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Landesgartenschau in Schwerin: Kann das Millionenprojekt die Stadt voranbringen?
Kann die Landesgartenschau Schwerin erneut verändern? Zwischen Wohnungsbau, Stadtentwicklung und UNESCO-Chancen stehen Millioneninvestitionen, große Hoffnungen und erhebliche finanzielle Risiken.

Als Schwerin im Jahr 2009 Gastgeber der Bundesgartenschau war, veränderte sich die Stadt nachhaltig. Die Schlossinsel wurde neu inszeniert, Uferbereiche geöffnet, Parkanlagen modernisiert und zahlreiche Investitionen in Straßen, Plätze und Grünanlagen auf den Weg gebracht. Mehr als 1,8 Millionen Besucher kamen damals in die Landeshauptstadt. Noch heute gilt die BUGA als eines der erfolgreichsten Stadtentwicklungsprojekte Schwerins.
Diese Erinnerungen wecken Erwartungen. Nun soll mit einer Landesgartenschau an diesen Erfolg angeknüpft werden. Doch die Ausgangslage ist heute eine andere. Während die BUGA vor allem das touristische Potenzial Schwerins sichtbar machte, soll die Landesgartenschau vor allem Probleme lösen, die seit Jahren ungelöst sind: brachliegende Industrieflächen, fehlender Wohnraum, hohe Sanierungskosten und die Frage, wie Schwerin seinen neuen Status als UNESCO-Welterbestadt weiterentwickeln will.
Mit dem einstimmigen Beschluss der Stadtvertretung Ende Juni ist dafür der Startschuss gefallen. Die Projektskizze „Miteinander – Erbe bewahren – Wandel gestalten“ wurde beschlossen. Nun soll der Oberbürgermeister eine Machbarkeitsstudie ausschreiben. Noch ist damit keine endgültige Entscheidung gefallen, wohl aber die wichtigste Weichenstellung seit der ersten Idee im Jahr 2025.
Gartenschau als Stadtentwicklungsprogramm
Wer heute von einer Landesgartenschau spricht, meint längst nicht mehr ausschließlich Blumen, Stauden und Schaugärten.
Moderne Gartenschauen sind in erster Linie Werkzeuge der Stadtentwicklung. Sie schaffen den politischen und finanziellen Rahmen, um Projekte gleichzeitig umzusetzen, die einzeln oft Jahrzehnte benötigen würden. Genau diesen Weg möchte Schwerin gehen.
Im Mittelpunkt steht das ehemalige Güterbahnhofsgelände mit dem früheren Kraftfahrzeuginstandsetzungswerk „Vorwärts“. Die rund 39 Hektar große Fläche gehört seit Jahrzehnten zu den größten innerstädtischen Entwicklungsreserven. Gleichzeitig zählt sie zu den schwierigsten. Altlasten, kontaminierte Böden, denkmalgeschützte Gebäude und hohe Erschließungskosten haben bislang jede größere Entwicklung verhindert.
Mit der Landesgartenschau könnte genau dieser Stillstand beendet werden. Die Idee lautet, Fördermittel aus unterschiedlichsten Programmen zu bündeln, das Gelände zu sanieren und zunächst als Ausstellungsfläche zu nutzen. Danach soll dort ein neuer Stadtteil entstehen – mit Wohnungen, Grünflächen, Kultur, Freizeitangeboten und kurzen Wegen.
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Ergänzt wird dieses Kerngebiet durch die Schwimmende Wiese, den Bertha-Klingberg-Platz und den ehemaligen Küchengarten. Über ein „Grünes Band“ sollen alle Bereiche miteinander verbunden werden. Darüber hinaus soll die sogenannte „Grüne Acht“ touristische Ziele rund um den Schweriner See vernetzen – vom Zippendorfer Strand über Wiligrad bis zum Nordufer des Lankower Sees.
Die Landesgartenschau versteht sich damit ausdrücklich nicht als temporäre Veranstaltung, sondern als langfristiges Entwicklungsprogramm für die gesamte Stadt.
Warum die Idee viele überzeugt
Die größten Befürworter der Landesgartenschau argumentieren erstaunlich selten mit Blumen. Sie sprechen über Wohnungsbau. Über Infrastruktur. Über Klimaanpassung. Und über Fördermittel. Denn genau darin liegt der eigentliche Reiz des Projektes.
Die Entwicklung des ehemaligen Güterbahnhofs wäre auch ohne Landesgartenschau notwendig. Die Frage lautet nicht, ob die Fläche irgendwann entwickelt wird, sondern wie sie finanziert werden kann.
Große Gartenschauen genießen bei Bund und Ländern traditionell eine hohe Priorität bei der Vergabe unterschiedlichster Förderprogramme. Stadtentwicklung, Städtebauförderung, Klimaanpassung, Denkmalschutz, Radverkehr oder Tourismus lassen sich unter einem gemeinsamen Dach zusammenführen.
Was einzeln kaum finanzierbar wäre, könnte so gemeinsam umgesetzt werden. Gerade für eine finanzschwächere Kommune wie Schwerin ist das ein gewichtiges Argument.
Ein neuer Schub für die Innenstadt
Kaum ein anderes Projekt besitzt so viel Potenzial für neuen Wohnraum. Während viele Städte gezwungen sind, an ihren Rändern neue Baugebiete auszuweisen, könnte Schwerin innenstadtnah einen komplett neuen Stadtteil entwickeln.
Kurze Wege, gute ÖPNV-Anbindung, Radverkehr, Grünflächen und soziale Infrastruktur entsprechen genau den Leitlinien moderner Stadtentwicklung.
Seit 2024 gehört das Residenzensemble Schwerin zum UNESCO-Welterbe. Doch ein Welterbetitel allein schafft weder Arbeitsplätze noch neue Besucher.
Die Landesgartenschau könnte dazu beitragen, die internationale Aufmerksamkeit langfristig zu nutzen und Schwerin stärker als Kultur- und Tourismusstandort zu positionieren.
Das geplante „Grüne Band“ verfolgt ein weiteres Ziel: Besucher sollen nicht ausschließlich auf dem Ausstellungsgelände bleiben, sondern durch die Innenstadt geführt werden. Davon könnten Gastronomie, Einzelhandel und kulturelle Einrichtungen profitieren.
So überzeugend die Chancen erscheinen, die Gegenargumente sind mindestens ebenso ernst zu nehmen. Denn Gartenschauen gehören zu den größten kommunalen Investitionsprojekten überhaupt. Sie bergen deshalb erhebliche Risiken.
83 Millionen Euro oder deutlich mehr?
Nach heutigem Stand kalkuliert die Stadt mit rund 73 Millionen Euro Investitionen sowie weiteren 10 Millionen Euro Durchführungskosten. Das klingt zunächst belastbar.
Doch ein Blick auf vergleichbare Projekte zeigt, dass kaum eine Gartenschau ihre ursprünglichen Kosten vollständig einhalten konnte.
Die Gründe sind bekannt:
- steigende Baupreise,
- Inflation,
- neue gesetzliche Anforderungen,
- aufwendigere Altlastensanierungen,
- unvorhergesehene Baugrundprobleme.
Gerade das KIW-Gelände birgt erhebliche Unsicherheiten. Wie stark Böden tatsächlich belastet sind, wird sich oft erst während der Bauarbeiten zeigen. Genau hier liegen erfahrungsgemäß die größten Kostenrisiken.
Der Blick nach Mannheim und Heilbronn
Die Erfahrungen anderer Städte sind in diesem Zusammenhang lehrreich. Die BUGA Heilbronn 2019 gilt bis heute als Erfolg. Rund 2,3 Millionen Menschen besuchten damals die Stadt. Mit dem Neckarbogen entstand ein modernes Wohnquartier. Neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Die Stadt gewann dauerhaft an Attraktivität. Doch der Erfolg hatte seinen Preis.
Die Stadt beziffert ihre abschließenden Investitionen in Grünanlagen und Infrastruktur auf 131,2 Millionen Euro. Das Land Baden-Württemberg förderte die BUGA etwa 60 Millionen Euro. Die Durchführungsgesellschaft schloss finanziell positiv ab und konnte zwei Millionen Euro aus der Kapitalrücklage zurückzahlen.
Ähnlich verlief die BUGA Mannheim 2023. Die BUGA 23 in Mannheim war finanziell ein großer Erfolg. Da die Besucherzahlen die Erwartungen weit übertrafen, blieb die Stadt Mannheim nicht auf ungeplanten operativen Defiziten sitzen. Die investierten 145 Millionen Euro flossen fast vollständig in bleibende Infrastruktur: Mannheim erhielt einen riesigen, dauerhaften Grünzug zur Frischluftzufuhr der Stadt, renaturierte Neckar-Uferbereiche und ein modernisiertes Naherholungsgebiet.
Beide Beispiele zeigen: Stadtentwicklung funktioniert. Billig wird sie selten.
Rostock mahnt zur Vorsicht
Wie drastisch Theorie und Praxis auseinanderklaffen können, zeigt das historische Lehrbeispiel der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) 2003 in Rostock. Für die stolze Summe von 94 Millionen Euro wurden damals das Gelände und das Messezentrum errichtet.
Doch statt der erhofften Millionenströme zog die Schau letztlich nur 2,63 Millionen Besucher an. Die Folge war ein herbes Finanzdefizit von rund 20 Millionen Euro, das nachträglich mühsam aus Steuermitteln der ohnehin klammen Hansestadt und des Landes Mecklenburg-Vorpommern ausgeglichen werden musste.

Dass Rostock aus diesen Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, bewies die Stadt im Jahr 2022 mit einer historischen Reißleine: Die für 2025 geplante BUGA Rostock wurde offiziell abgesagt. Das war die erste Absage in der über 70-jährigen Geschichte der Bundesgartenschau. Angesichts explodierender Baupreise (mit Kostensteigerungen von rund 32 Prozent) und immenser Verzögerungen drohte der Stadt ein unkontrollierbares Millionengrab. Allein die geplante Warnowbrücke schlug zuletzt mit geschätzten 53 Millionen Euro zu Buche.
Dieses Risiko besteht grundsätzlich bei jeder Gartenschau. Denn Besucherzahlen lassen sich zehn Jahre im Voraus kaum seriös prognostizieren.
Bleibt der große Effekt wirklich dauerhaft?
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Zeit nach der Veranstaltung. Neue Parks entstehen nicht kostenlos. Sie müssen gepflegt werden. Bäume müssen bewässert werden. Wege benötigen Unterhaltung. Spielplätze altern. Brücken müssen saniert werden.
All diese Folgekosten bleiben dauerhaft im städtischen Haushalt. Hinzu kommt eine weitere Frage:
Entstehen die geplanten Wohnungen tatsächlich? Oder bleibt die Entwicklung hinter den Erwartungen zurück?
Gerade die Vermarktung großer Entwicklungsflächen dauert häufig länger als geplant.
Noch überwiegen die Fragezeichen
Die Vision ist formuliert, der politische Wille erkennbar. Doch belastbare Antworten gibt es bislang nur wenige. Genau deshalb hat die Stadtvertretung eine Machbarkeitsstudie auf den Weg gebracht. Sie soll untersuchen, welche Kosten tatsächlich entstehen, welche Fördermittel realistisch sind und wie aufwendig die Sanierung der belasteten Flächen wird. Auch die erwarteten Besucherzahlen und die langfristigen Folgen für den städtischen Haushalt stehen auf dem Prüfstand.
Erst auf dieser Grundlage dürfte die eigentliche Entscheidung über eine Bewerbung fallen.





