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Eine Werkstatt in Schwerin prüft seit einem Jahr die Fahrzeughistorie vor jeder Inspektion und hat seitdem weniger Reklamationen

Der Werkstattmeister in Schwerin hebt das Auto auf die Bühne und sieht sofort, dass da was nicht stimmt. Bremsscheiben runter, Kupplung am Ende, Ölspuren am Getriebe.

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  • Veröffentlicht April 15, 2026

Das passt nicht zu 94.000, das passt eher zu 180.000 oder mehr. Der Kunde rastet aus, beschimpft die Werk­statt, er glaubt, die wollen ihm was andrehen. Seine Frau ste­ht daneben und sagt nichts. Der Werk­stattmeis­ter ste­ht da und fragt sich, warum er sich für etwas recht­fer­ti­gen muss, das jemand anderes ver­bockt hat. Er hat mir das am Tele­fon erzählt, und was er dabei gesagt hat, war im Grunde, dass er an dem Tag beschlossen hat, nie wieder in diese Lage zu kom­men, nicht weil er Angst vor dem Kun­den hat­te, son­dern weil es ihn nervte, der Bote der schlecht­en Nachricht zu sein, obwohl er nichts dafür kon­nte.

Jet­zt prüft er vor jed­er Inspek­tion die Fahrzeughis­to­rie, Fahrgestell­num­mer rein, Dat­en abfra­gen, TÜV-Ein­träge abgle­ichen. Zehn Minuten, meis­tens weniger. Bei 40 bis 50 Inspek­tio­nen im Monat kommt da einiges zusam­men, und im ersten Jahr hat er bei vielle­icht 15 oder 20 Autos etwas gefun­den, das nicht gepasst hat. Einen Kom­bi mit zwei ver­schiede­nen Lackschicht­en an der Beifahrer­seite, der Besitzer behauptete steif und fest, das Auto sei unfall­frei. Einen Trans­porter, bei dem drei Jahre Wartung­shis­to­rie kom­plett fehlten, der Typ hat­te das Auto bei einem Händler in Neubran­den­burg gekauft und ein Ser­vice­heft dazubekom­men, das 2021 aufhörte, und danach kam nichts mehr, keine Rech­nung, kein Stem­pel, kein Ölwech­sel, nichts. Der Werk­stattmeis­ter hat den Trans­porter trotz­dem inspiziert, aber er hat dem Kun­den vorher gesagt, was er gefun­den hat, und der Kunde hat dann selb­st entsch­ieden, ob er 1200 Euro in das Auto steck­en will oder nicht. Und dann die Klas­sik­er, Kilo­me­ter­stände, die nicht zu den TÜV-Bericht­en passen, mal 30000 Dif­ferenz, mal 80000. Manche Kun­den nehmen es hin, nick­en, fra­gen, was das jet­zt heißt. Andere wer­den still und gehen, und ein paar wenige wer­den laut, wie der mit dem grauen Kom­bi. Was der Werk­stattmeis­ter aber sagt, ist, dass die meis­ten am Ende froh sind, egal wie die erste Reak­tion aus­fällt.

Die Werk­statt hat sechs Leute und liegt in einem Gewer­bege­bi­et am Stad­trand, nichts Beson­deres, kein Laden, der auf­fällt. Seit der Werk­stattmeis­ter die His­to­rien­prü­fung einge­führt hat, muss er deut­lich sel­tener am Tele­fon erk­lären, warum eine Reparatur nötig ist oder warum der Ver­schleiß nicht zum Tacho­stand passt. Früher gab es drei oder vier solche Tele­fonate im Monat, ein­mal kam ein­er dreimal vor­bei, weil er nicht glauben wollte, dass der Zah­n­riemen fäl­lig war, und der Werk­stattmeis­ter hat jedes Mal das­selbe gesagt, und am Ende hat der Kunde es woan­ders machen lassen und drei Monate später war der Riemen geris­sen. Jet­zt ruft vielle­icht noch ein­er pro Monat an, und der will meis­tens wis­sen, wann sein Ersatzteil kommt. Meck­len­burg-Vor­pom­mern liegt direkt an Polen, von Stet­tin nach Schw­erin sind es keine zwei Stun­den auf der Auto­bahn, und ein Teil der Gebraucht­wa­gen, die hier den Besitzer wech­seln, hat vorher in Polen oder im Baltikum ges­tanden. Das KBA meldete für 2025 mehr als 6,5 Mil­lio­nen Besitzum­schrei­bun­gen bun­desweit, in MV ging die Zahl zulet­zt eher zurück. Der Werk­stattmeis­ter merkt das daran, dass der Fahrzeugbe­stand in sein­er Werk­statt älter wird, die Autos haben mehr Vorbe­sitzer, mehr Kilo­me­ter, und die Geschicht­en, die zu den Fahrzeu­gen gehören, wer­den kom­pliziert­er. Ein Auto, das in den let­zten sechs Jahren in drei Län­dern zuge­lassen war, taucht in Schw­erin nicht sel­ten auf. Was zwis­chen den Zulas­sun­gen passiert ist, wer den Tacho ange­fasst hat, ob über­haupt jemand den Tacho ange­fasst hat, das lässt sich manch­mal klären und manch­mal nicht. Die Kol­le­gen in Ros­tock und Wis­mar erzählen am Tele­fon das­selbe, sagte der Werk­stattmeis­ter, die sehen die gle­ichen Autos mit den gle­ichen Lück­en.

Ein Betrugserken­nungsspezial­ist meinte, dass laut carVer­ti­cal das The­ma Autokauf Betrugs­masche langsam auch bei Leuten ankommt, die sich vorher nie Gedanken darüber gemacht haben – vor allem dort, wo viele Import­fahrzeuge im Umlauf sind und Anfra­gen zur Fahrzeughis­to­rie prüfen deut­lich zugenom­men haben. Das Europäis­che Par­la­ment hat den wirtschaftlichen Schaden durch Tachoma­nip­u­la­tion in der EU mal auf 5,6 bis 9,6 Mil­liar­den Euro im Jahr geschätzt, beim gren­züber­schre­i­t­en­den Han­del liegt die Manip­u­la­tion­squote dem­nach bei 30 bis 50 Prozent. Seit 2005 ste­ht Tachoma­nip­u­la­tion unter Strafe, § 22b StVG, bis zu einem Jahr Frei­heitsstrafe. Wer ein manip­uliertes Fahrzeug verkauft, bege­ht Betrug nach § 263 StGB, das hat der BGH 2017 so entsch­ieden. Verurteilt wird trotz­dem kaum jemand, weil die Manip­u­la­tion meis­tens im Aus­land passiert und die Beweiskette an der Gren­ze abreißt. Der Werk­stattmeis­ter in Schw­erin ken­nt diese EU-Zahlen nicht, aber er ken­nt seine Autos, und was er sieht, passt ins Bild.

Ein paar Stammkun­den fra­gen inzwis­chen von sich aus nach der Prü­fung, und zweimal im let­zten Monat hat jemand einen Gebraucht­wa­gen vor­beige­bracht, bevor er den Kaufver­trag unter­schrieben hat. Das habe es vorher nie gegeben, sagte er, und er klang dabei fast ein biss­chen ver­dutzt. Ob sich das ganze Ding finanziell lohnt, weiß er nicht, die Prü­fung bringt ihm kein Geld, aber er ste­ht weniger am Tele­fon mit Leuten, die ihm nicht glauben wollen. Sein Kol­lege in Wis­mar macht es nur bei Import­fahrzeu­gen, der Rest ist ihm zu viel Aufwand, er hat auch weniger Per­son­al und kann sich die zehn Minuten pro Auto nicht leis­ten, sagt er. Der Werk­stattmeis­ter in Schw­erin sieht das anders, er sagt, wenn man anfängt auszu­sortieren, welche Autos man prüft und welche nicht, dann hat man das Prinzip schon ver­loren. Der Kunde mit dem grauen Kom­bi ist übri­gens wieder da, er hat den Wagen irgend­wann mit Ver­lust los­geschla­gen und fährt jet­zt was anderes.