Gregor Gysi in Schwerin: Allein gegen die „Konsenssoße“ im Bundestag

Küstencountryband SPILL sorgt für Stimmung
Küstencountryband SPILL sorgt für Stimmung

(sr). Sonntag Nachmittag, milde Temperaturen und ab und zu zeigt sich auch die Sonne. Für viele Familien ein ideales Wetter für einen kleinen Spaziergang. Am Pfaffenteich in Schwerin, war gestern aber Politik angesagt. Schließlich haben alle Parteien nur noch gut eine Woche Zeit, die Bürgerinnen und Bürger mit ihren Konzepten zu überzeugen. Glaubt man den Demoskopen, dann gibt es immer noch eine große Anzahl von unentschlossenen Wählern, die erst in letzter Minute darüber entscheiden werden, wer in den kommenden vier Jahren ihrer Meinung nach die Geschicke des Landes lenken soll. Die LINKE hatte sich deshalb ihren Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, Gregor Gysi, eingeladen. Der Auftritt des Top-Rhetorikers seiner Partei, hatte dann auch wirklich Charme. Zuerst hieß es aber bei den gut 700 Anwesenden, warten und die Zeit überbrücken.

Für Kurzweil beim Zeitvertreib, sorgte die „Küstencountryband“ SPILL mit eigenen und nachgespielten Rocksongs. „Handgemachte Musik für Leute, die daheim auf dem Balkon grillen, dabei von den Weiten der  Prärie träumen und im Sommerurlaub an die Ostsee reisen.“, so lautet das Credo der Band. Am Pfaffenteich kamen sie gut an und der Platz füllte sich zusehends. Die Zuhörerinnen und Zuhörer träumen, zumindest an diesem Nachmittag, nicht von der Weite der Prärie. Hier wünscht man sich „soziale Gerechtigkeit“ in der Bundespolitik. Das wird deutlich als der der Moderator das Publikum fragt „Wie fühlt Ihr Euch?“. Spontan schallt es aus den Reihen heraus „Besser als bei Merkel“.

Bronze, Silber und Gold für die LINKE

Dr. Dietmar Bartsch wünscht sich am kommenden Sonntag drei Medaillen für die LINKE
Dr. Dietmar Bartsch wünscht sich am kommenden Sonntag drei Medaillen für die LINKE

Den politischen Auftakt macht dann der Direktkandidat der LINKEN in Schwerin, Dr. Dietmar Bartsch. Der Bundestagsabgeordnete, der viele Jahre Bundesgeschäftsführer seiner Partei gewesen ist, gehört inzwischen zu den alten Schlachtrössern seiner Partei. Über ein Bekanntheitsdefizit muss er sich daher an heute nicht beklagen. Hart geht er mit der jetzigen Regierung ins Gericht. „Viele Fragen sind nach wie vor offen“, so Bartsch. Dann streichelt er die Seelen seiner Zuhörer: Gerechtigkeit, Rentenanpassung zwischen Ost und West, Millionärsteuer, Erbschaftsteuer, Mindestlohn von 10 Euro und solide Finanzen. Der Direktkandidat vollführt einen rasanten Ritt durch das Wahlprogramm seiner Partei. Das kommt an. Immer wieder laute Beifallsbekundungen.

 Einmal scheint sich der LINKEN-Politiker ein wenig zu vergaloppieren, als er angesichts der immer wieder auftretenden Störgeräusche am Mikrofon durch den Wind, das kleine Späßchen wagt, da könnte auch der „Klassengegner“ hinter stecken. Dieser Begriff aus dem marxistischen Sprachgebrauch stammend, beschreibt den „Feind der Arbeiterklasse“ und ist der einzige, gewollte oder ungewollte, Ausflug in die Klassenkampfrhetorik, die stark an vergangene Tage erinnert. Die Zuhörer stört es aber nicht.

Die jetzige Politik sei grandios gescheitert, so Dietmar Bartsch, und daher dürfe es so nicht weitergehen. „Es geht uns nicht darum recht zu haben, sondern diese Gesellschaft zu verändern“, macht der Direktkandidat seiner Anhängerschaft klar. Das kommt an. Zum Schluss gibt es dann noch das Versprechen an die Wähler „Wir werden Angela Merkel als Kanzlerin nicht wählen!“. Er wünsche sich am kommenden Sonntag, dass seine LINKE drei Medaillen, nämlich Bronze, Silber und Gold, erringt. Bronze dafür, dass seine Partei als drittstärkste Kraft aus den Bundestagswahlen heraus geht. Silber dafür, dass seine Partei in Mecklenburg-Vorpommern prozentual an zweiter Stelle vor der SPD steht und schließlich Gold dafür, dass Bartsch in seinem Wahlkreis das Direktmandat erringen kann.

Gysi gegen den Rest der Welt

Gysi zieht und weiss genau wo der Schuh beim Publikum drückt
Gysi zieht und weiß genau wo der Schuh beim Publikum drückt

Nach einem weiteren Auftritt der Gruppe SPILL ist es dann so weit: Gregor Gysi kommt an. In die Massen kommt Bewegung. Er ist und bleibt der Star der LINKEN. Menschen stürmen auf ihn zu. Er signiert Bücher und lässt sich mit seinen Anhängern fotografieren. Er wirkt anfangs verbissener als man ihn aus dem Fernsehen kennt.

 Das ändert sich aber schlagartig, als er die Bühne betritt und den ersten Witz in die Menge schleudert. „Sie werden nicht überrascht sein, wenn ich empfehle, die LINKE zu wählen. Das Lachen der Zuhörer scheint das Eis zu brechen. Wieder folgt eine Abrechnung mit den von der Partei als ungerecht empfundenen Zuständen in unserem Land. Anhand von sechs Themen, mit denen die LINKE gegen die „Konsenssoße“ im Deutschen Bundestag stehe, möchte der Fraktionsvorsitzende den besonders „demokratischen Wert der LINKN  im Deutschen Bundestag“ herausstreichen.

Gregor Gysi gegen den Rest der Welt
Gregor Gysi liefert gute Unterhaltung

Krieg in Afghanistan und die Diskussion über einen Einsatz in Syrien, Verbot von Waffenexporten in den Nahen Osten, Eurorettungsschirm, Steuergerechtigkeit, ungerechtes Rentenniveau, Verbot von Leiharbeit bis hin zum Dauerbrenner der Partei, Hartz IV – Gysi und seine Partei gegen den Rest der Welt. Das ist das Signal, das Sonntag Nachmittag vom Pfaffenteich ausgeht.

Gysi weiß ganz genau, wo es seinen Zuhörern wehtut und so bohrt er genau dort. Immer wieder hat er die Lacher auf seiner Seite. Die Wunderwaffe der LINKEN tut es wieder einmal ganz gut. Allerdings kann man sich angesichts des Publikums nicht des Eindrucks erwehren, dass Gysi hier ein Heimspiel hat. Widerspruch oder unruhiges Raunen nimmt man jedenfalls nicht wahr. Selbst Skeptikern scheint der Parteistar eine gute Unterhaltung zu liefern.

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