Kenia: Steigende Gewalt vor den Wahlen 2027 – Bewaffnete Banden terrorisieren die Opposition
Nairobi – Im Vorfeld der für August 2027 geplanten Wahlen in Kenia haben bewaffnete Banden eine Serie brutaler Angriffe auf zivilgesellschaftliche Veranstaltungen und Treffen der politischen Opposition verübt.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wurden in den vergangenen Monaten mindestens sechs Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt. Die Eskalation der Gewalt schürt die Sorge vor einer Wiederholung der blutigen Unruhen, die vergangene Wahlen in dem ostafrikanischen Land überschatteten.
Obwohl die Wahlen, bei denen Präsident William Ruto voraussichtlich für eine zweite Amtszeit kandidieren wird, erst für den 10. August 2027 angesetzt sind, heizt sich das politische Klima bereits massiv auf. Sowohl die Regierungspartei als auch die Opposition haben landesweit mit Kundgebungen begonnen. Human Rights Watch warnt nun, dass dieses Klima durch gezielte Einschüchterung und zunehmende Straflosigkeit vergiftet wird.
Gezielte Angriffe auf Opposition und Zivilgesellschaft
Die Gewaltspirale begann den Berichten zufolge bereits im Juni. Am 12. Juni stürmten rund 100 Männer ein zivilgesellschaftliches Treffen zur Erörterung des nationalen Haushalts in der All Saints‘ Cathedral in der Hauptstadt Nairobi. Die Angreifer verprügelten die Teilnehmer und stahlen deren Mobiltelefone und Taschen. Nur vier Tage später griffen maskierte Männer aus nicht markierten Fahrzeugen heraus Menschenmengen während der Nachwahlen im Bezirk Nyandarua mit Tränengas an. Journalisten und Zivilisten wurden ausgeraubt, zwei Anwohner wurden laut lokalen Medienberichten zu Tode geprügelt.
Besonders im Fadenkreuz der Gewalt steht das Oppositionsbündnis Linda Mwananchi (Schützt die Bürger). Mitte Juli griff ein mit Macheten und Pfeilen bewaffneter Mob einen Gottesdienst in der St. Stephen’s Cathedral in Kisumu an, an dem führende Oppositionspolitiker teilnahmen. Dabei kam eine Person ums Leben.
Mitte August eskalierte die Situation in Homa Bay weiter: Ein Konvoi mit Anhängern und Politikern von Linda Mwananchi wurde auf dem Weg zu einer Kundgebung von Hunderten mit Macheten, Stöcken und Schusswaffen bewaffneten Angreifern gestoppt. Drei Menschen wurden bei diesem Überfall getötet, Journalisten wurden geschlagen und ihrer Ausrüstung beraubt. Agneta Mwangale, eine Parlamentskandidatin des Bündnisses, berichtete, wie sie und andere Insassen gewaltsam aus ihrem Auto gezerrt wurden. Die Angreifer hackten mit Macheten auf sie ein, töteten einen Passagier und steckten das Fahrzeug anschließend in Brand.
Ende August wurde in Awendo zudem das Fahrzeug von James Orengo, dem Gouverneur des Bezirks Siaya und ebenfalls Linda Mwananchi-Politiker, niedergebrannt und laut Augenzeugenberichten mit scharfer Munition beschossen.
Kritik an der Untätigkeit der Behörden
Menschenrechtsaktivisten werfen den kenianischen Sicherheitsbehörden vor, nicht entschieden genug gegen die Täter vorzugehen und ein Klima der Angst zuzulassen. Zwar gab die Polizei im August bekannt, im Zusammenhang mit den Vorfällen in Homa Bay und Kisumu mehrere Dutzend Personen festgenommen zu haben, doch transparente Ermittlungen oder Anklagen lassen auf sich warten. Zeugen berichteten zudem, dass Polizisten bei einigen der Angriffe zwar vor Ort waren, die Gewalt jedoch nicht eindämmten.
Carine Kaneza Nantulya, stellvertretende Afrika-Direktorin bei HRW, äußerte sich tief besorgt: „Die Welle der Gewalt zu Beginn der Vorwahlzeit droht eine Rückkehr zu den Menschenrechtsverletzungen zu werden, die Kenias frühere Wahlen überschattet haben. Die Behörden müssen diesen Kreislauf der Gewalt durchbrechen und sicherstellen, dass die Verantwortlichen nicht ungestraft davonkommen.“
Anstatt die Angriffe lückenlos aufzuklären, beschuldigte Innenminister Kipchumba Murkomen kurz nach dem tödlichen Vorfall in Homa Bay in einer Rede paradoxerweise die Oppositionspolitiker selbst, die verhafteten „Schläger“ versammelt zu haben.
Appell an die internationale Gemeinschaft
Kenia blickt auf eine dunkle Geschichte politisch motivierter Wahlgewalt zurück. Insbesondere nach den Wahlen in den Jahren 2007 und 2013 kam es zu massiven Unruhen und gezielten Bandenangriffen, deren Hintermänner oftmals straflos blieben.
Politikerinnen wie Amakove Wala warnen davor, dass die aktuelle Gewaltkampagne gezielt darauf ausgerichtet sei, Menschen – und insbesondere Frauen – von der politischen Teilhabe und dem Besuch von Kundgebungen abzuschrecken. Internationale Organisationen fordern die Regierung von Präsident Ruto nun nachdrücklich auf, nach den Vorgaben des Gesetzes zur Verhütung organisierter Kriminalität zu handeln, die
Drahtzieher der Banden zur Rechenschaft zu ziehen und die Sicherheit für alle Bürger im Vorfeld der Wahlen 2027 zu gewährleisten.