Lernen ohne Grenzen:
Dr. Nabeel Farhan erklärt, wie der Freiburger Bund internationale Fachkräfte stärkt
Wer schon einmal versucht hat, sich in einem fremden Land beruflich neu zu etablieren, weiß: Es geht nicht nur um Qualifikationen auf dem Papier.

Es geht um Sprache, um Systeme, um ungeschriebene Regeln und manchmal schlicht darum, jemanden zu kennen, der den Weg schon gegangen ist. Genau hier setzt der Freiburger Bund an, ein Netzwerk, das sich auf internationale Gesundheitsfachkräfte in Deutschland spezialisiert hat und inzwischen Mitglieder aus mehr als 20 Ländern vereint. Was aus einer konkreten Erfahrungslücke entstand, entwickelt sich zunehmend zu einer Community, die weit über den klassischen Austausch hinausgeht und dabei direkte Auswirkungen auf die Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland hat.
Ein Netzwerk, das aus eigener Erfahrung entstand
Was den Freiburger Bund von einer klassischen Berufsvereinigung unterscheidet, ist sein Selbstverständnis. Das Netzwerk wurde von Menschen gegründet, die diese Erfahrung selbst gemacht haben: die Unsicherheit beim Visa-Prozess, die zermürbende Wartezeit auf Berufsanerkennung, die Sprachbarriere im Klinikalltag. Das ist kein Marketingversprechen, sondern der Kern, aus dem heraus das Netzwerk entstand. Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker, die bereits in Deutschland Fuß gefasst haben, stehen neu Zugezogenen mit konkretem Erfahrungswissen zur Seite. Das klingt simpel und ist dabei höchst effektiv.
Dr. Nabeel Farhan, Geschäftsführer des Freiburger Bundes und zugleich der Freiburg International Academy (FIA), beschreibt das Grundprinzip so: „Wissen, das jemand bereits erworben hat, sollte nicht verloren gehen. Wenn eine Ärztin aus Ägypten den gesamten Anerkennungsprozess durchlaufen hat, trägt sie einen Erfahrungsschatz in sich, der für die nächste Person, die denselben Weg geht, Gold wert ist.” Dieser Gedanke der systematischen Weitergabe ist es, der das Netzwerk trägt. Weniger eine Institution, mehr ein lebendiger Kreislauf aus Geben und Nehmen.
Vielfalt als Lernprinzip: Mitglieder aus über 20 Ländern
Die Internationalität des Netzwerks ist dabei kein zufälliges Nebenprodukt, sondern bewusst gestaltet. Mitglieder aus Ländern wie Syrien, dem Irak, Tunesien, der Ukraine, Indien oder Nigeria bringen nicht nur unterschiedliche medizinische Ausbildungstraditionen mit, sondern auch verschiedene Kommunikationsstile, Patientenverständnisse und klinische Herangehensweisen. Wer mit Kolleginnen und Kollegen aus 20 Ländern diskutiert, denkt zwangsläufig breiter. Aus der Vielfalt entsteht dabei keine Beliebigkeit, sondern Tiefe, ähnlich wie ein Orchester erst durch das Zusammenspiel verschiedener Instrumente seinen vollen Klang entfaltet.
Das wirkt sich auch auf den konkreten Lernprozess aus. Eine Fachärztin aus Syrien, die ihr medizinisches Studium unter völlig anderen curricularen Bedingungen absolviert hat als ein Kollege aus Indien, bringt andere Denkmuster in eine klinische Diskussion ein. Das bereichert nicht nur die Lerngruppe, sondern schärft auch das eigene fachliche Profil. Wer lernt, medizinische Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, ist im Klinikalltag flexibler und im Umgang mit einer heterogenen Patientenschaft besser vorbereitet. Das ist kein weicher Mehrwert, sondern ein handfester Qualitätsfaktor.
Für Dr. Farhan ist das keine romantische Idee, sondern eine Notwendigkeit: „Das deutsche Gesundheitssystem ist auf internationale Fachkräfte angewiesen, das ist Realität. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie wir diese Integration gestalten. Ein Netzwerk wie der Freiburger Bund kann dabei eine Brücke sein, die weder Behörden noch Kliniken allein bauen können.”
Digitale Infrastruktur für eine wachsende Community
Konkret arbeitet der Freiburger Bund an einer Plattformerweiterung, die künftig drei Portale umfassen soll: ein Community-Portal für den direkten Austausch unter Mitgliedern, sowie ein Job-Portal mit persönlicher Beratung bei der Stellensuche. Was sich nach Standard-Features anhört, ist im Kontext der Zielgruppe durchdacht. Wer aus dem Ausland nach Deutschland kommt und dabei gleichzeitig Sprachkurse absolviert, Behördengänge organisiert und seinen Berufsalltag strukturiert, braucht keine allgemeinen Karriereplattformen, sondern Angebote, die exakt auf den eigenen Weg zugeschnitten sind.
Das Infoportal des Freiburger Bundes, das mehrsprachig in Deutsch, Englisch, Arabisch und Französisch verfügbar ist wird, gibt dabei einen Vorgeschmack auf das, was entstehen soll. Themen wie Reisevorbereitung, Berufsanerkennung, Visumantrag und Stellensuche werden dort aufbereitet. Das klingt nach Bürokratie, ist aber für viele Neuankömmlinge tatsächlich der erste verlässliche Orientierungspunkt in einem System, das von außen undurchsichtig wirkt. Wer nicht weiß, was eine Approbation ist und warum sie sich von einer Berufserlaubnis unterscheidet, findet hier Antworten, ohne auf Behördensprache angewiesen zu sein.
FIA Academy und Freiburger Bund: Zwei Seiten einer Medaille
Eng verzahnt ist der Freiburger Bund mit der Freiburg International Academy (FIA), die seit 2015 internationale Gesundheitsfachkräfte für die berufliche Anerkennung in Deutschland qualifiziert. Die FIA betreibt Schulungszentren unter anderem in Freiburg, Berlin, Frankfurt, Hannover, Heidelberg und Landshut und begleitet Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker durch berufsbezogene Sprach- und Fachkurse sowie prüfungsvorbereitende Qualifizierungsmaßnahmen. Als nach AZAV zertifizierter Bildungsträger deckt die FIA dabei den formalen Weg zur Berufsanerkennung ab, von der Sprachprüfung auf A1-Niveau bis hin zum Patientenkommunikationstest auf C1-Niveau.
Während die FIA den formalen Qualifizierungsweg begleitet, soll der Freiburger Bund die Brücke in die Community schlagen. Beide Strukturen ergänzen sich: Die Akademie vermittelt das fachliche und sprachliche Rüstzeug, das Netzwerk den menschlichen Kontext, in dem dieses Wissen erst wirklich wirksam wird. Man könnte sagen, die FIA öffnet die Tür zum deutschen Gesundheitssystem, der Freiburger Bund sorgt dafür, dass man nicht allein durch sie hindurchgeht.
Dr. Farhan, der beide Einrichtungen leitet, sieht darin kein Zufall: „Es hat sich gezeigt, dass Qualifizierung allein nicht ausreicht. Fachkräfte brauchen auch ein soziales Fundament, Gleichgesinnte, Orientierung, das Gefühl, nicht von vorne anzufangen, sondern auf etwas aufzubauen. Das ist der Punkt, an dem das Netzwerk ansetzt.”
Stimmen aus dem Netzwerk: Was Austausch im Alltag bewirkt
Stimmen aus dem Netzwerk selbst zeigen, wie wertvoll dieser Austausch im Alltag ist. Wer als Ärztin aus Tunesien oder als Zahnarzt aus dem Irak nach Deutschland kommt, kämpft häufig nicht nur mit bürokratischen Hürden, sondern auch mit dem Gefühl, allein durch einen Dschungel zu navigieren, den alle anderen schon zu kennen scheinen. Ein Netzwerk, das in mehreren Sprachen kommuniziert und in dem jemand antwortet, der dieselbe Ausgangslage kannte, verändert diese Erfahrung grundlegend. Aus der Isolation wird Zugehörigkeit, aus dem Einzelkampf ein gemeinsamer Weg.
Das Netzwerk pflegt seinen Austausch nicht nur über die geplante App-Plattform, sondern auch aktiv über soziale Kanäle wie Telegram, Instagram, TikTok und YouTube. Diese Präsenz ist kein Selbstzweck. Sie ermöglicht es, Fachkräfte dort zu erreichen, wo sie bereits sind: auf dem Smartphone, im Kurs, auf dem Weg zur Behörde. Wer sich über einen Instagram-Post informiert und dann über Telegram Fragen stellt, nimmt einen anderen, niederschwelligeren Einstieg in das Netzwerk als über eine formale Mitgliedschaft. Diese Offenheit ist gewollt.
Internationales Lernen als Zukunftsmodell für das Gesundheitswesen
Was der Freiburger Bund damit langfristig anstrebt, geht über das Netzwerk selbst hinaus. Wenn Ärztinnen aus 20 Ländern miteinander lernen, voneinander lernen und gemeinsam in die Versorgung eintreten, verändert das nicht nur ihre individuelle Karriere. Es verändert auch, wie Gesundheitsversorgung in einem Land aussieht, das auf genau diese Fachkräfte angewiesen ist. Dr. Farhan bringt es auf den Punkt: „Wir wollen keinen sicheren Hafen bauen, in dem internationale Fachkräfte unter sich bleiben. Wir wollen eine Gemeinschaft, die sie so stark macht, dass sie das deutsche Gesundheitssystem aktiv mitgestalten können.”
Das ist ein Unterschied, der zählt: zwischen Integration als Anpassungsleistung einerseits und Integration als Beitrag andererseits. Der Freiburger Bund versteht sich als Plattform für Letzteres. Und wer sich das wachsende Netzwerk aus mehr als 20 Herkunftsländern ansieht, bekommt einen konkreten Eindruck davon, was entsteht, wenn Lernen keine Grenzen mehr kennt.
