Einzigartig, humorvoll und tiefgründig

Rainald Grebe und Die Kapelle der Versöhnung geben umjubeltes Konzert im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Von Stephan Haring

Foto: Stephan Haring

Am vergangenen Samstagabend war das Mecklenburgische Staatstheater – wie so oft – Ziel zahlreicher Kulturbegeisterter. Und doch wurde schon bei einem flüchtigen Blick schnell deutlich, dass es nicht das „typische“ Theaterpublikum war, das ins Große Haus strömte. Nicht Anzüge und Kleider sondern eher legere Kleidung prägte das Bild. Am Gebäude deutete zudem das Plakat mit der Aufschrift „Gastspiel“ auf ein besonderes Event hin.

Während vor der Tür eine weitere Probe für die Open-Air-Inszenierung der „Tosca“ stattfand und rund um die Siegessäule der Mittelaltermarkt mit leisen Dudelsacktönen auf sich aufmerksam machte, füllten sich die Plätze im Parkett sowie im 1. und 2. Rang des Großen Hauses fast vollständig mit erwartungsvollen Besuchern von jung bis alt. Erstmals hatte Liedermacher Rainald Grebe gemeinsam mit seiner Kapelle der Versöhnung zu einem Konzert ins Staatstheater geladen.

Eine großartige Kulisse für einen der ganz Großen seines Metiers. Der STERN sieht in ihm „eine Mischung aus Udo Jürgens und Helge Schneider“. Für seine Fans ist er einzigartig. Und sie haben Recht. Und genau diese Einzigartigkeit bewies Rainald Grewe, der in keine herkömmliche Schublade als bloßer „Kabarettist“ oder „Songwriter“ passt, in Schwerin auf’s Neue: Wenn er das Publikum schon zu Beginn auffordert mit ihm Volkslieder zu singen, dann sind die Reihen, unabhängig von Alter oder Herkunft, ebenso begeistert dabei, wie beim Wiederholen des „Multitaskers“ im gleichnamigen Titel – mit und ohne Händen in der Höhe.

 

Foto. Stephan Haring

 

Grebe reist mit seinem Schweriner Publikum ebenso in den „Urlaub“, in dem man endlich die Zeit findet, Tolstois Krieg und Frieden zu lesen, wie in das ferne Albanien. Das Land, in dem er nach Draculas Wochenendhaus Ausschau hält, besingt er fast ebenso leicht vergiftet-liebevoll wie einst Brandenburg. Und auch Meck-Pomm bekommt natürlich sein Fett weg, stehe es doch für „Ayurveda und Hartz 4“. So hart manch Songzeile dabei klingt, so liebevoll bleibt Grebe doch stets, wenn es um Regionen und deren Menschen geht. So ist seine Protagonistin aus M-V „wie ihr Land – wunder-, wunderschön, aber arm, wie eine Tüte Sand“.

Weniger liebevoll hingegen ist Grebe in seiner auf Alltagsbeobachtungen basierenden Gesellschaftskritik, die sich in den gehetzten und sich am Ende überschlagenden Zeilen des „Multitaskers“ ebenso deutlich zeigt, wie an anderer Stelle in einem Glückwunsch-Song zum 50. Geburtstag der 68er. Und doch erlebt man, trotz dieser oft sehr klaren Zeilen, durchweg ein amüsiertes Publikum, das selbst ersthafte Kritik mit Lachen beantwortet. Es sind so oft die Mimik und Gestik des Künstlers, die einem gar keinen Ausweg lassen.

 

Mit Liebe zur Musik gegen den Schlaganfall

 

Allerdings haben die wirklich ernsthaften Momente in den Konzerten Grebes inzwischen durchaus einen größeren Raum eingenommen. Perfekt inszenieren er und seiner „Kapelle der Versöhnung“ – bestehend aus einem Schlagzeuger, einem Bassisten und einem Gitarristen – durch sehr leise oder auch extrem laute Töne. Und durch einen das gesamte Konzert durchziehenden dünnen roten Faden: Das Thema „Schlaganfall“.

 

Foto: Stephan Haring

 

Grebe macht hier erkennbar aus der Not eine Tugend. Im März 2017 konnte er eines seiner Konzerte aufgrund eines Schlaganfalls nicht fortsetzen. Ihm fehlte damals jeder Zusammenhang, seine Gedanken und Worte ergaben keinen Sinn mehr. Das Publikum reagierte verwundert, als er nach der Pause nicht auf die Bühne zurückkehrte: „Er ist doch wie immer.“ Aber genau das war er eben nicht der Fall. Und auch heute noch wird dies auf der Bühne deutlich, wenn der Künstler wiederholt Papiere mit den Songtexten nutzen muss, um stolperfrei durch alle Titel zu kommen. Das Publikum aber honoriert dies mit einer Mischung aus Anerkennung – und Humor. Denn Grebe wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch diese Situationen so perfekt in das Konzert integriert, dass sie Teil des Gesamtkunstwerkes werden. Ein bemerkenswerter Umgang mit einem so  einschneidenden Erlebnis, der manch individuelle Sorgen im Publikum plötzlich klein und viel weniger bedeutungsvoll werden lässt.

Nach 3 Stunden – tosenden Applaus und zwei längere Zugaben inbegriffen – ist das Konzert vorbei. Niemandem kam es wohl „so lange“ vor. Wohl alle hätten dem großen Künstler noch eine ganze Weile zuhören können. Aber, und dies ist vielleicht die letzte und entscheidende Besonderheit eines Rainald Grebe-Konzertes, den meisten wird erst jetzt am Ende und in den kommenden Stunden und Tagen schrittweise bewusst, welch großartige Leistung der Künstler vollbracht hat: Alle hatten einen munteren, ja fröhlichen, Abend. Die Botschaften Grebes aber waren tiefgehend und hochaktuell. Sie werden noch lange zum Nachdenken über das eigene Leben und manch gesellschaftliche Tendenzen anregen. Das macht Rainald Grebe aus – und deshalb ist er einmalig und mit niemandem vergleichbar.

Mehr Informationen zur Arbeit von Rainald Grebe finden Sie hier: www.rainaldgrebe.de

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