„Kinder- und Jugendpsychiatrie ohne Schule ist nicht denkbar“

Mitte März konnte die Stadt nach vergleichsweise kurzer Bauzeit einen lange gewünschten Schulneubau übergeben: Die Klinikschule auf dem Gelände der Helios Kliniken Schwerin. Bei einem Blick in das Gebäude nutzte unser Redakteur die Gelegenheit, um mehr rund um diese Schule zu erfahren, die eine ganz wichtige Rolle bei der Genesung vieler Kinder und Jugendlicher spielt.

Schulleiterin Nadine Bartel und Chefarzt Dr. Christian Haase vor der neuen Klinikschule | Foto: schwerin-lokal

Es liegt noch gar nicht lange zurück – konkret war es Mitte März – dass der Oberbürgermeister Schwerins, Dr. Rico Badenschier, ganz offiziell den Schlüssel für den jüngsten Schulneubau der Landeshauptstadt übergeben konnte. Kennzahlen wie das Investitionsvolumen von insgesamt 1,46 Millionen Euro und die Nutzfläche von 446 Quadratmetern ließen schon erahnen, dass es sich vermutlich um keine ganz klassische Schule handeln dürfte. Diese sind in der Regel deutlich größer und damit auch preisintensiver.

Stadt realisierte Schulneubau

Eine Annahme, die sowohl stimmt, wie auch nicht. Denn es handelte sich um die Klinikschule auf dem Gelände der Helios Kliniken Schwerin. Eine Einrichtung, mit vielen Besonderheiten, was nachvollziehbar ist, wird sie doch speziell dann gebraucht, wenn auch eine besondere Situation vorliegt. Wenn Kinder oder Jugendliche für einen deutlich längeren Zeitraum aus ihrem klassischen Alltag und damit auch aus ihrem Schulalltag heraus müssen, um sich aufgrund vorliegender Erkrankungen professionell behandeln zu lassen. Irgendwie ist die Albert-Schweitzer-Schule letztlich aber auch eine echte Schule. Mit Lehrkräften, die beim Land angestellt sind und einem Gebäude nebst Ausstattung, für das die Stadt die Verantwortung trägt. Wie eben bei jeder anderen Schule auch.

 

Eine normale und doch besondere Schule

Und doch ist hier, eingebettet in viel Natur und gelegen zwischen überwiegend anspruchsvoll sanierten, teilweise um moderne Anbauten erweiterten Gebäuden, vieles eben doch anders.  Daher lohnt ein Blick hinter die Mauern des eingeschossigen Neubaus – in die Schule, die wohl die wenigsten auf dem Schirm haben, wenn sie an die Bildungseinrichtungen Schwerins denken. Geht man durch den Flurbereich, ist an sich nichts anders. Klar, es könnte auch ein Büroflur sein. Aber man darf nicht vergessen, dass auch Schulgebäude Funktionsgebäude sind. Und letztlich zählt vor allem, was hinter den Türen der Klassenzimmer geschieht. In den Bereichen des Unterrichtsgeschehens. Dort, wo sich die hochengagierten Lehrkräfte um kleine Gruppen von Schülerinnen und Schülern verschiedener Altersgruppen kümmern. Kinder und Jugendliche, die gleichzeitig überwiegend auch Patientinnen und Patienten der Psychiatrischen Klinik sind.

„Die Krankheitsbilder sind dabei vielfältig“, weiß Dr. Christian Haase, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie zu berichten. „Einige ritzen sich, andere haben Psychosen, Essstörungen, Ängste, Süchte oder auch Depressionen.“ Sie alle sind in der Regel über viele Wochen, oft mehrere Monate lang, in stationärer Behandlung. “ Hinzu kommen Patientinnen und Patienten der Psychosomatik sowie verschiedener Tageskliniken. „Wir tun hier alles und Mögliche, damit sie nicht den Anschluss an ihren eigentlichen Schulen komplett verlieren“, ergänzt Schulleiterin Nadine Bartel.

 

Blick in einen der modernen Klassenräume. | Foto: Helios/Hoppe

 

Unterricht und Therapien patientenspezifisch vernetzt

In aktuell fünf Klassenräumen erhalten die Kinder und Jugendlichen dabei natürlich nicht in allen Schulfächern Unterricht. Für die Jüngeren stehen vor allem Deutsch und Mathe im Fokus. In der Oberstufe auch etwas Biologie, Geschichte und Geografie. Und wenn’s klappt auch etwas Sprachenunterricht“, weiß Nadine Bartel. Mehr kann und will eine solche Klinikschule nicht leisten. Aus vielerlei Hinsicht. Denn vordergründig dreht sich natürlich alles darum, die jungen Patientinnen und Patienten bestmöglich von ihren Krankheiten zu befreien oder zumindest ihnen ein gutes Leben auch mit einer Erkrankung zu ermöglichen.

„Priorität haben natürlich die verschiedenen Therapien“, erläutert Dr. Haase. „Darüber hinaus aber haben wir Therapie und Schule aber – anders, als dies früher der Fall war – eng miteinander vernetzt. Nicht zuletzt auch, da es natürlich eines der Ziele unserer Arbeit ist, dass es auch in der Schule wieder läuft.“ So stehen Therapeuten, Mediziner und Lehrkräfte – immer im Rahmen dessen, was der Schutz der Patientendaten gestattet – bei jedem einzelnen Fall in einem engen Austausch. „Das Ziel ist die bestmögliche Betreuung“, so Dr. Haase.

 

Optimale Lehr- und Lernbedingungen in der besonderen Situation

Und so zeigt ein Blick durch die in die Türen der Klassenräume eingelassenen Glasscheiben auch tatsächlich kleine Gruppen aus eher vier, fünf oder sechs Kindern und Jugendlichen, die unter wirklich sehr guten und vor allem modernen Bedingungen lernen. Von digitalen Tafeln bis hin zu iPads für die Schülerinnen und Schüler fehlt es technisch gesehen an nichts. Hinzu kommen die einfühlsamen und motivierten Lehrkräfte und eine ruhige, den Krankheitsbildern angepasste Lernumgebung.

 

Schon kurz nach dem Start im neuen Gebäude hatten die Kids die Fenster gestaltet. | Foto: privat

 

Schule ist ein zentraler Bestandteil des normalen Alltags

„Ein wichtiges Ziel unserer Arbeit ist es, dort, wo es erforderlich ist, wieder Motivation für die Schule zu wecken“, so Nadine Bartel. Denn nicht selten würden entsprechend erkrankte Kinder und Jugendliche auch zu Schulverweigerern. Weil die den schulischen Druck nicht aushalten, weil sie im sozialen Miteinander Probleme bekommen und durchaus auch, weil der eigene Leistungslevel nicht dem geforderten entspricht.  „Das kann in beide Richtungen ausschlagen. Während die einen total unterfordert sind, und sich deshalb irgendwann der Schulsituation entziehen, sind andere eben überfordert. Wenn das Gymnasium eben nicht der richtige Schultyp ist, die Kinder aber um jeden preis dorthin müssen, dann kann das krank machen“, weiß Dr. Haase aus seinem Arbeitsalltag.

„Aber es können im schulischen Alltag, der ja einen großen Teil des Lebens der Kinder und Jugendlichen einnimmt, auch verschiedenste andere Probleme auftreten. Die dann Krankheiten verursachen, oder die durch eine Krankheit entstehen.“ Für den Chefarzt steht fest: „Kinder- und Jugendpsychiatrie ohne Schule ist nicht denkbar.“

 

Der Neubau bietet Perspektiven

Die Antwort darauf, ob sie denn jetzt mit der neuen Schulsituation zufrieden ist, gibt ein Blick in Nadine Bartels Augen. Die Schulleiterin, von der im Gespräch eine wohltuende Ruhe ausgeht und deren Engagement dennoch in jedem Satz erkennbar ist, und Sie strahlt. „Ja, es ist wirklich super hier.“ Ganz die Schulleiterin ergänzt sie aber gleich: „Man wünscht sich natürlich immer mehr. Aber wir haben hier wirklich optimale Bedingungen. Und die Perspektive, dass die Schule weiter wachsen kann, ist ja gegeben.“ Damit meint die Schulleiterin die Option, dass sich das Gebäude problemlos – abgesehen von der finanziellen Frage – noch um eine Ebene aufstocken ließe. Denn daran hat die Stadt bei Planung und Bau gedacht. Neben der baulichen Situation gelte es auch noch die eine oder andere organisatorische Frage zu lösen. Ganz vorne an stehen dabei die digitalen Vernetzungen von Schule und Klinik, da sind sich Dr. Christian Haase und Nadine Bartel einig.

 

Blick in einen der modernen Klassenräume. | Foto: Helios / Hoppe

 

Es gibt noch ein paar Details zu klären

So sollten die Lehrkräfte auch schulspezifisch relevante Daten einsehen und eigene Informationen im Kliniknetz ergänzen können. Aber sie wissen selbstverständlich um die Problematik, denn die Schule gehört, wie gesagt, nicht zur Klinik. „Letztendlich sind alles Patientendaten, und die unterliegen zu Recht einem ganz besonderen Schutz.“ Die Folgen zeigen sich dabei schon im Kleinen: „Die Helios Kliniken haben natürlich ein nach außen abgeschottetes Netzwerk. Da macht es schon Probleme, größere Datenmengen aus der Schule zur Station zu senden. Während man normalerweise auf irgendwelche öffentlich zugänglichen Austauschdienste zurückgreift, ist das hier bei uns nicht möglich. Die sind alle aus dem Helios-Netz heraus nicht nutzbar“, weiß Kliniksprecher Hoppe. Aber Klinik und Klinikschule sind dabei, gangbare Wege zu finden.

 

Über sehr lange Zeit „lief es irgendwie“

„Das alles ist ein Prozess. Ich mache mit keine Sorgen, dass wir für alles eine Lösung finden. Wenn man weiß, wie es vorher war, dann fällt Optimismus nicht schwer“, sagt eine sichtlich zufriedene Nadine Bartel. „Vorher“, das war nicht nur unmittelbar vor Bezug den nun neuen Schulgebäudes, sondern überhaupt in den Jahren und Jahrzehnten zuvor. Denn, so weiß Chefarzt Dr. Christian Haase, es gab durchaus Zeiten, da war niemandem so wirklich bewusst, dass es letztlich so etwas wie eine wirkliche Schule an der Klinik geben müsste, beziehungsweise irgendwie gab. Schon zu DDR-Zeiten „lief es irgendwie“, so Dr. Haase. Und daran änderte sich auch bis deutlich nach der Übernahme der Klinik durch Helios nichts. Aus einer Partnerschule kamen Lehrkräfte. Unterricht war „in einem Schuhkarton“ – einem alten kleinen Bau.

Irgendwann kam bei der Stadt die Erkenntnis, „dass ja hier eine Schule ist, für die die Stadt auch zuständig ist“, so Dr. Haase. Das läge gut zehn Jahre zurück. Dann entwickelte sich alles Schritt für Schritt, da klar war, es müssten professionelle Schulbedingungen her. So stand die Frage im Raum, wer baut – Helios oder die Stadt. Die Grundstücksthematik galt es zu klären. Dann begannen die Planungen, und letztlich ging der Bau in nur zehn Monaten dann recht schnell.

 

Demnächst sind auch die Außenanlagen fertig. Zudem wäre eine Aufstockung möglich. | Foto: privat

 

In Kürze auch optimalere Bedingungen für die Stationen

Die Schulbedingungen für die jungen Patientinnen und Patienten sind damit durchaus sehr gut. Und in Kürze ändert sich auch die stationäre Situation zum Positiven. Denn in Steinwurfnähe haben die Helios Kliniken Schwerin eine der zahlreichen historischen Villen saniert und um einen Neubau und entsprechende Außenanlagen ergänzt. Dort sollen schon bald die Stationen einziehen. Alles mit Blick auf eine optimale Betreuung und Behandlung der erkrankten Kinder- und Jugendlichen.

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