Corona in Schwerin: Ein Blick hinter Hotel- und Gastrotüren

Gastronomie und Hotellerie befinden sich auch in Schwerin im Zentrum des Wellenbrecher-Lockdowns. Wir haben bei vier Unternehmen vorbeigeschaut.

Ein Blick in das KABANA zeigt leere Stühle und Tische. Auch in Schwerin sind derzeit die Gastronomien geschlossen. | Foto: schwerin-lokal

Gestern warfen wir einen breiteren Blick auf die Situation der Hotels und Gastronomien im Land. Oder besser, Lars Schwarz, DEHOGA-Präsident in MV, ermöglichte uns einen Einblick. Spannend ist natürlich nicht nur, was der Verband mit seiner unternehmensübergreifenden Sicht über die Situation denkt. Daher fragten wir in Schwerin bei vier Betroffenen nach. Das Ergebnis ist dabei natürlich nicht repräsentativ. Denn letztlich befinden sich jede Gastronomie und jedes Hotel bzw. jede Pension in einer ganz individuellen Situation. Dabei spielen dann sowohl rein wirtschaftliche aber nicht selten auch ganz persönliche Faktoren eine wichtige Rolle.

 

Der „Niederländische Hof“: Zwischen Optimismus und Fragezeichen

„Niederländischer Hof“ – Das Traditionshotel in Schwerin. | Foto: schwerin-lokal

Der erste Weg führt uns an den Pfaffenteich. In das Hotel „Niederländischer Hof“, das Nadine Lux und Nicole Maleßa seit geraumer Zeit gemeinsam und mit viel Engagement führen. Hier sind die Türen noch offen. Aber betritt man das Foyer, ist es schon erschreckend still. Selbst morgens, wenn doch sonst die Hotelgäste im kuschelig warmen Wintergarten das liebevoll zubereitete Frühstücksbuffet genießen. Klar, Nadine und Nicole sind alles andere als erfreut von der Situation. Denn gerade die Beherbergungsunternehmen im Land mussten ja schon vor dem Lockdown mit deutlichen Umsatzeinbußen leben. Da nämlich hatte die Landesregierung ja die Einreise von Gästen aus Risikogebieten untersagt. Niemand wusste genau, wann welche Gemeinde und welcher Landkreis in dazu zählen würde. „Die Folge waren etliche Stornierungen, so dass unser Umsatz schon Mitte Oktober deutlich einbrach“, erinnert sich Nadine.

 

Viel Optimismus im Traditionshotel am Pfaffenteich

Die beiden charmanten Hotelcheffinnen aber arrangieren sich. Zufrieden oder gar glücklich sieht allerdings anders aus. „Wir nutzen jetzt die Zeit, und dekorieren weihnachtlich. Schließlich sollen unsere Gäste ab 1. Dezember hier bei uns in Vorweihnachtsstimmung kommen.“ Es steckt sicherlich eine gehörige Portion Zweckoptimismus dahinter, so klar den Neustart am 1. Dezember vorzubereiten. Das wissen beide auch. Aber eben dieser Optimismus ist es, der die beiden täglich neu motiviert. Sie jammern nicht, „schließlich sind auch in diesem Monat an mehreren Tagen sieben Zimmer von Geschäftsreisenden gebucht. Okay, heute ist es nur eins, aber in Kürze ist eine Etage wieder gefüllt.“ Dass es im Normalfall deutlich mehr gebuchte Zimmer wären, sagen sie erst im Nebensatz.

Bleiben optimistisch: Nadine Lux und Nicole Maleßa vom „Niederländischen Hof“ in Schwerin. | Foto: schwerin-lokal

Aber letztlich finden auch Nadine und Nicole klare Worte. Sie haben Verständnis dafür, dass grundsätzlich Maßnahmen erforderlich sind. Aber nicht, indem pauschal scheinbar willkürlich einzelne Branchen herausgepickt und geschlossen werden. „Gastronomie und Hotels waren bis zuletzt keine Hotspots“, da sind sich die beiden sicher. Sie erkennen an, dass bei gut 75 Prozent der Infektionen nicht klar ist, woher sie kommen. „Aber woher kommt da die Logik, dass unsere Branche da eine so extreme Rolle gespielt haben soll“, fragt Nadine.

„Klar, auch wir müssen gegebenenfalls unseren Beitrag leisten. Gewisse Einschränkungen wären sicherlich möglich und vielleicht auch richtig gewesen. Aber schau Dich doch hier mal um. Jeder hat ein eigenes Zimmer, überall werden die Abstände eingehalten. Die Gäste tragen die Maske – und wir haben sogar das frei zugängliche Buffet für unsere derzeitigen Gäste wieder abgeschafft“, so Nicole. Derzeit ist alles wieder hinter Glas-Schutz und die Mitarbeiter füllen die Teller nach Gästewunsch auf. „Wenn ich dann die Salatbuffets im Einzelhandel sehe – offen, mehrere Personen dicht beisammen und jeder fasst das Besteck an, um sich zu nehmen, dann frage ich mich, wie sowas derzeit erlaubt sein kann“, ergänzt Nadine. Und dennoch bleiben die beiden charmanten Frauen des Niederländischen Hofs auch weiter optimistisch. „Wir schaffen das. Ein tolles Team und total liebe Gäste machen es uns leicht, fest daran zu glauben. Wir machen einfach das beste aus der Situation.“

 

„Das Martins“: Mit Verständnis und Effektivität der Situation stellen

Momentan steht sie nur zum kurzen Leitung spülen am Zapfhahn: Sabine „Bille“ Dietz vom „Martins“ | Foto: schwerin-lokal

Gut 400 Meter Luftlinie entfernt befindet sich das Traditionslokal „Das Martins“ von Sybille Dietz. Vor einigen Wochen hatten wir sie schon einmal besucht, um zu schauen, wie es dem Lokal seit dem ersten Lockdown ergangen ist. Da trafen wir auf eine hochmotivierte und zuversichtliche „Bille“, die die geltenden Regeln bewusst sehr strikt umsetzte. Für Sybille Dietz war klar, dass diese Regeln eine Chance sind, so lange wie möglich die Gastronomie offen zu halten. Die Gefahr, dass im Winter nochmals eine schwierige Situation auch auf die Branche zukommen könnte, war ihr schon damals bewusst.

Damals wie auch heute ist für die Gastronomin aus Leidenschaft klar: „Ich stehe hinter den Entscheidungen der Politik. Bilder wie im Frühjahr aus Italien darf es nicht mehr geben.“ Natürlich weiß Sybille Dietz auch, dass es eine sehr pauschale Entscheidung ist. „Vielleicht wären ja auch deutliche Verschärfungen für unsere Branche sinnvoller gewesen. Aber da gibt es dann auch ein Kontrollproblem“. Ereignisse im engsten persönlichen Umfeld zeigten ihr zudem noch deutlicher, „wie wichtig es ist, dass unser Gesundheitssystem funktioniert.“ Diese kraftzehrende Erfahrung bestätigt sie nochmals darin, hinter der Notwendigkeit strikter Entscheidungen im Kampf gegen die Pandemie zu stehen.

 

Bestell- und Abholservice an drei Tagen in der Woche

Daher setzte sie sich mit ihrem Team zusammen, und gemeinsam beschlossen alle, unter den neuen Regelungen gemeinsam das Beste für die Gäste zu ermöglichen. Dass das gelang, zeigte der Sommer. „Das Martins“ übertrieb nicht. Die Öffnungszeiten blieben angepasst an die erkannten Bedarfe. „Ja, es war anders – einfach unbeständiger – als sonst. Aber ich habe deutlich mehr selbst übernommen, und mein Team hat wirklich toll mitgezogen.“

„Gezupften Hinterschinken“ gibt’s momentan im Abholservice. | Foto: Das Martins, Schwerin

Genau das ist auch nun im zweiten Lockdown der Fall. Denn  ganz geschlossen ist“ Das Marzins“ nicht. Der Abholservice ist reaktiviert. Aber erneut in angepasster Form „Bille“ hat aus den Erfahrungen des Frühjahrs ihre Schlüsse gezogen. Dazu gehört auch, mit den eigenen Kraftressourcen schonend umzugehen. Daher ist nun eine Vorbestellung mit Abholung der beliebten Eisbeingerichte und der Speisen aus der Hauptkarte zwischen 17 und 19 Uhr donnerstags bis Samstags telefonisch oder per Whatsapp möglich. Das Telefon klingelt an diesen Tagen recht regelmäßig, wie wir selbst erleben durften. Dieses Konzept geht also auch  weiterhin. „Wir stehen erst einmal stabil. Das ist das wichtigste. Und die angekündigten Hilfen sind doch ein gutes Signal. Wir schaffen das.“

 

„The Scotsman Pub“: „Nicht gut, aber wie sollte es sonst laufen?“

Der Pup „The Scotsman“ in Schwerin.

Gar nicht weit entfernt vom „Martins“, direkt an der Bahnunterführung in der Lübecker Straße in Schwerin, befindet sich „The Scotsman Pub“ von Heiko „Steini“ Steinmüller. Engagiert hatte er während des ersten Lockdown für die Wiederöffnung der Kneipen gekämpft. Denn „wir waren die ersten die schließen mussten und durften wochenlang nicht wieder aufmachen, als die Restaurants längst wieder Gäste empfangen konnten“. Ein Umstand, der die gesamte Kneipenszene in existenzielle Probleme brachte – und bringt. „Denn während die Restaurants gerade auch im Zentrum die Sommermonate richtig viele Gäste empfangen und teilweise beste Umsätze machen konnten, blieben unsere Türen lange dicht. Da war nichts mit Polster anlegen“. Polster, die der Gastwirt gerade jetzt natürlich gebrauchen könnte. Denn „die Novemberhilfen irritieren etwas vom Namen her. Wir bräuchten sie jetzt, aber sie kommen erst irgendwann später“. Wer glaubt, nun würde „Steini“ so richtig ausholen und losschimpfen, sieht sich allerdings getäuscht.

Durch und durch ein Kneipier : Heiko Steinmüller betreibt den Pup „The Scotsman“ in Schwerin. | Foto: privat

 

Verständnis, aber auch Lust wieder zu arbeiten

„Seien wir doch mal ganz ehrlich. Jeder ehrliche Gastronom kann sich doch nicht wirklich beschweren. Zumindest nicht aus finanzieller Sicht“. Die angekündigte Unterstützung vom Bund lässt aus Steinis Sicht keinen im Regen stehen. „75 Prozent des Umsatzes vom November 2020 hat der Bund angekündigt. Wer grundsätzlich seine Zahlen ganz ehrlich angibt, kann da doch keine wirtschaftlichen Probleme bekommen. Es ist gut und richtig, dass es über die Steuerberater und die real gemeldeten Zahlen läuft“. Natürlich findet auch er die Maßnahmen nicht gut, da ist Heiko Steinmüller ganz ehrlich. Aber vor allem deshalb, weil er gern arbeitet. „Ich will hinter meinen Tresen und für meine Gäste da sein. Das nicht zu dürfen und auch nicht zu wissen, wann das wieder klappt, das tut wirklich weh“. Denn wie viele andere befürchtet auch er, dass es am 1. Dezember nicht wieder losgeht.

„Aber abgesehen von diesem inneren Gefühl – ich weiß nicht, wie es sonst laufen sollte. Blicken wir doch mal auf den Rest von Europa. Schauen wir auf große Teile der Welt. Diese Pandemie ist eine echte Krise. Da sind die Maßnahmen, die hier gelten, doch noch absolut überschaubar. Wir haben keine Ausgangssperren, vieles ist noch möglich. Dass da so viele nur nur rumnörgeln und alles kritisieren und infrage stellen, kann ich nicht verstehen“. Dass vielen natürlich ihr Wirtshaus fehlt hingegen, ist Steini klar. „Das war und ist schon immer ein sozialer Treffpunkt für viele. Ein Teil ihres Lebens, der jetzt fehlt. Aber um so besser wird es doch, wenn wir die Krise gemeistert habe, und uns dort auch wieder treffen können“.

 

Das „Kabana“: Realistisch den Blick nach vorn richten

Trotz Abständen müssen auch im KABANA die Plätze derzeit leer bleiben. | Foto: schwerin-lokal

Unser Weg der Gespräche führte uns zuletzt noch in die Friedrichstraße. Direkt an deren Beginn liegt eine etablierte und beliebte Cocktailbar, das „KABANA“. Normalerweise ist hier an den meisten Abenden viel los. Gerade jetzt, da die Mindestabstände gelten, die hier erkennbar streng umgesetzt sind, ist an den Wochenende leider oft auch nicht sofort Platz für jeden. So zumindest war es bis Ende Oktober.

Nun aber ist die Tür fest verschlossen. Bis der Lockdown endet. „Wann auch immer das sein wird. Ich glaube ehrlich gesagt nicht daran, dass wir am 1. Dezember wieder starten können“. Resigniert hat hier niemand. „Wir sind einfach realistisch. Das Ziel war, die Infektionszahlen im Deutschlandschnitt deutlich zu reduzieren. Das ist in meinen Augen auch richtig. Danach sieht es allerdings bislang nicht aus. Montag hat die Politik daher sogar über weitere Verschärfungen gesprochen. Ich befürchte daher, dass wir daher in gut 1,5 Wochen nicht wieder öffnen.“

 

KABANA blickt nach vorn, und schaut sich auch nach neuen Aushilfen um

Das KABANA-Team ist daher derzeit zu Hause. Bei voller Bezahlung. Denn der Inhaber weiß, was er an seinen Leuten hat. „Ich kann mich auf das Team verlassen. Und sie sollen sehen, dass sie sich auch in schweren Zeiten auf mich verlassen können“, sagt er. Schon im ersten Lockdown hat er die Gehälter komplett weiter gezahlt. Aber wie auch im Frühjahr bleibt das Licht auch im Wellenbrecher-Lockdown durchgängig aus. „Ein Liefer- oder Abholservice lohnt sich für uns nicht“. Dafür bereitet sich die beliebte Cocktailbar auf den Neustart vor. So ist gerade die Erneuerung der Podestflächen im Barbereich in vollem Gange. Und der engagierte Betreiber schaut sich auch nach zusätzlichen Aushilfen um, wenn es dann wieder losgeht. Wer also dann im Team des KABANA dabei sein möchte, kann sich gern per Mail dort melden.

 

Strahlende Kinderaugen, weil der Papa viel zu Hause ist

Jetzt aber heißt es erst einmal abwarten, wann wieder was möglich ist. Und der Zeit auch etwas positives abgewinnen. „Meine Kinder sind total happy, dass sie mich plötzlich die ganze Zeit haben. Wenn sie aus der Schule und der Kita kommen, ist die Freude jeden Tag riesengroß. Das ist schon ein tolles Gefühl“, sagt Murat – ganz Papa. „Nebenbei“ wartet er, wie vermutlich alle Gastronomen, auf die von der Politik versprochenen Hilfszahlungen. „Es sollte schnell und unbürokratisch laufen. Jetzt läuft der Lockdown seit mehr als einem halben Monat. Und niemand von uns hat bisher etwas gesehen. Dass da der Frust bei vielen unserer Kollegen deutlich wächst, ist nachvollziehbar“, so der Chef vom KABANA. In der nächsten Woche soll Bewegung in die Sache kommen, hört man aus der Bundesregierung. Man wird sehen…

Redaktion

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