Polizeigewerkschaft warnt:
„De facto sind wir überlastet“
Trotz mehr Bewerbungen und leicht gesunkener Überstunden bleibt die Polizei in MV überlastet. Die GdP fordert strukturelle Änderungen und mehr Personal.

Trotz sinkender Überstundenzahlen bleibt die Arbeitsbelastung für die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern hoch. Laut aktuellen Zahlen des Innenministeriums hatten Ende 2024 rund 34 Prozent der Polizeibeamten im Land mehr als 40 Überstunden auf dem Arbeitszeitkonto. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) spricht von einer anhaltenden Überlastung und fordert strukturelle Veränderungen im Polizeidienst des Landes.
Im Detail zeigen die Zahlen: Bei etwa 1.700 Beamtinnen und Beamten war der sogenannte „gelbe Bereich“ erreicht – also ein Zeitguthaben zwischen 40 und 80 Stunden. Rund 290 Personen befanden sich sogar im „roten Bereich“ mit über 80 Überstunden. Der Anteil dieser beiden Gruppen zusammen lag zum Stichtag 31. Dezember 2024 bei 33,9 Prozent, etwas weniger als die 35,7 Prozent im Vorjahr. Dennoch sieht die GdP keinen Anlass zur Entwarnung. „De facto sind wir überlastet, de facto haben wir kein Personal“, sagte GdP-Landeschef Christian Schumacher.
Großeinsätze und Sonderlagen treiben Stundenkonten nach oben
Ein wesentlicher Treiber der Überstunden sind Sonderlagen, also Einsätze über das reguläre Maß hinaus. So mussten die Beamtinnen und Beamten im Jahr 2024 mehr als 2.400 Zusatzstunden leisten. Gründe waren unter anderem die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit im Oktober in Schwerin sowie Einsätze im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft, obwohl in Mecklenburg-Vorpommern selbst keine Spiele stattfanden. Polizisten aus MV unterstützten in anderen Bundesländern.
Hinzu kommt der Mehraufwand durch besondere Schutzmaßnahmen, etwa beim Personenschutz für Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die 2024 auch Bundesratspräsidentin war und zahlreiche Termine in Berlin wahrnahm. Besonders stark belastet sind laut Schumacher Spezial- und Mobileinsatzkommandos, da sie kaum durch andere Kräfte ersetzt werden können.
Personalmangel bleibt ungelöst
Das Personalziel von rund 6.200 Planstellen, das bereits vor der aktuellen Legislaturperiode im Pakt für Sicherheit vereinbart wurde, bleibt bislang unerreicht. Stand 1. Januar 2025 waren bei der Landespolizei 5.935 Personen beschäftigt, darunter 4.923 im Polizeivollzugsdienst. 209 dieser Stellen blieben unbesetzt, vor allem im Streifendienst – der Bereich mit den meisten Dienstposten.
Schumacher kritisiert, dass trotz wiederholter politischer Bekenntnisse keine ausreichende Verbesserung erfolgt sei. „Fakt ist, dass die Zahl nicht erreicht wird. Über die Gründe darf man gerne spekulieren“, so der Gewerkschaftschef. Seiner Meinung nach sei die innere Sicherheit kein Schwerpunkt der Landesregierung.
Präsenz auf dem Land kaum noch gewährleistet
Vor allem in ländlichen Regionen sei die Polizeipräsenz unzureichend. „Es gibt Gegenden, da sehen Sie den Weihnachtsmann öfter als einen Streifenwagen“, erklärte Schumacher. MV sei ein Flächenland mit geringer Bevölkerungsdichte. Zwar gebe es rechnerisch viele Beamte pro Einwohner, doch auf die Fläche verteilt seien es zu wenige. Anders als im Rettungswesen, wo gesetzlich vorgeschriebene Einsatzzeiten gelten, könne die Polizei bei niedriger Priorität nicht überall schnell vor Ort sein. Folge: Bürger müssten bei Verkehrsdelikten oder kleineren Vorfällen mitunter stundenlang auf Hilfe warten.
Immerhin: 2025 bewarben sich 1.383 Menschen für eine Polizeiausbildung – ein Anstieg um 14 Prozent. 131 geeignete Bewerberinnen und Bewerber wurden ausgewählt und begannen ihre Ausbildung zum 1. August. Doch Schumacher warnt: Es reiche nicht, einfach neue Kräfte einzustellen, wenn gleichzeitig bestehendes Personal überfordert werde. Gerade junge Kolleginnen und Kollegen würden durch chronische Überlastung an ihre Belastungsgrenzen geführt – mit möglichen Langzeitfolgen für die Gesundheit.
Demografischer Wandel und neue Arbeitsmodelle
Die Polizei befinde sich mitten in einem Generationenwechsel. Etwa 30 Prozent der Mitarbeitenden seien unter 30 Jahre alt. Teilzeit sei zunehmend ein Thema – nicht nur für Frauen, sondern auch für Väter. Das sei gesellschaftlich zu begrüßen, führe aber zu zusätzlichem Personalbedarf. Gleichzeitig nehme die Komplexität der Aufgaben zu – etwa durch international organisierte Cyberkriminalität oder Betrugsdelikte mit hohem Ermittlungsaufwand.
Forderung nach Strukturwandel
Schumacher fordert, neue Wege zu gehen. Beispielsweise müsse nicht jede Aufgabe zwingend von verbeamteten Kräften erledigt werden. Andere Bundesländer setzten stärker auf Tarifbeschäftigte, etwa in der Kriminaltechnik oder bei Datenauswertungen. Mecklenburg-Vorpommern hinke hier hinterher. Auch Aufgaben wie die Begleitung von Abschiebungen könnten in Teilen ausgelagert werden.
„Wir schaffen vieles irgendwie“, so Schumacher. „Aber das darf nicht die Erwartungshaltung sein – auf Dauer geht das zulasten der Substanz.“



