Studieren in Schwerin:
Weniger Studierende, mehr Hochschulen?
Mecklenburg-Vorpommern kämpft mit rückläufigen Studierendenzahlen – doch setzt auf praxisnahe Studienangebote und eine enge Zusammenarbeit. Schwerin möchte in Zukunft stärker als Hochschulstandort mitmischen.

Mecklenburg-Vorpommern verfügt über eine vielfältige Hochschullandschaft: Die größten Fachhochschulen befinden sich in Neubrandenburg, Stralsund und Wismar. Hinzu kommen die Hochschule für Musik und Theater Rostock, die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, die Verwaltungsfachhochschule in Güstrow sowie private Einrichtungen. Die beliebtesten Studienorte sind die Universitäten in Greifswald und Rostock. Eine aktuelle Analyse des Statistischen Amtes Mecklenburg-Vorpommern zeigt, dass die Hochschulen des Landes in den Jahren 2024 und 2025 eine rückläufige Zahl an Studierenden und Studienanfängern verzeichneten.
Möchten Studenten in MV studieren?
Im bundesweiten Vergleich liegt Mecklenburg-Vorpommern bei den Studierendenzahlen auf dem vorletzten Platz – nur im Saarland studieren weniger Menschen. Laut Statistischem Landesamt waren im Wintersemester 2024/2025 rund 36.000 Studierende eingeschrieben. In den Semestern 1998 und 1999 waren es noch 23.900. Den Höchststand erreichte das Land 2011 und 2012 mit 40.471 Studierenden. Seither sinken die Zahlen leicht: Im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten die Hochschulen ein Minus von 2,8 Prozent, die Zahl der Studienanfängerinnen und ‑anfänger ging um 1,1 Prozent zurück. Die Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK) rechnet in den nächsten zehn Jahren mit einem Anstieg der Studienanfänger von 5.500 im Jahr 2024 auf 6.400 bis 2035.
Auch in Schwerin zeigt sich: Die Studierendenzahlen steigen an. Durch Erweiterungen der Studienplatzkapazitäten in den vergangenen Jahren steigen die Bewerbungen und Studienanfänger entsprechend.
Schwerin als Hochschulstandort
Mit knapp 1.500 Studierenden ist Schwerin ein kleiner, aber feiner Hochschulstandort. Die Landeshauptstadt will sich nach eigenen Angaben stärker als wirtschaftlicher und technischer Bildungsstandort profilieren und ihre Attraktivität für Studierende steigern. Einen wichtigen Beitrag leisten die in Schwerin ansässigen Hochschulen. Die Studiengänge sind praxisnah und vielfältig: Neben der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit gibt es private Hochschulen und Außenstellen weiterer Hochschulen aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Medical School Hamburg kooperiert mit den Helios Kliniken und bietet den klinischen Abschnitt des Studiums in Schwerin an. Die Internationale Studien- und Berufsakademie (ISBA) kombiniert Ausbildung und Studium in Physiotherapie, Logopädie oder Sozialpädagogik. Berufsbegleitende Studienmodelle bieten ebenso die Designschule (in den kreativen Bereichen Grafik, Mode und Gamedesign) sowie die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie M‑V. Schwerin ist zudem Studienzentrum der Hamburger Fern-Hochschule in den Studiengängen Berufspädagogik für Gesundheits- und Sozialberufe sowie Pflegemanagement; ein flexibles Fernstudium ist ebenfalls möglich. Das Mecklenburgische Staatstheater dient zusätzlich als Ausbildungsstätte der Hochschule für Musik und Theater Rostock.
Bekommt Schwerin eine eigene staatliche Hochschule?
Der Ausbau einer staatlichen Hochschule und der Hochschulstrukturen in Schwerin wurde in der Vergangenheit wiederholt diskutiert. Von der neuen Landesregierung von 2021 bis 2026 sollte geprüft werden, ob Schwerin als Standort für eine Hochschule geeignet ist. In der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und DIE LINKE heißt es: „Die Koalitionspartner werden prüfen, ob in Schwerin ein Hochschulstandort entstehen kann. Dieses Projekt wird nicht zulasten der anderen Hochschulstandorte verfolgt.“ Der Ausbau der Hochschulstrukturen hängt von der politischen Umsetzung ab. Es geht dabei um studentische Wohnräume, Angebote und Infrastrukturen wie den Nahverkehr. Der Plan eines Studentenwohnheims wurde bisher nicht umgesetzt – unter anderem durch die Eröffnung der Zollhochschule in Rostock, da die Baukapazitäten darauf konzentriert wurden.
Der Verein Pro Schwerin setzt sich für die Entwicklung, die attraktive Gestaltung und das Image der Landeshauptstadt ein. Gemeinsam mit anderen Vereinen und Instituten unterstützten sie die Schweriner Hochschulinitiative, um Schwerin als Hochschulstandort voranzubringen. Der Vorstandsvorsitzende Werner Hinz erklärt: „Die Forderung nach einer neuen staatlichen Hochschule in Schwerin ist nicht mehr zeitgemäß. Entscheidend ist der Ausbau und die Vertiefung der Zusammenarbeit mit bestehenden Hochschulstandorten, insbesondere in Wismar und Güstrow.“
Der Verein der Förderer von Hochschulen in Schwerin engagiert sich ebenso für den Ausbau bestehender Einrichtungen. Der langjährige ehemalige Vereinsvorsitzende Dr. Joachim Wegrad gibt an: „Unsere zentrale Aufgabe wird es sein, den bestehenden Hochschulbestand zu pflegen und auszubauen, um die Attraktivität der Hochschulen und ihrer Standorte zu erhöhen. So können wir den seit Jahren rückläufigen Studierendenzahlen in Mecklenburg-Vorpommern entgegenwirken – idealerweise sie sogar umkehren.“
Der neue Vorsitzende Eike Fischer ergänzt: Es müsse differenziert werden, zwischen dem Aspekt, was eine Hochschule für Schwerin bewirken könne, und der Frage, welche Option im ersten Schritt realisierbar sei. Ein Verein könne die Faktoren, von denen die Gründung einer Hochschule abhängt, zwar positiv beeinflussen, aber keine Standortentscheidungen treffen. Dazu merkt Fischer an: „Gleichwohl zeigen aus jüngerer Vergangenheit die Gründung der Zollhochschule in Rostock 2025 oder die Standorteinbeziehung der Medical School direkt in Schwerin, dass es sich nicht um Utopien handelt, sondern sich durchaus immer wieder Chancen auftun, mit der Schaffung von Voraussetzungen auch eine solche Standortentscheidung zu unseren Gunsten beeinflussen.“
Das Berufsakademiegesetz bietet neue Perspektiven
Ein weiterer wichtiger Schritt ist das im Februar 2025 verabschiedete Berufsakademiegesetz in Mecklenburg-Vorpommern. Es ermöglicht privaten Trägern die Gründung von Berufsakademien, die eine duale, praxisbezogene und wissenschaftsnahe Ausbildung mit Bachelorabschluss anbieten. Durch die Zusammenarbeit mit Praxispartnern bieten Berufsakademien Möglichkeiten, regionale Unternehmen zu unterstützen, junge Menschen qualifiziert auszubilden und langfristig am Standort zu halten. Zuvor gab es keine Berufsakademien im Bundesland, obwohl bei jungen Menschen eine große Nachfrage nach praxisbezogenen Studiengängen besteht. Die Nordmetall-Jugendstudie 2024 zeigt: Zwei Drittel der Jugendlichen der Klassen elf und zwölf bevorzugen nach dem Abschluss ein duales Studium. Zudem empfinden sie Mecklenburg-Vorpommern als attraktiven späteren Lebensmittelpunkt.
Die Zukunft der Hochschulstrukturen in Schwerin
Ein Blick in andere Bundesländer zeigt, wie erfolgreich strategische Hochschulpolitik sein kann: Brandenburg schloss 2024 Hochschulverträge bis 2028 ab, die Entwicklungsziele und Perspektiven zwischen Land und Hochschulen festlegen; insgesamt stellt das Land 78 Millionen Euro bereit. In Sachsen-Anhalt wurden ähnliche Zielvereinbarungen bis 2029 getroffen, mit einer Erhöhung des Grundbudgets um rund 18 Prozent auf 454 Millionen Euro für die sieben staatlichen Hochschulen.
Diese Beispiele verdeutlichen: Kleinere Hochschulstandorte können vor allem durch Profilbildung, Vernetzung und strategische Planung erfolgreich sein.
Für Schwerin gilt es vorrangig durch strategische Zusammenarbeit bestehende Hochschulstrukturen in Mecklenburg-Vorpommern zu erweitern. Die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege in Güstrow soll künftig zur „Hochschule für den öffentlichen Dienst Mecklenburg-Vorpommern (HöD M‑V)“ weiterentwickelt werden. Schwerin soll ein Außenstandort, vor allem für Fort- und Weiterbildungen von Landesbediensteten, werden. Ob und wann diese Pläne umgesetzt werden, ist bislang nicht bekannt. Am Beispiel der Medical School Hamburg werden die positiven Faktoren von Schwerin als Hochschulstandort deutlich – so könnte es auch in anderen Bereichen funktionieren: Die Nähe zur Metropolregion Hamburg ermöglicht eine gute Anbindung an eine Großstadt, während Schwerin selbst eine überschaubare Landeshauptstadt mit attraktiver Lebensqualität und moderaten Wohnkosten bietet. Mit den Helios Kliniken als Ausbildungspartner ist eine praxisnahe medizinische Ausbildung direkt vor Ort gewährleistet, unterstützt durch moderne Lehr- und Simulationslabore. Darüber hinaus eröffnet die lokale Infrastruktur Arbeits- und Studentenjobs im Gesundheits- und Bildungsbereich, wodurch Studierende praktische Erfahrungen sammeln und gleichzeitig finanziell unterstützt werden können.
Eike Fischer betonte zudem, dass die Sicherung von Fachkräften für Schwerin von großer Bedeutung sei. Dabei müsse man sich fragen, ob Schwerin seine Position im Wettbewerb um Fachkräfte ohne den weiteren Ausbau von Hochschulstrukturen langfristig halten könne. Zudem verwies er auf den Wandel der Arbeitswelt mit Blick auf lebenslanges Lernen und die zunehmende Akademisierung der Ausbildung. Eine Hochschule zeichne sich, so wurde ausgeführt, immer durch das Zusammenspiel von Lernen und Forschen aus, wodurch dem Innovationspotenzial kaum Grenzen gesetzt seien. (Dies zeige sich jedes Jahr eindrucksvoll bei der vom Verein gestifteten Verleihung des Innovationspreises für die besten Abschlussarbeiten.)
Auch das Interesse der Industrie daran sei groß. Insbesondere Lehre und Forschung in Bezug auf Mecklenburg-Vorpommern bedürften diverser Zugänge aus unterschiedlichen Disziplinen – von den Rechtswissenschaften über die Steuerberater, von der Medizin über die Ingenieure, Lehramt, Pädagogik, Forstwissenschaften bis hin zur Bauplanung. In nahezu keinem Bereich bestehe ein beruhigender Fachkräftestock. Insbesondere duale Hochschulmodelle sind im Trend und immer mehr Ausbildungsberufe, vor allem im Bereich Handwerk und Pflege, entwickeln sich zu berufsorientierten Studiengängen weiter.
Der Vergleich mit anderen Bundesländern habe gezeigt, dass eine Ausweitung des Angebots und eine Verbesserung der Studienmöglichkeiten zu steigenden Studierendenzahlen führte, ohne dass dadurch Konkurrenzsituationen entstünden. Ein Medizinstudienplatz gefährde demnach keinen Lehramtsstudienplatz, sondern verknüpfe vielmehr gemeinsame Interessen der Studierenden, etwa in den Bereichen Wohnraum, Infrastruktur und Studentenjobs.



