Erfolgreiches Telemedizin-Start-Up kommt aus Schwerin

Ärztemangel, Kostenexplosion und Zugänglichkeit zur Behandlung: Die Herausforderungen im Gesundheitswesen sind im Moment groß. Telemedizin kann hier zumindest ein wichtiger Lösungsansatz sein. Ein Start-Up aus Schwerin mischt in diesem Bereich ganz vorne mit.

Geschäftsführer Dr. Peter Zeggel wagte 2017 den Sprung ins kalte Wasser und gehört heute mit der arztkonsultation ak GmbH zu den deutschlandweit innovativsten Telemedizin-Unternehmen  Foto: Stephan Haring | Schwerin-Lokal

Telemedizin klingt auf den ersten Blick sehr altmodisch. Hinter dem Begriff steckt aber der größte Wandel in der Gesundheitsbranche. Wie in anderen Bereichen auch, macht die Digitalisierung auch vor dem Gesundheitswesen nicht halt. Dennoch bewegt sich die Branche nur sehr langsam. Kein Wunder: Alle, also Politik, Ärzte, Apotheker und auch die Patienten, haben eigene Interessen, die sie durchsetzen wollen. 2018 machte der Deutsche Ärztetag aber zumindest bereits den Weg für Telemedizin in Deutschland frei. Im Moment arbeitet das Bundesgesundheitsministerium daran, den Weg für das sogenannte E-Rezept frei zu machen.

Das entsprechende Gesetz ist am 16. August 2019 in Kraft getreten. Neben einer Erprobung im Rahmen von Modellprojekten wurden dann bis zum 30. Juni 2020 die technischen Festlegungen dafür getroffen, dass für die Übermittlung des elektronischen Rezepts zukünftig die sichere Telematikinfrastruktur im Gesundheitswesen verwendet werden kann. Den Arzt zukünftig in einer Videosprechstunde zu konsultieren und gleich das Rezept zu erhalten, wird bald eine realistische Sache sein. Ein Startup, das fest davon überzeugt ist, dass Videosprechstunden Potential haben, ist die arztkonsultation ak GmbH aus Schwerin.

Vorreiter auf dem deutschen Markt

Im Mai 2014 brachte das Unternehmen das erste Portal für Online-Sprechstunden auf den deutschen Markt. Vieles war damals eher Grauzone. Für das Geschäftsmodell gab es enge Grenzen. Viele Ärzte, Kassen und Verbände standen den Neuerungen noch skeptisch gegenüber. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern war Deutschland schon damals Nachzügler.

2016 stieß der heutige Geschäftsführer, Dr. Peter Zeggel dazu. Er war damals Berater der Dr. Roßbach, Mausch & Dr. Dangers GmbH, die zu dieser Zeit die Plattform www.arztkonsultation.de betrieben. „Die Idee fand ich damals super. Ich war fest davon überzeugt, dass das Konzept Zukunft haben wird.“, sagt Peter Zeggel jetzt im Nachgang. 2017 sah dann aber alles so aus, als wenn es vorbei wäre. Das Unternehmen geriet in Zahlungsschwierigkeiten und musste in die Insolvenz gehen.

Neubeginn vor drei Jahren

Peter Zeggel war aber von der Zukunft der Videosprechstunden überzeugt. Er kaufte die Plattform und startetet im September 2017 mit der heutigen arztkonsultation ak GmbH durch. Das Unternehmen zog in die Friedensstraße und entwickelte dort noch einmal seine Produkte neu. 2018 kippte der Deutsche Ärztetag das Fernbehandlungsverbot. Die Landesärztekammern in fast allen Bundesländern haben seither ihre Berufsordnungen aktualisiert. Mecklenburg-Vorpommern passte die entsprechenden Regelungen im November des vergangenen Jahres an. Was nun rechtlich möglich war, musste nun die Akzeptanz bei den Ärzten finden. „Das war ein schwieriger Prozess.“, sagt Zeggel rückblickend. Damals musste man dicke Bretter bohren.. Mit Roadshows zog das Unternehmen durchs Land und warb für die Idee der Videosprechstunden. „Oft schlug uns Widerstand entgegen. Vielen Ärzten fiel es schwer sich auf das digitale Angebot einzulassen.“

Lockdown brachte Durchbruch

Der Durchbruch kam dann im Frühjahr mit dem Lockdown. Plötzlich waren Videosprechstunden in Zeiten der Pandemie für den Patientenkontakt unverzichtbar geworden. „Wir erhielten plötzlich gut 100 Anfragen täglich. Im März und April meldeten sich gut 8600 Ärzte für den Service an.“, erzählt Peter Zeggel. Von März bis Juli hätten auf der Plattform 300.000 Videogespräche stattgefunden. „An einem Tag im April waren es 6500 Gespräche.“, erinnert sich Peter Zeggel. Das hätte auch das Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt. Angesichts dieses plötzlichen Nutzeranstiegs musste ja auch der Support aufrecht erhalten werden. „Der Support für unser Produkt war uns immer wichtig. Natürlich wollte wie die Qualität auch während dieser Zeit aufrecht erhalten.“, sagt Zeggel. Während in der Corona-Krise in anderen Branchen Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt wurden und es auch erste Entlassungen gab, stellte Peter Zeggel Mitarbeiter ein. Waren es vorher 10 Mitarbeiter gewesen, sind es jetzt im September 20 Mitarbeiter im Unternehmen.

Ob der Anmeldungs-Hype sich am Ende auch betriebswirtschaftlich rechnen wird, das werden die kommenden Monate zeigen. Bis September war die Nutzung der Plattform für die Nutzer, die im Lockdown dazugekommen sind, kostenlos. Peter Zeggel ist aber optimistisch. Bisher läge die Kündigungsrate unter zehn Prozent. Das sei ein ermutigendes Signal. Mit der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern (MBMV) hat Peter Zeggel auch einen wichtigen Mitgesellschafter an Land ziehen können. Gerade hat die MBMV ihre Beteiligung an Arztkonsultation AK auf eine Million Euro verdoppelt. Das ist ein Signal, dass die Beteiligungsgesellschaft ebenfalls an das Produkt aus Schwerin glaubt.

arztkonsultion. de spielt ganz weit vorne mit

Unter Ärzten und Psychotherapeuten ist arztkonsultation.de inzwischen die am häufigsten genutzte Videosprechstunde, die nicht von einem Praxissoftware-Hersteller angeboten wird. Das ergab gerade erst die Umfrage „Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2020“. Angefertigt wurde sie von der gemeinnützigen Stiftung Gesundheit und dem health innovation hub (hih), einem ThinkTank des Bundesministeriums für Gesundheit. 1.010 Ärzte und Psychotherapeuten haben angegeben, welcher Videosprechstunden-Anbieter bei ihnen zum Einsatz kommt. Mit einem Anteil von insgesamt 8,6 Prozent erreicht arztkonsultation.de hier den dritten Platz. Besser als arztkonsultation.de schneiden in der Umfrage nur zwei Anbieter ab, die beide hauptsächlich als Praxissoftware-Hersteller aktiv sind. arztkonsultation.de ist somit der bestplatzierte reine Videosprechstunden-Anbieter.

Das so ein innovatives Unternehmen in Schwerin ansässig ist, das ist allerdings mehr Zufall als eine bewusste Standortentscheidung. Mecklenburg-Vorpommern hat in Sachen Digitalisierung immer noch einen großen Nachholbedarf. „Andere Bundesländer sind da schon viel weiter.“, sagt Peter Zeggel. Überall gäbe es unterschiedliche Projekte im Zusammenhang mit Telemedizin. Eine Videosprechstunde, gerade in einem Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern, kann eine Chance für die Verbesserung der ärztlichen Versorgung sein. Das MV in diesem Bereich aber eher zum Schlusslicht gehört, ist daher schwer zu verstehen.

„Technisch können wir locker mithalten“

Peter Zeggel bleibt optimistisch, sich auch weiter gegen die großen Mitbewerber auf dem Markt durchzusetzen. „Technisch können wir locker mithalten“, sagt er. „Unsere große Stärke ist, dass wir als unabhängiger Anbieter sehr flexibel auf die Wünsche der Kunden eingehen können.“

Künftig will Peter Zeggel verstärkt auch Patienten ansprechen, die nach einem neuen Arzt suchen. Die Basis dafür soll die Online-Plattform Mentavio bilden, die bisher auf psychologische Beratungen und Therapien beschränkt ist. Arztkonsultation ak hatte das Berliner Start-up gerade erst übernommen – und im Gegenzug deren Gründer am eigenen Unternehmen beteiligt. Künftig, so der Plan, können über das Portal auch Haus- oder Fachärzte ihre Leistungen anbieten.

Stefan Rochow

Journalist, Unternehmer und Gründer der digitalen Tageszeitung Schwerin-Lokal.de. Sie erreichen mich per E-Mail unter redaktion@schwerinlokal.de

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