Streit um Bauprojekt Kranweg in Schwerin:
So wollen die Fraktionen nach der Sommerpause weitermachen
Der Streit um 166 Wohnungen am Schweriner Ziegelsee beschäftigt nun die Landesregierung. Doch wie reagieren die Stadtfraktionen auf die Entscheidung des Petitionsausschusses und was planen sie?

In Kürze:
- Die Entscheidung: Der Petitionsausschuss fordert die Landesregierung auf, die kommunalrechtlichen Regelungen zu überprüfen, die im Streit um das Bauvorhaben am Kranweg eine Rolle spielen.
- Der Streit: Am Schweriner Ziegelsee sollen 166 Wohnungen entstehen. Kritiker bemängeln Abweichungen vom Bebauungsplan und die geringen Einflussmöglichkeiten der Stadtvertretung.
- Die Reaktionen: Grüne und Linke sehen weiteren Handlungsbedarf, SPD und AfD wollen zunächst beraten. Unabhängige Bürger/FDP lehnen eine Änderung des Bebauungsplans derzeit ab.
Der Streit um den geplanten Wohnkomplex am Kranweg hat inzwischen eine grundsätzliche politische und rechtliche Debatte ausgelöst. Der Petitionsausschuss des Landtages hat die Landesregierung aufgefordert, die kommunalrechtlichen Regelungen zu überprüfen, die bei dem umstrittenen Bauvorhaben eine entscheidende Rolle spielen. Hintergrund ist eine ungewöhnliche rechtliche Konstellation: Die Schweriner Stadtvertretung hatte sich gegen das Bauvorhaben ausgesprochen, weil der geplante Wohnkomplex in mehreren Punkten vom geltenden Bebauungsplan abweicht. Der damalige Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) widersprach dem Beschluss jedoch in seiner Funktion als Verwaltungschef.
Nach bisheriger Rechtsauffassung durfte die Stadtvertretung über die konkrete Bauanfrage gar nicht entscheiden. Denn während das Kommunalparlament die Interessen der Gemeinde vertritt, nimmt die Schweriner Stadtverwaltung als untere Bauaufsichtsbehörde zugleich Aufgaben der Kreisebene wahr. Diese ist bei Entscheidungen über Bauanträge an das geltende Baurecht gebunden. Der Petitionsausschuss sieht in dieser Konstruktion nun grundsätzlichen Prüfungsbedarf. Die Landesregierung soll klären, ob die kommunalrechtlichen Regelungen geändert werden müssen. Betroffen ist nicht nur Schwerin. Eine vergleichbare Konstellation gibt es auch in den anderen kreisfreien und großen kreisangehörigen Städten des Landes.
Für das konkrete Bauvorhaben am Kranweg könnte eine mögliche Gesetzesänderung allerdings zu spät kommen. Nach Einschätzung des Petitionsausschussvorsitzenden Thomas Krüger (SPD) wäre eine Neuregelung frühestens Ende des Jahres möglich und würde nicht rückwirkend gelten. Krüger hatte zugleich auf eine weitere Möglichkeit hingewiesen: Die Schweriner Stadtvertretung könnte selbst versuchen, über eine Änderung oder Aufhebung des Bebauungsplans Einfluss auf die weitere Entwicklung am Kranweg zu nehmen.
Damit stellt sich nach der Entscheidung des Petitionsausschusses eine entscheidende Frage: Wird die Schweriner Stadtpolitik nach der Sommerpause selbst aktiv?
Grüne sehen bisherige Haltung bestätigt
Die Grünen begrüßen die Entscheidung des Petitionsausschusses ausdrücklich. Die Fraktion sieht sich in ihrer bisherigen Position zum Bauvorhaben bestätigt. „Wie bereits die Stadtvertretung spricht sich nun auch der Petitionsausschuss dafür aus, dass der im demokratischen Dialog zwischen Anwohnerinnen und Anwohnern, Verwaltung und Vorhabenträger entwickelte Bebauungsplan eingehalten werden sollte“, erklärt die Fraktion auf SNO-Anfrage.
Aus Sicht der Grünen zeigt der Fall, dass die Einflussmöglichkeiten der Kommunalpolitik überprüft werden müssen. Auch nach Inkrafttreten eines Bebauungsplans müsse die Stadtpolitik eingreifen können, wenn ein konkretes Vorhaben die zuvor gefundenen Kompromisse missachte oder deren Ziele unterlaufe. Dabei betont die Fraktion, dass es ihr nicht darum gehe, den Bau von Wohnungen am Kranweg grundsätzlich zu verhindern. Ziel sei vielmehr, die Vereinbarungen einzuhalten, die im Bebauungsplan festgeschrieben wurden.
Die Grünen prüfen nach eigenen Angaben weiterhin die politischen und rechtlichen Möglichkeiten. Dazu stehe die Fraktion regelmäßig mit der Bürgerinitiative im Austausch.
SPD hält Änderung des Bebauungsplans für wenig hilfreich
Zurückhaltender reagiert die SPD-Fraktion. Eine abschließende Beratung über die Entscheidung des Petitionsausschusses habe innerhalb der Fraktion noch nicht stattgefunden. Die Sozialdemokraten verweisen darauf, dass eine Änderung des Bebauungsplans nur Auswirkungen auf zukünftige Bauanträge hätte. Bereits erteilte Genehmigungen blieben davon unberührt.
Zudem gebe es am Ziegelinnensee kaum noch relevante Baulücken. Eine Änderung des Bebauungsplans sei deshalb „augenscheinlich nicht hilfreich“, heißt es aus der Fraktion. Hinzu komme, dass entsprechende Änderungsverfahren in der Regel etwa zwei Jahre dauerten. Nach der Sommerpause will sich die SPD erneut mit dem Hinweis des Petitionsausschusses befassen und über das weitere Vorgehen beraten.
AfD begrüßt Prüfung der gesetzlichen Regelungen
Auch die AfD sieht durch den Fall Kranweg grundsätzlichen Änderungsbedarf. Dass die Zuständigkeiten bei Bauanträgen in kreisfreien Städten überprüft werden sollen, sei „auf jeden Fall sehr zu begrüßen“, sagt Fraktionsvorsitzende Petra Federau auf SNO-Anfrage. Die Diskussionen um den Kranweg hätten gezeigt, dass eine „gesetzliche Schieflage“ bestehe, wenn die Stadtvertretung bei Entscheidungen der Verwaltung über Befreiungen von Bebauungsplänen kein Einspruchsrecht habe.
Darum geht es beim Streit um den Kranweg
Seit mehreren Jahren klafft neben dem denkmalgeschützten Speicher-Hotel am Schweriner Ziegelsee eine große Baugrube. Nachdem der erste Projektentwickler Insolvenz angemeldet hatte, übernahm die Baufirma HTG aus Gadebusch das Vorhaben. Geplant ist ein Wohnkomplex mit Miet- und Eigentumswohnungen.
Ursprünglich sollten rund 200 Wohnungen entstehen. Nach Kritik von Anwohnern und einer Bürgerinitiative reduzierte HTG die Zahl auf 166 Wohnungen und strich ein Stockwerk aus den Planungen. Umstritten bleibt das Projekt dennoch. Das benachbarte Speicher-Hotel befürchtet wirtschaftliche Nachteile durch den Neubau, Anwohner warnen vor einer zusätzlichen Belastung der Infrastruktur. Zudem weicht das Vorhaben in mehreren Punkten vom geltenden Bebauungsplan ab.
Einen Widerspruch zwischen der bisherigen Rechtsauffassung der Schweriner Stadtverwaltung und des Innenministeriums auf der einen sowie der Entscheidung des Petitionsausschusses auf der anderen Seite sieht die AfD allerdings nicht. Stadt und Innenministerium hätten sich an die geltende Rechtslage gehalten. Das eigentliche Problem liege in den gesetzlichen Regelungen selbst, durch die Kommunalvertretungen kreisfreier Städte bei Entscheidungen über Bauanträge und Ausnahmen von Bebauungsplänen „quasi entmachtet“ würden.
Kritik übt die AfD jedoch am Umgang der Verwaltung mit den Einwänden gegen das Bauvorhaben. Diese seien bei der Entscheidung über die beantragten Abweichungen vom Bebauungsplan nicht ausreichend berücksichtigt worden. Ob die Fraktion nach der Sommerpause eine politische Initiative unterstützen wird, ist noch offen. Es bestehe Beratungsbedarf. „Mit purem Aktionismus ist in dieser Angelegenheit auch niemandem geholfen“, so Federau.
Unabhängige Bürger/FDP sehen keinen Anlass zum Eingreifen
Deutlich anders fällt die Bewertung der Fraktion Unabhängige Bürger/FDP aus. Sie sieht derzeit keinen Grund, ihre bisherige Haltung zum Projekt zu ändern. „Für uns gilt weiterhin: Entscheidungen müssen auf der Grundlage des geltenden Rechts getroffen werden, und an die gesetzlichen Vorgaben haben sich alle Beteiligten zu halten“, erklärt die Fraktion.
Die seit Jahren bestehende Baulücke am Ziegelsee sei städtebaulich unbefriedigend und solle sinnvoll entwickelt werden. Eine Änderung oder Aufhebung des Bebauungsplans hält die Fraktion derzeit nicht für zielführend. Ob nach der Sommerpause weiterer politischer Handlungsbedarf bestehe, solle zunächst intern beraten werden. Aktuell sehe die Fraktion dafür jedoch keine Veranlassung.
Linke sehen Signal für kommunale Selbstverwaltung
Die Linke bewertet die Entscheidung des Petitionsausschusses dagegen als Zeichen dafür, dass die Diskussion um das Bauvorhaben rechtlich noch nicht beendet ist. „Die Entscheidung des Petitionsausschusses zeigt, dass die rechtliche Bewertung des Bauvorhabens am Kranweg keineswegs abschließend geklärt ist“, so Fraktionsvorsitzender Gerd Böttger gegenüber SNO.
Dass die Landesregierung nun die kommunalrechtlichen Regelungen überprüfen soll, unterstreiche den bestehenden Klärungsbedarf. Sollte sich herausstellen, dass die Stadtvertretung weiterhin Einfluss auf das Verfahren nehmen könne, wäre dies aus Sicht der Linken ein wichtiges Signal für die kommunale Selbstverwaltung und die Rechte der gewählten Stadtvertreter. Die Fraktion habe von Beginn an deutlich gemacht, dass ein derart umstrittenes Bauvorhaben nicht ausschließlich verwaltungsrechtlich betrachtet werden dürfe. Es gebe auch eine politische Verantwortung gegenüber der Bürgerinitiative.
Nach der Sommerpause will die Linke die Bewertung der Landesregierung und mögliche rechtliche Konsequenzen abwarten. Sollten sich weitere Handlungsmöglichkeiten ergeben, will die Fraktion entsprechende Initiativen prüfen und unterstützen.
Keine Mehrheit für schnelles Vorgehen erkennbar
Damit zeichnet sich vor der Sommerpause keine gemeinsame Initiative der Schweriner Stadtpolitik ab. Zwar sehen Grüne, Linke und AfD grundsätzlichen Klärungsbedarf bei den Einflussmöglichkeiten der Stadtvertretung. Über konkrete Schritte herrscht jedoch Uneinigkeit. Die SPD will zunächst weiter beraten. Die AfD verweist auf offene rechtliche Fragen. Unabhängige Bürger/FDP sehen derzeit keinen Handlungsbedarf.
Für die Bürgerinitiative gegen das Bauvorhaben dürfte das eine ernüchternde Nachricht sein. Denn während die Landesregierung die vom Petitionsausschuss aufgeworfenen kommunalrechtlichen Fragen prüfen soll, laufen die Planungen für den Wohnkomplex weiter.
Für das Projekt mit 166 Wohnungen liegt nach Angaben der Stadt bereits ein Bauvorbescheid vor. Der eigentliche Bauantrag wurde bislang noch nicht gestellt. Die zuständige Baufirma HTG hatte angekündigt, noch in diesem Jahr mit den Arbeiten beginnen zu wollen. Ob die Stadtvertretung nach der Sommerpause noch einmal versucht, Einfluss auf das umstrittene Projekt zu nehmen, bleibt damit offen. Klar ist bislang nur: Der Streit um den Kranweg ist politisch noch nicht beendet.




