Konservatorium Schwerin auf digitalen Wegen – ein Vierteljahrhundert aktive Erinnerungsarbeit

Für Freude an der Musik, Pflege unseres kulturellen Erbes und die Förderung von Toleranz und Respekt steht die Musikschule "Johann Wilhelm Hertel" in Schwerin

Volker Ahmels, Direktor des Konservatoriums Schwerin. | Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Im Gespräch mit Volker Ahmels, dem langjährigen Leiter der Musikschule in der Puschkinstraße in Schwerin wird schnell klar, wie er und sein Kollegium den Herausforderungen der Corona-Beschränkungen begegnen.

„Ja, unsere Schule leidet natürlich darunter, dass die Begegnung zwischen Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften nicht stattfinden kann“, so Ahmels. Einige der Musikpädagogen müssen in die Musikschule kommen, weil nur dort mit teilweise lauten und großen Instrumenten geübt wird. Der Unterricht selbst findet derzeit allerdings online statt. Das Kollegium der Musikschule mache eine beeindruckende Arbeit unter diesen schwierigen Bedingungen, so Ahmels. Ein großes Interesse an Fortbildungsmaßnahmen und enormer Ideenreichtum habe er von hoch engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr zu schätzen gelernt. Dieses Engagement zahlt sich jetzt für die Schülerinnen und Schüler aus.

 

Die Musikschul-App macht’s möglich

Mit verschiedenen Anbietern von digitaler Kommunikationstechnik habe man experimentiert. Bewährt hat sich nach den Tests eine plattformübergreifende App. Angeboten wird dabei die netzwerkfähige Musikschul-App. Damit wird im Videoformat direkt mit den Schülerinnen und Schülern kommuniziert. „Dieses Format hat sich bewährt, aber für eine gezielt individuelle Beratung von Musikschülern wird auch immer mal noch das Telefon genutzt“, so der Musikpädagoge Ahmels.

Viele Kinder und Jugendliche zeigen eine überraschend hohe Disziplin, wenn es um die Ausbildung an Instrumenten geht. Musik und selbst Musik machen zu können, das bedeutet den jungen Menschen gerade in dieser Zeit sehr viel. Was den Leiter der Musikschule „Johann Wilhelm Hertel“ schmerzlich berührt, ist der Verzicht auf Unterricht mit Musikschülern mit körperlichen Beeinträchtigungen. Im Moment habe man noch keine erfolgreiche technische Lösung, um die Kommunikation mit Menschen mit Behinderung zu ermöglichen.

 

Live über Web-Streaming im Internet – Streaming Angebote und viel „open-air“

Leider bleibt der Konzertsaal im Konservatorium Schwerin seit Oktober vergangenen Jahres leer. | Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Schmerzlich vermisst der Pianist Volker Ahmels  zudem die Möglichkeit, mit den Schweriner Bürgerinnen und Bürger bei Konzerten zusammenzutreffen. Das letzte Konzert im Konservatorium war im Oktober letzten Jahres ein Liederabend mit dem Bariton Simon Wallfisch und der Pianistin Yuko Ellinger. Natürlich habe man nach digitalen „Alternativen“ bzw. Lösungen gesucht. Mit dem Streaming von Konzerten gab es dabei erste Erfahrungen bereits im letzten Jahr. Im Herbst 2020 wurde der Wettbewerb „Verfemte Musik“ als „live stream“ ins Internet gebracht. Dieses Streamingangebot soll zukünftig allen gemacht werden, die nicht in „Live-Atmosphäre“ an den Konzerten teilnehmen können. Konkrete, wenn auch noch verhaltene, Planungen von Musikaufführungen, gibt es erst ab Mai.

„Weil wir ungern Künstlerinnen und Künstler mit Absagen enttäuschen wollen“, plane man mit Vorsicht, so Volker Ahmels. Hoffnungen setzt der Pianist in die „open-air“ Saison. Vermehrt wolle man den wunderschönen Hof der Musikschule nutzen. Dort habe man gute Erfahrungen mit der Einhaltung von Corona-Regeln gemacht. Mit den Konzerten im großen Saal soll es dann so richtig wieder im Herbst losgehen.

 

Schweriner Interpretationswettbewerb „Verfemte Musik“

Im zwanzigsten Jahr des Musikwettbewerbs „Verfemte Musik“ wird ein dreitägiges Symposium mit Konzerten ein richtiges Highlight sein, freut sich der Initiator dieses kulturellen Meilensteins. Die Wettbewerbsveranstalter „Jeunesse Musical“ kooperieren dabei mit der Hochschule für Musik und Theater (hmt) Rostock und dem hiesigen Konservatorium. Angeboten wird nicht nur viel Musik und Information. Im Programm werden auch Master Classes sein, bei den Professionen und Professoren Musikschüler schon auf den Wettbewerb im kommenden Jahr vorbereiten.

 

Immer noch reichlich Arbeit an den Werken der „Verfemten Musik“

„Die Themen gehen nie aus, und es gibt noch viel aufzuarbeiten. Noch gibt es Zeitzeugen, die auch in hohem Alter immer noch bereit sind, mit jungen Menschen über ihre Lebenserfahrungen zu sprechen“, ermuntert Volker Ahmels zum Dialog. Nach wie vor gibt es viel Interesse von jungen Menschen an der Geschichte von verfemter Musik. Und mitmachen lohnt sich. „Viele von den ehemaligen Gewinnern des Wettbewerbs um die Musikpreise haben bedeutende Karrieren gemacht. Darunter sind Opus Klassik Gewinner, bekannte Sängerinnen, Solomusikerinnen und -musiker und viele, viele mehr“, gerät der Musikpädagoge ins Schwärmen.

Das Gespräch mit Volker Ahmels, Direktor des Konservatoriums Schwerin, im O-Ton

Die Werke von Dirk Kattenburg auf CD

Im vergangenen Jahr galt die Aufmerksamkeit des Wettbewerbs dem niederländischen Komponisten Dick Kattenburg. Er wurde im Alter von 24 Jahren in Ausschwitz ermordet. Die Ausgabe der Noten seiner Werke wurde in mühsamer Kleinarbeit überarbeitet. Dazu kooperiert das Zentrum für Verfemte Musik mit einer niederländischen Stiftung, unterstützt durch Verwandte des Komponisten Kattenburg. Das gesamte Oeuvre mit Klavier zu vier Händen wurde eingespielt und wird nun hoffentlich bald auf einer CD erscheinen.

 

Musikalische Erinnerungsarbeit seit einem Vierteljahrhundert

Seit nunmehr 30 Jahren leitet Volker Ahmels die Johann Wilhelm Hertel Musikschule. Schon Mitte der neunziger Jahre begann er, sich für die „vielen unentdeckten musikalischen Schätze“ zu interessieren. „Dass wir diese Schätze unbedingt noch heben müssen“, das treibe ihn bei seiner Arbeit immer wieder an. Über 2000 bereits aufgearbeitete Partituren befinden sich im Archiv in den Gebäuden des Konservatoriums. „Vor 20 Jahren, bei der Gründung des Wettbewerbs „Verfemte Musik“, waren dreizehn Zeitzeugen hier in Schwerin“, erinnert sich der Leiter des Forschungszentrums. Gerade weil heute nicht mehr so viele Zeitzeugen leben, gelte es, die Werke der verfemten Künstlerinnen und Künstler weiter mit Leben zu füllen.

Ebenso treibt den leidenschaftlichen Musiker aber die pädagogische Herausforderung an. Begeisterung für die Musik zu schaffen, das ist ein zentrales Motiv seiner Arbeit. Durch die Konfrontation mit unserer Geschichte, mit unserem musikalischen Erbe, müssten wir versuchen, einen Raum der Toleranz zu schaffen. Im Jahr, in dem der Bundespräsident an 1700 Jahre Judentum in Deutschland erinnere, gelte es mehr denn je, sich für ein tolerantes Miteinander zu engagieren. Ein unfassbarer Skandal ist es für Volker Ahmels, dass auch heute noch Menschen in Deutschland Ressentiments ausgesetzt sind, und sie sich überlegen müssen, ob sie sich die Kippa aufsetzen können.

 

Peter Scherrer

geb. 1959, gelernter Metallfacharbeiter und grad. Historiker, arbeitete für Gewerkschaften und politische Stiftungen in Europa u.a. 2015-2019 als stellvertretender Generalsekretär beim Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB), in Brüssel. Schwerpunkte: Industrie- und Sozialpolitik sowie Lokalgeschichte und Kulturelles. Wohnt seit 2017 in Schwerin.

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