ANZEIGE |
Eine Werkstatt in Schwerin prüft seit einem Jahr die Fahrzeughistorie vor jeder Inspektion und hat seitdem weniger Reklamationen
Der Werkstattmeister in Schwerin hebt das Auto auf die Bühne und sieht sofort, dass da was nicht stimmt. Bremsscheiben runter, Kupplung am Ende, Ölspuren am Getriebe.

Das passt nicht zu 94.000, das passt eher zu 180.000 oder mehr. Der Kunde rastet aus, beschimpft die Werkstatt, er glaubt, die wollen ihm was andrehen. Seine Frau steht daneben und sagt nichts. Der Werkstattmeister steht da und fragt sich, warum er sich für etwas rechtfertigen muss, das jemand anderes verbockt hat. Er hat mir das am Telefon erzählt, und was er dabei gesagt hat, war im Grunde, dass er an dem Tag beschlossen hat, nie wieder in diese Lage zu kommen, nicht weil er Angst vor dem Kunden hatte, sondern weil es ihn nervte, der Bote der schlechten Nachricht zu sein, obwohl er nichts dafür konnte.
Jetzt prüft er vor jeder Inspektion die Fahrzeughistorie, Fahrgestellnummer rein, Daten abfragen, TÜV-Einträge abgleichen. Zehn Minuten, meistens weniger. Bei 40 bis 50 Inspektionen im Monat kommt da einiges zusammen, und im ersten Jahr hat er bei vielleicht 15 oder 20 Autos etwas gefunden, das nicht gepasst hat. Einen Kombi mit zwei verschiedenen Lackschichten an der Beifahrerseite, der Besitzer behauptete steif und fest, das Auto sei unfallfrei. Einen Transporter, bei dem drei Jahre Wartungshistorie komplett fehlten, der Typ hatte das Auto bei einem Händler in Neubrandenburg gekauft und ein Serviceheft dazubekommen, das 2021 aufhörte, und danach kam nichts mehr, keine Rechnung, kein Stempel, kein Ölwechsel, nichts. Der Werkstattmeister hat den Transporter trotzdem inspiziert, aber er hat dem Kunden vorher gesagt, was er gefunden hat, und der Kunde hat dann selbst entschieden, ob er 1200 Euro in das Auto stecken will oder nicht. Und dann die Klassiker, Kilometerstände, die nicht zu den TÜV-Berichten passen, mal 30000 Differenz, mal 80000. Manche Kunden nehmen es hin, nicken, fragen, was das jetzt heißt. Andere werden still und gehen, und ein paar wenige werden laut, wie der mit dem grauen Kombi. Was der Werkstattmeister aber sagt, ist, dass die meisten am Ende froh sind, egal wie die erste Reaktion ausfällt.
Die Werkstatt hat sechs Leute und liegt in einem Gewerbegebiet am Stadtrand, nichts Besonderes, kein Laden, der auffällt. Seit der Werkstattmeister die Historienprüfung eingeführt hat, muss er deutlich seltener am Telefon erklären, warum eine Reparatur nötig ist oder warum der Verschleiß nicht zum Tachostand passt. Früher gab es drei oder vier solche Telefonate im Monat, einmal kam einer dreimal vorbei, weil er nicht glauben wollte, dass der Zahnriemen fällig war, und der Werkstattmeister hat jedes Mal dasselbe gesagt, und am Ende hat der Kunde es woanders machen lassen und drei Monate später war der Riemen gerissen. Jetzt ruft vielleicht noch einer pro Monat an, und der will meistens wissen, wann sein Ersatzteil kommt. Mecklenburg-Vorpommern liegt direkt an Polen, von Stettin nach Schwerin sind es keine zwei Stunden auf der Autobahn, und ein Teil der Gebrauchtwagen, die hier den Besitzer wechseln, hat vorher in Polen oder im Baltikum gestanden. Das KBA meldete für 2025 mehr als 6,5 Millionen Besitzumschreibungen bundesweit, in MV ging die Zahl zuletzt eher zurück. Der Werkstattmeister merkt das daran, dass der Fahrzeugbestand in seiner Werkstatt älter wird, die Autos haben mehr Vorbesitzer, mehr Kilometer, und die Geschichten, die zu den Fahrzeugen gehören, werden komplizierter. Ein Auto, das in den letzten sechs Jahren in drei Ländern zugelassen war, taucht in Schwerin nicht selten auf. Was zwischen den Zulassungen passiert ist, wer den Tacho angefasst hat, ob überhaupt jemand den Tacho angefasst hat, das lässt sich manchmal klären und manchmal nicht. Die Kollegen in Rostock und Wismar erzählen am Telefon dasselbe, sagte der Werkstattmeister, die sehen die gleichen Autos mit den gleichen Lücken.
Ein Betrugserkennungsspezialist meinte, dass laut carVertical das Thema Autokauf Betrugsmasche langsam auch bei Leuten ankommt, die sich vorher nie Gedanken darüber gemacht haben – vor allem dort, wo viele Importfahrzeuge im Umlauf sind und Anfragen zur Fahrzeughistorie prüfen deutlich zugenommen haben. Das Europäische Parlament hat den wirtschaftlichen Schaden durch Tachomanipulation in der EU mal auf 5,6 bis 9,6 Milliarden Euro im Jahr geschätzt, beim grenzüberschreitenden Handel liegt die Manipulationsquote demnach bei 30 bis 50 Prozent. Seit 2005 steht Tachomanipulation unter Strafe, § 22b StVG, bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe. Wer ein manipuliertes Fahrzeug verkauft, begeht Betrug nach § 263 StGB, das hat der BGH 2017 so entschieden. Verurteilt wird trotzdem kaum jemand, weil die Manipulation meistens im Ausland passiert und die Beweiskette an der Grenze abreißt. Der Werkstattmeister in Schwerin kennt diese EU-Zahlen nicht, aber er kennt seine Autos, und was er sieht, passt ins Bild.
Ein paar Stammkunden fragen inzwischen von sich aus nach der Prüfung, und zweimal im letzten Monat hat jemand einen Gebrauchtwagen vorbeigebracht, bevor er den Kaufvertrag unterschrieben hat. Das habe es vorher nie gegeben, sagte er, und er klang dabei fast ein bisschen verdutzt. Ob sich das ganze Ding finanziell lohnt, weiß er nicht, die Prüfung bringt ihm kein Geld, aber er steht weniger am Telefon mit Leuten, die ihm nicht glauben wollen. Sein Kollege in Wismar macht es nur bei Importfahrzeugen, der Rest ist ihm zu viel Aufwand, er hat auch weniger Personal und kann sich die zehn Minuten pro Auto nicht leisten, sagt er. Der Werkstattmeister in Schwerin sieht das anders, er sagt, wenn man anfängt auszusortieren, welche Autos man prüft und welche nicht, dann hat man das Prinzip schon verloren. Der Kunde mit dem grauen Kombi ist übrigens wieder da, er hat den Wagen irgendwann mit Verlust losgeschlagen und fährt jetzt was anderes.
