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Abschied nach 45 Jahren:
Christina Lüdicke verlässt das Konservatorium Schwerin

„Wir müssen mindestens alle zwei Jahre etwas Frisches machen“, sagt Christina Lüdicke – und lebte dieses Motto vier Jahrzehnte lang.

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  • Veröffentlicht Februar 28, 2026
Christina Lüdicke in ihrem Büro im Konservatorium Schwerin – Anfang März fällt für sie nach 45 Jahren der Vorhang, Foto: maxpress
Christi­na Lüdicke in ihrem Büro im Kon­ser­va­to­ri­um Schw­erin – Anfang März fällt für sie nach 45 Jahren der Vorhang. Foto: max­press

Das Büro von Christi­na Lüdicke mit den hohen Räu­men und dem Aus­blick auf die Alt­stadt Schw­erins strahlt Ruhe aus. Auf dem Boden liegt der frisch gere­inigte runde Tep­pich, rechts hin­ten ist der Stehschreibtisch und das Piano ste­ht auf der linken Seite. Am Ende des Raumes hängt über die ganze Wand­bre­ite ein schw­er­er Vorhang. Der „Vorhang“ für Christi­na Lüdick­es Tätigkeit am Kon­ser­va­to­ri­um fällt Anfang März. Während andere Men­schen ihren Abschied aus dem Beruf­sleben her­beisehnen, ist die Cel­listin erstaunlich gefasst und spricht über die Arbeit in „ihrem“ Kon­ser­va­to­ri­um. „Wenn ich an die Zeit hier zurück­denke, empfinde ich eine große Dankbarkeit für das, was ich hier erlebt habe, entwick­eln und mit­gestal­ten kon­nte“, sagt Christi­na Lüdicke, die sich selb­st als Freigeist sieht.

Von Erfurt nach Schwerin – eine musikalische Reise

Dabei erin­nert sie sich an 1981, als sie als 21-jährige Absol­ventin der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar ans Schw­er­iner Kon­ser­va­to­ri­um kam. Als Neul­ing bekam die Cel­lolehrerin einen zugi­gen Raum unter dem Dach zugewiesen. „Hier war es im Som­mer heiß und im Win­ter kalt“, berichtet sie über den Beginn ihrer Arbeit in Schw­erin. Mehr als vier Jahrzehnte später kann sie darüber nur lächeln und stuft die Geschichte als eine von vie­len Anek­doten aus ihrem bewegten Leben ein. Gern erzählt sich auch die Sto­ry, wie sie zu ihrem Instru­ment, dem Cel­lo, gekom­men ist. Wie in vie­len anderen Fam­i­lien, waren es auch bei der gebür­ti­gen Erfur­terin die Eltern, die ihr Kind an das Instru­ment her­an­führten. Als 7‑Jährige sollte sie Block­flöte ler­nen, doch lei­der war die Flöten­klasse schon voll beset­zt. Und so kam Christi­na Lüdicke zum Cel­lo. Das Instru­ment selb­st kostete zu DDR-Zeit­en 6.000 Mark, wofür ihre Mut­ter einen Teil ihres geerbten Geldes opferte und den Rest „abstot­terte“. „Dafür war ich mein­er Mut­ter immer dankbar und das besagte Cel­lo vom Instru­menten­bauer Hein­rich Sei­del spiele ich noch heute“, erzählt sie bewegt.

Bewahren und Neues wagen

Mit 33 Jahren wurde Christi­na Lüdicke am Kon­ser­va­to­ri­um Stel­lvertreterin von Direk­tor Volk­er Ahmels. Ihr Cre­do: Bewahren und Neues schaf­fen. „Wir müssen min­destens alle zwei Jahre etwas Frisches machen“, erzählt sie über ihre kreative Unruhe. Ein Musikevent mit osteu­ropäis­ch­er Volksmusik oder das Konz­ert mit E‑Cello gehörten dazu. „Wom­it kommt sie denn jet­zt schon wieder um die Ecke?“, fragten ihre Kol­le­gen häu­fig. Ein Ange­bot mit auf iPads erzeugter Musik war eine dieser Ideen. Im Team führte sie zahlre­iche Tal­ente
über die Begabten­förderung an Musikhochschulen. Die Konz­ertrei­he KON-Tak­te wurde durch sie eben­falls etabliert. Nun fällt am Kon­ser­va­to­ri­um der Vorhang für Christi­na Lüdicke und sie verneigt sich. „Ich danke mein­er Fam­i­lie, meinen Fre­un­den, Kol­le­gen und vor allem meinen Schülern, die mir so viel Freude gemacht haben“, sagt sie lachend. Dem Musikun­ter­richt wird die Cel­listin weit­er treu bleiben.

Mit Optimismus und Tatendrang schaut Christina Lüdicke in die Zukunft nach dem Berufsleben, Foto: maxpress
Mit Opti­mis­mus und voller Taten­drang schaut Christi­na Lüdicke auf die Zukun­ft nach dem Beruf­sleben. Foto: max­press

Auch im Ruhestand keine Ruhe von der Musik

Nach dem Abschied vom Kon­ser­va­to­ri­um wird Christi­na Lüdicke als Selb­st­ständi­ge Cel­loun­ter­richt geben. Nur einen Stein­wurf vom alten Arbeit­splatz ent­fer­nt. Bes­timmt wird sie ihre ehe­ma­lige Wirkungsstätte weit­er beobacht­en und sich zum Beispiel darüber freuen, dass die Musik­ther­a­pie ab 1. Sep­tem­ber etabliert wer­den wird. Aus diesem Grund wün­scht sie sich bei ihrer Abschiedsver­anstal­tung keine Geschenke, son­dern Spenden­geld an den Förderkreis des Kon­ser­va­to­ri­ums, der davon zum Beispiel Klangschalen, Orff-Instru­mente oder eine Klang­mat­te zur Musik­ther­a­pie für Men­schen mit Ein­schränkun­gen kaufen kön­nte. Neben Konz­ert­pla­nung und Cel­loun­ter­richt zog Christi­na Lüdicke zwei Töchter groß. Die älteste, Franziska, ist wie ihre Mut­ter Profimusik­erin. Sie spielt und unter­richtet im Ruhrge­bi­et auf dem Cel­lo. Klar. Die zweite Tochter spielt aus Spaß an der Freude Klavier, Gitarre und Geige, beru­flich beschäftigt sie sich mit Zahlen und hat BWL studiert.

Gesät und Erfolg geerntet

Wie viele Schüler Christi­na Lüdicke während ihrer beru­flichen Lauf­bahn unter­richtet hat, kann sie nicht genau sagen. Fakt ist: aktuell hat das Kon­ser­va­to­ri­um 1450 Schüler von ein bis über 70 Jahre. „Die älteste Schü­lerin ist 90 Jahre und spielt Block­flöte“, erzählt Christi­na Lüdicke. In ihrer Tätigkeit als Cel­lolehrerin sah sich immer als Nav­i­ga­tor. „Sag mir, was du von mir ler­nen willst, und ich zeige dir den Weg dahin, ich habe das Know-how“, erk­lärt sie ihre Arbeitsweise. „Das Schön­ste ist, wenn die Schüler am Ende das von mir Erlernte allein kön­nen und mich nicht mehr brauchen“. Eins ihrer Prinzip­i­en ist jedoch auch: „Wer nicht übt, hat in mein­er Klasse nichts ver­loren!“ „Kun­st ist schön, macht aber mehr Arbeit“, gehört zu den Lieblingsz­i­tat­en von Christi­na Lüdicke. Ihre Arbeit für die Kun­st hat sich gelohnt, find­et sie und sagt: „Was ich über Jahre gesät habe, kann ich jet­zt ern­ten.“