Land und Bahn einigen sich:
Früh-ICE nach Hamburg bleibt – Einigung nach langem Streit
Der Früh-ICE von Rostock über Schwerin nach Hamburg bleibt. Nach monatelangem Streit und politischem Druck einigen sich Land und Bahn. Pendler profitieren, doch Kritik an Wirtschaftlichkeit und Zukunft bleibt.

Foto: Mihail Cioinica auf Unsplash
Nach langem Ringen steht fest: Auch nach der Generalsanierung der Bahnstrecke Hamburg–Berlin soll es wieder eine frühe ICE-Verbindung von Rostock über Schwerin nach Hamburg geben. Darauf haben sich die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern und die Deutsche Bahn verständigt. Die Spätverbindung von Hamburg nach Rostock bleibt ebenfalls bestehen.
Die Züge sollen ab dem ersten Tag nach Aufhebung der Streckensperrung wieder verkehren. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und Bahn-Vorstandschefin Evelyn Palla erzielten die Einigung in einem Gespräch in Berlin, an dem auch Wirtschaftsminister Wolfgang Blank teilnahm.
Schwesig sprach von einer „guten Lösung für Bürgerinnen und Bürger in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere für die Pendlerinnen und Pendler“. Es werde „auch nach der Sanierung der Bahnstrecke Hamburg–Berlin einen Früh-ICE von Rostock über Schwerin nach Hamburg geben“. Perspektivisch solle geprüft werden, ob Früh- und Spätverbindung auch mit Deutschlandticket sowie Nahverkehrs- und Zeitkarten nutzbar werden können.
Auch die Bahn bewertet die Verständigung positiv. Vorstandschefin Evelyn Palla erklärte: „Wir haben eine tragfähige Lösung für die ICE-Frühverbindung gefunden. Das bedeutet eine spürbare Verbesserung für unsere Kundinnen und Kunden.“
Politischer Druck auch aus Schwerin
Der Durchbruch kommt nach monatelangen Diskussionen und ungewöhnlich breitem politischen Druck, auch aus Schwerin. Parteipolitisch übergreifend hatten Stadtvertreter den Erhalt der frühen ICE-Züge gefordert. Für viele Pendler sind sie ein fester Bestandteil des Alltags.
Die Schweriner Stadtvertretung beschloss sogar einen Dringlichkeitsantrag: Der amtierende Oberbürgermeister Bernd Nottebaum (CDU) sollte Gespräche mit Bahn und Landesregierung führen, um die Verbindung zu retten. Die Sorge: Ohne Früh-ICE drohten längere Fahrzeiten, überfüllte Regionalzüge und mehr Autos auf den Straßen.
Pendler wie der Schweriner Stadtvertreter Dietmar Tackmann (FDP) schilderten die praktische Bedeutung. Sollte der ICE wegfallen, würden viele Berufstätige wohl ins Auto wechseln. Regionalzüge seien bereits jetzt „sehr voll“, zudem verlängere sich die Reisezeit um bis zu 40 Minuten.
Bahn verwies auf geringe Auslastung
Noch vor der Einigung hatte die Deutsche Bahn die Streichung der Frühzüge mit wirtschaftlichen Gründen begründet. Nach eigenen Angaben nutzten zuletzt nur rund 50 bis 60 Fahrgäste die morgendlichen ICE-Verbindungen zwischen Rostock und Hamburg. Bei bis zu 376 Sitzplätzen entspreche das einer Auslastung von etwa 15 Prozent – „bei weitem keine ausreichende Nachfrage“ für eigenwirtschaftlich betriebenen Fernverkehr.
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Anders als im Regionalverkehr werde der Fernverkehr nicht von den Ländern bestellt oder finanziert, sondern müsse sich selbst tragen. Zudem habe sich das Mobilitätsverhalten verändert: Durch das Deutschlandticket nutzten viele Reisende häufiger den günstigeren Nahverkehr.
Als Alternative verwies die Bahn auf Regionalexpress-Verbindungen, etwa ab Schwerin um 5.06 Uhr, 6.09 Uhr und 7.06 Uhr, mit einer meist nur rund 30 Minuten längeren Reisezeit. Der erste reguläre ICE Richtung Hamburg sollte nach den ursprünglichen Planungen künftig erst um 7.04 Uhr in Rostock starten und gegen 9.12 Uhr den Hamburger Hauptbahnhof erreichen.
Unterschiedliche Reaktionen aus der Politik
Im Landtag wird die nun gefundene Lösung überwiegend begrüßt – allerdings mit unterschiedlichen Akzenten.
Der verkehrspolitische Sprecher der Linksfraktion, Henning Foerster, sprach von einem „wichtigen Signal für Pendler in Mecklenburg-Vorpommern“. Die Beibehaltung der Früh- und Spätverbindung sei „überfällig“. Positiv bewertet die Linke auch die geplante Nutzung mit Nahverkehrstickets: „Nun gilt es, diese Pläne zügig auf Umsetzbarkeit zu prüfen, um Pendler:innen Planungssicherheit zu gewähren.“
Kritischer äußerte sich die AfD. Ihr Verkehrspolitiker Stephan J. Reuken bezeichnete die Entscheidung als mögliches „frühes Wahlgeschenk“. Es sei zwar gut, dass die Verbindung bleibe, doch „ganz und gar nicht gut“, dass überhaupt über ihre Streichung debattiert worden sei. Zudem stellte er die langfristige Finanzierbarkeit infrage.
CDU dankt Bundesverkehrsminister
Nach der nun verkündeten Einigung meldete sich auch die CDU Mecklenburg-Vorpommern zu Wort. Die Partei hatte sich in den vergangenen Wochen mehrfach für den Erhalt der Verbindung eingesetzt. „Mein besonderer Dank gilt dem Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder für seinen Einsatz und seinem klaren Bekenntnis zur Stärkung des Schienenverkehrs. Ich danke auch der Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn, Evelyn Palla, für die konstruktive Zusammenarbeit bei der Sicherung dieser wichtigen Verkehrsverbindung“, so der CDU-Landesvorsitzende Daniel Peters.
Die Einigung sei „der Beweis, dass konstruktive Politik für verlässliche Infrastruktur Früchte trägt“. Weiter heißt es: „Wir freuen uns mit den Pendlerinnen und Pendlern, die künftig weiterhin direkt und komfortabel in Richtung Hamburg reisen können. Diese Entscheidung stärkt nicht nur den Fernverkehr, sondern auch die Attraktivität unseres Landes als Wohn- und Arbeitsstandort. Für die CDU MV ist klar: Gute Mobilität ist Lebensqualität.“
Verbesserungen auch für Ludwigslust
Neben der ICE-Verbindung kündigte die Bahn weitere Änderungen im Fernverkehr an: Ab 14. Juni 2026 sollen auf der Strecke Rostock–Leipzig wieder Intercity-Züge in Ludwigslust halten, jeweils zweimal täglich pro Richtung. Schwesig nannte die Stadt einen „wichtigen Verkehrsknoten“ und sprach von einer „guten Lösung für unser Land“.
Gleichzeitig fordert die Landesregierung von der Bahn einen verlässlichen Zeitplan für Bau- und Inbetriebnahme im Korridor Berlin–Hamburg, damit das vollständige Angebot im Nah- und Fernverkehr nach der Sperrung wieder stabil läuft.
Bahnanschluss sensibles Thema
Rund 1.200 bis 1.400 Menschen pendeln laut Pendleratlas grundsätzlich zwischen Schwerin und Hamburg – allerdings über alle Verkehrsmittel hinweg. Nur ein Teil davon nutzt regelmäßig die Bahn und noch weniger den Fernverkehr.
Ob die Einigung langfristig trägt, wird sich erst nach Abschluss der Bauarbeiten zeigen. Klar ist: Der Streit um die Frühverbindung hat gezeigt, wie sensibel das Thema Bahnanschluss im Nordosten ist – für Pendler, Kommunen und die Landespolitik gleichermaßen.




