ti­ni. Es gebe dafür keine belast­baren Beispiele.

Antrag auf Bürgerentscheid scheitert

Im Ver­lauf der Sitzung beantragte Mar­ti­ni zudem, die Schw­er­iner per Bürg­er­entscheid über das umstrit­tene Großpro­jekt abstim­men zu lassen. Der Antrag fand jedoch keine Mehrheit. Deut­lich wurde der Vorschlag abgelehnt. Die Entschei­dung über den Zubringer bleibt damit in den Hän­den der poli­tis­chen Gremien.

Mit dem Beschluss der Stadtvertre­tung ist der Ober­bürg­er­meis­ter nun ermächtigt, das Plan­fest­stel­lungsver­fahren zu beantra­gen, den notwendi­gen Grun­der­werb vorzu­bere­it­en und die ver­traglichen Grund­la­gen mit dem Land, der Auto­bahn GmbH sowie dem Land­kreis Lud­wigslust-Parchim zu schaf­fen.

Nach derzeit­igem Zeit­plan kön­nten die Bauar­beit­en für die neue Anschlussstelle „Schw­erin Süd“ ab dem Jahr 2027 begin­nen – voraus­ge­set­zt, das Genehmi­gungsver­fahren ver­läuft ohne größere Verzögerun­gen.