Sparen reicht nicht:
Schwerins Haushalt – Wo das Millionenloch die Bürger treffen könnte
Schwerin fehlen 2027 fast 45 Millionen Euro. Die Stadt prüft Einschnitte bei Busverkehr, Schülerbeförderung, Kultur und Verwaltung. Doch selbst das würde nicht reichen.

Foto: Dario Rochow
In Kürze:
- Schwerins Haushaltsloch wächst von rund 23 Millionen Euro 2026 auf 44,9 Millionen 2027 und 66,6 Millionen Euro 2028.
- Die Verwaltung prüft Maßnahmen, die Bürger unmittelbar treffen könnten – vom Nahverkehr über Schwimmhalle und Schülerbeförderung bis zu Steuern. Beschlossen sind sie noch nicht.
- Selbst alle bislang bezifferten Spar- und Einnahmevorschläge zusammen würden nur rund 7,4 Millionen Euro bringen.
Wer in Schwerin Bus und Straßenbahn nutzt, Kinder in der Schule hat, ins Schwimmbad geht oder Kulturangebote besucht, könnte die angespannte Finanzlage der Stadt künftig im Alltag zu spüren bekommen. Denn das Haushaltsloch wächst: Nach rund 23 Millionen Euro im laufenden Jahr rechnet Schwerin für 2027 mit einem Minus von 44,9 Millionen Euro. 2028 sollen bereits 66,6 Millionen Euro fehlen.
Die Verwaltung hat deshalb zusammengestellt, wo überhaupt noch gespart oder zusätzliches Geld eingenommen werden könnte. Die Liste reicht von weniger Bus- und Bahnangeboten über höhere Eintrittspreise in der Schwimmhalle bis zu Einschnitten bei Schulsozialarbeit und Kultur. Auch höhere Grund‑, Gewerbe- und Hundesteuern werden als Möglichkeiten aufgeführt. Beschlossen ist davon bislang nichts.
Bemerkenswert ist allerdings, wie wenig selbst ein solches Paket am Grundproblem ändern würde. Alle 23 bezifferten Maßnahmen zusammen würden 2027 rund 7,4 Millionen Euro bringen. Vom erwarteten Haushaltsloch blieben trotzdem rund 37,5 Millionen Euro übrig. 2028 wäre die Lücke trotz der Maßnahmen noch fast 59 Millionen Euro groß.
Das erklärt auch, warum Oberbürgermeister Sebastian Ehlers (CDU) Unterstützung von Bund und Land fordert. Nach Darstellung der Stadt steigen vor allem die laufenden Kosten schneller als die Einnahmen. Betroffen sind etwa Personal, Jugendhilfe, soziale Leistungen, Kindertagesstätten und der Nahverkehr.
Interaktiver Haushaltsrechner
Können Sie Schwerins 44,9‑Millionen-Euro-Loch schließen?
Schwerin rechnet für 2027 mit einem Defizit von 44,9 Millionen Euro. Die Verwaltung hat zahlreiche Möglichkeiten aufgelistet, um Ausgaben zu senken oder zusätzliche Einnahmen zu erzielen.
Jetzt sind Sie dran: Öffnen Sie einen Bereich und wählen Sie aus, wo Sie ansetzen würden. Der Rechner zeigt sofort, wie viel Ihre Auswahl bringen könnte – und wie viel trotzdem fehlt.
Wo würden Sie ansetzen?
Die Maßnahmen sind nach Bereichen gebündelt. Öffnen Sie eine Kategorie und treffen Sie Ihre Auswahl.
Probieren Sie verschiedene Kombinationen aus. Selbst das gesamte bezifferte Paket schließt nur einen Teil des Defizits.
Diese Bereiche nennt die Verwaltung ebenfalls. Weil bislang kein konkretes Einsparvolumen angegeben ist, fließen sie nicht in den Rechner ein.
- Reduzierung von Kita-Einrichtungen entsprechend der Bedarfsplanung
- weitere Reduzierung sozialer Beratungsangebote
- Überprüfung von SDS-Zuschuss sowie Standards bei Straßenunterhaltung und Grünpflege
- Überprüfung von Veranstaltungsformaten im Stadtmarketing
- Überprüfung freiwilliger Aufgaben im Umweltbereich
Das Gedankenexperiment
Was wäre, wenn alle freiwilligen Leistungen wegfielen?
Schwerin plant 2027 rund 21,5 Millionen Euro für freiwillige Leistungen ein. Würde deren vollständige Streichung das Haushaltsproblem lösen?
Die vollständige Streichung ist ein rein rechnerisches Szenario und keine konkrete Sparmaßnahme. Die Haushaltsunterlagen selbst beschreiben einen solchen Komplettverzicht als unrealistisch.
Was Bürger konkret merken könnten
Besonders anschaulich wird die Finanzkrise beim Nahverkehr. Die Verwaltung setzt für eine Verringerung des Angebots durch einen dünneren Takt ein mögliches Einsparvolumen von einer Million Euro an. Für Fahrgäste könnte das bedeuten: Busse oder Straßenbahnen fahren seltener. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist offen.
Noch größer wäre die Einsparung beim kostenlosen Schülernahverkehr. Würde die bisherige städtische Finanzierung für Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 13 gestrichen, könnte Schwerin nach eigener Berechnung 1,1 Millionen Euro sparen. Auch dieser Punkt ist bislang lediglich ein Vorschlag und widerspricht der derzeitigen Beschlusslage der Stadtvertretung.
Auch Freizeitangebote könnten teurer werden. Für Schwimmhalle und Sauna wird beispielsweise eine Preiserhöhung um jeweils einen Euro genannt. Beim Konservatorium könnten höhere Entgelte verlangt werden. Die Volkshochschule könnte für bestimmte Angebote wie Tanz- oder Kochkurse kostendeckende Gebühren erheben.
Bei der Kultur werden ebenfalls Einsparmöglichkeiten aufgeführt. Das Hoffest und das „Frühjahrserwachen“ könnten entfallen, der Eintritt für den Speicher könnte steigen. Bei Großsportveranstaltungen soll der Zuschuss reduziert werden. Für den Zoo steht eine Kürzung des städtischen Zuschusses von 2,1 auf zwei Millionen Euro in der Liste.
Auch Schulen und Familien wären betroffen
Finanzielle Folgen könnten auch Familien spüren. Die Verwaltung prüft, die Schulsozialarbeit auf höchstens eine Stelle je Schule zu begrenzen. Fünf Schulen haben nach den Angaben bislang eine Doppelbesetzung. Für 2028 wird das mögliche Einsparvolumen mit 325.000 Euro angegeben.
Hinzu kommt eine mögliche Verringerung von Angeboten in Jugendarbeit, Prävention und Frühen Hilfen. Hier kalkuliert die Verwaltung zunächst mit 100.000 Euro. Als weiterer Prüfpunkt wird sogar eine Verringerung der Zahl von Kita-Einrichtungen entsprechend der künftigen Bedarfsplanung genannt. Dafür enthält die Liste allerdings noch keine konkrete Summe.
Auch Steuerzahler könnten zur Kasse gebeten werden. Die Verwaltung führt eine mögliche Erhöhung der Grundsteuer B auf. Das betrifft zunächst Grundstückseigentümer; über die Betriebskosten kann die Steuer bei vermieteten Wohnungen unter bestimmten Voraussetzungen auch Mieter erreichen. Außerdem steht eine Erhöhung der Gewerbesteuer von 458 auf 465 Prozent sowie eine Anhebung der Hundesteuer auf der Liste. Die Stadt weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei diesen Punkten um Vorschläge handelt, die bereits beim vorherigen Haushalt nicht beschlossen wurden.
Selbst alles zu streichen reicht nicht
Dass die Stadt allein durch Kürzungen kaum aus ihrer Finanznot herauskommen kann, zeigt eine weitere Rechnung. Schwerin gibt 2027 rund 21,5 Millionen Euro für sogenannte freiwillige Leistungen aus. Dazu gehören Angebote, zu denen eine Kommune gesetzlich nicht in gleichem Maße verpflichtet ist wie beispielsweise zu bestimmten Sozialleistungen.
Für Kommunen mit finanziellen Problemen nennt die Gesetzesbegründung zur Kommunalverfassung einen Richtwert: Bis zu fünf Prozent der verfügbaren Einnahmen können für freiwillige Leistungen als angemessen gelten. Für Schwerin wären das rund 24,3 Millionen Euro. Mit seinen 21,5 Millionen Euro liegt die Stadt darunter.
Das ist wichtig für die politische Diskussion. Denn selbst wenn Schwerin theoretisch sämtliche freiwilligen Leistungen auf null setzen würde, wäre der Haushalt nicht ausgeglichen. Von den 44,9 Millionen Euro Defizit 2027 blieben noch 23,4 Millionen Euro. 2028 wären trotz eines vollständigen Verzichts auf die dann vorgesehenen 22,1 Millionen Euro noch 44,5 Millionen Euro offen.
Mit anderen Worten: Selbst ein Schwerin ohne einen großen Teil freiwillig finanzierter Kultur‑, Sport- und Freizeitangebote hätte sein Haushaltsproblem nicht gelöst.
Warum Schwerin das Geld fehlt
Das eigentliche Problem steckt vor allem in den laufenden Ausgaben der Stadt. Sie muss jedes Jahr Personal bezahlen, soziale Leistungen finanzieren, Jugendhilfe leisten, Kitas mitfinanzieren und den Nahverkehr bezuschussen. Gerade in diesen Bereichen sind die Kosten in den vergangenen Jahren stark gestiegen.
Finanzdezernent Silvio Horn sieht dabei auch Bund und Land in der Verantwortung. Viele Leistungen werden durch Gesetze vorgegeben, während die Kommunen nach seiner Darstellung nicht ausreichend zusätzliches Geld für die daraus entstehenden Kosten erhalten. Horn kritisierte bei der Vorstellung des Haushalts, dass das Prinzip der sogenannten Konnexität seit Jahren nicht ausreichend beachtet werde. Vereinfacht bedeutet es: Wer einer Kommune zusätzliche Aufgaben überträgt, sollte auch für deren Finanzierung sorgen.
Ab 2028 kommt für Schwerin ein weiteres Problem hinzu. Wegen der Ergebnisse des Zensus erhält Mecklenburg-Vorpommern weniger Geld über den Finanzausgleich zwischen Bund und Ländern. Ein Teil davon schlägt auf die Kommunen durch. Schwerin kalkuliert deshalb ab 2028 mit jährlich rund acht Millionen Euro weniger Zuweisungen.
Hoffnung setzt die Stadt unter anderem auf eine bessere wirtschaftliche Entwicklung. Die Herbst-Steuerschätzung könnte höhere Einnahmen aus Lohn- und Einkommensteuer ergeben, die in der bisherigen Prognose noch nicht vollständig berücksichtigt sind. Ob das die Haushaltslage spürbar verbessert, lässt sich derzeit noch nicht sagen.
Verwaltung soll kleiner werden
Sparen will die Stadt auch bei sich selbst. Bis 2030 sollen 50 Verwaltungsstellen wegfallen. Allerdings bedeutet das nicht, dass nun 50 Beschäftigte entlassen werden. Vorgesehen ist vielmehr, bestimmte Stellen nach dem Ausscheiden ihrer bisherigen Inhaber nicht wieder zu besetzen.
Welche Arbeitsplätze das sein werden, steht noch nicht fest. Die Verwaltung will zunächst prüfen, welche Aufgaben durch Digitalisierung, bessere Abläufe und möglicherweise den Einsatz von KI mit weniger Personal erledigt werden können. Auch bisherige Standards sollen überprüft werden.
Die Einsparung wird auf rund drei Millionen Euro geschätzt. Gleichzeitig wächst der Stellenplan zunächst von derzeit 1.135 Stellen auf 1.148 im Jahr 2027 und 1.158 im Jahr 2028. Neue Stellen entstehen unter anderem dort, wo zusätzliche Aufgaben erfüllt werden müssen; teilweise dürfen sie nur besetzt werden, wenn ihre Finanzierung anderweitig gesichert ist.
Warum trotzdem gebaut wird
Für Bürger dürfte eine Frage besonders naheliegen: Wenn Schwerin so wenig Geld hat, warum investiert die Stadt gleichzeitig fast 300 Millionen Euro? Der scheinbare Widerspruch lässt sich dadurch erklären, dass es sich um zwei unterschiedliche Bereiche des Haushalts handelt. Das große Problem liegt bei den laufenden Kosten, also dem Geld, das jedes Jahr beispielsweise für Personal, Sozialleistungen oder Nahverkehr benötigt wird. Viele Bauvorhaben werden dagegen erheblich von Bund, Land und EU gefördert.
Deshalb kann Schwerin trotz seiner Finanzprobleme Schulen, Straßen und andere öffentliche Einrichtungen bauen oder sanieren. Zu den geplanten Projekten gehören unter anderem das neue Berufliche Bildungszentrum Gesundheit und Soziales, die Sanierung des Fridericianums, eine neue Feuerwache, die Stadionbrücke und das Stadtgeschichtsmuseum.
Für die Stadt ist das eine ungewöhnliche Situation: Geld zum Bauen ist teilweise vorhanden – Geld für den dauerhaften Betrieb wird dagegen immer knapper.
Noch vor wenigen Jahren sah die Entwicklung anders aus. Zwischen 2020 und 2025 konnte Schwerin seine laufenden Haushalte ausgleichen und Schulden abbauen. Die Kassenkredite sanken nach Angaben der Verwaltung von rund 157 Millionen Euro im Jahr 2018 auf rund 63 Millionen Euro 2025. Eigentlich sollte die Stadt bis 2029 vollständig entschuldet werden. Dieses Ziel ist inzwischen außer Reichweite geraten. Die Verwaltung warnt im Haushaltsentwurf sogar davor, dass die Erfolge der vergangenen Jahre schnell wieder aufgezehrt werden könnten.
Für die Schweriner wird deshalb in den kommenden Monaten entscheidend sein, was aus der bisherigen Prüfliste tatsächlich politische Realität wird. Fährt der Nahverkehr seltener? Wird die Schwimmhalle teurer? Bleibt die kostenlose Schülerbeförderung? Werden Steuern erhöht? Darüber müssen am Ende die Stadtvertreter im Zuge der Haushaltsberatungen entscheiden.




