Sa, 18. April 2026
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Oberbürgermeisterwahl in Schwerin:
Heiko Steinmüller: „Ich glaube, Schwerin braucht einen unparteiischen Oberbürgermeister“

Heiko Steinmüller fordert mehr sozialen Wohnungsbau, Bürgernähe und Pragmatismus und setzt auf einen unparteiischen Kurs für Schwerin.

  • Veröffentlicht April 8, 2026
Heiko Steinmüller als unparteiischer Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl. Foto: Heiko Steinmüller
Heiko Stein­müller als unpartei­is­ch­er Kan­di­dat für die Ober­bürg­er­meis­ter­wahl. Foto: Heiko Stein­müller

 

SNO hat mit Heiko Stein­müller, parteilosem Ober­bürg­er­meis­terkan­di­dat­en, Stadtvertreter, Kneipen­be­treiber und in Schw­erin auch als Rock­er bekan­nt, über seine Vorstel­lun­gen für die Lan­deshaupt­stadt gesprochen. Im Inter­view wirbt er für einen unpartei­is­chen Kurs im Rathaus, fordert mehr sozialen Woh­nungs­bau, bessere Ange­bote für junge Men­schen und eine Stadt­poli­tik, die aus sein­er Sicht wieder näher an den All­t­ag der Bürg­er rück­en muss.

 

SNO: Sie sind der erste Parteilose, der in die Stadtvertre­tung gewählt wurde, und treten jet­zt auch als Ober­bürg­er­meis­terkan­di­dat an. Warum sind Sie diesen Schritt gegan­gen?

Heiko Stein­müller: Am Anfang war das wie immer: erst ein­mal ich gegen alle. Ich war vielle­icht zu 20 Prozent überzeugt, zu kan­di­dieren. Dann kamen die anderen Bewer­ber ins Spiel, und da habe ich gewusst: Jet­zt muss ich es machen. Das meine ich ernst. Das ist gar nichts Per­sön­lich­es gegen einzelne Mit­be­wer­ber, son­dern ein­fach mein Ein­druck, dass ich mit der poli­tis­chen Rich­tung viel­er ander­er Kan­di­dat­en nicht zufrieden wäre. Wegziehen will ich nicht. Also ver­suche ich es selb­st.

 

SNO: Wie bew­erten Sie die poli­tis­che Lage in der Stadt? Die Stadtvertre­tung ist stark recht­skon­ser­v­a­tiv geprägt.

Heiko Stein­müller: Wir müssen ler­nen, mit den poli­tis­chen Real­itäten umzuge­hen. Die AfD wurde gewählt, also müssen wir uns inhaltlich mit ihr auseinan­der­set­zen. Die AFD ist eine starke Frak­tion, aber eben auch eine, deren Posi­tio­nen ich in vie­len Punk­ten klar wider­spreche.

Ein Ober­bürg­er­meis­ter darf nicht unpoli­tisch sein, aber er muss unpartei­isch han­deln. Genau dafür ste­he ich. Unparteilichkeit heißt für mich jedoch nicht Beliebigkeit. Ich habe klare Werte und ziehe auch klare Gren­zen, ins­beson­dere dort, wo Posi­tio­nen unser­er demokratis­chen Grun­dord­nung wider­sprechen.

Wenn ein Antrag sin­nvoll ist, dann stimme ich auch zu. Ich war, soweit ich weiß, das erste Haup­tauss­chuss­mit­glied, das ein­mal einem AfD-Antrag zuges­timmt hat. Damals haben alle mich ganz komisch ange­se­hen. Aber für mich gilt: Ich bin meinem Gewis­sen verpflichtet und arbeite für Schw­erin, nicht für Ide­olo­gien. Genau das traue ich mir auch als Ober­bürg­er­meis­ter zu: einen gesun­den Mit­tel­weg zu find­en, mit dem alle leben kön­nen.

 

SNO: Bis 2035 wür­den Sie für sieben Jahre die Stadt prä­gen. Was sind Ihre Kernziele?

Heiko Stein­müller: Mein absolutes Haupt­the­ma ist sozial gefördert­er Wohn­raum. Daran hängt aus mein­er Sicht ganz viel. Wir haben eine mas­sive Abwan­derung junger Leute und junger Fam­i­lien ins Umland. Warum? Weil Bauen in Schw­erin kaum noch finanzier­bar ist und auch das Wohnen mit der Fam­i­lie zunehmend schwierig wird. Genau da müssen wir gegen­s­teuern. Wenn wir bezahlbaren Wohn­raum schaf­fen, hal­ten wir junge Men­schen eher hier, machen die Stadt attrak­tiv­er und wirken der Über­al­terung ent­ge­gen.

Das zweite große The­ma ist die kul­turelle Infra­struk­tur für junge Leute. Die ist in Schw­erin prak­tisch zer­stört. Jugendliche wer­den ständig irgend­wo ver­drängt: vom Ziegelsee, aus dem Schloss­park, von der schwim­menden Wiese, jet­zt vom Schlachter­markt. Dabei machen Jugendliche keinen Ärg­er, sie sind ein­fach jugendlich. Die brauchen Orte. Deshalb wäre eine mein­er ersten Ideen ein zen­traler Ver­anstal­tungsplatz, eine offene Fläche, auf der städtis­che Ver­anstal­tun­gen stat­tfind­en kön­nen, die aber auch kosten­frei für Jugendliche und andere nutzbar ist. Ein paar Über­dachun­gen, Sitzmöglichkeit­en, Mülleimer, viel mehr braucht es oft gar nicht. Wir müssen endlich bedarf­s­gerecht arbeit­en.

Wenn wir nach sieben Jahren sagen kön­nten: Wir haben deut­lich mehr sozialen Wohn­raum geschaf­fen, die Jugendlichen haben endlich eigene Anlauf­punk­te und wir reden nicht mehr in jed­er zweit­en Stadtvertre­tung darüber, wo wir sie wieder vertreiben, dann wäre das ein echter Erfolg.

 

„Wir müssen es für Investoren attraktiver machen“

 

SNO: Wie soll sozialer Woh­nungs­bau funk­tion­ieren, wenn Bauen immer teur­er wird und das Land selb­st sagt, es könne kaum noch fördern?

Heiko Stein­müller: Ein­fach ist das nicht, aber wir müssen es für Inve­storen attrak­tiv­er machen. Ohne Inve­storen wer­den wir Stad­ten­twick­lung nicht schaf­fen. Wir kön­nen froh sein, dass es über­haupt noch welche gibt. Gute Beispiele zeigen ja, dass so etwas funk­tion­ieren kann. Das geplante Bauge­bi­et am Lewen­berg finde ich zum Beispiel span­nend, wenn dort tat­säch­lich ein hoher Anteil sozial geförderten Wohn­raums entste­ht.

Die Kom­mune hat zwar nicht beliebig viele Stellschrauben, aber einige schon. Wir kön­nen steuer­liche Anreize schaf­fen, etwa über die Grund­s­teuer B, oder mit Aus­gle­ichs­grund­stück­en arbeit­en. Wenn ein Investor sich verpflichtet, einen nen­nenswerten Anteil Sozial­woh­nun­gen mitzubauen, dann kön­nte die Stadt im Gegen­zug Begün­s­ti­gun­gen prüfen. Da ist aus mein­er Sicht deut­lich mehr möglich, wenn man offen­er und inve­storen fre­undlich­er denkt.

Gle­ichzeit­ig gilt aber auch: Nicht der Investor bes­timmt die Stad­ten­twick­lung, son­dern die Stadt. Das muss die Grund­lage bleiben.

 

SNO: Die Stadt ist hoch ver­schuldet. Wie wollen Sie damit umge­hen?

Heiko Stein­müller: Rico Baden­schi­er hat das aus mein­er Sicht sehr ordentlich gemacht. Aber die Lage ist trotz­dem extrem schwierig. Ger­ade die Sozialaus­gaben steigen mas­siv. Wenn das Pflich­tauf­gaben sind, dann müssen Bund oder Land sie auch voll­ständig finanzieren. Das ist eigentlich selb­stver­ständlich.

Wenn man immer mehr Pflich­tauf­gaben überträgt, diese aber nicht gegen­fi­nanziert, dann ist das nicht ser­iös. Wir als Stadt kön­nen nicht immer weit­er Schulden machen und so tun, als ließen sich die Geset­ze der Math­e­matik aushe­beln. Das ist wed­er ver­ant­wor­tungsvoll gegenüber den Men­schen heute noch gegenüber kom­menden Gen­er­a­tio­nen. Wenn Bund und Land nicht aus­re­ichend finanzieren, dann muss man Leis­tun­gen auch infrage stellen. So hart das klingt: Anders geht es irgend­wann nicht mehr.

 

SNO: Wo wür­den Sie zuerst sparen?

Heiko Stein­müller: Es gibt viele kleine und mit­tlere Posten, bei denen man genauer hin­schauen muss: Aufwand­sentschädi­gun­gen, Empfänge, Dienst­wa­gen, solche Dinge sowie auch den drit­ten Dez­er­nen­ten. Das sind keine riesi­gen Sum­men, aber sie sum­mieren sich. Vor allem aber müssen wir unsere inves­tiv­en Mit­tel anders pri­or­isieren. Wir geben Geld oft viel zu leicht­fer­tig aus.

Ich nenne mal zwei Beispiele: den neuen Auto­bahnzubringer und die Rad­sporthalle. Beim Auto­bahnzubringer reden wir über einen städtis­chen Eigenan­teil von mehreren Mil­lio­nen Euro. Da muss man Aufwand und Nutzen ehrlich gegeneinan­der abwä­gen. Bei der Rad­sporthalle war ich von Anfang an skep­tisch, nicht weil ich etwas gegen Rad­sport habe, son­dern weil ich die Ver­hält­nis­mäßigkeit nicht mehr gegeben sehe. Gle­ichzeit­ig fehlt an ander­er Stelle Geld, etwa bei kleineren Vere­inen oder bei drin­gend nöti­gen Sanierun­gen. Wir müssen endlich stärk­er in Zukun­fts­bere­iche investieren, vor allem in Kinder und Jugendliche.

 

„ÖPNV ist ein Zukunftsthema“ – Ausbau ja, aber kein Zwangsmodell für alle

 

SNO: Beim Nahverkehr wür­den Sie aber nicht sparen?

Heiko Stein­müller: Nein. ÖPNV ist für mich ein Zukun­ft­s­the­ma. Ich fahre selb­st Auto und Motor­rad, ich bin kein Auto­has­s­er. Aber ich glaube schon, dass der Indi­vid­u­alverkehr langfristig eine andere Rolle spie­len wird. Deshalb müssen wir den öffentlichen Nahverkehr stärken. Auch Elek­trobusse halte ich grund­sät­zlich für richtig, weil ich glaube, dass sie auf lange Sicht eher Zukun­ft haben als Ver­bren­ner.

Woge­gen ich bin, ist ein sol­i­darisch finanziert­er Nahverkehr, bei dem alle zahlen sollen, egal ob sie ihn nutzen oder nicht. Das halte ich für prob­lema­tisch allein schon aus rechtlichen Grün­den. Aber grund­sät­zlich gilt: Der ÖPNV muss aus­ge­baut wer­den.

 

SNO: Wie sieht es mit Wirtschaft und Ansied­lung aus?

Heiko Stein­müller: Da sage ich sehr offen: Wir haben in Schw­erin mit Bernd Not­te­baum einen guten Wirtschafts­dez­er­nen­ten. Der macht aus mein­er Sicht einen sehr ordentlichen Job. Ich würde ihm da nicht unnötig rein­funken. In Sachen Woh­nungs­bau und Stad­ten­twick­lung haben wir unter­schiedliche Sichtweisen, aber in Wirtschafts­fra­gen traue ich ihm viel zu.

 

SNO: Die Gewerbesteuer bleibt also?

Heiko Stein­müller: Ja. Senken wäre im Moment das falsche Sig­nal, aber auf keinen Fall erhöhen, sowie durch die Kon­so­li­dierung dür­fen wir sowieso keine Änderun­gen passieren. Die let­zte Erhöhung fand ich nicht gut, aber jet­zt müssen wir damit umge­hen. Die Unternehmen sind ohne­hin stark belastet. Eine weit­ere Erhöhung wäre aus mein­er Sicht nicht zumut­bar.

 

„Die Wertschöpfung muss in der Stadt bleiben“ – Mehr Unterstützung und Fairness für den Mittelstand

 

SNO: Was wür­den Sie sich speziell für Mit­tel­ständler wün­schen?

Heiko Stein­müller: Mehr Ver­ständ­nis und mehr Beteili­gung. Ich habe oft den Ein­druck, dass Prob­leme von Mit­tel­ständlern so abge­tan wer­den, als wäre das Jam­mern auf hohem Niveau. Das ist es nicht.

Ein Beispiel sind Stadt­feste. Es kann nicht sein, dass lokale Unternehmer und Gas­tronomen sich an extern organ­isierte Ver­anstal­tun­gen nur beteili­gen kön­nen, wenn sie hohe Sum­men zahlen, während der Ver­anstal­ter selb­st die öffentlichen Flächen kosten­los nutzt. Da muss die Wertschöp­fung viel stärk­er in der Stadt bleiben. Unsere Händler und Gas­tronomen zahlen das ganze Jahr hier Steuern. Dann sollte man sie bei Ver­anstal­tun­gen auch bevorzugt ein­binden.

 

SNO: Ste­ht bei Ihnen auch das The­ma Kli­ma­neu­tral­ität auf der Agen­da?

Heiko Stein­müller: Ja, natür­lich. Ich bin zum Beispiel ein klar­er Befür­worter von Mehrweggeschirr bei Ver­anstal­tun­gen. Da muss man gar kein Kli­mafa­natik­er sein, es reicht, sich nach so einem Fest ein­mal die Stadt anzuse­hen. Über­all liegt Müll herum. Wir haben seit Jahren die Möglichkeit, mit Mehrweg zu arbeit­en, und trotz­dem wird das nicht kon­se­quent gemacht. Das muss sich ändern. Ja, das kostet Geld. Aber Umwelt- und Ressourcenschutz darf man nicht immer mit dem Hin­weis auf Kosten ver­schieben.

 

SNO: Was wären Ihre ersten 100 Tage?

Heiko Stein­müller: Zwei Dinge wären sofort wichtig. Erstens würde ich mich mit der Hauptver­wal­tung zusam­menset­zen und die Ver­wal­tungsstruk­tur genau anschauen. Ich glaube, wir haben ins­ge­samt aus­re­ichend Per­son­al, aber falsch verteilt. Manche Bere­iche sind über­lastet, andere vielle­icht überbe­set­zt. Da braucht es eine Neustruk­turierung. Vor allem muss der Bürg­erser­vice bess­er wer­den. Es kann nicht sein, dass ältere Men­schen ohne Online-Ter­min im Stadthaus abgewiesen wer­den oder dass man wochen­lang auf einen Ter­min für ein­fache Anliegen warten muss.

Zweit­ens würde ich mich sehr inten­siv mit den Leuten zusam­menset­zen, die in Schw­erin wirk­lich den Überblick über das Bauen und Wohnen haben – sowie den Geschäfts­führern von ZGM und WGS. Ich würde mir genau erk­lären lassen: Wo liegen die Prob­leme auf dem Woh­nungs­markt? Wann rech­net sich ein sozialer Woh­nungs­bau? Welche Anreize brauchen Inve­storen? Die WGS wird auf Jahre hin­aus nicht in der Lage sein, das alleine zu stem­men. Deshalb müssen wir jet­zt Konzepte entwick­eln, um Inve­storen für sozialen Woh­nungs­bau zu gewin­nen.

 

Mehr Bürgernähe und bessere Kommunikation als Maßstab

 

SNO: Woran soll der Bürg­er nach sieben Jahren merken, dass es bess­er läuft?

Heiko Stein­müller: An Kleinigkeit­en und am Kli­ma in der Stadt. Der Besuch im Stadthaus muss ein­fach­er wer­den. Das Miteinan­der sollte sich verän­dern. Ich wün­sche mir, dass wir wegkom­men von diesem Denken „die da oben“ gegen „die hier unten“. Dass man wieder bess­er ver­ste­ht, dass Poli­tik und Ver­wal­tung oft Zwän­gen unter­liegen, aber trotz­dem Men­schen dort arbeit­en, die etwas für die Stadt bewe­gen wollen.

Ich bin ein ein­fach­er Typ. Vielle­icht hil­ft das. Ich will Dinge so erk­lären, wie sie sind. Und ich glaube, allein diese andere Gespräch­skul­tur würde schon viel verän­dern.

 

SNO: Die Stadtvertre­tung ste­ht über dem Ober­bürg­er­meis­ter. Wie wollen Sie mit ihr arbeit­en?

Heiko Stein­müller: Das ist auch richtig so. Son­st hät­ten wir ja fast eine Monar­chie. Natür­lich geht ohne Stadtvertre­tung gar nichts. Und natür­lich hat das viel mit Kom­pro­mis­sen, Diskus­sio­nen und auch Nieder­la­gen zu tun . Aber das gehört dazu.

Ich sage immer: Set­ze hun­dert Prozent an. Wenn du zwanzig umge­set­zt bekommst, ist das immer noch mehr als null. Ich glaube, ger­ade weil ich unpartei­isch bin, kann ich in dieser schwieri­gen Kon­stel­la­tion eher einen tragfähi­gen Mit­tel­weg find­en als andere.

 

SNO: Schaf­fen Sie es in die Stich­wahl?

Heiko Stein­müller: Wenn ich null Chan­cen hätte, wäre ich nicht ange­treten. Ich bin Real­ist. Ich glaube, ich werde ein gutes Ergeb­nis erzie­len. Ob es für Platz vier, drei oder sog­ar für die Stich­wahl reicht, kann ich nicht vorher­sagen. Aber mit ein biss­chen Glück kön­nte es möglich sein. Und ich glaube tat­säch­lich: Ich wäre ein ziem­lich guter Ober­bürg­er­meis­ter für Schw­erin.