Kommentar: Glaubwürdigkeit ist das journalistische Gold

Gestern hat sich die Mehrheit der Schweizer für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgesprochen. Zur Recht, denn es gibt viele Gründe an den Öffentlich-Rechtlichen festzuhalten. Nur weil wir sie brauchen, heißt es aber nicht, dass dort alles beim Alten bleiben muss. Gerade erst habe ich selber erlebt, wie beispielsweise der NDR die journalistische Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt.

Symbolbild Foto: Paul-Georg Meister / pixelio.de

 

Gestern hat die Mehrheit in der Schweizer gegen die Abschaffung des Rundfunkbeitrages gestimmt. Damit, so könnte man meinen, ist das Problem gelöst. Das ist aber nicht der Fall. In ganz Europa werden die Öffentlich-Rechtlichen scharf attackiert. Nicht ganz grundlos, wie ich finde. Allerdings sehe ich die wichtigste Frage nicht darin, ob die öffentlich-rechtlichen Medien solidarisch finanziert werden sollen oder nicht. Viel wichtiger ist für mich die Frage, wie Medien in Zeiten von Social Media und Onlinestreaming grundsätzlich organisiert sein sollen? Hier ist dann sicherlich auch die Frage zu beantworten, ob man hier mehr Geld ausgeben soll oder Geld sparen möchte?

 

Journalisten schon lange keine „Gate-Keeper“ mehr

 

Da hat dann jeder schnell seine Meinung, qualifiziert oder nicht ist eigentlich zweitrangig. Fernsehen, Zeitungen und Radio haben lange Zeit für eine Verbindung in der Gesellschaft gesorgt. Sie waren sozusagen die „Gate-Keeper“ und konnten bestimmen, was relevant ist und was nicht. Diese Funktion ist den Medien aber in den letzten Jahrzehnten immer mehr abhanden gekommen. Sie sind heute keine „Gate-Keeper“ mehr. Journalisten fällt es schwer, diese Entwicklungen zu akzeptieren und nicht wenige Kollegen leben nach wie vor in ihren Wagenburgen und meinen Althergebrachtes verteidigen zu müssen. Einen Kampf, den man nach meiner Meinung nicht gewinnen kann.

Ein Blick auf  die technische Dynamik, die zunehmend unseren Alltag beeinflusst, macht deutlich, wohin die Reise geht.  Perspektivisch werden Algorithmen, Roboter und künstliche Intelligenz nicht nur Mobilität und Medien verändern, sondern tiefe Spuren in unserer Gesellschaft und unserem Menschenbild hinterlassen. Genau an dieser Stelle wird ein öffentlich-rechtliches Angebot gebraucht. 

In einer vollständig privatisierten Medienwelt würden Finanzmacht und Innovationskraft globaler Technologiekonzerne dafür sorgen, dass wir schon bald in 80 Millionen deutschen Filterblasen und irgendwann in acht oder zehn Milliarden weltweiten Echokammern leben. Für mich eine grauenhafte Vorstellung. 

Daher sind öffentlich-rechtliche Medienangebote für mich ein wichtiges Angebot. Allerdings denke ich, dass sie strukturell und auch im Angebot anders aussehen müssten. Nur weil wir sie brauchen, heißt es nicht, dass dort alles beim Alten bleiben muss.  Ein Apparat aus überkomplexen Strukturen, intransparenten Prozessen, fragwürdigen politischen Verflechtungen und nicht zuletzt Spitzenjournalisten in Managementrollen leidet nun unter Innovationsblockaden, mittelmäßigen Angeboten, sinkender Akzeptanz in der Bevölkerung und dadurch wiederum an den Debatten über das System, das er sichern sollte.

 

Öffentlich-Rechtliche müssen Mehrwert liefern

 

Uns Journalisten sollte es darum gehen, mit gesicherten Fakten und klaren Einordnungen den Menschen bei einer Meinungs- und Entscheidungsfindung als Dienstleister zu helfen – das ist unser Job. Dazu gehört auch, dass man auch einmal harten Gegenwind auszuhalten muss.

Das heute etablierte System im Bereich der Öffentlich-Rechtlichen ist leider viel zu oft ein Machtgefüge aus Politik, Interessengruppen und wenig Innovation. Das Verfassungsgericht hat über Jahrzehnte das öffentlich-rechtliche Mediensystem stabilisiert und damit strukturelle Entwicklung fast unmöglich gemacht. Da geht es um Realpolitik, um die Machttektonik der Republik. Die Akteure wissen bis heute sehr genau, dass jede grundsätzliche Frage an das System die Gefahr in sich birgt, das System nicht zu verändern, sondern gleich abzuschaffen. Diese Existenzangst lauert hinter allem. Wir müssen sie ernst nehmen. Nur wird das allein nicht helfen, die bevorstehenden epochalen Herausforderungen zu meistern.

Eine Mehrheit der Deutschen möchte die Öffentlich-Rechtlichen behalten, was ein gutes Signal ist. Rund 55 Prozent der Teilnehmer einer Civey-Umfrage für die Zeitungen der Funke Mediengruppe sprachen sich für ein öffentlich-rechtliches Medienangebot aus . Mit rund 39 Prozent der insgesamt 5034 Befragten sprach sich allerdings eine Minderheit für die Abschaffung aus. 

Für die Nutzer steht immer der Mehrwert im Vordergrund. Rücksichten auf innerpolitische Zwänge in einer föderalen Medienorganisation interessieren ihn nicht. Der Mehrwert wird von der Nutzermehrheit noch gesehen, das ist ein gutes Signal. Aber kein Grund sich auszuruhen. Ich finde einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wichtig. Der darf sogar über Gebühren finanziert werden. Aber er muss Leistung bringen. 

 

Wie der NDR uns auf den Arm nimmt

 

Gerade erst habe ich selber erlebt, dass der NDR seine journalistische Verantwortung nicht immer sehr Ernst nimmt. Ende letzten Jahres brachte die Sendung Nordtour unter dem Titel „Himmlische Torten von Bruder Martinus“ einen Beitrag über einen angeblichen Benedektiner-Mönch, der in Wolgast eine Bäckerei betreibt. „Bruder“ Martinus ist hier in Schwerin kein Unbekannter. Vor gut drei Jahren trat er auch in der der Schweriner Katholischen Propsteigemeinde St. Anna als Benediktiner-Mönch auf, führte unberechtigterweise Taufen durch und wollte angeblich mit geerbten Geld soziale Projekte anschieben. Recherchen aus dem Gemeindeumfeld ergaben aber schnell, dass es sich bei Wolfgang Schmidt um einen Hochstapler handelt. Seine Angaben, dass er bis 2012 im Kloster Siegburg gelebt habe, entpuppte sich nach einem Anruf beim letzten Abt des Klosters als Lüge. Schmidt war bis 1992 tatsächlich als Novize in diesem Kloster, wurde allerdings aus der Ordensgemeinschaft ausgeschlossen, nachdem er sich auch dort unberechtigt geistliche Titel zugelegt hatte. Seit dem tritt er immer wieder deutschlandweit als Mönch auf und nutzt die vermeintlich Vertrauenswürdigkeit seines Status für persönliche Vorteile. Der NDR gab ihm dafür nun eine große Bühne. 

Nun werfe ich den verantwortlichen Journalisten nicht den Umstand vor, dass sie hier – wie viele andere vorher – auf einen Hochstapler reingefallen sind. Das es die Redaktion nach einem entsprechenden Hinweis allerdings nicht für nötig hält, auf diese Information zu reagieren, wirkt befremdlich, zumal der NDR immer wieder für sich in Anspruch nimmt ein „Qualitätsmedium“ zu sein. Bis heute kann man auf der Mediathek den Beitrag abrufen. Offenbar hält es die Redaktion nicht für nötig, entsprechenden Hinweisen nachzugehen, dass es sich bei dem Protagonisten um einen Aufschneider handelt. Dabei hätte schon ein Anruf beim Erzbistum Hamburg genügt um festzustellen, dass gegen den falschen Mönchen 2015 einen Kirchenrechtsverfahren lief, im Zuge dessen er einen Verweis erhielt, da er als falscher Mönch aufgetreten war. In Wolgast nun genau das gleiche Spiel, und der NDR führt inzwischen seine Zuschauer wissentlich hinters Licht. Der Beitrag fußt zu einem großen Teil auf darauf, dass ein Mönch Bäcker in Wolgast ist. 

„Bruder Martinus hat seine Berufung als Bäcker und Konditor in Wolgast gefunden. Ob Brötchen, Blechkuchen, Torten, Plätzchen – in seinem BackLokal kann jeder alles kosten.“

heißt es in der Ankündigung. Der im Beitrag vorgestellte Mönch ist aber kein richtiger Mönch, sondern ein Hochstapler. Man würde also denken, dass der NDR auf entsprechende Hinweise reagiert. Tut er aber nicht. Ganz ehrlich? Auf den Arm nehmen kann ich mich selber, dafür brauche ich kein solches Angebot. Schon gar nicht für doch recht hohe GEZ-Gebühren. 

 

Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen

 

In Zeiten, in denen die Glaubwürdigkeit von journalistischen Medien unter – extremer – Kritik steht, kontert man bestimmt nicht mit Berichten, die nachweislich auf falschen Fakten fußen. Natürlich ist der geschilderte Sachverhalt nur ein persönliches Erlebnis und steht nicht für die Gesamtheit der Kollegen beim NDR, die in Gänze einen guten Job machen. Die ausbleibende Reaktion auf einen gutgemeinten und zuerst nichtöffentlich geäußerten Hinweis ist aber ein Ausdruck von Arroganz und Ingnoranz, die Teil des Problems der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten sind. Der NDR und andere Sender verlieren damit rasant an Glaubwürdigkeit. Was auch die von mir verantwortete Arbeit dann trifft, wenn es heißt „die Medien“. Glaubwürdigkeit ist und bleibt das journalistische Gold.

Stefan Rochow

Journalist, Unternehmer und Gründer der digitalen Tageszeitung Schwerin-Lokal.de. Sie erreichen mich per E-Mail unter redaktion@schwerinlokal.de

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