Keramische Säule zur Schweriner Geschichte wieder zu sehen

Geschichtspanorama wurde am vergangenen Freitag im Hof der Volkshochschule zum zweiten Mal eingeweiht.

Wunder vollbracht: Der Schweriner Steinbildhauer Friedrich-Walter Beckmann hat die beschädigte Keramische Säule restauriert. © LHS / Michaela Christen

Aus der Keramischen Säule von Anni Jung ist nach der Restaurierung durch den Steinbildhauer Friedrich-Walter Beckmann wieder ein plastisches Geschichtspanorama der Stadtgeschichte geworden. Am vergangenen Freitag wurde das Kunstwerk 32 Jahre nach seiner ersten Enthüllung im Beisein von Oberbürgermeister Rico Badenschier im Hof der Volkshochschule zum zweiten Mal eingeweiht.

Bis 1993 stand die Keramische Säule zur Stadtgeschichte in der Fußgängerzone am Großen Moor, Ecke Puschkinstraße. Dort wurde sie durch einen Lastkraftwagen  schwer beschädigt. Seitdem lagen die Tafeln im Depot der Stadtgeschichtlichen Sammlung. Und immer wieder erkundigten sich seither Schwerinerinnen und Schweriner, ob und wann denn das Kunstwerk wieder zu sehen sein wird.

Das als „Keramischen Säule“ bekannte Kunstwerk entstand im Zusammenhang mit der Umgestaltung des Altstadtviertels Großer Moor zwischen 1978 und 1985. Nach dem Flächenabriss, bei dem auch ein Stück des alten Schwerins unwiederbringlich verschwand,  sollten bei der bildkünstlerischen Gestaltung des Neubaugebiets „Altschweriner Motive“ einen Blick in die Schweriner Historie ermöglichen, so das Ziel des Auftraggebers.

 

Rehabilitierung der früher verfolgten Hexen war Initialzündung

 

Die Initiative, die Keramische Säule wieder öffentlich zu zeigen, kam 2016 von der ASK. Ralph Martini, damals Stadtvertreter der Aktion Stadt und Kulturschutz (ASK), hatte vor gut zwei Jahren in einem Antrag an die Stadtvertretung gefordert, dass alle in der Zeit der Hexen- und Zaubererverfolgung während des 16. bis 18. Jahrhunderts in Schwerin gequälten und ermordeten Menschen moralisch rehabilitiert werden. „Der Antrag hat die Intention, das Gedenken an die dunkle Zeit ins Bewusstsein zurückzuholen und den Opfern in angemessener Form zu gedenken“, so damals die Begründung Martinis in der Stadtvertretung. Die Mehrheit der Stadtvertretung stimmten damals dem Antrag zu.

Und da eine Tafel der Stele sich auch mit der Hexenverfolgung in Schwerin beschäftigt, entstand die Idee, die Keramik-Säule für das Erinnern an die rund 100 im 16. und 17. Jahrhundert in Schwerin verurteilten Hexen und Hexer zu nutzen.

 

Ausführliche Dokumentation erläutert Geschichte der Stadt

 

„Mittlerweile ist die Säule selbst ein Stück Stadtgeschichte, das vom Spannungsverhältnis zwischen Geschichte, Geschichtsbild und kollektivem Gedächtnis kündet. Ich wünsche mir, dass auch in Zukunft vor dieser Säule Geschichte und Gegenwart Schwerins im offenen Austausch diskutiert werden können“, sagte Oberbürgermeister Rico Badenschier zur Wiedereinweihung am neuen Standort im Hof der Volkshochschule.

Der alte Schulhof hat auch einen direkten inhaltlichen Bezug zur Säule. Denn auf ihr ist auch das Gesicht des Namenspatrons und Neugründers der Volkshochschule „Ehm Welk“ verewigt. Am Kunstwerk wurde eine ausführliche Dokumentation angebracht, die die Relief-Tafeln erläutert.  Am Kunstwerk wurde eine ausführliche Dokumentation angebracht, die jede der 27 Keramik-Relief-Tafeln beschreibt und erläutert.

 

Historie der Keramischen Säule

1981 erhielt die Meißener Künstlerin Anni Jung den Auftrag von der Stadt Schwerin, eine bildliche Darstellung zur Geschichte der Stadt zu erarbeiten. Ein Jahr später legte sie erste Entwürfe vor. Die einzelnen Tafeln stellen Ereignisse und Persönlichkeiten der Schweriner Geschichte dar, verwoben mit solchen der allgemeinen deutschen Geschichte.

Zwischen 1983 und 1985 gestaltete Anni Jung die 27 Tafeln der Säule. Die Episoden spiegeln in weiten Teilen das offizielle Geschichtsbild der DDR wider, das  die sozialistische Gesellschaft im Staat der Arbeiter und Bauern als Vollendung der Lehren aus der Geschichte verstand.

Doch ist die 1986 am Großen Moor aufgestellte Keramische Säule auch heute eine bemerkenswerte und einzigartige künstlerische Arbeit, die mit der ausdrucksstarken Gestaltung der Figuren und Gesichter ebenso wie mit ihrer üppigen Farbigkeit Geschichtsbilder und deren politische Instrumentalisierung lebendig vermittelt.

7. Juni 1986: feierliche Enthüllung

bis 1993: Standort Großer Moor, Ecke Puschkinstraße

1993 bis 2018: Einlagerung im Depot der Stadtgeschichtlichen Sammlung Schwerin nach

Beschädigung mehrerer Tafeln durch einen Lastwagen

2017/18: Restaurierung durch den Schweriner Steinbildhauer Friedrich-Walter Beckmann

Juli 2018: Neuaufstellung im Hof der VHS, Puschkinstraße 13

14. September 2018: zweite Einweihung

Henning Kobs

Journalist. Wohnt in Braunschweig. Schreibt seit der Gründung im Jahr 2013 als freier Mitarbeiter gelegentlich für unsere digitale Tageszeitung. Er arbeitet vor allem im Back-Office der Redaktion.

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