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Warum das Schauspiel am Mecklenburgischen Staatstheater sich verändert:
Kein Kahlschlag, sondern Kurswechsel

Der Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters spricht im Interview mit SNO über die Gründe und Hintergründe für den Wechsel im Schauspiel-Ensemble.

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  • Veröffentlicht Juli 31, 2025
Ensemble-Umbruch Staatstheater Schwerin
Gen­er­al­in­ten­dant Hans-Georg Weg­n­er schlägt ab der übernäch­sten Spielzeit eine neue kün­st­lerische Rich­tung im Schaus­piel ein. Foto: Silke Win­kler

 

Sechs Ensem­ble-Mit­glieder des Schaus­piels sollen nach der kom­menden Spielzeit das Meck­len­bur­gis­che Staat­sthe­ater ver­lassen. Diese Entschei­dung des Gen­er­al­in­ten­dan­ten Hans-Georg Weg­n­er sorgt für Unmut im Schaus­pie­lensem­ble. Von Kahlschlag ist die Rede, von Gut­sher­ren­manier und Ent­täuschung. Ein Schaus­piel­er über­re­ichte sog­ar eine Ket­ten­säge als Sym­bol. SNO sprach mit Hans-Georg Weg­n­er über die Gründe und Hin­ter­gründe für seine Entschei­dung – und die emo­tionale Kom­po­nente, die einen solchen Schritt stets begleit­et.

SNO: Es gibt Stim­men aus der Belegschaft, die Ihnen vor­w­er­fen, dass Sie kün­st­lerische Gründe vorge­bracht haben – in Wirk­lichkeit aber nur sparen wollen. Was ent­geg­nen Sie bei so ein­er Unter­stel­lung?

Hans-Georg Weg­n­er: Mir ist vol­lkom­men klar, dass die Nicht-Ver­längerung der Verträge die Kol­le­gen stark getrof­fen hat. Die meis­ten von ihnen sind beina­he zehn Jahre oder gar länger am Meck­len­bur­gis­chen Staat­sthe­ater und tief mit dem Haus und der Stadt ver­wurzelt. Aber diese sechs Schaus­piel­er sind defin­i­tiv nicht Opfer von Spar­maß­nah­men. Sie haben – wie für die meis­ten Kün­stler an The­atern üblich – einen soge­nan­nten Nor­malver­trag Bühne, wie übri­gens auch rund weit­ere 100 Mitar­bei­t­ende bei uns. Nicht nur bei Darstellern, son­dern auch in den Bere­ichen Maske, Req­ui­site, Kostüm, Dis­po­si­tion oder Mar­ket­ing sind solche Verträge üblich. Sie wer­den für min­destens eine Spielzeit abgeschlossen und ver­längern sich automa­tisch um eine Spielzeit, wenn keine frist­gemäße Nicht-Ver­längerung durch die Geschäfts­führung oder auch durch die Angestell­ten selb­st erfol­gt. Regelmäßige Wech­sel in den Ensem­bles sind daher Gang und Gäbe. Auch, wenn das für Außen­ste­hende ungewöhn­lich klingt, gehören diese Art Verträge zur Branche. Genau durch diesen Mech­a­nis­mus sind auch die jet­zi­gen Kün­stler vor Jahren ans Meck­len­bur­gis­che Staat­sthe­ater gekom­men.

 

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SNO: Gibt es einen Zusam­men­hang mit dem bevorste­hen­den Wech­sel der Schaus­pieldirek­tion 2026/2027?

Hans-Georg Weg­n­er: Joan­na Lewic­ka wird ab Herb­st 2026 die neue kün­st­lerische Lei­t­erin des Schaus­piels. Die Nicht-Ver­längerung von Nina Stein­hilber haben wir ihr gegenüber bere­its im Mai aus­ge­sprochen und den Wech­sel später in der Presse bekan­nt gemacht. Wir richt­en uns damit neu aus. Es ist selb­stver­ständlich, dass Joan­na Lewic­ka selb­st Schaus­piel­er mit­bringt und sich ihr Ensem­ble gemäß ihren kün­st­lerischen Vorstel­lun­gen for­men möchte. Auch das jet­zige Ensem­ble wurde durch die aktuelle Schaus­pielleitung geprägt. Für die, die jet­zt gehen, ist das ein har­ter Ein­schnitt. Und ihnen in Gesprächen detail­liert zu erläutern, was kün­st­lerisch zur Nicht-Ver­längerung führt, erscheint eben­falls hart. Aber es ist Teil des durch den Tar­ifver­trag vorgegebe­nen Prozess­es, den ich ein­hal­ten muss.

 

SNO: Wie funk­tion­iert dieser Prozess genau?

Hans-Georg Weg­n­er: Unter Ein­hal­tung ein­er Frist erfol­gt eine Ein­ladung zu einem ergeb­nisof­fe­nen Anhörungs­ge­spräch zwis­chen der Inten­danz und den einzel­nen Mitar­beit­ern. Darin muss ich dar­legen, warum ich der Mei­n­ung bin, dass der Ver­trag nicht ver­längert wer­den sollte. Die Mitar­beit­er brin­gen dann ihre Gründe für einen Verbleib vor – diese kön­nen von per­sön­lich über fach­lich bis zu sozial reichen. Ich wiederum darf auss­chließlich kün­st­lerische Gründe vor­brin­gen und muss sie detail­liert aus­führen – ein­fach zu sagen, dass man eine neue Rich­tung ein­schla­gen möchte und dafür etwa einen anderen Schaus­piel­er sucht, reicht nicht aus. Ich muss indi­vidu­elle Kri­tik am Spiel üben. Diese Vor­gabe stammt nicht von mir, son­dern ist durch den Tar­ifver­trag so fest­gelegt. In der­sel­ben Vere­in­barung ist übri­gens auch ver­ankert, dass bei Nicht-Ver­längerun­gen in ein­er laufend­en Inten­danz keine Abfind­un­gen gezahlt wer­den. Dieser ganze Prozess ist mein­er Ansicht nach abso­lut ungut und zwangsläu­fig ver­let­zend – und sollte auf jeden Fall reformiert wer­den.

 

SNO: Es sind unter­schiedliche Zahlen durch die Medi­en gegeis­tert. Es hieß unter anderem, die Hälfte des Ensem­bles müsse gehen. Lassen Sie uns alles ein­mal ver­ständlich auf den Punkt brin­gen, bitte.

Hans-Georg Weg­n­er: Derzeit umfasst unser Ensem­ble 16 Schaus­pielerin­nen und Schaus­piel­er. Vier von ihnen haben selb­st gekündigt, weil sie sich kün­st­lerisch anders auf­stellen wollen und neue Her­aus­forderun­gen suchen. Sie müssen also nicht gehen, son­dern möcht­en sich verän­dern. Eine Stelle davon beset­zen wir zur kom­menden Spielzeit voll neu. Die drei übri­gen beset­zen wir nicht dauer­haft, son­dern durch einen Gastkün­stler und zwei Stu­den­ten der Hochschule für Schaus­pielkun­st Ernst Busch in Berlin. Die bei­den Stu­den­ten sind im Rah­men ihrer Prax­iszeit neun Monate bei uns und bleiben uns danach eine weit­ere Spielzeit mit Teil­spielzeitverträ­gen erhal­ten. So sind wir nach wie vor 16 Mitar­bei­t­ende im Schaus­piel, nur nicht alle mit vollen Festverträ­gen. Zur übernäch­sten Spielzeit ver­lassen uns dann die sechs nicht ver­längerten Kol­le­gen und auch ihre Stellen wollen wir neu beset­zen.

SNO: Nichts­destotrotz ist es ja ihr Entschluss gewe­sen, die kün­st­lerische Rich­tung zu ändern, die all das nach sich zieht. Glauben Sie, dass man Ihnen das übel nimmt?

Hans-Georg Weg­n­er: Es macht mich trau­rig, per­sön­lich von manchen Kol­le­gen ange­gan­gen zu wer­den, die mir öffentlich reine Spar­maß­nah­men unter­stellen, obwohl sie es bess­er wis­sen müssten. Ich ver­suche aber, sach­lich zu bleiben und im Sinne des The­aters zu entschei­den. Denn was die kün­st­lerische Aus­rich­tung bet­rifft, ist eben genau das meine Auf­gabe, meine Ver­ant­wor­tung – dafür bin ich hier angestellt:  Ich habe das Haus so zu leit­en, dass das Pub­likum ein qual­i­ta­tiv her­vor­ra­gen­des, abwech­slungsre­ich­es Pro­gramm erleben kann.

 

SNO: Wer­den mögliche Spar­maß­nah­men darauf Auswirkun­gen haben?

Hans-Georg Weg­n­er: Ich möchte klar sagen: Die Lage ist so schwierig wie seit Jahren nicht mehr. Der The­ater­pakt sichert uns – bemessen an einem Sock­el­be­trag – 2,5 Prozent mehr Zuwen­dun­gen jährlich bis 2028. Doch Preis­steigerun­gen, Min­dest­lohn und Tar­if­steigerun­gen treiben die Aus­gaben mehr in die Höhe, als wir damit abdeck­en kön­nen.
Deshalb wird aber nicht ein­fach am Ensem­ble gekürzt, son­dern wir behal­ten alle Stellen im Plan und beset­zen in der Inter­imsspielzeit punk­tuell nicht fest nach – dann, wenn zum Beispiel Gastkün­stler etwas kom­pen­sieren kön­nen und es grund­sät­zlich nicht die Qual­ität der Auf­führun­gen infrage stellt. Zurzeit sind wir mit dem Land in Ver­hand­lun­gen, um unseren Anspruch an die The­aterkun­st am Staat­sthe­ater erhal­ten zu kön­nen. Ein Neustart im Schaus­pie­lensem­ble ist den­noch oder ger­ade dafür richtig. Auch die Investi­tion ins The­aterzelt war die richtige Entschei­dung, damit wir eine große Bühne zur Ver­fü­gung haben und unsere Zuschauer die Kün­stler in großen Pro­duk­tio­nen erleben kön­nen. Aus tief­stem Herzen – denn let­ztlich geht es vor allem darum – möchte ich, dass unser Pub­likum wach und neugierig bleibt, dass es emo­tionales The­ater erlebt und begeis­tert von uns erzählt. Das gebi­etet der Respekt vorm Pub­likum und dessen Erwartun­gen. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir auch intern zum respek­tvollen Umgang zurück­find­en und gemein­sam eine gelun­gene Spielzeit gestal­ten, in der wir einan­der und unserem Pub­likum offen begeg­nen kön­nen.