Warum das Schauspiel am Mecklenburgischen Staatstheater sich verändert:
Kein Kahlschlag, sondern Kurswechsel
Der Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters spricht im Interview mit SNO über die Gründe und Hintergründe für den Wechsel im Schauspiel-Ensemble.

Sechs Ensemble-Mitglieder des Schauspiels sollen nach der kommenden Spielzeit das Mecklenburgische Staatstheater verlassen. Diese Entscheidung des Generalintendanten Hans-Georg Wegner sorgt für Unmut im Schauspielensemble. Von Kahlschlag ist die Rede, von Gutsherrenmanier und Enttäuschung. Ein Schauspieler überreichte sogar eine Kettensäge als Symbol. SNO sprach mit Hans-Georg Wegner über die Gründe und Hintergründe für seine Entscheidung – und die emotionale Komponente, die einen solchen Schritt stets begleitet.
SNO: Es gibt Stimmen aus der Belegschaft, die Ihnen vorwerfen, dass Sie künstlerische Gründe vorgebracht haben – in Wirklichkeit aber nur sparen wollen. Was entgegnen Sie bei so einer Unterstellung?
Hans-Georg Wegner: Mir ist vollkommen klar, dass die Nicht-Verlängerung der Verträge die Kollegen stark getroffen hat. Die meisten von ihnen sind beinahe zehn Jahre oder gar länger am Mecklenburgischen Staatstheater und tief mit dem Haus und der Stadt verwurzelt. Aber diese sechs Schauspieler sind definitiv nicht Opfer von Sparmaßnahmen. Sie haben – wie für die meisten Künstler an Theatern üblich – einen sogenannten Normalvertrag Bühne, wie übrigens auch rund weitere 100 Mitarbeitende bei uns. Nicht nur bei Darstellern, sondern auch in den Bereichen Maske, Requisite, Kostüm, Disposition oder Marketing sind solche Verträge üblich. Sie werden für mindestens eine Spielzeit abgeschlossen und verlängern sich automatisch um eine Spielzeit, wenn keine fristgemäße Nicht-Verlängerung durch die Geschäftsführung oder auch durch die Angestellten selbst erfolgt. Regelmäßige Wechsel in den Ensembles sind daher Gang und Gäbe. Auch, wenn das für Außenstehende ungewöhnlich klingt, gehören diese Art Verträge zur Branche. Genau durch diesen Mechanismus sind auch die jetzigen Künstler vor Jahren ans Mecklenburgische Staatstheater gekommen.
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SNO: Gibt es einen Zusammenhang mit dem bevorstehenden Wechsel der Schauspieldirektion 2026/2027?
Hans-Georg Wegner: Joanna Lewicka wird ab Herbst 2026 die neue künstlerische Leiterin des Schauspiels. Die Nicht-Verlängerung von Nina Steinhilber haben wir ihr gegenüber bereits im Mai ausgesprochen und den Wechsel später in der Presse bekannt gemacht. Wir richten uns damit neu aus. Es ist selbstverständlich, dass Joanna Lewicka selbst Schauspieler mitbringt und sich ihr Ensemble gemäß ihren künstlerischen Vorstellungen formen möchte. Auch das jetzige Ensemble wurde durch die aktuelle Schauspielleitung geprägt. Für die, die jetzt gehen, ist das ein harter Einschnitt. Und ihnen in Gesprächen detailliert zu erläutern, was künstlerisch zur Nicht-Verlängerung führt, erscheint ebenfalls hart. Aber es ist Teil des durch den Tarifvertrag vorgegebenen Prozesses, den ich einhalten muss.
SNO: Wie funktioniert dieser Prozess genau?
Hans-Georg Wegner: Unter Einhaltung einer Frist erfolgt eine Einladung zu einem ergebnisoffenen Anhörungsgespräch zwischen der Intendanz und den einzelnen Mitarbeitern. Darin muss ich darlegen, warum ich der Meinung bin, dass der Vertrag nicht verlängert werden sollte. Die Mitarbeiter bringen dann ihre Gründe für einen Verbleib vor – diese können von persönlich über fachlich bis zu sozial reichen. Ich wiederum darf ausschließlich künstlerische Gründe vorbringen und muss sie detailliert ausführen – einfach zu sagen, dass man eine neue Richtung einschlagen möchte und dafür etwa einen anderen Schauspieler sucht, reicht nicht aus. Ich muss individuelle Kritik am Spiel üben. Diese Vorgabe stammt nicht von mir, sondern ist durch den Tarifvertrag so festgelegt. In derselben Vereinbarung ist übrigens auch verankert, dass bei Nicht-Verlängerungen in einer laufenden Intendanz keine Abfindungen gezahlt werden. Dieser ganze Prozess ist meiner Ansicht nach absolut ungut und zwangsläufig verletzend – und sollte auf jeden Fall reformiert werden.
SNO: Es sind unterschiedliche Zahlen durch die Medien gegeistert. Es hieß unter anderem, die Hälfte des Ensembles müsse gehen. Lassen Sie uns alles einmal verständlich auf den Punkt bringen, bitte.
Hans-Georg Wegner: Derzeit umfasst unser Ensemble 16 Schauspielerinnen und Schauspieler. Vier von ihnen haben selbst gekündigt, weil sie sich künstlerisch anders aufstellen wollen und neue Herausforderungen suchen. Sie müssen also nicht gehen, sondern möchten sich verändern. Eine Stelle davon besetzen wir zur kommenden Spielzeit voll neu. Die drei übrigen besetzen wir nicht dauerhaft, sondern durch einen Gastkünstler und zwei Studenten der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Die beiden Studenten sind im Rahmen ihrer Praxiszeit neun Monate bei uns und bleiben uns danach eine weitere Spielzeit mit Teilspielzeitverträgen erhalten. So sind wir nach wie vor 16 Mitarbeitende im Schauspiel, nur nicht alle mit vollen Festverträgen. Zur übernächsten Spielzeit verlassen uns dann die sechs nicht verlängerten Kollegen und auch ihre Stellen wollen wir neu besetzen.
SNO: Nichtsdestotrotz ist es ja ihr Entschluss gewesen, die künstlerische Richtung zu ändern, die all das nach sich zieht. Glauben Sie, dass man Ihnen das übel nimmt?
Hans-Georg Wegner: Es macht mich traurig, persönlich von manchen Kollegen angegangen zu werden, die mir öffentlich reine Sparmaßnahmen unterstellen, obwohl sie es besser wissen müssten. Ich versuche aber, sachlich zu bleiben und im Sinne des Theaters zu entscheiden. Denn was die künstlerische Ausrichtung betrifft, ist eben genau das meine Aufgabe, meine Verantwortung – dafür bin ich hier angestellt: Ich habe das Haus so zu leiten, dass das Publikum ein qualitativ hervorragendes, abwechslungsreiches Programm erleben kann.
SNO: Werden mögliche Sparmaßnahmen darauf Auswirkungen haben?
Hans-Georg Wegner: Ich möchte klar sagen: Die Lage ist so schwierig wie seit Jahren nicht mehr. Der Theaterpakt sichert uns – bemessen an einem Sockelbetrag – 2,5 Prozent mehr Zuwendungen jährlich bis 2028. Doch Preissteigerungen, Mindestlohn und Tarifsteigerungen treiben die Ausgaben mehr in die Höhe, als wir damit abdecken können.
Deshalb wird aber nicht einfach am Ensemble gekürzt, sondern wir behalten alle Stellen im Plan und besetzen in der Interimsspielzeit punktuell nicht fest nach – dann, wenn zum Beispiel Gastkünstler etwas kompensieren können und es grundsätzlich nicht die Qualität der Aufführungen infrage stellt. Zurzeit sind wir mit dem Land in Verhandlungen, um unseren Anspruch an die Theaterkunst am Staatstheater erhalten zu können. Ein Neustart im Schauspielensemble ist dennoch oder gerade dafür richtig. Auch die Investition ins Theaterzelt war die richtige Entscheidung, damit wir eine große Bühne zur Verfügung haben und unsere Zuschauer die Künstler in großen Produktionen erleben können. Aus tiefstem Herzen – denn letztlich geht es vor allem darum – möchte ich, dass unser Publikum wach und neugierig bleibt, dass es emotionales Theater erlebt und begeistert von uns erzählt. Das gebietet der Respekt vorm Publikum und dessen Erwartungen. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir auch intern zum respektvollen Umgang zurückfinden und gemeinsam eine gelungene Spielzeit gestalten, in der wir einander und unserem Publikum offen begegnen können.



