Meinung | Kommentar:
In Schwerin paddelt die Politk erst los, wenn andere aufhören
Kaum soll das Drachenbootfestival pausieren, kommt Schwerins Politik in Bewegung. Hilft nur noch die Absage? Und was hat die Paulshöhe damit zu tun? Unser Samstagskommentar: ein Meinungsbeitrag mit Biss.

Ich habe die Bedeutung des Drachenbootsports für die kommunale Willensbildung bislang unterschätzt. Man muss dafür offenbar nicht einmal paddeln. Es genügt, das Paddel hinzulegen. Schon kommt Bewegung ins Stadthaus und in die Stadtvertretung.
Das Schweriner Drachenbootfestival soll 2027 pausieren. Das hatten die Organisatoren am Ende des diesjährigen Festivals überraschend angekündig. Daraufhin hat sich die Stadtvertretung einstimmig für seinen Erhalt ausgesprochen. Einstimmig! So viel Einigkeit würde man sich bei den städtischen Finanzen wünschen. Vielleicht sollte man die nächste Haushaltsberatung ebenfalls absagen. Wenn die Aussicht auf einen Ausfall derart zusammenschweißt, wäre es einen Versuch wert.
Inzwischen sitzen Stadt, Veranstalter und Sponsoren zusammen. Ein Finanzplan soll her, zunächst sollen die sportlichen Wettkämpfe für 2027 gesichert werden. Es geht also etwas. Die Aussicht, dass nichts stattfindet, ist offenbar ein hervorragender Veranstaltungsmotor.
Ehrenamt mit Kündigungsverbot?
Nun wäre es billig, den Organisatoren vorzuwerfen, sie hätten bloß keine Lust mehr. Die langjährigen Verantwortlichen haben ihren Rückzug mit der Belastung durch das Ehrenamt begründet. Wer neben seinem Beruf ein solches Festival organisiert, darf erschöpft sein. Er darf sogar aufhören, ohne vorher die Zustimmung sämtlicher Menschen einzuholen, die einmal im Jahr beim Feuerwerk stehen.
Das Ehrenamt ist eine bemerkenswerte Einrichtung. Menschen arbeiten kostenlos, damit andere Menschen anschließend feststellen können, dass die Veranstaltung unverzichtbar ist. Unverzichtbar werden dabei gelegentlich auch die Helfer. Das erfahren sie spätestens, wenn sie nicht mehr helfen möchten.
Ein Stück vom Kuchen Paulshöhe
Trotzdem interessiert mich eine zweite Geschichte. Sie spielt ein Stück vom Pfaffenteich entfernt, auf der Paulshöhe. Auch dort hatte die Kanurenngemeinschaft Erwartungen. Im Nutzungskonzept der Waldorfvereinigung von 2020 tauchen eine Logistikfläche und sanitäre Einrichtungen für den Verein auf. Die Empfehlungen des Dialogforums in der Fassung vom September 2024 sehen vor, dass während der Regatten Flächen für Bootstrailer und Camping zeitweise genutzt werden können.
Die Kanuten hatten also durchaus Grund zu hoffen, bei der Neuverteilung der Paulshöhe berücksichtigt zu werden. Das ist zunächst weder unanständig noch erstaunlich. Ein Verein benötigt Platz. Er meldet seinen Bedarf an. Dafür gibt es Planungsverfahren. Und dann gibt es noch die Hoffnung. Sie benötigt keinen Bebauungsplan und lässt sich deshalb besonders lange aufrechterhalten.
Hat die angekündigte Festivalpause etwas mit diesen Erwartungen zu tun? Soll damit Druck auf die Stadt ausgeübt werden? Belegt ist das bislang nicht. Wer aus einem Flächenwunsch und einer Festivalpause kurzerhand einen fertigen Kuhhandel zusammensetzt, hat zwar eine schöne Geschichte. Ihm fehlt lediglich der Nachweis.
Die Wirkung der Pause lässt sich dagegen gerade sehen. Die Politik beschäftigt sich mit dem Verein und seiner Veranstaltung. Es gibt Gespräche, öffentliche Bekenntnisse und die Suche nach Lösungen. Ob beabsichtigt oder nicht: Die Ankündigung hat Druck erzeugt. Das ist der interessante Punkt. Offenbar kann eine drohende Lücke im Veranstaltungskalender eine erstaunliche Betriebsamkeit auslösen. Man stelle sich vor, ein Formular könnte so etwas.
Applaus ersetzt keine Antworten
Für die Kanurenngemeinschaft ist diese Aufmerksamkeit eine Chance. Sie sollte deshalb möglichst genau sagen, was sie braucht. Geld? Helfer? Einen professionellen Veranstalter? Flächen? Welche davon, wo und wofür? Das mag unromantisch klingen. Aber eine fehlende Toilette lässt sich mit einem Bekenntnis zum gesellschaftlichen Zusammenhalt nur unzureichend ersetzen.
Die Stadt wiederum sollte erklären, welche Perspektive die Kanuten auf der Paulshöhe tatsächlich haben. Eine vorgesehene Nutzung ist noch keine verfügbare Fläche. Ein Konzept ist noch keine Zusage. Und ein freundliches Gespräch wird auch durch mehrmalige Wiederholung nicht zum Vertrag. Falls die Paulshöhe bei den Verhandlungen über das Festival mit auf dem Tisch liegt, sollte man das erfahren dürfen. Schließlich gehört der Tisch ebenso wie die Fläche letztlich der Öffentlichkeit.
Man muss dafür niemandem böse Absichten unterstellen. Es reicht, nach seinen Interessen zu fragen. Auch ein verdienstvoller Verein sollte das aushalten. Zumal die Kanurenngemeinschaft nach unseren bisherigen Erfahrungen mit Auskünften gern etwas sparsamer umgeht. Verdienste verdienen Anerkennung. Eine Befreiung von Nachfragen gehört nicht dazu.
Oberbürgermeister Sebastian Ehlers (CDU) ist zugutezuhalten, dass er die Beteiligten zusammengebracht hat. Jetzt muss aus der Gesprächsrunde allerdings mehr werden als eine zweite Gesprächsrunde. Ein Sponsor kann eine Rechnung bezahlen. Die nächste Schicht beim Aufbau übernimmt er damit noch nicht.
Ich möchte das Drachenbootfestival behalten. Ich möchte auch, dass Menschen, die es organisieren, noch ein Leben außerhalb dieses Festivals führen können. Beides sollte sich in einer Landeshauptstadt hinbekommen lassen. Was ich weniger überzeugend finde, ist die Vorstellung, dass ein Anliegen erst dann richtig wichtig wird, wenn seine Träger erklären, sie machten nicht mehr weiter.
Das spricht sich herum. Am Ende sagen sämtliche Vereine ihre Veranstaltungen vorsorglich ab, damit rechtzeitig mit den Vorbereitungen begonnen werden kann.





