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300.000 Euro Streit:
Mehrheit der Stadtvertreter stimmt für dritten Dezernenten

Trotz knapper Kassen hält Schwerin an einer dritten Dezernentenstelle fest. CDU, SPD und Linke bereiten die Neubesetzung vor. Ein Sparantrag von UB/FDP scheiterte nach kontroverser Debatte.

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  • Veröffentlicht Juni 30, 2026
dritter Dezernent Schwerin
Die Stadtvertre­tung hält an drei Dez­er­nen­ten fest. Foto: Dario Rochow

 

Schw­erin wird auch kün­ftig drei Dez­er­nen­ten haben. Nach ein­er teils hitzig geführten Debat­te lehnte die Stadtvertre­tung am Mon­tagabend einen Antrag der Frak­tion Unab­hängige Bürger/FDP ab, dauer­haft auf die dritte Dez­er­nen­ten­stelle zu verzicht­en. Stattdessen erhielt der gemein­same Antrag von CDU, SPD und Linken die Mehrheit. Damit wird die Wahl ein­er neuen Dez­er­nentin oder eines neuen Dez­er­nen­ten als Nach­fol­ger der bish­eri­gen Sozialdez­er­nentin Mar­ti­na Trauth (Linke) vor­bere­it­et.

Zuvor hat­te die Stadtvertre­tung die bish­erige Dez­er­nentin Mar­ti­na Trauth ein­stim­mig abberufen. Trauth hat­te selb­st ihre Abberu­fung krankheits­be­d­ingt vorgeschla­gen. Im Anschluss an die Abberu­fung ent­bran­nte die Debat­te über die kün­ftige Ver­wal­tungsstruk­tur.

Heiko Stein­müller erk­lärte, er habe sich schon vor eini­gen Jahren dage­gen aus­ge­sprochen eine dritte Dez­er­nen­ten­stelle in Schw­erin zu schaf­fen. Die Stelle war im Früh­jahr 2022 auf Beschluss der Stadtvertre­tung geschaf­fen wor­den.

Nun, so Stein­müller, biete sich jedoch die Chance, die Ver­wal­tung dauer­haft auf zwei Dez­er­nate zu reduzieren. Dadurch, so der Stadtvertreter weit­er, kön­nten jährlich rund 300.000 Euro einges­part wer­den. Dieses Geld kön­nte, das angesichts der anges­pan­nten Haushalt­slage, sin­nvoller einge­set­zt wer­den.

Gegner fordern Verzicht auf dritte Dezernentenstelle

Auch Man­fred Strauß (UB) warb für diesen Kurs. Er erin­nerte daran, dass Trauth bere­its seit einein­halb Jahren nicht mehr im Dienst sei und die Ver­wal­tung den­noch funk­tion­iere. Der Ober­bürg­er­meis­ter könne die Auf­gaben eines Dez­er­nats selb­st übernehmen. Das sei in der Ver­gan­gen­heit ja bere­its genau­so prak­tiziert wor­den. Mit Blick auf die jährlich 300.000 Euro für die Stelle, sagte Strauß: „Wenn wir diese Summe nicht ver­brauchen, ist das gut für unser Haushalts­de­fiz­it“. An die übri­gen Frak­tio­nen appel­lierte der Frak­tionsvor­sitzende: „Lassen Sie die Son­ntagsre­den sein. Wenn Sie wirk­lich etwas für die Stadt tun wollen, verzicht­en Sie jet­zt auf die Dez­er­nen­ten­stelle.“

AfD-Frak­tionsvor­sitzende Petra Fed­er­au kri­tisierte vor allem das Ver­fahren. Nach der Ober­bürg­er­meis­ter­wahl habe es keine gemein­same Beratung der Frak­tio­nen gegeben. Die Entschei­dung werde nun mit großer Eile getrof­fen. Inhaltlich machte sie deut­lich, dass die derzeit­ige Ver­wal­tungsstruk­tur aus­re­iche.

Für die Befür­worter ein­er Neube­set­zung wider­sprach CDU-Frak­tion­schef Gert Rudolf der Sparar­gu­men­ta­tion. Mit so ein­er Forderun­gen nach Einsparun­gen ließe sich „leicht Beifall gewin­nen”. Den Unab­hängi­gen Bürg­ern (UB) warf er vor, dass es ger­ade diese gewe­sen seien, die vor sich noch vor drei Jahren stark für einen drit­ten Dez­er­nen­ten einge­set­zt hät­ten.  Die derzeit­ige Auf­gaben­verteilung auf Ober­bürg­er­meis­ter und die bei­den verbliebe­nen Dez­er­nen­ten Bernd Not­te­baum und Sil­vio Horn könne lediglich eine Über­gangslö­sung sein. Angesichts der Größe Schw­erins und der Vielzahl der Auf­gaben sei ein drit­ter Dez­er­nent notwendig. Rudolf ver­wies zudem darauf, dass Kom­munen mit mehr als 100.000 Ein­wohn­ern laut Kom­mu­nalver­fas­sung sog­ar vier Beige­ord­nete haben kön­nten.

 

Meinung: Zur falschen Zeit das falsche Signal

Von Ste­fan Rochow

300.000 Euro im Jahr sind für Schw­erin kein Pap­pen­stiel. Die Stadt kämpft mit einem anges­pan­nten Haushalt, über­all wird über Einsparun­gen gesprochen. Aus­gerech­net jet­zt entschei­det sich die Mehrheit der Stadtvertre­tung dafür, wieder einen drit­ten Dez­er­nen­ten zu schaf­fen. Das ist ein poli­tis­ches Sig­nal, das viele Bürg­er kaum nachvol­lziehen dürften.

Die Befür­worter argu­men­tieren mit der Größe der Ver­wal­tung und den vielfälti­gen Auf­gaben. Das mag grund­sät­zlich richtig sein. Doch die entschei­dende Frage blieb unbeant­wortet: Warum geht es seit einein­halb Jahren auch ohne diese Stelle? Wer zusät­zliche Per­son­alkosten in dieser Größenord­nung beschließt, muss überzeu­gend erk­lären, warum sie unverzicht­bar sind. Diesen Nach­weis blieben CDU, SPD und Linke gestern Abend schuldig.

Stattdessen ver­lor sich die Debat­te in per­sön­lichen Angrif­f­en und parteipoli­tis­chen Abrech­nun­gen. Es ging plöt­zlich um frühere Mei­n­un­gen, ver­meintliche Dop­pel­moral und AfD-Vor­würfe, aber kaum noch um die eigentliche Sach­frage. Das wirk­te wie ein Ablenkungs­man­över.

Die Stadtvertre­tung hat sich entsch­ieden. Nun trägt die Mehrheit auch die Ver­ant­wor­tung dafür, dass die neue Dez­er­nen­ten­stelle mehr liefert als einen weit­eren gut bezahlten Posten. Denn eines ist sich­er: Die Schw­er­iner wer­den genau hin­schauen, ob sich diese Entschei­dung tat­säch­lich auszahlt oder ob hier vor allem poli­tis­che Inter­essen bedi­ent wur­den.

Deut­lich wurde auch Linken-Frak­tion­schef Gerd Böttger. Er hielt Man­fred Strauß und den Unab­hängi­gen Bürg­ern dessen frühere Hal­tung vor und warf ihnen einen Mei­n­ungswech­sel aus Oppor­tunis­mus vor. „Vor drei Jahren warst Du arguem­ta­tiv vorne dabei, einen drit­ten Beige­ord­neten zu schaf­fen”, so Böttger. Nun wolle Strauß plöt­zlich diese Stelle wieder abschaf­fen.  Man kann jede Woche eine andere Mei­n­ung haben, so der Linken-Poli­tik­er weit­er. Für solche Anträge solle sich Man­fred Strauß aber „schä­men”, so Böttger.

Vorwürfe und persönliche Angriffe prägen die Debatte

Leif-Erik Holm (AfD) sprach von notwendi­gen Spar­maß­nah­men und warf den anderen Frak­tio­nen „Kun­gelei“ vor. Es sei längst klar, wem sie später auf den Posten wählen woll­ten. „Wir sind dafür dass ges­part wird”, so Holm. An der drit­ten Dez­er­nen­ten­stelle fes­thal­ten zu wollen, sei „eine Schande”.

Dafür kassierte Holm prompt Wider­spruch. Mar­tin Neuhaus ent­geg­nete, die eigentliche „Schande“ sei gewe­sen, dass Schw­erin über Jahre keinen Sozialdez­er­nen­ten gese­hen habe. Er habe Ver­ständ­nis, dass das  in let­zter Zeit angesichts der Erkrankung der bish­eri­gen Amtsin­hab­erin nicht anders ging. Nun müsse das aber mit ein­er Neube­set­zung der Stelle verän­dert wer­den.

Daniel Treps­dorf (Linke) warnte in seinem State­ment davor, „pop­ulis­tis­chen Argu­men­ta­tion­s­mustern der AfD” zu fol­gen. Die AfD gehe „großzügig mit Steuergeld um”. Er ver­wies an dieser Stelle auf die bun­desweit­en Diskus­sio­nen um die Anstel­lung­sprax­is von Ehep­art­nern und Ver­wandten der AfD in Land­ta­gen und dem Bun­destag. Hier spiele sich die AfD nun als „Räch­er der Enterbten“ auf, so der Linken-Poli­tik­er. Überzeu­gend sei dies nicht.

Mehrheit macht den Weg für die Neubesetzung frei

Am Ende wurde der UB/FDP-Antrag auf Verzicht der drit­ten Dez­er­nen­ten­stelle von den Stadtvertretern mit 18 Ja‑, 22 Nein-Stim­men und ein­er Enthal­tung abgelehnt. Im Anschluss stimmte die Stadtvertre­tung dem gemein­samen Antrag von CDU, SPD und Linken mehrheitlich bei ein­er Enthal­tung zu. Damit wird die Ver­wal­tung beauf­tragt, die Wahl der drit­ten Dez­er­nentin oder Dez­er­nen­ten am 7. Dezem­ber vorzu­bere­it­en und die Stelle öffentlich auszuschreiben.