Diskriminierungsfall in der Schwimmhalle bleibt auf der Tagesordnung

War es wirklich nur ein "bedauerlicher Einzelfall"? Übrigens eine beliebte Vokabel in Deutschland, wenn etwas heruntergespielt werden soll. Und selbst dieser "Einzelfall" wäre zu fett, um ihn unter den Tisch fallen zu lassen. Wer nicht deutsch mit den Bademeistern sprechen könne, käme allein nicht in die Schwimmhalle. Das gelte - ganz nebenbei - auch für Gehörlose. So die Aussage einer dortigen Mitarbeiterin. Die Stadt versucht sich in Schadensbegrenzung. Aber von echten Konsequenzen ist nicht die Rede.

Steht die Schwimmhalle in Schwerin wirklich allen offen? | Foto: Symbolbild

Am Dienstag und Mittwoch dürfte ein Artikel der Schweriner Volkszeitung viele Schwerinerinnen und Schweriner aufgeschreckt haben. In der Schwimmhalle der Landeshauptstadt, die Betreiberin der Einrichtung ist, durfte ein Mann, der nur türkisch, nicht aber deutsch sprach, nicht in die Halle. Als sich eine couragierte Bürgerin einschaltete, wurde die Situation noch unvorstellbarer.

 

Keine deutsche Sprache – Kein Schwimmhalleneintritt

Wie die SVZ unter Berufung auf die Zeugin, die auf bemerkenswerte Weise Zivilcourage bewies, berichtete, habe die städtische Mitarbeiterin der Schwimmhalle auf wiederholte Nachfrage konsequent das Gleiche geantwortet: Nämlich, „dass der Mann nicht rein darf, weil er des Deutschen nicht mächtig sei, und der Bademeister sich deshalb nicht mit ihm verständigen könne“.

 

Auch Gehörlose dürften allein nicht in die Halle

Selbst Versuche, die kommunale Angestellte davon zu überzeugen, dass dies doch kaum ein Grund zur Abweisung sein könne, schlugen fehl. Es blieb dabei, wer nicht mit dem Personal deutsch sprechen könnte, käme nicht hinein. Als die Zeugin dann fragte, wie man in der Schwimmhalle denn dann beispielsweise mit Gehörlosen umgehe, setzte die Mitarbeiterin vor Ort noch einen drauf: „Dass auch Gehörlose ein eigenständiges Leben führen, ließ die Frau [Anm.: die Mitarbeiterin der Schwimmhalle] nicht gelten. Ohne Begleitung kämen Gehörlose dann eben auch nicht rein. Zudem habe man ja schon Erfahrungen gemacht mit Menschen, die kein Deutsch können.“

Nimmt man es genau, dürften das in einem Satz gleichzeitig Diskriminierung und Rassismus gewesen sein. Und das von einer Mitarbeiterin der städtischen Schwimmhalle. Die Zeugin war ebenso entsetzt, wie es viele Schwerinerinnen und Schweriner gewesen sein dürften.

 

Stadt reagiert auf Artikel zu diskriminierendem Verhalten

In einer ersten Stellungnahme noch am Dienstag, die die Stadt allerdings offenbar auf Anfrage der SVZ erstellte und nur dieser sandte, hieß es von Stadtsprecherin Michaela Christen, man habe die Situation ausgewertet und möchte sich bei dem zu Unrecht abgewiesenen Mann entschuldigen. Mögliche Sicherheitsbedenken seitens des Personals dürften nicht dazu führen, „dass bestimmte Gruppen gänzlich vom Schwimmen in der Schwimmhalle ausgeschlossen werden.“ Und weiter hieß es: „Wir haben den Vorfall zudem zum Anlass genommen, auch den Umgang mit behinderten Menschen zu hinterfragen und bedanken uns für den Hinweis der Bürgerin.“

 

Schwimmhallenleiter: „unsachgemäße Entscheidung“ und „bedauerlicher Einzelfall“

So wirklich nach einer ernsthaften Aufarbeitung dieser offensichtlich in Teilen rassistischen, in der Gesamtheit ganz sicher diskriminierenden Reaktion seitens der Schwimmhallen-Mitarbeiterin klang das noch nicht. Die erste wirklich offizielle Reaktion der Stadt auf den von der SVZ ans Licht gebrachten Vorfall gab es letztlich auch erst am gestrigen Freitag. Und auch hier klingt es nach allem, aber nicht nach einer tatsächlichen Auswertung. Schwimmhallenleiter Stefan Kuß benannte das Geschehen dann auch nicht klar als das, was es war: Nämlich eine nicht hinnehmbare diskriminierende Entgleisung einer kommunalen Angestellten. Vielmehr sprach er von einer „unsachgemäßen Entscheidung“ sowie einem „bedauerlichen Einzelfall“.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden „sogar eine sechswöchige Schulung in englischer Sprache“ absolvieren, Baderegeln hingen in mehreren Sprachen – jetzt auch in ukrainisch und türkisch – aus. Im Falle von Verständigungsproblemen käme ggf. der „Google-Übersetzer“ zum Einsatz. „Notfalls verständigen wir uns mit den Badegästen mit Händen und Füßen“, so Kuß. Davon allerdings hat die seinem Bereich zugeordnete Mitarbeiterin aber offenbar nichts gewusst. Gehandelt hat sie zumindest nicht so, wie es ihr Chef als Normalität beschreibt.

 

Gestern klang es nach Rechtfertigung, nicht nach Entschuldigung

Durchaus neue Fragen aufwerfend ist dann der letzte Satz der städtischen Information, wie gesagt, die erste tatsächlich öffentliche Stellungnahme zu dem Vorfall, in der man sicherlich ein paar Worte des Bedauerns, im Idealfall auch von Oberbürgermeister Rico Badenschier, hätte erwarten können. Das aber war nicht der Fall. Vielmehr hieß es abschließend: „Ungeachtet dessen gehört zu den Sicherheitsstandards in einer Schwimmhalle ein Mindestmaß an gegenseitigem Verstehen, z.B. ob der Badegast schwimmen und im Ernstfall den Anweisungen des Badepersonals Folge leisten kann.“ Nach Entschuldigung klingt das nicht, eher nach einer plötzlichen Rechtfertigung für das nicht hinnehmbare Verhalten. Vor diesem Hintergrund scheint es auch nicht verwunderlich, dass die Frage unserer Redaktion nach möglichen personellen Konsequenzen – die ja auch in einer weiteren Schulung hätten bestehen können – von der Stadtsprecherin nicht beantwortet wurde.

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