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Landesgartenschau in Schwerin: Kann das Millionenprojekt die Stadt voranbringen?

Kann die Landesgartenschau Schwerin erneut verändern? Zwischen Wohnungsbau, Stadtentwicklung und UNESCO-Chancen stehen Millioneninvestitionen, große Hoffnungen und erhebliche finanzielle Risiken.

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  • Veröffentlicht Juli 19, 2026
Landesgartenschau Schwerin
Die ehe­ma­li­gen Werk­shallen des Kraft­fahrzeu­g­in­stand­set­zungswerks (KIW) „Vor­wärts“ prä­gen das Gelände am Schw­er­iner Güter­bahn­hof. Im Rah­men ein­er möglichen Lan­des­garten­schau sollen die denkmalgeschützten Gebäude in die Entwick­lung eines neuen Stadtquartiers ein­be­zo­gen wer­den. Foto: pri­vat

 

Als Schw­erin im Jahr 2009 Gast­ge­ber der Bun­des­garten­schau war, verän­derte sich die Stadt nach­haltig. Die Schlossin­sel wurde neu insze­niert, Ufer­bere­iche geöffnet, Parkan­la­gen mod­ernisiert und zahlre­iche Investi­tio­nen in Straßen, Plätze und Grü­nan­la­gen auf den Weg gebracht. Mehr als 1,8 Mil­lio­nen Besuch­er kamen damals in die Lan­deshaupt­stadt. Noch heute gilt die BUGA als eines der erfol­gre­ich­sten Stad­ten­twick­lung­spro­jek­te Schw­erins.

Diese Erin­nerun­gen weck­en Erwartun­gen. Nun soll mit ein­er Lan­des­garten­schau an diesen Erfolg angeknüpft wer­den. Doch die Aus­gangslage ist heute eine andere. Während die BUGA vor allem das touris­tis­che Poten­zial Schw­erins sicht­bar machte, soll die Lan­des­garten­schau vor allem Prob­leme lösen, die seit Jahren ungelöst sind: brach­liegende Indus­trieflächen, fehlen­der Wohn­raum, hohe Sanierungskosten und die Frage, wie Schw­erin seinen neuen Sta­tus als UNESCO-Wel­terbestadt weit­er­en­twick­eln will.

Mit dem ein­stim­mi­gen Beschluss der Stadtvertre­tung Ende Juni ist dafür der Startschuss gefall­en. Die Pro­jek­t­skizze „Miteinan­der – Erbe bewahren – Wan­del gestal­ten“ wurde beschlossen. Nun soll der Ober­bürg­er­meis­ter eine Mach­barkeitsstudie auss­chreiben. Noch ist damit keine endgültige Entschei­dung gefall­en, wohl aber die wichtig­ste Weichen­stel­lung seit der ersten Idee im Jahr 2025.

Gartenschau als Stadtentwicklungsprogramm

Wer heute von ein­er Lan­des­garten­schau spricht, meint längst nicht mehr auss­chließlich Blu­men, Stau­den und Schaugärten.

Mod­erne Garten­schauen sind in erster Lin­ie Werkzeuge der Stad­ten­twick­lung. Sie schaf­fen den poli­tis­chen und finanziellen Rah­men, um Pro­jek­te gle­ichzeit­ig umzuset­zen, die einzeln oft Jahrzehnte benöti­gen wür­den. Genau diesen Weg möchte Schw­erin gehen.

Im Mit­telpunkt ste­ht das ehe­ma­lige Güter­bahn­hof­s­gelände mit dem früheren Kraft­fahrzeu­g­in­stand­set­zungswerk „Vor­wärts“. Die rund 39 Hek­tar große Fläche gehört seit Jahrzehn­ten zu den größten inner­städtis­chen Entwick­lungsre­ser­ven. Gle­ichzeit­ig zählt sie zu den schwierig­sten. Alt­las­ten, kon­t­a­minierte Böden, denkmalgeschützte Gebäude und hohe Erschließungskosten haben bis­lang jede größere Entwick­lung ver­hin­dert.

Mit der Lan­des­garten­schau kön­nte genau dieser Still­stand been­det wer­den. Die Idee lautet, För­der­mit­tel aus unter­schiedlich­sten Pro­gram­men zu bün­deln, das Gelände zu sanieren und zunächst als Ausstel­lungs­fläche zu nutzen. Danach soll dort ein neuer Stadt­teil entste­hen – mit Woh­nun­gen, Grün­flächen, Kul­tur, Freizei­tange­boten und kurzen Wegen.

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Ergänzt wird dieses Kernge­bi­et durch die Schwim­mende Wiese, den Bertha-Kling­berg-Platz und den ehe­ma­li­gen Küchen­garten. Über ein „Grünes Band“ sollen alle Bere­iche miteinan­der ver­bun­den wer­den. Darüber hin­aus soll die soge­nan­nte „Grüne Acht“ touris­tis­che Ziele rund um den Schw­er­iner See ver­net­zen – vom Zip­pen­dor­fer Strand über Wil­igrad bis zum Nor­dufer des Lankow­er Sees.

Die Lan­des­garten­schau ver­ste­ht sich damit aus­drück­lich nicht als tem­poräre Ver­anstal­tung, son­dern als langfristiges Entwick­lung­spro­gramm für die gesamte Stadt.

Warum die Idee viele überzeugt

Die größten Befür­worter der Lan­des­garten­schau argu­men­tieren erstaunlich sel­ten mit Blu­men. Sie sprechen über Woh­nungs­bau. Über Infra­struk­tur. Über Kli­maan­pas­sung. Und über För­der­mit­tel. Denn genau darin liegt der eigentliche Reiz des Pro­jek­tes.

Die Entwick­lung des ehe­ma­li­gen Güter­bahn­hofs wäre auch ohne Lan­des­garten­schau notwendig. Die Frage lautet nicht, ob die Fläche irgend­wann entwick­elt wird, son­dern wie sie finanziert wer­den kann.

Große Garten­schauen genießen bei Bund und Län­dern tra­di­tionell eine hohe Pri­or­ität bei der Ver­gabe unter­schiedlich­ster Förder­pro­gramme. Stad­ten­twick­lung, Städte­bauförderung, Kli­maan­pas­sung, Denkmalschutz, Rad­verkehr oder Touris­mus lassen sich unter einem gemein­samen Dach zusam­men­führen.

Was einzeln kaum finanzier­bar wäre, kön­nte so gemein­sam umge­set­zt wer­den. Ger­ade für eine finanzschwächere Kom­mune wie Schw­erin ist das ein gewichtiges Argu­ment.

Ein neuer Schub für die Innenstadt

Kaum ein anderes Pro­jekt besitzt so viel Poten­zial für neuen Wohn­raum. Während viele Städte gezwun­gen sind, an ihren Rän­dern neue Bauge­bi­ete auszuweisen, kön­nte Schw­erin innen­stadt­nah einen kom­plett neuen Stadt­teil entwick­eln.

Kurze Wege, gute ÖPNV-Anbindung, Rad­verkehr, Grün­flächen und soziale Infra­struk­tur entsprechen genau den Leitlin­ien mod­ern­er Stad­ten­twick­lung.

Seit 2024 gehört das Res­i­den­zensem­ble Schw­erin zum UNESCO-Wel­terbe. Doch ein Wel­ter­beti­tel allein schafft wed­er Arbeit­splätze noch neue Besuch­er.

Die Lan­des­garten­schau kön­nte dazu beitra­gen, die inter­na­tionale Aufmerk­samkeit langfristig zu nutzen und Schw­erin stärk­er als Kul­tur- und Touris­mus­stan­dort zu posi­tion­ieren.

Das geplante „Grüne Band“ ver­fol­gt ein weit­eres Ziel: Besuch­er sollen nicht auss­chließlich auf dem Ausstel­lungs­gelände bleiben, son­dern durch die Innen­stadt geführt wer­den. Davon kön­nten Gas­tronomie, Einzel­han­del und kul­turelle Ein­rich­tun­gen prof­i­tieren.

So überzeu­gend die Chan­cen erscheinen, die Gege­nar­gu­mente sind min­destens eben­so ernst zu nehmen. Denn Garten­schauen gehören zu den größten kom­mu­nalen Investi­tion­spro­jek­ten über­haupt. Sie bergen deshalb erhe­bliche Risiken.

83 Millionen Euro oder deutlich mehr?

Nach heutigem Stand kalkuliert die Stadt mit rund 73 Mil­lio­nen Euro Investi­tio­nen sowie weit­eren 10 Mil­lio­nen Euro Durch­führungskosten. Das klingt zunächst belast­bar.

Doch ein Blick auf ver­gle­ich­bare Pro­jek­te zeigt, dass kaum eine Garten­schau ihre ursprünglichen Kosten voll­ständig ein­hal­ten kon­nte.

Die Gründe sind bekan­nt:

  • steigende Baupreise,
  • Infla­tion,
  • neue geset­zliche Anforderun­gen,
  • aufwendi­gere Alt­las­ten­sanierun­gen,
  • unvorherge­se­hene Bau­grund­prob­leme.

Ger­ade das KIW-Gelände birgt erhe­bliche Unsicher­heit­en. Wie stark Böden tat­säch­lich belastet sind, wird sich oft erst während der Bauar­beit­en zeigen. Genau hier liegen erfahrungs­gemäß die größten Kosten­risiken.

Der Blick nach Mannheim und Heilbronn

Die Erfahrun­gen ander­er Städte sind in diesem Zusam­men­hang lehrre­ich. Die BUGA Heil­bronn 2019 gilt bis heute als Erfolg. Rund 2,3 Mil­lio­nen Men­schen besucht­en damals die Stadt. Mit dem Neckar­bo­gen ent­stand ein mod­ernes Wohn­quarti­er. Neue Arbeit­splätze wur­den geschaf­fen. Die Stadt gewann dauer­haft an Attrak­tiv­ität. Doch der Erfolg hat­te seinen Preis.

Die Stadt bez­if­fert ihre abschließen­den Investi­tio­nen in Grü­nan­la­gen und Infra­struk­tur auf 131,2 Mil­lio­nen Euro. Das Land Baden-Würt­tem­berg förderte die BUGA etwa 60 Mil­lio­nen Euro. Die Durch­führungs­ge­sellschaft schloss finanziell pos­i­tiv ab und kon­nte zwei Mil­lio­nen Euro aus der Kap­i­tal­rück­lage zurück­zahlen.

Ähn­lich ver­lief die BUGA Mannheim 2023. Die BUGA 23 in Mannheim war finanziell ein großer Erfolg. Da die Besucherzahlen die Erwartun­gen weit über­trafen, blieb die Stadt Mannheim nicht auf unge­planten oper­a­tiv­en Defiziten sitzen. Die investierten 145 Mil­lio­nen Euro flossen fast voll­ständig in bleibende Infra­struk­tur: Mannheim erhielt einen riesi­gen, dauer­haften Grünzug zur Frischluftzu­fuhr der Stadt, rena­turi­erte Neckar-Ufer­bere­iche und ein mod­ernisiertes Naher­hol­ungs­ge­bi­et.

Bei­de Beispiele zeigen: Stad­ten­twick­lung funk­tion­iert. Bil­lig wird sie sel­ten.

Rostock mahnt zur Vorsicht

Wie drastisch The­o­rie und Prax­is auseinan­derk­laf­fen kön­nen, zeigt das his­torische Lehrbeispiel der Inter­na­tionalen Garten­bauausstel­lung (IGA) 2003 in Ros­tock. Für die stolze Summe von 94 Mil­lio­nen Euro wur­den damals das Gelände und das Messezen­trum errichtet.

Doch statt der erhofften Mil­lio­nen­ströme zog die Schau let­ztlich nur 2,63 Mil­lio­nen Besuch­er an. Die Folge war ein herbes Finanzde­fiz­it von rund 20 Mil­lio­nen Euro, das nachträglich müh­sam aus Steuer­mit­teln der ohne­hin klam­men Hans­es­tadt und des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern aus­geglichen wer­den musste.

 

Dass Ros­tock aus diesen Fehlern der Ver­gan­gen­heit gel­ernt hat, bewies die Stadt im Jahr 2022 mit ein­er his­torischen Reißleine: Die für 2025 geplante BUGA Ros­tock wurde offiziell abge­sagt. Das war die erste Absage in der über 70-jähri­gen Geschichte der Bun­des­garten­schau. Angesichts explodieren­der Baupreise (mit Kosten­steigerun­gen von rund 32 Prozent) und immenser Verzögerun­gen dro­hte der Stadt ein unkon­trol­lier­bares Mil­lio­nen­grab. Allein die geplante Warnow­brücke schlug zulet­zt mit geschätzten 53 Mil­lio­nen Euro zu Buche.

Dieses Risiko beste­ht grund­sät­zlich bei jed­er Garten­schau. Denn Besucherzahlen lassen sich zehn Jahre im Voraus kaum ser­iös prog­nos­tizieren.

Bleibt der große Effekt wirklich dauerhaft?

Ein weit­er­er Kri­tikpunkt bet­rifft die Zeit nach der Ver­anstal­tung. Neue Parks entste­hen nicht kosten­los. Sie müssen gepflegt wer­den. Bäume müssen bewässert wer­den. Wege benöti­gen Unter­hal­tung. Spielplätze altern. Brück­en müssen saniert wer­den.

All diese Fol­gekosten bleiben dauer­haft im städtis­chen Haushalt. Hinzu kommt eine weit­ere Frage:

Entste­hen die geplanten Woh­nun­gen tat­säch­lich? Oder bleibt die Entwick­lung hin­ter den Erwartun­gen zurück?

Ger­ade die Ver­mark­tung großer Entwick­lungs­flächen dauert häu­fig länger als geplant.

Noch überwiegen die Fragezeichen

Die Vision ist for­muliert, der poli­tis­che Wille erkennbar. Doch belast­bare Antworten gibt es bis­lang nur wenige. Genau deshalb hat die Stadtvertre­tung eine Mach­barkeitsstudie auf den Weg gebracht. Sie soll unter­suchen, welche Kosten tat­säch­lich entste­hen, welche För­der­mit­tel real­is­tisch sind und wie aufwendig die Sanierung der belasteten Flächen wird. Auch die erwarteten Besucherzahlen und die langfristi­gen Fol­gen für den städtis­chen Haushalt ste­hen auf dem Prüf­s­tand.

Erst auf dieser Grund­lage dürfte die eigentliche Entschei­dung über eine Bewer­bung fall­en.