Buchtipp bei schwerin-lokal: „Schwester“ von Mareike Krügel

Der neue Buchtipp unserer Literatur-Expertin Manja Wittmann: Zwei Schwestern, zwei konträre Lebensentwürfe, ein schwerer Unfall. Alles wird durcheinander-gewirbelt. Präzise beobachtet und immer humorvoll umkreist Mareike Krügel in ihrem frisch erschienenen Roman „Schwester“ die Frage, welcher Lebensweg der richtige ist, und wann sich ein Abbiegen lohnt.

Mareike Krügel: „Schwester“ | PIPER Verlag

Die Enddreißigerin Iulia kommt an ihre Grenzen, als ihre geliebte ältere Schwester Lone, die schönste Hebamme weit und breit, eines Morgens mit ihrem Volvo voller Karacho einem Trecker hintendrauf fährt und schwerverletzt ins Koma fällt.

 

Ein „Vollkornkeks-Leben“ mit „Karussell im Kopf“

Dabei ist Iulia, die ihrem altertumsbegeisterten Vater die Schreibweise ihres Namens verdankt, eine patente Frau. Stets überaus korrekte Bankangestellte in einer norddeutschen Kleinstadt hat sie ihr Leben bisher perfekt organisiert. Sie ist Ehefrau des beliebten Pastors Nils Richter, der mehr seine „Schäfchen“ im Blick hat als seine eigene Familie, und Mutter des 16-jährigen Aaron. Ein „Vollkorn­keks-Leben“ nennt sie es. Während der Sonntagspredigten ihres Mannes ist sie selbstver­ständlich in der vordersten Reihe anwesend, macht aber heimlich autogenes Training, Beckenboden­übungen und kämpft mit ihrem „Karussell im Kopf“.

 

Durch Lones Unfall kommt Julia zum Umdenken

Sie ist sich schon einiger Risse in ihrem Alltags- und Eheleben bewusst, als Lones Unfall passiert. Anstatt am Krankenbett darauf zu warten, dass Lone aufwacht, schaut sie lieber in deren Wohnung nach dem Rechten. Auf dem Anrufbeantworter warten Nachrichten von Frauen, die Lones Kunst als Hebamme dringend benötigen. Sie ist Spezialistin für Hausgeburten und einfühlsame Nachsorge.

Zunächst etwas zögerlich versucht Iulia den Frauen zu helfen, sie bringt Milchpumpen vorbei, packt bei alltäglichen Problemen mit an oder hört manchmal einfach nur zu. Konfrontiert mit vielen unterschiedlichen Schicksalen, immer existentiellen, manchmal auch absurden Situationen, die nun einmal mit Schwangerschaft und Geburt einhergehen, beginnt Iulia ihr Leben zu überdenken. Diese Parallelwelt zu ihrer Zahlenwelt ist ihr zunächst sehr suspekt. Doch nach und nachentdeckt sie Seiten an sich, von denen sie selbst bisher gar nichts wusste. Auch wird ihr klar, dass sie ihre große Schwester gar nicht mehr so richtig kennt. Iulia erfährt eher zufällig, warum Lone ihren langjährigen Lebensgefährten Till, der als Arzt am selben Kranken­haus arbeitete wie sie, verlassen hatte. Damals wollte er ungeklärte Todesfälle bei Klinikgeburten nicht aufklären lassen. Deshalb kündigte Lone und startete in die Selbständigkeit.

 

Roman spielt fünf Varianten für Unfallhergang durch

Da nicht eindeutig geklärt werden kann, warum sie morgens um fünf Uhr ungebremst in einen Trecker gefahren ist, werden fünf mögliche Varianten durchgespielt, wie es gewesen sein könnte. Eine so plausibel wie die andere. Dabei kommen sehr viele verschiedene Facetten von Lones Lebens zutage, und so steht das Bild der souveränen Hebammen-Heldin gleichberechtigt neben dem einer einsamen Frau, die von den Bedürfnissen anderer aufgefressen wird.

 

Feine Ironie und große Zuneigung zu den Charakteren

Mareike Krügel beschreibt mit feiner Ironie und immer großer Zuneigung zu ihren Charakteren wie einerseits das Selbstbe­wusst­sein Iulias wächst, andererseits alle bisherigen Selbstverständlichkeiten zerbröseln. Das Beziehungsgeflecht gerät so sehr in Bewegung, dass sich Iulias Ehemann, ihr Sohn und ihr Chef nur wundern können. Schwester-Sein hat eben Priorität, und das ist sicher allumfassender zu verstehen als nur die Bezeichnung eines familiären Verhältnisses. 

Dies ist der fünfte Roman der norddeutschen Autorin Mareike Krügel, Jahrgang 1977, die sich gerne zunächst recht unspektakulärer Themen annimmt, um dann mit Verve und viel Humor in die menschlichen Tiefen hinabzusteigen. Dass Tragik und Komik oft sehr nah beieinander liegen können, zeigt sie uns hier in ihrer unverwechselbar lakonischen Art.

Mareike Krügel: „Schwester“

Piper Verlag | 336 Seiten | 22,-€

 

Wer Lust hat, sich eine sehr unterhaltsame online-Lesung anzuschauen, kann hier tun. Mareike Krügel liest gemeinsam mit ihrem Mann Jan Christophersen – ebenfalls Autor und kennengelernt beim Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig – aus den aktuell erschienen Romanen, und man erfährt viele interessante und amüsante Details aus einem doppelten Schriftsteller-Leben.

 

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