Abschied nach 45 Jahren:
Christina Lüdicke verlässt das Konservatorium Schwerin
„Wir müssen mindestens alle zwei Jahre etwas Frisches machen“, sagt Christina Lüdicke – und lebte dieses Motto vier Jahrzehnte lang.

Das Büro von Christina Lüdicke mit den hohen Räumen und dem Ausblick auf die Altstadt Schwerins strahlt Ruhe aus. Auf dem Boden liegt der frisch gereinigte runde Teppich, rechts hinten ist der Stehschreibtisch und das Piano steht auf der linken Seite. Am Ende des Raumes hängt über die ganze Wandbreite ein schwerer Vorhang. Der „Vorhang“ für Christina Lüdickes Tätigkeit am Konservatorium fällt Anfang März. Während andere Menschen ihren Abschied aus dem Berufsleben herbeisehnen, ist die Cellistin erstaunlich gefasst und spricht über die Arbeit in „ihrem“ Konservatorium. „Wenn ich an die Zeit hier zurückdenke, empfinde ich eine große Dankbarkeit für das, was ich hier erlebt habe, entwickeln und mitgestalten konnte“, sagt Christina Lüdicke, die sich selbst als Freigeist sieht.
Von Erfurt nach Schwerin – eine musikalische Reise
Dabei erinnert sie sich an 1981, als sie als 21-jährige Absolventin der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar ans Schweriner Konservatorium kam. Als Neuling bekam die Cellolehrerin einen zugigen Raum unter dem Dach zugewiesen. „Hier war es im Sommer heiß und im Winter kalt“, berichtet sie über den Beginn ihrer Arbeit in Schwerin. Mehr als vier Jahrzehnte später kann sie darüber nur lächeln und stuft die Geschichte als eine von vielen Anekdoten aus ihrem bewegten Leben ein. Gern erzählt sich auch die Story, wie sie zu ihrem Instrument, dem Cello, gekommen ist. Wie in vielen anderen Familien, waren es auch bei der gebürtigen Erfurterin die Eltern, die ihr Kind an das Instrument heranführten. Als 7‑Jährige sollte sie Blockflöte lernen, doch leider war die Flötenklasse schon voll besetzt. Und so kam Christina Lüdicke zum Cello. Das Instrument selbst kostete zu DDR-Zeiten 6.000 Mark, wofür ihre Mutter einen Teil ihres geerbten Geldes opferte und den Rest „abstotterte“. „Dafür war ich meiner Mutter immer dankbar und das besagte Cello vom Instrumentenbauer Heinrich Seidel spiele ich noch heute“, erzählt sie bewegt.
Bewahren und Neues wagen
Mit 33 Jahren wurde Christina Lüdicke am Konservatorium Stellvertreterin von Direktor Volker Ahmels. Ihr Credo: Bewahren und Neues schaffen. „Wir müssen mindestens alle zwei Jahre etwas Frisches machen“, erzählt sie über ihre kreative Unruhe. Ein Musikevent mit osteuropäischer Volksmusik oder das Konzert mit E‑Cello gehörten dazu. „Womit kommt sie denn jetzt schon wieder um die Ecke?“, fragten ihre Kollegen häufig. Ein Angebot mit auf iPads erzeugter Musik war eine dieser Ideen. Im Team führte sie zahlreiche Talente
über die Begabtenförderung an Musikhochschulen. Die Konzertreihe KON-Takte wurde durch sie ebenfalls etabliert. Nun fällt am Konservatorium der Vorhang für Christina Lüdicke und sie verneigt sich. „Ich danke meiner Familie, meinen Freunden, Kollegen und vor allem meinen Schülern, die mir so viel Freude gemacht haben“, sagt sie lachend. Dem Musikunterricht wird die Cellistin weiter treu bleiben.

Auch im Ruhestand keine Ruhe von der Musik
Nach dem Abschied vom Konservatorium wird Christina Lüdicke als Selbstständige Cellounterricht geben. Nur einen Steinwurf vom alten Arbeitsplatz entfernt. Bestimmt wird sie ihre ehemalige Wirkungsstätte weiter beobachten und sich zum Beispiel darüber freuen, dass die Musiktherapie ab 1. September etabliert werden wird. Aus diesem Grund wünscht sie sich bei ihrer Abschiedsveranstaltung keine Geschenke, sondern Spendengeld an den Förderkreis des Konservatoriums, der davon zum Beispiel Klangschalen, Orff-Instrumente oder eine Klangmatte zur Musiktherapie für Menschen mit Einschränkungen kaufen könnte. Neben Konzertplanung und Cellounterricht zog Christina Lüdicke zwei Töchter groß. Die älteste, Franziska, ist wie ihre Mutter Profimusikerin. Sie spielt und unterrichtet im Ruhrgebiet auf dem Cello. Klar. Die zweite Tochter spielt aus Spaß an der Freude Klavier, Gitarre und Geige, beruflich beschäftigt sie sich mit Zahlen und hat BWL studiert.
Gesät und Erfolg geerntet
Wie viele Schüler Christina Lüdicke während ihrer beruflichen Laufbahn unterrichtet hat, kann sie nicht genau sagen. Fakt ist: aktuell hat das Konservatorium 1450 Schüler von ein bis über 70 Jahre. „Die älteste Schülerin ist 90 Jahre und spielt Blockflöte“, erzählt Christina Lüdicke. In ihrer Tätigkeit als Cellolehrerin sah sich immer als Navigator. „Sag mir, was du von mir lernen willst, und ich zeige dir den Weg dahin, ich habe das Know-how“, erklärt sie ihre Arbeitsweise. „Das Schönste ist, wenn die Schüler am Ende das von mir Erlernte allein können und mich nicht mehr brauchen“. Eins ihrer Prinzipien ist jedoch auch: „Wer nicht übt, hat in meiner Klasse nichts verloren!“ „Kunst ist schön, macht aber mehr Arbeit“, gehört zu den Lieblingszitaten von Christina Lüdicke. Ihre Arbeit für die Kunst hat sich gelohnt, findet sie und sagt: „Was ich über Jahre gesät habe, kann ich jetzt ernten.“




