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Polizeigewerkschaft warnt:
„De facto sind wir überlastet“

Trotz mehr Bewerbungen und leicht gesunkener Überstunden bleibt die Polizei in MV überlastet. Die GdP fordert strukturelle Änderungen und mehr Personal.

  • Veröffentlicht August 4, 2025
Viele Über­stun­den, fehlen­des Per­son­al und neue Auf­gaben belas­ten die Beamten laut Gew­erkschaft mas­siv. | Foto: Fabi­an Holtap­pels

 

Trotz sink­ender Über­stun­den­zahlen bleibt die Arbeits­be­las­tung für die Polizei in Meck­len­burg-Vor­pom­mern hoch. Laut aktuellen Zahlen des Innen­min­is­teri­ums hat­ten Ende 2024 rund 34 Prozent der Polizeibeamten im Land mehr als 40 Über­stun­den auf dem Arbeit­szeitkon­to. Die Gew­erkschaft der Polizei (GdP) spricht von ein­er anhal­tenden Über­las­tung und fordert struk­turelle Verän­derun­gen im Polizei­di­enst des Lan­des.

Im Detail zeigen die Zahlen: Bei etwa 1.700 Beamtin­nen und Beamten war der soge­nan­nte „gelbe Bere­ich“ erre­icht – also ein Zeitguthaben zwis­chen 40 und 80 Stun­den. Rund 290 Per­so­n­en befan­den sich sog­ar im „roten Bere­ich“ mit über 80 Über­stun­den. Der Anteil dieser bei­den Grup­pen zusam­men lag zum Stich­tag 31. Dezem­ber 2024 bei 33,9 Prozent, etwas weniger als die 35,7 Prozent im Vor­jahr. Den­noch sieht die GdP keinen Anlass zur Ent­war­nung. „De fac­to sind wir über­lastet, de fac­to haben wir kein Per­son­al“, sagte GdP-Lan­deschef Chris­t­ian Schu­mach­er.

 

Großeinsätze und Sonderlagen treiben Stundenkonten nach oben

Ein wesentlich­er Treiber der Über­stun­den sind Son­der­la­gen, also Ein­sätze über das reg­uläre Maß hin­aus. So mussten die Beamtin­nen und Beamten im Jahr 2024 mehr als 2.400 Zusatzs­tun­den leis­ten. Gründe waren unter anderem die zen­tralen Feier­lichkeit­en zum Tag der Deutschen Ein­heit im Okto­ber in Schw­erin sowie Ein­sätze im Rah­men der Fußball-Europameis­ter­schaft, obwohl in Meck­len­burg-Vor­pom­mern selb­st keine Spiele stat­tfan­den. Polizis­ten aus MV unter­stützten in anderen Bun­deslän­dern.

Hinzu kommt der Mehraufwand durch beson­dere Schutz­maß­nah­men, etwa beim Per­so­n­en­schutz für Min­is­ter­präsi­dentin Manuela Schwe­sig (SPD), die 2024 auch Bun­desrat­spräsi­dentin war und zahlre­iche Ter­mine in Berlin wahrnahm. Beson­ders stark belastet sind laut Schu­mach­er Spezial- und Mobilein­satzkom­man­dos, da sie kaum durch andere Kräfte erset­zt wer­den kön­nen.

 

Personalmangel bleibt ungelöst

Das Per­son­alziel von rund 6.200 Planstellen, das bere­its vor der aktuellen Leg­is­laturpe­ri­ode im Pakt für Sicher­heit vere­in­bart wurde, bleibt bis­lang unerr­e­icht. Stand 1. Jan­u­ar 2025 waren bei der Lan­despolizei 5.935 Per­so­n­en beschäftigt, darunter 4.923 im Polizeivol­lzugs­di­enst. 209 dieser Stellen blieben unbe­set­zt, vor allem im Streifen­di­enst – der Bere­ich mit den meis­ten Dien­st­posten.

Schu­mach­er kri­tisiert, dass trotz wieder­holter poli­tis­ch­er Beken­nt­nisse keine aus­re­ichende Verbesserung erfol­gt sei. „Fakt ist, dass die Zahl nicht erre­icht wird. Über die Gründe darf man gerne spekulieren“, so der Gew­erkschaftschef. Sein­er Mei­n­ung nach sei die innere Sicher­heit kein Schw­er­punkt der Lan­desregierung.

 

Präsenz auf dem Land kaum noch gewährleistet

Vor allem in ländlichen Regio­nen sei die Polizeipräsenz unzure­ichend. „Es gibt Gegen­den, da sehen Sie den Wei­h­nachts­mann öfter als einen Streifen­wa­gen“, erk­lärte Schu­mach­er. MV sei ein Flächen­land mit geringer Bevölkerungs­dichte. Zwar gebe es rech­ner­isch viele Beamte pro Ein­wohn­er, doch auf die Fläche verteilt seien es zu wenige. Anders als im Ret­tungswe­sen, wo geset­zlich vorgeschriebene Ein­satzzeit­en gel­ten, könne die Polizei bei niedriger Pri­or­ität nicht über­all schnell vor Ort sein. Folge: Bürg­er müssten bei Verkehrs­de­lik­ten oder kleineren Vor­fällen mitunter stun­den­lang auf Hil­fe warten.

Immer­hin: 2025 bewar­ben sich 1.383 Men­schen für eine Polizeiaus­bil­dung – ein Anstieg um 14 Prozent. 131 geeignete Bewer­berin­nen und Bewer­ber wur­den aus­gewählt und began­nen ihre Aus­bil­dung zum 1. August. Doch Schu­mach­er warnt: Es reiche nicht, ein­fach neue Kräfte einzustellen, wenn gle­ichzeit­ig beste­hen­des Per­son­al über­fordert werde. Ger­ade junge Kol­legin­nen und Kol­le­gen wür­den durch chro­nis­che Über­las­tung an ihre Belas­tungs­gren­zen geführt – mit möglichen Langzeit­fol­gen für die Gesund­heit.

 

Demografischer Wandel und neue Arbeitsmodelle

Die Polizei befinde sich mit­ten in einem Gen­er­a­tio­nen­wech­sel. Etwa 30 Prozent der Mitar­bei­t­en­den seien unter 30 Jahre alt. Teilzeit sei zunehmend ein The­ma – nicht nur für Frauen, son­dern auch für Väter. Das sei gesellschaftlich zu begrüßen, führe aber zu zusät­zlichem Per­son­albe­darf. Gle­ichzeit­ig nehme die Kom­plex­ität der Auf­gaben zu – etwa durch inter­na­tion­al organ­isierte Cyberkrim­i­nal­ität oder Betrugs­de­lik­te mit hohem Ermit­tlungsaufwand.

Forderung nach Struk­tur­wan­del

Schu­mach­er fordert, neue Wege zu gehen. Beispiel­sweise müsse nicht jede Auf­gabe zwin­gend von ver­beamteten Kräften erledigt wer­den. Andere Bun­deslän­der set­zten stärk­er auf Tar­if­beschäftigte, etwa in der Krim­inal­tech­nik oder bei Date­nauswer­tun­gen. Meck­len­burg-Vor­pom­mern hinke hier hin­ter­her. Auch Auf­gaben wie die Begleitung von Abschiebun­gen kön­nten in Teilen aus­ge­lagert wer­den.

„Wir schaf­fen vieles irgend­wie“, so Schu­mach­er. „Aber das darf nicht die Erwartung­shal­tung sein – auf Dauer geht das zulas­ten der Sub­stanz.“