Warnung von Opferverbänden:
Offener Brief warnt vor Denkmalschutz für Lenin-Statue
Ein offener Brief von Opferverbänden und Historikern kritisiert die geplante Unterschutzstellung der Lenin-Statue in Schwerin. Die Stadtvertretung muss nun über den Umgang mit dem Monument entscheiden.

Ein offener Brief mehrerer Opferverbände, Historiker und Zeitzeugen an Landtag, Landesregierung und Stadtvertretung Schwerin, der der SNO-Redaktion vorliegt, hat die Diskussion um die Lenin-Statue im Stadtteil Großer Dreesch erneut entfacht. Hintergrund ist die Empfehlung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, das Monument aus dem Jahr 1985 unter Denkmalschutz zu stellen. Die Stadtvertretung als Eigentümerin muss nun entscheiden, ob sie dieser Einschätzung folgt. Dabei prallen zwei Sichtweisen aufeinander: die Kunst- und Zeitgeschichte auf der einen Seite, die Erinnerung an politisches Unrecht auf der anderen.
Ein Symbol, das Wunden berührt
Die Statue steht seit 1985 in Schwerin und wurde zur 825-Jahr-Feier der Stadt errichtet. Die Darstellung Lenins fällt im Vergleich zu anderen sozialistischen Denkmälern zurückhaltend aus: kein erhobener Arm, kein erhöhter Sockel, keine heroische Pose. Doch die stilistische Form, so betonen die Kritiker, dürfe nicht von der geschichtlichen Bedeutung ablenken. Lenin gilt als Begründer eines politischen Systems, das autoritäre Herrschaft ausübte, politische Opposition unterdrückte und Freiheit, Religion sowie Meinungsvielfalt bekämpfte.
Der offene Brief ist deutlich: Lenin sei nicht Symbol sozialer Fortschritte, sondern Begründer eines Systems, das politische Gegner verfolgte, Freiheit unterdrückte und Millionen von Menschen das Leben kostete. Die Unterzeichner erinnern daran, dass die Auswirkungen dieser Politik auch in Schwerin sichtbare Spuren hinterließen. So ergingen zwischen 1950 und 1953 in Schwerin über hundert Todesurteile durch ein Sowjetisches Militärtribunal. Zu den bekanntesten Opfern zählt der junge Jura-Student Arno Esch, der in Moskau hingerichtet wurde, weil er sich für demokratische Rechte einsetzte. Vor diesem Hintergrund sehen die Verfasser des offenen Briefes die Unterschutzstellung der Statue als problematisch. Sie fürchten, dass eine solche Entscheidung von vielen Betroffenen als symbolische Ehrenbezeugung gegenüber einem historischen Täter verstanden werden könnte.
Die Erstunterzeichner – Stimmen mit persönlichem und fachlichem Gewicht
Die Unterzeichner des Briefes verleihen dem Appell eine besondere moralische und historische Autorität. Dieter Dombrowski, der Bundesvorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, spricht nicht aus theoretischer Distanz, sondern aus der Erfahrung eigener politischer Haft. Stefan Krikowski setzt sich als Vorsitzender der Lagergemeinschaft Workuta für die Erinnerung an die Opfer des sowjetischen Gulag-Systems ein. Auch der GULAG-Überlebende Frieder Wirth bringt seine persönliche Leidensgeschichte ein – eine Stimme, die längst selten geworden ist.
Wissenschaftlich getragen wird der Appell von Historikern wie Ilko-Sascha Kowalczuk und Meinhard Stark, die den Zusammenhang zwischen sowjetischem Terror und DDR-Staatsapparat umfassend dokumentiert haben. Literarisch und gesellschaftlich begleitet wird diese Aufarbeitung unter anderem durch die Schriftstellerin Grit Poppe. Arndt Müller, Stadtvertreter in Schwerin (Bündnis 90/Die Grünen/Die PARTEI), gehört ebenfalls zu den Erstunterzeichnern.
„Mecklenburg-Vorpommern hat in den vergangenen Jahren mit seiner allzu großen Nähe zu russischen Interessen bereits Vertrauen verspielt”, heißt es im Schreiben. Umso wichtiger sei es jetzt, „glaubwürdig zu
zeigen, dass dieses Land auf der Seite der Freiheits- und Widerstandskämpfer, der Opfer des Unrechts und der historischen Wahrheit steht”.
Ein Vorschlag zur historisch verantwortlichen Lösung
Die Unterzeichner sprechen sich nicht für die Entfernung oder Zerstörung der Statue aus. Stattdessen plädieren sie für eine räumliche und kontextuelle Neuverortung, etwa im Innenhof des ehemaligen KGB-Gefängnisses am Demmlerplatz. Dort könnte die Statue kritisch eingeordnet und mit Hinweisen versehen werden, die ihre historische Bedeutung verständlich machen. Sie würde damit nicht länger als repräsentatives Denkmal im öffentlichen Raum wirken, sondern als Mahnmal, das zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anregt.
Die bevorstehende Entscheidung darüber, ob die Statue unter Schutz gestellt wird oder in veränderter Form erhalten bleibt, geht über eine denkmalpflegerische Frage hinaus. Sie berührt die Werte, die die Stadt sichtbar vertritt, und die Art und Weise, wie sie ihrer Geschichte begegnet.
Ob das Lenin-Denkmal künftig als historisches Relikt oder als kritisches Mahnmal bestehen wird – es bleibt ein Prüfstein für die Erinnerungskultur Schwerins.




