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Studieren in Schwerin:
Weniger Studierende, mehr Hochschulen?

Mecklenburg-Vorpommern kämpft mit rückläufigen Studierendenzahlen – doch setzt auf praxisnahe Studienangebote und eine enge Zusammenarbeit. Schwerin möchte in Zukunft stärker als Hochschulstandort mitmischen.

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  • Veröffentlicht November 13, 2025
Hochschulen in Schwerin
Sym­bol­bild: Blick in den Hör­saal ein­er Hochschule. Foto: Mikael Kris­ten­son auf Unsplash

 

Meck­len­burg-Vor­pom­mern ver­fügt über eine vielfältige Hochschul­land­schaft: Die größten Fach­hochschulen befind­en sich in Neubran­den­burg, Stral­sund und Wis­mar. Hinzu kom­men die Hochschule für Musik und The­ater Ros­tock, die Hochschule der Bun­de­sagen­tur für Arbeit, die Ver­wal­tungs­fach­hochschule in Güstrow sowie pri­vate Ein­rich­tun­gen. Die beliebtesten Stu­dienorte sind die Uni­ver­sitäten in Greif­swald und Ros­tock. Eine aktuelle Analyse des Sta­tis­tis­chen Amtes Meck­len­burg-Vor­pom­mern zeigt, dass die Hochschulen des Lan­des in den Jahren 2024 und 2025 eine rück­läu­fige Zahl an Studieren­den und Stu­di­en­an­fängern verze­ich­neten.

 Möchten Studenten in MV studieren?

Im bun­desweit­en Ver­gle­ich liegt Meck­len­burg-Vor­pom­mern bei den Studieren­den­zahlen auf dem vor­let­zten Platz – nur im Saar­land studieren weniger Men­schen. Laut Sta­tis­tis­chem Lan­desamt waren im Win­terse­mes­ter 2024/2025 rund 36.000 Studierende eingeschrieben. In den Semes­tern 1998 und 1999 waren es noch 23.900. Den Höch­st­stand erre­ichte das Land 2011 und 2012 mit 40.471 Studieren­den. Sei­ther sinken die Zahlen leicht: Im Ver­gle­ich zum Vor­jahr verze­ich­neten die Hochschulen ein Minus von 2,8Prozent, die Zahl der Stu­di­en­an­fän­gerin­nen und ‑anfänger ging um 1,1Prozent zurück. Die Prog­nose der Kul­tus­min­is­terkon­ferenz (KMK) rech­net in den näch­sten zehn Jahren mit einem Anstieg der Stu­di­en­an­fänger von 5.500 im Jahr 2024 auf 6.400 bis 2035.

Auch in Schw­erin zeigt sich: Die Studieren­den­zahlen steigen an. Durch Erweiterun­gen der Stu­di­en­platzka­paz­itäten in den ver­gan­genen Jahren steigen die Bewer­bun­gen und Stu­di­en­an­fänger entsprechend.

Schwerin als Hochschulstandort

Mit knapp 1.500 Studieren­den ist Schw­erin ein klein­er, aber fein­er Hochschul­stan­dort. Die Lan­deshaupt­stadt will sich nach eige­nen Angaben stärk­er als wirtschaftlich­er und tech­nis­ch­er Bil­dungs­stan­dort pro­fil­ieren und ihre Attrak­tiv­ität für Studierende steigern. Einen wichti­gen Beitrag leis­ten die in Schw­erin ansäs­si­gen Hochschulen. Die Stu­di­engänge sind prax­is­nah und vielfältig: Neben der Hochschule der Bun­de­sagen­tur für Arbeit gibt es pri­vate Hochschulen und Außen­stellen weit­er­er Hochschulen aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Die Med­ical School Ham­burg kooperiert mit den Helios Kliniken und bietet den klin­is­chen Abschnitt des Studi­ums in Schw­erin an. Die Inter­na­tionale Stu­di­en- und Beruf­sakademie (ISBA) kom­biniert Aus­bil­dung und Studi­um in Phys­io­ther­a­pie, Logopädie oder Sozialpäd­a­gogik. Berufs­be­glei­t­ende Stu­di­en­mod­elle bieten eben­so die Design­schule (in den kreativ­en Bere­ichen Grafik, Mode und Gamedesign) sowie die Ver­wal­tungs- und Wirtschaft­sakademie M‑V. Schw­erin ist zudem Stu­dien­zen­trum der Ham­burg­er Fern-Hochschule in den Stu­di­engän­gen Beruf­späd­a­gogik für Gesund­heits- und Sozial­berufe sowie Pflege­m­an­age­ment; ein flex­i­bles Fern­studi­um ist eben­falls möglich. Das Meck­len­bur­gis­che Staat­sthe­ater dient zusät­zlich als Aus­bil­dungsstätte der Hochschule für Musik und The­ater Ros­tock.

Bekommt Schwerin eine eigene staatliche Hochschule?

Der Aus­bau ein­er staatlichen Hochschule und der Hochschul­struk­turen in Schw­erin wurde in der Ver­gan­gen­heit wieder­holt disku­tiert. Von der neuen Lan­desregierung von 2021 bis 2026 sollte geprüft wer­den, ob Schw­erin als Stan­dort für eine Hochschule geeignet ist. In der Koali­tionsvere­in­barung zwis­chen SPD und DIE LINKE heißt es: „Die Koali­tion­spart­ner wer­den prüfen, ob in Schw­erin ein Hochschul­stan­dort entste­hen kann. Dieses Pro­jekt wird nicht zulas­ten der anderen Hochschul­stan­dorte ver­fol­gt.“ Der Aus­bau der Hochschul­struk­turen hängt von der poli­tis­chen Umset­zung ab. Es geht dabei um stu­den­tis­che Wohn­räume, Ange­bote und Infra­struk­turen wie den Nahverkehr. Der Plan eines Stu­den­ten­wohn­heims wurde bish­er nicht umge­set­zt – unter anderem durch die Eröff­nung der Zoll­hochschule in Ros­tock, da die Bauka­paz­itäten darauf konzen­tri­ert wur­den.

 Der Vere­in Pro Schw­erin set­zt sich für die Entwick­lung, die attrak­tive Gestal­tung und das Image der Lan­deshaupt­stadt ein. Gemein­sam mit anderen Vere­inen und Insti­tuten unter­stützten sie die Schw­er­iner Hochschulini­tia­tive, um Schw­erin als Hochschul­stan­dort voranzubrin­gen. Der Vor­standsvor­sitzende Wern­er Hinz erk­lärt: „Die Forderung nach ein­er neuen staatlichen Hochschule in Schw­erin ist nicht mehr zeit­gemäß. Entschei­dend ist der Aus­bau und die Ver­tiefung der Zusam­me­nar­beit mit beste­hen­den Hochschul­stan­dorten, ins­beson­dere in Wis­mar und Güstrow.“

Der Vere­in der Förder­er von Hochschulen in Schw­erin engagiert sich eben­so für den Aus­bau beste­hen­der Ein­rich­tun­gen. Der langjährige ehe­ma­lige Vere­insvor­sitzende Dr. Joachim Wegrad gibt an: „Unsere zen­trale Auf­gabe wird es sein, den beste­hen­den Hochschulbe­stand zu pfle­gen und auszubauen, um die Attrak­tiv­ität der Hochschulen und ihrer Stan­dorte zu erhöhen. So kön­nen wir den seit Jahren rück­läu­fi­gen Studieren­den­zahlen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ent­ge­gen­wirken – ide­al­er­weise sie sog­ar umkehren.“

Der neue Vor­sitzende Eike Fis­ch­er ergänzt: Es müsse dif­feren­ziert wer­den, zwis­chen dem Aspekt, was eine Hochschule für Schw­erin bewirken könne, und der Frage, welche Option im ersten Schritt real­isier­bar sei. Ein Vere­in könne die Fak­toren, von denen die Grün­dung ein­er Hochschule abhängt, zwar pos­i­tiv bee­in­flussen, aber keine Stan­dor­tentschei­dun­gen tre­f­fen. Dazu merkt Fis­ch­er an: „Gle­ich­wohl zeigen aus jün­ger­er Ver­gan­gen­heit die Grün­dung der Zoll­hochschule in Ros­tock 2025 oder die Stan­dortein­beziehung der Med­ical School direkt in Schw­erin, dass es sich nicht um Utopi­en han­delt, son­dern sich dur­chaus immer wieder Chan­cen auf­tun, mit der Schaf­fung von Voraus­set­zun­gen auch eine solche Stan­dor­tentschei­dung zu unseren Gun­sten bee­in­flussen.“

Das Berufsakademiegesetz bietet neue Perspektiven

Ein weit­er­er wichtiger Schritt ist das im Feb­ru­ar 2025 ver­ab­schiedete Beruf­sakademiege­setz in Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Es ermöglicht pri­vat­en Trägern die Grün­dung von Beruf­sakademien, die eine duale, prax­is­be­zo­gene und wis­senschaft­sna­he Aus­bil­dung mit Bach­e­lorab­schluss anbi­eten. Durch die Zusam­me­nar­beit mit Prax­is­part­nern bieten Beruf­sakademien Möglichkeit­en, regionale Unternehmen zu unter­stützen, junge Men­schen qual­i­fiziert auszu­bilden und langfristig am Stan­dort zu hal­ten. Zuvor gab es keine Beruf­sakademien im Bun­des­land, obwohl bei jun­gen Men­schen eine große Nach­frage nach prax­is­be­zo­ge­nen Stu­di­engän­gen beste­ht. Die Nord­met­all-Jugend­studie 2024 zeigt: Zwei Drit­tel der Jugendlichen der Klassen elf und zwölf bevorzu­gen nach dem Abschluss ein duales Studi­um. Zudem empfind­en sie Meck­len­burg-Vor­pom­mern als attrak­tiv­en späteren Lebens­mit­telpunkt.

Die Zukunft der Hochschulstrukturen in Schwerin

Ein Blick in andere Bun­deslän­der zeigt, wie erfol­gre­ich strate­gis­che Hochschulpoli­tik sein kann: Bran­den­burg schloss 2024 Hochschul­verträge bis 2028 ab, die Entwick­lungsziele und Per­spek­tiv­en zwis­chen Land und Hochschulen fes­tle­gen; ins­ge­samt stellt das Land 78 Mil­lio­nen Euro bere­it. In Sach­sen-Anhalt wur­den ähn­liche Zielvere­in­barun­gen bis 2029 getrof­fen, mit ein­er Erhöhung des Grund­bud­gets um rund 18Prozent auf 454 Mil­lio­nen Euro für die sieben staatlichen Hochschulen.

Diese Beispiele verdeut­lichen: Kleinere Hochschul­stan­dorte kön­nen vor allem durch Pro­fil­bil­dung, Ver­net­zung und strate­gis­che Pla­nung erfol­gre­ich sein.

Für Schw­erin gilt es vor­rangig durch strate­gis­che Zusam­me­nar­beit beste­hende Hochschul­struk­turen in Meck­len­burg-Vor­pom­mern zu erweit­ern. Die Fach­hochschule für öffentliche Ver­wal­tung, Polizei und Recht­spflege in Güstrow soll kün­ftig zur „Hochschule für den öffentlichen Dienst Meck­len­burg-Vor­pom­mern (HöD M‑V)“ weit­er­en­twick­elt wer­den. Schw­erin soll ein Außen­stan­dort, vor allem für Fort- und Weit­er­bil­dun­gen von Lan­des­be­di­en­steten, wer­den. Ob und wann diese Pläne umge­set­zt wer­den, ist bis­lang nicht bekan­nt. Am Beispiel der Med­ical School Ham­burg wer­den die pos­i­tiv­en Fak­toren von Schw­erin als Hochschul­stan­dort deut­lich – so kön­nte es auch in anderen Bere­ichen funk­tion­ieren: Die Nähe zur Metropol­re­gion Ham­burg ermöglicht eine gute Anbindung an eine Großs­tadt, während Schw­erin selb­st eine über­schaubare Lan­deshaupt­stadt mit attrak­tiv­er Leben­squal­ität und mod­er­at­en Wohnkosten bietet. Mit den Helios Kliniken als Aus­bil­dungspart­ner ist eine prax­is­na­he medi­zinis­che Aus­bil­dung direkt vor Ort gewährleis­tet, unter­stützt durch mod­erne Lehr- und Sim­u­la­tion­sla­bore. Darüber hin­aus eröffnet die lokale Infra­struk­tur Arbeits- und Stu­den­ten­jobs im Gesund­heits- und Bil­dungs­bere­ich, wodurch Studierende prak­tis­che Erfahrun­gen sam­meln und gle­ichzeit­ig finanziell unter­stützt wer­den kön­nen.

Eike Fis­ch­er betonte zudem, dass die Sicherung von Fachkräften für Schw­erin von großer Bedeu­tung sei. Dabei müsse man sich fra­gen, ob Schw­erin seine Posi­tion im Wet­tbe­werb um Fachkräfte ohne den weit­eren Aus­bau von Hochschul­struk­turen langfristig hal­ten könne. Zudem ver­wies er auf den Wan­del der Arbeitswelt mit Blick auf lebenslanges Ler­nen und die zunehmende Akademisierung der Aus­bil­dung. Eine Hochschule zeichne sich, so wurde aus­ge­führt, immer durch das Zusam­men­spiel von Ler­nen und Forschen aus, wodurch dem Inno­va­tionspoten­zial kaum Gren­zen geset­zt seien. (Dies zeige sich jedes Jahr ein­drucksvoll bei der vom Vere­in ges­tifteten Ver­lei­hung des Inno­va­tion­spreis­es für die besten Abschlus­sar­beit­en.)

Auch das Inter­esse der Indus­trie daran sei groß. Ins­beson­dere Lehre und Forschung in Bezug auf Meck­len­burg-Vor­pom­mern bedürften divers­er Zugänge aus unter­schiedlichen Diszi­plinen – von den Rechtswis­senschaften über die Steuer­ber­ater, von der Medi­zin über die Inge­nieure, Lehramt, Päd­a­gogik, Forstwissenschaften bis hin zur Bau­pla­nung. In nahezu keinem Bere­ich beste­he ein beruhi­gen­der Fachkräfte­stock. Ins­beson­dere duale Hochschulmod­elle sind im Trend und immer mehr Aus­bil­dungs­berufe, vor allem im Bere­ich Handw­erk und Pflege, entwick­eln sich zu beruf­sori­en­tierten Stu­di­engän­gen weit­er.

Der Ver­gle­ich mit anderen Bun­deslän­dern habe gezeigt, dass eine Ausweitung des Ange­bots und eine Verbesserung der Stu­di­en­möglichkeit­en zu steigen­den Studieren­den­zahlen führte, ohne dass dadurch Konkur­ren­zsi­t­u­a­tio­nen entstün­den. Ein Medi­zin­stu­di­en­platz gefährde dem­nach keinen Lehramtsstu­di­en­platz, son­dern verknüpfe vielmehr gemein­same Inter­essen der Studieren­den, etwa in den Bere­ichen Wohn­raum, Infra­struk­tur und Stu­den­ten­jobs.