Hinter der Kulisse der Schweriner Freimaurer

Viele Spekulationen ranken sich um die Freimaurer. Für manche Verschwörungstheorie muss der Bund immer wieder herhalten. Schwerin-Lokal hat einmal hinter die Kulissen des Männerbundes in Schwerin geschaut.

Erwin Milbrod ist der sogenannte Meister vom Stuhl
Erwin Milbrod ist der sogenannte Meister vom Stuhl | Foto: Dario Rochow

Egon Milbrod ist der sogenannte „Meister vom Stuhl“. So bezeichnet man in der Sprache der Freimaurerei den Vorsitzenden der Loge. Insgesamt zwei Logen gibt es seit der Wende in Schwerin. Die Freimaurerlogen „Eintracht in Freiheit“ und „Harpokrates zur Morgenroethe“ treffen sich wöchentlich am Schlachtermarkt.

Das Logenhaus kaufte 1846 Georg Adolph Demmler und schenkte es der Loge. Demmler, selbst Freimaurer, entwarf damals auch Fassade des Hauses. 1934 enteigneten die Nationalsozialisten die Loge, die sich wenig später auch auflöste. Auch in den Zeiten der DDR konnten die Freimaurer in der Stadt nicht wieder ihre Arbeit aufnehmen. Erst 1992 konnten sich die Logen wieder neugründen und erlangten nun auch wieder Besitz vom Logenhaus. Bis heute ist „Harpokrates zur Morgenroethe“ der Eigentümer des Hauses. „Eintracht in Freiheit“ ist inzwischen ebenso Mieter im Haus wie der Verein „Schlaraffi a Suerina.

 

Basis ist jahrhundertalte Erfahrung

Unser Gastgeber Erwin Milbrod vertritt als Meister vom Stuhl die Freimaurer der „Eintracht in Freiheit“ in der Öffentlichkeit, leitet zeitweise die Rituale bei den Treffen der Brüder, und führt uns heute in den Keller des Logenhauses. Jeden Dienstag kommen die Logenmitglieder zusammen. Selber sprechen sie von „Arbeiten“ auf solchen Zusammenkünften. Einmal im Monat gibt es auch Gästeabende. Diese finden im Kellergewölbe des Hauses statt. Die Logenbrüder unter sich, treffen sich im Tempel oben. Den werden wir uns wenig später anschauen dürfen.

Was machen die Freimaurer? Erwin Milbrod erklärt: „Kurz gesagt: Die Freimaurerei ist ein Jahrhunderte altes Training. Es sind eingeübte Rituale zur Persönlichkeitsentwicklung, basierend auf jahrhundertelang weitergegebener Erfahrung sowie humanistischen und ethischen Grundprinzipien zur Lebensführung.“

 

Anfänge bei den Steinmetzen

Woher stammt eigentlich die Bezeichnung Freimaurer? Erwin Milbrod erzählt uns, dass die offizielle Gründung auf den 24. Juni 1717 in England datiert ist. Ältere Aufzeichnungen hingegen verweisen auf die Existenz von Logen bis in das 13. Jahrhundert hinein. Die Anfänge hier lägen bei den Steinmetzen der Dombauhütten jener Zeit.

Foto: Dario Rochow

Diese Handwerker hätten oft nicht lesen und schreiben gekonnt. Trotzdem hätte sie ein enormes Wissen über Bautechnik angeeignet. Dieses Wissen wurde damals streng gehütet und nur untereinander weitergegeben. Vor allem in den sogenannten Dombauhütten habe man sich damals organisiert.

Als die Dombauhütten dann weniger gebraucht wurden, habe man die Tradition aufrechterhalten und auch Nicht-Handwerker aufgenommen. Daraus seien dann die Logen entstanden.

 

Winkel und Zirkel als zentrale Symbole

Winkel und Zirkel verweisen auf diese Historie, sie gelten als das zentrale Symbol der Freimaurer. „Der Winkel symbolisiert das rechte Leben und steht für Rechtschaffenheit. Der Zirkel verweist auf die Außenwirkung des menschlichen Handelns, das Menschsein in der Gesellschaft.“, erklärt Milbrod die freimaurerische Symbolik.

Winkel und Zirkel sind die Symbole der Freimaurerei | Foto: Dario Rochow

Was ist nun aber am Ende die Arbeit der Freimaurer? Für den Meister vom Stuhl ist diese Antwort recht einfach: Es geht um Persönlichkeitsentwicklung, um Arbeit an sich selbst. „So wie der Steinmetz den rauen Stein bearbeitet, damit er sich am Ende in die Mauer einfügt, so arbeiten wir an uns selbst.“, sagt Milbrod. Das freimaurische Ideal sei eine humanistisch geprägte Gesellschaft. „An deren Entstehung und Aufrechterhaltung wollen wir versuchen mitzuarbeiten“, so Milbrod. Das betreffe mehrere Ebenen, wie z.B. Familie oder Gemeinde. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität – das seien die Grundwerte, an denen sich die Freimaurer orientierten.

 

Selbsterkenntnis steht am Anfang und am Ende

Drei Grade kennt die Freimaurerei: Den Lehrling, den Gesellen und den Meister. Hier wird der Bezug zum Handwerk sehr schnell deutlich. Jeder dieser Grade hat andere Arbeitsschwerpunkte.

Foto: Dario Rochow

Die Arbeit des Lehrlings diene der Selbsterkenntnis, „Schau in Dich“ laute der Leitsatz der Freimaurerlehrlinge.

Beim Gesellen gehe es darum, sich selbst in anderen Menschen zu erkennen: „Schau um Dich!“ Der Meister arbeite nach dem Leitsatz „Schau über Dich“: Er nutze das Wissen der Freimaurer, um sein Leben entsprechend der ethischen Ideale zu gestalten und in die Gesellschaft hineinzuwirken, Verantwortung zu übernehmen.

Am Ende ist es immer die Selbsterkenntnis, um die sich alles bei den Freimaurern dreht.

 

Der Tempel als Zentrum der Zusammenkünfte

Die Arbeit an sich selbst finde im Wesentlichen im Tempel statt. „Bei der Tempelarbeit tragen wir schwarzen Anzug, weißes Hemd plus Krawatte und Handschuhe. Der Kontrast verweist unter anderem darauf, dass im Leben nicht alles rund läuft. Schwarz und weiß eben.“

Hinzu kommt ein Abzeichen, das sogenannte Bijou, das für die Loge steht und in jeder Loge anders aussieht. Der Schurz verweist auf den Ursprung der Freimaurer, die Steinmetze. Wer als „Beamter“ Tempelarbeit leistet – also die Rituale anleitet – trägt zudem eine große Schärpe.

Blick in den Tempel | Foto: Dario Rochow

Wir betreten den Tempel durch eine große Saaltür. In der Mitte stehen große Leuchter. Links und rechts sind Stühle gruppiert. Vorne sitzt während der Zusammenkünfte der Meister vom Stuhl. Der Arbeitsplatz fällt auf.

Der Arbeitsplatz des Meisters vom Stuhl fällt auf | Foto: Dario Rochow

„Die Brüder nehmen, nachdem sie hintereinander zu Musik den Raum betreten haben, in der nördlichen und südlichen Sitzreihe Platz“, berichtet Milbrod weiter. Haben die Brüder einmal Platz genommen, fänden unterschiedliche Rituale statt. Sie bestünden überwiegend aus Dialogen, Hammerschlägen, Verweisen auf Symbole. „So reflektieren wir zum Beispiel anhand eines 24-zolligen Maßes unseren Tag“, sagt der Meister vom Stuhl.

An der Seite sind Bildtafeln eingerollt, die Sinnbilder des Lebens. Während des Gesprächs bleiben diese jedoch verdeckt. „Alles können wir nicht zeigen“, erklärt Egon Milbrod.

 

Per „Kugelung“ wird man Mitglied

Wie wird man Mitglied in einer Freimaurerloge? Am Anfang steht immer der gegenseitige Kennenlernprozess. Wer Interesse an einer Loge hat, kann sich für einen Gästeabend anmelden. Auf diesem kann er dann die Gemeinschaft kennenlernen und mehr über die Arbeit erfahren.

Schwarze und weiße Kugel entscheiden über die Aufnahme | Foto: Dario Rochow

Wer sich dann anschließen wolle, der bitte in der Regel um Aufnahme. Per „Kugelung“ stimmen die Brüder über den Antrag ab: Sie werfen schwarze oder weiße Kugeln in ein Gefäß. Je nach Anzahl der schwarzen und weißen Kugeln wird der Bewerber Mitglied der Loge.

Egon Milbrod gibt sich an diesem Abend alles andere als geheimnisvoll. Gerne spricht er über seine Arbeit als Freimaurer. Man merkt ihm an, dass die Loge ihm inzwischen eine feste Heimat geworden ist. Eigentlich kommt er aus Lübeck und ist dort in einer Freimaurerloge organisiert. Seit einigen Jahren engagiert er sich aber auch bei der „Eintracht in Freiheit“. Dafür macht er sich jeden Dienstag aus Lübeck auf den Weg nach Schwerin.

Natürlich bleiben gewisse Dinge nach wie vor im Verborgenen. Sie sind den Logenbrüdern vorbehalten. „Was ein Bruder dem anderen sagt, das bleibt unter uns. Und natürlich auch unsere Bücher und die Rituale.“ Weil mit den Ritualen Verstand und Gefühl angesprochen würden, sagt Milbrod. Dieses Erlebnis wolle man den Logenbrüdern nicht nehmen. Dafür sei einfach die Teilnahme wichtig.

Dass diese ungelüfteten Geheimnisse immer wieder zu Spekulationen um die Freimaurer führen, kann der Freimaurer gut nachvollziehen. „Geheimnisvolles und Unbekanntes ist heute suspekt. Das hat sicher damit zu tun, weil so viel öffentlich gemacht wird“, sagt er. „Selbst das Private ist öffentlich. Das Verborgene wird dann schnell obskur, dubios, verdächtig.“

Wer mehr erfahren will, der könne Mitglied einer Loge werden. Erfolgreiche Kugelung vorausgesetzt.

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Schwerin, 10.03.2022

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