Kunsthaus Lübz:
Acht Handschriften, ein Treffpunkt – Kunst erzeugt Präsenz
Acht Kunstschaffende aus sechs Ländern, Workshops und viel Raum für Begegnungen: „Treffpunkt Kunsthaus Lübz“ zeigte, wie unterschiedlich Kunst Präsenz erzeugen kann.

Foto: Stefan Rochow
Acht Künstlerinnen und Künstler aus sechs europäischen Ländern, unterschiedliche Biografien und ebenso unterschiedliche künstlerische Handschriften: Mit „Treffpunkt Kunsthaus Lübz“ ist eine Ausstellung zu Ende gegangen, die verschiedene Formen künstlerischen Arbeitens zusammenführte.
Verena Scholz, Claudia Maria Ammann, Magda Jarząbek, Alja Piry, Jacek Karlowicz, Ellen Karlowicz Rishovd, Edith Spira und Anke Zürn waren daran beteiligt. Arbeiten auf Papier und Leinwand standen neben Installationen, hinzu kamen Video- und Lichtkunst. Für einige Wochen wurde das Kunsthaus damit zu einem Ort, an dem nicht nur Werke gezeigt wurden, sondern auch künstlerischer Austausch stattfand.
Die Ausstellung war Teil der LUPINALE 2026. Das regionale Format verbindet Kunst- und Kulturorte in Südwestmecklenburg zwischen Elbauen und Seenplatte und steht in diesem Jahr unter dem Titel „Zeitenwende: Umbrüche und Lichtblicke“. In Lübz bekam dieser größere Rahmen eine eigene Ausprägung: Die Beteiligten wurden nicht auf ein gemeinsames Ausstellungsthema verpflichtet.
Kunst erzeugt Präsenz
Während der gemeinsamen Aufbauzeit entstand unter den Beteiligten ein Satz, der etwas von dem auf den Punkt brachte, was im Kunsthaus geschah: „Kunst erzeugt Präsenz.“
Ein Gang durch die Räume zeigte, wie unterschiedlich diese Präsenz entstehen konnte. Gerahmte Arbeiten griffen Risse, Spuren und unregelmäßige Oberflächen auf. An anderer Stelle bedeckten zahlreiche kleinformatige, farbige Muster fast eine ganze Wand. Kräftige schwarze Arbeiten standen neben einer Werkgruppe aus dunklen Blättern mit hellen, organisch wirkenden Strukturen. Ein großformatiges Bild setzte mit zurückhaltenden Farben und freien Linien einen anderen Akzent.
Galerie „Treffpunkt Kunsthaus Lübz”
Andere Arbeiten bezogen den Raum unmittelbar ein. Farbige geometrische Elemente verteilten sich über eine Wand, während schwarze Formen an anderer Stelle in einer Reihe auf die Architektur reagierten. Eine Installation aus zahlreichen herabhängenden Fäden setzte sich optisch in einer spiegelnden Fläche fort. Auch Schrift wurde zum Gestaltungsmittel: Englische Sätze verliefen auf einzelnen Blättern nicht in gewöhnlichen Zeilen, sondern bildeten durch ihre Anordnung eigene Formen.
Farbe traf auf Schwarz-Weiß, geometrische Ordnung auf freie Linien und Spuren, kleinteilige Reihungen auf großformatige Arbeiten, Fläche auf räumliche Installation. Dabei blieb das Kunsthaus selbst sichtbar. Seine rauen Wände, freigelegten Schichten und Gebrauchsspuren bildeten keinen neutralen Hintergrund. Manche Arbeiten setzten sich deutlich davon ab, andere gingen optisch eine Verbindung mit den vorhandenen Oberflächen ein.
Von der Bildhauerei zur Begegnung
Initiiert wurde „Treffpunkt Kunsthaus Lübz“ von Claudia Maria Ammann. Die 1954 in Zürich geborene Künstlerin lebt in Mecklenburg und arbeitet seit Jahrzehnten mit Stein. Sie studierte an der Hochschule für bildende Künste Berlin und war Meisterschülerin von Joachim Schmettau und Makoto Fujiwara. Mit Lübz ist sie schon länger verbunden: Bereits 2003 entstand eine Arbeit für den Burggarten, 2019 war sie beim Mathe-Familien-Fest in der Stadt vertreten.
Ammanns Blick auf das Projekt kommt aus der eigenen künstlerischen Praxis. Über Jahrzehnte entstand zugleich ein internationales Netzwerk. Einige der Verbindungen, die schließlich nach Lübz führten, reichen weit zurück: Künstlerinnen und Künstler lernte Ammann bei früheren Projekten kennen, weitere Kontakte entstanden über gemeinsame Kollegen.
Für die Ausstellung wollte sie den Beteiligten möglichst wenig vorgeben. „Wir haben halt kein Thema gehabt, sondern ‚Treffpunkt Kunsthaus‘“, sagt Ammann im Gespräch.
Kunst braucht nicht immer ein Motto
Dahinter steht eine Haltung zur künstlerischen Arbeit. Künstlerinnen und Künstler beginnen nicht mit jeder Ausstellung bei null. Fragestellungen entwickeln sich häufig über Jahre, manchmal über ein ganzes Künstlerleben.
„Man arbeitet immer an einem Thema. Wenn man beruflich immer dranbleibt, entwickelt sich ein Thema“, sagt Ammann. Ein zusätzlich gesetztes Ausstellungsthema könne davon eher ablenken. Die Arbeiten in Lübz mussten deshalb weder eine gemeinsame Botschaft erzeugen noch einander illustrieren.
„Verschiedenheiten sind so wertvoll“, sagt Ammann. Sie spricht von der „Vielfalt und Feinheit der einzelnen Menschen“ und davon, wie diese „nebeneinander, miteinander“ bestehen können. Für die Ausstellung bedeutete das vor allem, den Beteiligten Raum für ihre bereits entwickelten künstlerischen Arbeiten zu geben.
Kunst als Prozess
Zum Konzept gehörte auch, einzelne Arbeitsweisen für Besucher zu öffnen. Beim Aktionstag „Kunst erleben“ beschäftigte sich Ellen Karlowicz Rishovd im Lübzer Burggarten unter dem Titel „Camouflage“ mit Wahrnehmung und Umgebung. Magda Jarząbek lud bei „Finde Dein Muster“ dazu ein, Strukturen zu entdecken. Anke Zürn experimentierte mit Eisengallustinte. Edith Spira und Alja Piry kamen bei einem Künstlergespräch mit dem Publikum ins Gespräch.
Damit wurde neben den ausgestellten Arbeiten auch sichtbar, dass Kunst ein Prozess des Beobachtens, Ausprobierens und Entscheidens ist.
Licht verändert den Blick
Besonders unmittelbar ließ sich das beim Experimentieren mit Licht erfahren. Beim Workshop am Samstag arbeiteten die Teilnehmer mit unterschiedlichen Gegenständen und Materialien, veränderten deren Position, bewegten die Lichtquellen und beobachteten die entstehenden Projektionen. Schatten wanderten, Konturen verschoben sich, Formen überlagerten sich oder verschwanden wieder.
Licht diente dabei nicht allein dazu, etwas sichtbar zu machen, sondern wurde selbst zum gestalterischen Mittel. Je nach Beleuchtung und Anordnung konnte derselbe Gegenstand anders erscheinen.
Für Claudia Maria Ammann und Verena Scholz knüpft dieses Spiel mit Licht und Wahrnehmung an eine gemeinsame künstlerische Arbeit an. Seit 2017 beschäftigen sich die Steinbildhauerin und die Videokünstlerin im Projekt „Licht und Stein“ mit dem Zusammenspiel von Licht, Projektion und Material. Präsentationen gab es unter anderem in Norwegen, Kiel und Mecklenburg-Vorpommern.
Im Workshop wurde dieser Ansatz auf unterschiedliche Materialien übertragen. Die Teilnehmer konnten selbst erproben, wie Licht, Position und Perspektive die Wahrnehmung verändern.
Entscheidend ist die Begegnung
Für Ammann bemisst sich die Wirkung einer solchen Ausstellung nicht allein daran, wie viele Menschen den Weg ins Kunsthaus finden. Sie schätzt ein Publikum, das sich Zeit nimmt, genauer hinschaut und ins Gespräch kommt – Menschen, die „fragen oder wissen wollen“, wie sie es formuliert.
Die überschaubare Größe des Kunsthauses bot dafür einen besonderen Rahmen. Die Künstler waren als Gesprächspartner präsent, bei den Workshops entstanden direkte Kontakte.
Raum für das Ungeplante
Nicht alles ließ sich planen. Ammann erinnert sich an eine spontane Performance während der Ausstellungswochen. Aus einem Besuch entwickelte sich kurzfristig der Vortrag eines langen Gedichts der dänischen Schriftstellerin Inger Christensen. „Es war wunderschön“, sagt sie.
Gerade solche Momente gehörten zum Charakter der Ausstellung. Sie entstanden aus der Situation heraus und erweiterten das zuvor geplante Programm.
Ein Haus, das Menschen tragen
Hinter dem Kunsthaus Lübz steht zugleich ein Team, das sich ehrenamtlich engagiert und dazu beiträgt, dass Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen stattfinden können.
Dieses Engagement bleibt für Besucher leicht im Hintergrund, ist für einen Kunstort wie diesen aber wesentlich. Künstlerische Arbeit braucht nicht nur Räume, sondern auch Menschen, die Zeit und Verantwortung übernehmen. Das gilt besonders für Häuser abseits der großen Kulturzentren, die einen kontinuierlichen Ausstellungsbetrieb nicht allein mit hauptamtlichen Strukturen tragen können.
„Wie kann dieses Haus lebendig werden?“
Damit bekommt eine Frage, die Ammann über die einzelne Ausstellung hinaus beschäftigt, zusätzliches Gewicht.
„Was kann man machen, damit dieses Haus lebendig wird?“, fragt sie im Gespräch. Während der Ausstellungswochen sei es im Inneren lebendig gewesen. Die weitergehende Herausforderung sieht sie darin, diese Energie stärker nach außen wirken zu lassen.
Hier berührt sich die Lübzer Ausstellung mit dem größeren Rahmen der LUPINALE, die Kunst an unterschiedlichen Orten sichtbar machen und miteinander vernetzen will.
Die Ausstellung ist inzwischen beendet. Für einige Wochen kamen im Kunsthaus acht künstlerische Positionen, Workshops, Gespräche und auch ungeplante Momente zusammen. Der Satz aus den gemeinsamen Aufbautagen fasst diese Erfahrung vielleicht am knappsten: Kunst erzeugt Präsenz.




















