Wie ehrlich ist Landrat Sternbergs „ehrlichste Inzidenz“?

In Vorpommern-Greifswald bringen Vorwürfe der Grünen Landrat Michael Sack derzeit wegen angeblich deutlich geschönter Inzidenzwerte in Bedrängnis. Aber auch im Landkreis Ludwigslust-Parchim, dort, wo der Landrat von den zuletzt "ehrlichsten Inzidenzwerten" sprach, stellen sich aufgrund deutlicher Abweichungen und einiger schwierig nachvollziehbarer Argumente so einige Fragen.

Was ist mit den Corona Zahlen im Landkreis Ludwigslust Parchim los? | Foto: privat

 

So mancher hatte das telefonische Interview des NDR mit Landrat Stefan Sternberg heute vor genau einer Woche gar nicht gehört. Andere schauten erstaunt und beinahe ungläubig, was sie da zu hören bekamen. Denn Sternberg sprach von der aktuell „ehrlichsten Inzidenz, die der Landkreis Ludwigslust-Parchim jemals ausgewiesen hat“.  Was er offenbar meinte, verfolgte man das Interview weiter, dürfte eine größere Klarheit der tatsächlichen Infektionssituation sein, die durch die neuen Schnelltestzentren im Land möglich ist. „Wer viel testet, findet viel“, so Sternberg. Das passte zu seinen Äußerungen auf der Kreistagssitzung am 23. März 2021. Auch dort sprach er von einem entsprechend großen Einfluss, den die Schnelltestzentren auf die Inzidenzzahlen des Landkreises hätten. Dann allerdings klang es am Samstag in einer Pressekonferenz nach dem MV-Gipfel schon wieder ganz anders. Nun wies Sternberg zurück, dass die Situation ohne die Schnelltestzentren entspannter aussehen würde. Was denn nun, Herr Landrat?

 

Was verbirgt sich hinter der „ehrlichsten Inzidenz“?

Es lohnte also ein genauerer Blick auf die Details dieser „ehrlichen“ Situation. Vor allem auch, nachdem verschiedene Leserinnen und Leser mit Beobachtungen und zahlreichen Daten zum Meldegeschehen an unsere Redaktion herangetreten waren. Wer Zahlen nicht so besonders mag, dürfte bei diesem Artikel vielleicht hier und da eine Sorgenfalte auflegen. Aber ohne diese Zahlen letztlich lässt sich die Frage nach der scheinbar „ehrlichsten Inzidenz“ nicht beantworten. Um also überhaupt der Sache auf den Grund gehen zu können, bedurfte es der Zahlen, wie viele Tests in den Schnelltestzentren in Ludwigslust-Parchim stattfanden. Die Pressestelle des Landkreises reagierte hier, wie auch bei unseren weiteren Anfragen, schnell und präzise. So waren es in der Woche vom 15.bis 21. März 2021 etwa 3.800 Tests. In der darauf folgenden Woche 5.000. Aus der ersten Woche war bekannt, dass 23 der Schnelltests positiv ausgefallen waren. Ergebnisse über die Anzahl positiver Ergebnisse der zweiten Woche waren bis vergangenen Montag (29. März) nicht bekannt.

 

Datenlage offenbar eher dünn

Schnelltests kommen nun verstärkt zum Einsatz. | Foto: Andreas Lischka

Nun muss jeder, der einen positiven Schnelltest als Ergebnis bekommt, in Eigenverantwortung zum Hausarzt, und sich dort einem PCR-Test unterziehen. Zwar prüft diesen Gang letztlich niemand nach, aber so ist zumindest die Vorgabe. Erst wenn dieser positiv bestätigt ist, gilt die Person als infiziert und geht in die Statistik und somit in den Inzidenzwert ein. Ebenfalls bis zum vergangenen Montag war laut Pressestelle des Landkreises Ludwigslust-Parchim nicht bekannt, wie viele solcher Tests letztlich vorlagen. Es war also bis einschließlich 29. März 2021 für den Landkreis gar nicht nachvollziehbar, wie hoch der Anteil der durch Schnelltests bekannt gewordenen Infektionen an den statistisch erfassten Infektionszahlen tatsächlich war.

 

Auf welcher Datenbasis sprach Landrat Sternberg zum Kreistag?

Landrat Sternberg muss sich daher die Frage gefallen lassen, wie „ehrlich“ er gegenüber seinem Kreistag war, als er am 23. März in öffentlicher Sitzung eben ohne entsprechende Zahlenbasis davon sprach, dass der starke Inzidenzanstieg auf die vielen positiven Ergebnisse der Schnellzentren zurückzuführen sei. Klar ist zudem, selbst wenn man annehmen würde,  dass alle aus den Schnelltestzentren gemeldeten 23 positiven Fälle letztlich auch durch PCR-Tests bestätigt worden sein sollten, hätten diese 23 nicht zu einem derartigen Anstieg des Inzidenzwertes bis zum Tag der Kreistagssitzung geführt.

 

(Summe Neuinfektionen in 7 Tagen / Bevölkerung) * 100.000

Dies lässt sich sehr einfach nachrechnen. Denn die Berechnung der 7-Tage-Inzidenz ist alles andere als höhere Mathematik. Zunächst addiert man die Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage. Dann teilt man das Ergebnis durch die Einwohnerzahl des Landkreises Ludwigslust-Parchim. Nach Auskunft der Pressestelle beträgt diese 211.779. Zuletzt multipliziert man das Ergebnis mit 100.000. Um eventuelle Fehler zu verhindern, geht es sogar noch kürzer: Zuerst erfolgt die Addition der Neuinfektionen der letzten sieben Tage. Das Ergebnis teilt man dann durch 2,11779.

 

„Ehrlichster Inzidenzwert“?

Nun wäre eigentlich schnell errechenbar, dass der gemeldete Inzidenzwert nicht einmal zehn Prozent über dem Wert gelegen hat, der ohne die positiven Ergebnisse aus den Schnelltestzentren gestanden hätte. Bei der theoretischen Annahme, alle 23 Fälle sind am Ende positiv im PCR-Test bestätigt und entsprechend gemeldet worden. Wer genau liest, merkt bereits, dass hier der Konjunktiv steht. Denn an dieser Stelle tritt ein weiteres Problem des nach Landrat Stefan Sternberg „ehrlichsten Inzidenzwertes“ zutage. Ohne groß drum herum zu reden: Der vom Landkreis gemeldete Inzidenzwert war im Monat März wiederholt falsch.

Wäre diese Situation nur ein oder zweimal aufgetreten, oder würde es sich lediglich um kleinere Abweichungen durch Nachberechnungen handeln, würde sicherlich niemand etwas sagen. Allerdings waren die Abweichungen wiederholt deutlich größer. Allein am Tag der Kreistagssitzung meldete der Landkreis Ludwigslust-Parchim einen Inzidenzwert von 130,8. Wendet man die korrekte Rechnung an, kommt man auf 138,8. Noch fragwürdiger wird die Situation, wenn man feststellt, dass es der fünfte Tag in Folge mit einer solchen Abweichung war.

 

Niedrigere Zahlen, um Öffnungen zu ermöglichen bzw. zu halten?

Abweichende Zahlen des Landkreises LUP von den RKI-Werten auch in erster Märzhälfte | Quelle FB

Und auch diese fünf Tage waren offenbar nicht das erste Mal, dass die Zahlen des Landkreises aufhorchen ließen. Zumindest veröffentlichte eine insgesamt sehr gut recherchierte Facebookseite am 14. März 2021 eine Übersicht mit fünf beispielhaft ausgewählten Abweichungen der seitens des Landkreises angegebenen Inzidenzwerte von den offiziellen Werten des RKI. Es mag Zufall sein, aber es handelte sich dabei um Zeiten vor der geplanten Öffnung des Einzelhandels und auch der Schulen.  Die RKI-Werte aber zeigten, dass Ludwigslust-Parchim eben nicht so gut da stand. Eine Öffnung des Einzelhandels hätte es daher beispielsweise am 8. März unter diesen Gesichtspunkten eventuell nicht geben dürfen. Auch die Schulöffnungen hätten bei Anwendung der korrekten RKI-Werte zumindest in einem anderen Licht gestanden. Kurz nach Veröffentlichung dieser Abweichungen, so erfuhren wir kürzlich, waren die Werte des RKI scheinbar plötzlich angepasst.

 

Gerade in den letzten Tagen erneut deutliche Differenzen

Zahlen des RKI für LUP vom 1. April 2021.

Nun könnte man sagen, dass Landrat Stefan Sternberg sich und seinem Landkreis den Titel „Ehrlichste Inzidenzwerte“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht verliehen hatte. Und auch, dass es durchaus dann und wann zu leichten Abweichungen kommen kann. Aber zu leichten. Und nur punktuell. Daher lohnt ein Blick in die allerjüngste Vergangenheit. Und die lässt doch zumindest aufhorchen. Denn seit dem 24. März 2021 weichen die offiziellen Angaben des Landkreises Ludwigslust-Parchim von den Ergebnissen eines Nachrechnens – übrigens deckungsgleich mit den RKI-Angaben – teilweise extrem ab. Wir haben diese nachfolgend zusammengestellt:

Datum [7-Tage-Infektionen] | Landkreis-Wert | Nachrechnung

  • 24.3. [325] | 141,2 | 153,5
  • 25.3. [392] | 166,7 | 185,1
  • 26.3. [392] | 166,7 | 185,1
  • 27.3. [402] | 172,8 | 189,8
  • 28.3. [409] | 176,1 | 193,1
  • 29.3. [406] | 170,5 | 191,7
  • 30.3. [397] | 164,3 | 187,5
  • 31.3. [379] | 156,3 | 179,0
  • 01.4. [334] | 130,3 | 157,7
  • 02.4. [351] | 140,7 | 165,7

 

Keine Frage, selbst die gemeldeten Zahlen waren bereits eindeutig zu hoch. Daraus machte Landrat Stefan Sternberg übrigens im Rahmen der Pressekonferenz nach dem MV Gipfel heute vor einer Woche (27.3.) auch kein Geheimnis. Aber er hantierte da wissentlich mit den deutlich zu niedrigen Werten, die er letztlich als „ehrlichste Inzidenzwerte“ bezeichnete. Denn während er von einer Inzidenz von etwa 170 sprach, lag diese bereits bei 190. Allerdings beließ er es nicht dabei. Erneut packte er die Thematik der Einflüsse positiver Tests aus den Schnelltestzentren aus.

 

Erneut Aussagen ohne erkennbar belastbare Zahlenbasis

Allerdings hatte er inzwischen auch seine Argumentation etwas geändert. Denn nun widersprach er Äußerungen, dass ohne Schnelltests die Situation im Landkreis deutlich entspannter gewesen wäre. Genau dies war aber der Schluss aus seiner Darstellung vor dem Kreistag nur vier Tage zuvor. Allerdings ist auch die nun neue Aussage Sternbergs durchaus schwierig. Denn zu diesem Zeitpunkt waren dem Landkreis, wie bereits dargestellt, nach eigenen Angaben noch immer keine Ergebnisse aus den Schnelltestzentren des Landkreises für die zu Ende gehende Woche (22.-28. März), geschweige denn die für eine solche Aussage entsprechend erforderlichen PCR-Ergebnisse bekannt.

 

Wieder fehlen Zahlen für die Rechnung

Umso spannender daher dann die nächste Aussage von Stefan Sternberg auf der Pressekonferenz: „Die aktuellen Zahlen sagen, dass wir selbst ohne Schnelltestzentren bei einer Inzidenz von 120 in Ludwigslust-Parchim gewesen wären“. Da der Landkreis selbst für diesen Tag einen Inzidenzwert von 172,8 meldete (nachgerechnet übrigens 189,8), kann man sich allein schon fragen, ob ein, zumindest theoretischer, um knapp ein Drittel geringerer Inzidenzwert nicht doch eine entspanntere Situation darstellen würde. Aber die Frage erübrigt sich erneut vor dem Hintergrund der fehlenden Datenbasis. Denn um diese Aussage zu berechnen, müsste Landrat Sternberg die PCR-positiven Ergebnisse aus der Gesamtanzahl der Infektionen der zurückliegenden sieben Tage herausrechnen. Nur dann ist eine entsprechend bereinigte Inzidenzberechnung möglich. Das aber war aufgrund der nicht vorhandenen Zahlen nicht möglich.

 

Wenn das die „ehrlichste Inzidenz“ war…

Vor allem bleiben Fragen. | Abbildung: Gert Altmann

Was also bleibt von der „ehrlichsten Inzidenz, die der Landkreis Ludwigslust-Parchim jemals ausgewiesen hat“? Nicht viel mehr als sich widersprechende und durchaus fragwürdige Aussagen zum Einfluss der Schnelltestzentren auf die Inzidenzwerte, ohne dass man – nach eigener Aussage – die erforderliche Zahlenbasis dafür hat. Es stellt sich Bürgerinnen und Bürgern im Landkreis zudem die Frage, weshalb lange Zeit im täglichen Bericht des Landkreises genau die Infektionsausbrüche dargestellt waren, dies aber seit wenigen Tagen nicht mehr geschieht. Und es bleiben allein im März und auch nun im April zahlreiche Tage, an denen die vom Landkreis gemeldeten Inzidenzwerte von denen des RKI und der allgemeinen Rechenformel, die der Landkreis wie auch alle anderen Gebietskörperschaften offiziell anwendet, stark abweichen. Sicherlich bei weitem nicht so stark, wie es offenbar im Landkreis Vorpommern-Greifswald der Fall war, wo sich derzeit Landrat Michael Sack massiven Vorwürfen der Zahlentrickserei ausgesetzt sieht.

 

Die Situation ruft nach Aufklärung

Vorwürfen, die es ohne Frage aufzuklären gilt. Aber nur, weil dort die Abweichungen offenbar größer sind, verkleinert dies die Fragen in Richtung des Landkreises Ludwigslust-Parchim und dessen Landrat Stefan Sternberg nicht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er selbst es war, der das Wort „ehrlichste Inzidenzen“ in den Mund nahm. Denn nimmt man ihn beim Wort, und waren die Zahlen der letzten Tage tatsächlich die „ehrlichsten“, was sagt das über die Angaben der Wochen und Monate zuvor oder alternativ über das Verständnis von „Ehrlichkeit“ aus? Es bleibt abzuwarten, ob auch hier aus der Politik heraus noch genauer nachgefragt und nachgeforscht wird.

Redaktion

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