„Die Christianisierung ist nicht mehr aufzuhalten“

Erster Auftritt des Sängers Christian Steiffen in Schwerin sorgt für erneut ausverkauftes Haus im Kultur- und Eventzentrum „Club Zenit“. Von Stephan Haring

Foto: Konzert Christian Steiffen | Stephan Haring

 

Es ist Freitagabend. Eine silbergraue Limousine mit getönten Scheiben rollt die Straße zum Kultur- und Eventzentrum „Club Zenit“ herunter. Aus allen Ecken kommen Menschen – geschätzt zwischen 20 und 50 Jahren. Viele mit aus Autos – davon etliche mit auswärtigen Kennzeichen. Dresden, Berlin, Bergisch-Gladbach… Einige von ihnen mit Perücken, andere mit Sonnenbrillen, viele mit aufgeklebten Koteletten. Plötzlich ruft eine weibliche Stimme: „Da, Christian Steiffen.“

Schon eine eigenartige Szenerie. Und dann dieser mehr als nur mehrdeutige Ausruf. Normalerweise müsste man nun beschämt wegschauen. [Sprechen Sie den Satz mal nach, und Sie werden verstehen, warum.] Aber die vor dem ZENIT wartenden Menschen reagieren ganz anders. Sie jubeln dem Wagen zu, der sich langsam durch ihre Reihen schiebt. Bei genauem Hinschauen wird auch dem untrainierten Zuschauer der Szenerie klar: Auf dem Beifahrersitz sitzt der Typ, den ich eben noch im Internet als den Star des heutigen Abends betrachtet habe. Lässig den Ellenbogen ans Fenster gelehnt wird Christian Steiffen zu einem Hintereingang gebracht.

Und schon eine knappe halbe Stunde später ist es soweit. Das bestens gefüllte – weil ausverkaufte – ZENIT wandelt sich in eine Konzertarena. Das Licht geht kurz aus. Die Menge der wartenden Fans jubelt, eine Tür öffnet sich, und da steht er, in seiner ganzen Pracht: Christian Steiffen, der Mann, der im wirklichen Leben Hardy Schwetter heißt. Und der  – das soll hier nicht vergessen werden – 2013 als Christian Steiffen farbenfroher Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters in Osnabrück war. Mit dem beachtlichen Ergebnis von 2.790 Stimmen. Was allerdings nur 3,3% entsprach.

 
Foto: Konzert Christian Steiffen | Stephan Haring

„Wie gut, dass ich hier bin“ stellt Christian – wir bleiben bei seinem Künstlernamen, denn die vielen Fans sind gekommen, um den Künstler zu erleben – gleich in seinem ersten Song fest. Das Publikum sieht dies offensichtlich genauso. Denn schon direkt im Anschluss an Titel Nummer 1 hallen „Zugabe, Zugabe“ Rufe durch das ZENIT. Und natürlich macht der Star des Abends weiter. Vorab aber erinnert er noch daran, dass er erstmals in Schwerin auf der Bühne stehe. Mit allen damit verbundenen Konsequenzen: „Die Christianisierung ist nun nicht mehr aufzuhalten.“

Der Mann, der mit seinen Schlagersongs im Stil der 70er den aktuellen Schlagerboom irgendwie hinterfragt und dennoch mittendrin ist, ist in Schwerin angekommen. So widersprüchlich das jetzt klingt, so widersprüchlich wirkt irgendwie auch sein Publikum, das ihn für dieses Ankommen in Schwerin feiert. Da sind – in guter Schlagermanier – Fans aus nahezu allen Altersklassen. Einige erfüllen den typischen Anspruch, andere erinnern dann in ihrem Look eher an Fans des Hard Rock oder des Rock `n Roll. Gerade letztere hätte man auf diesem Konzert wohl am wenigsten erwartet. Heißt die aktuelle Tour doch – in Anlehnung an Steiffens letztes Album – „Ferien vom Rock `n Roll“.

Was sie alle aber eint: Ihre Liebe für die manchmal auch widersprüchlich erscheinenden, ehrlichen, tiefschürfenden, poetisch-lyrischen und das Leben mit allem Ernst hinterfragenden Songtexte des Künstlers. Da heißt es „Mein Schatz, könnte ich mich so wie Du erleben | Das wär einfach wundervoll“.  Und auch folgt die Feststellung: „Dicke Eier werden viel zu oft verkannt“. Überhaupt nicht egozentrisch hinterfragt Christian Steiffen musikalisch auch seine Rolle im System: „Er schuf den Himmel und die Erde | Und sprach auf dass es Licht nun werde | Er schuf den Tag und auch die Nacht | Na gut, dass hätt ich auch gemacht.“ Und er zeigt, dass er in der Lage ist, Situationen genau zu beobachten und ebenso blitzschnell wie auch knallhart zu analysieren: „Das Leben ist nicht immer nur Pommes und Disco | Das sage ich Dir | Manchmal ist das Leben einfach nur | Eine Flasche Bier.“

 

Foto: Konzert Christian Steiffen | Stephan Haring

 

Natürlich lassen seine Fans ihren Christian nicht nach dem letzten planmäßigen Titel gehen. Die Stimmung kocht, und der Sänger folgt dem Wunsch nach Zugaben – wieder und wieder. Selbst sein Team, das in einem speziellen Gäste-Bereich den Auftritt mit verfolgt, unterschätzt die positive Stimmung. Als sie denken, der wirklich letzte Song der Zugabe würde gespielt – setzt Christian Steiffen noch einen drauf. In einer Polonaise geht es quer durch das ZENIT, außen herum und zurück auf die Bühne, um dort noch drei weitere Titel folgen zu lassen. Ein echter Kraftakt für den Künstler, den seine Fans ihm aber danken.

Kurzum: Die Fans erleben an diesem Abend mehr als ein bloßes Konzert. Es ist ein Streifzug durch das aktuelle wie vorangegangene Album des so widersprüchlich wirkenden Christian Steiffen – eine Mischung aus albernen, ironischen, aber tatsächlich auch tiefgehenden Texten. Eine Mischung, die den Widerspruch in ihrer Symbiose aufhebt und die dazu aufzurufen scheint, zwar genau hinzuschauen, aber dann mit Freude und Ausgelassenheit die Sorgen zu vergessen und den Blick nach vorn zu richten. Mitten in der Menge vergeht jeder Gedanke an das Negative. Steiffen holt jeden ab – er vermag es, mit einer großartigen Mischung aus Einfachheit, kurzen und fast traurigen Momenten, harmlosem Schlager-Blödeln und tief schürfenden Beziehungsanalysen durch seine Texte und seine Person alles Negative zumindest kurz vergessen zu machen. Für den Moment des Augenblicks tauchen alle ab in die harmlose und doch so klare Welt, die der Musiker ihnen bietet. Schade eigentlich, dass dieser Abend dann doch so schnell vorbei ging…

 

 

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