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Warnung von Opferverbänden:
Offener Brief warnt vor Denkmalschutz für Lenin-Statue

Ein offener Brief von Opferverbänden und Historikern kritisiert die geplante Unterschutzstellung der Lenin-Statue in Schwerin. Die Stadtvertretung muss nun über den Umgang mit dem Monument entscheiden.

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  • Veröffentlicht Oktober 30, 2025
Lenin-Statue Schwerin
Die umstrit­tene Lenin-Stat­ue in Schw­erin: Opfer­ver­bände sprechen sich gegen Denkmalschutz aus. Foto: pri­vat

 

Ein offen­er Brief mehrerer Opfer­ver­bände, His­torik­er und Zeitzeu­gen an Land­tag, Lan­desregierung und Stadtvertre­tung Schw­erin, der der SNO-Redak­tion vor­liegt, hat die Diskus­sion um die Lenin-Stat­ue im Stadt­teil Großer Dreesch erneut ent­facht. Hin­ter­grund ist die Empfehlung des Lan­desamtes für Kul­tur und Denkmalpflege Meck­len­burg-Vor­pom­mern, das Mon­u­ment aus dem Jahr 1985 unter Denkmalschutz zu stellen. Die Stadtvertre­tung als Eigen­tümerin muss nun entschei­den, ob sie dieser Ein­schätzung fol­gt. Dabei prallen zwei Sichtweisen aufeinan­der: die Kun­st- und Zeit­geschichte auf der einen Seite, die Erin­nerung an poli­tis­ches Unrecht auf der anderen.

Ein Symbol, das Wunden berührt

Die Stat­ue ste­ht seit 1985 in Schw­erin und wurde zur 825-Jahr-Feier der Stadt errichtet. Die Darstel­lung Lenins fällt im Ver­gle­ich zu anderen sozial­is­tis­chen Denkmälern zurück­hal­tend aus: kein erhoben­er Arm, kein erhöhter Sock­el, keine hero­is­che Pose. Doch die stilis­tis­che Form, so beto­nen die Kri­tik­er, dürfe nicht von der geschichtlichen Bedeu­tung ablenken. Lenin gilt als Begrün­der eines poli­tis­chen Sys­tems, das autoritäre Herrschaft ausübte, poli­tis­che Oppo­si­tion unter­drück­te und Frei­heit, Reli­gion sowie Mei­n­ungsvielfalt bekämpfte.

Der offene Brief ist deut­lich: Lenin sei nicht Sym­bol sozialer Fortschritte, son­dern Begrün­der eines Sys­tems, das poli­tis­che Geg­n­er ver­fol­gte, Frei­heit unter­drück­te und Mil­lio­nen von Men­schen das Leben kostete. Die Unterze­ich­n­er erin­nern daran, dass die Auswirkun­gen dieser Poli­tik auch in Schw­erin sicht­bare Spuren hin­ter­ließen. So ergin­gen zwis­chen 1950 und 1953 in Schw­erin über hun­dert Todesurteile durch ein Sow­jetis­ches Mil­itär­tri­bunal. Zu den bekan­ntesten Opfern zählt der junge Jura-Stu­dent Arno Esch, der in Moskau hin­gerichtet wurde, weil er sich für demokratis­che Rechte ein­set­zte. Vor diesem Hin­ter­grund sehen die Ver­fass­er des offe­nen Briefes die Unter­schutzstel­lung der Stat­ue als prob­lema­tisch. Sie fürcht­en, dass eine solche Entschei­dung von vie­len Betrof­fe­nen als sym­bol­is­che Ehren­bezeu­gung gegenüber einem his­torischen Täter ver­standen wer­den kön­nte.

Die Erstunterzeichner – Stimmen mit persönlichem und fachlichem Gewicht

Die Unterze­ich­n­er des Briefes ver­lei­hen dem Appell eine beson­dere moralis­che und his­torische Autorität. Dieter Dom­brows­ki, der Bun­desvor­sitzende der Union der Opfer­ver­bände Kom­mu­nis­tis­ch­er Gewaltherrschaft, spricht nicht aus the­o­retis­ch­er Dis­tanz, son­dern aus der Erfahrung eigen­er poli­tis­ch­er Haft. Ste­fan Krikows­ki set­zt sich als Vor­sitzen­der der Lagerge­mein­schaft Worku­ta für die Erin­nerung an die Opfer des sow­jetis­chen Gulag-Sys­tems ein. Auch der GULAG-Über­lebende Frieder Wirth bringt seine per­sön­liche Lei­dens­geschichte ein – eine Stimme, die längst sel­ten gewor­den ist.

Wis­senschaftlich getra­gen wird der Appell von His­torik­ern wie Ilko-Sascha Kowal­czuk und Mein­hard Stark, die den Zusam­men­hang zwis­chen sow­jetis­chem Ter­ror und DDR-Staat­sap­pa­rat umfassend doku­men­tiert haben. Lit­er­arisch und gesellschaftlich begleit­et wird diese Aufar­beitung unter anderem durch die Schrift­stel­lerin Grit Poppe. Arndt Müller, Stadtvertreter in Schw­erin (Bünd­nis 90/Die Grünen/Die PARTEI), gehört eben­falls zu den Erstun­terze­ich­n­ern.

„Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat in den ver­gan­genen Jahren mit sein­er allzu großen Nähe zu rus­sis­chen Inter­essen bere­its Ver­trauen ver­spielt”, heißt es im Schreiben.  Umso wichtiger sei es jet­zt, „glaub­würdig zu
zeigen, dass dieses Land auf der Seite der Frei­heits- und Wider­stand­skämpfer, der Opfer des Unrechts und der his­torischen Wahrheit ste­ht”.

Ein Vorschlag zur historisch verantwortlichen Lösung

Die Unterze­ich­n­er sprechen sich nicht für die Ent­fer­nung oder Zer­störung der Stat­ue aus. Stattdessen plädieren sie für eine räum­liche und kon­textuelle Neu­veror­tung, etwa im Innen­hof des ehe­ma­li­gen KGB-Gefäng­niss­es am Demm­ler­platz. Dort kön­nte die Stat­ue kri­tisch ein­ge­ord­net und mit Hin­weisen verse­hen wer­den, die ihre his­torische Bedeu­tung ver­ständlich machen. Sie würde damit nicht länger als repräsen­ta­tives Denkmal im öffentlichen Raum wirken, son­dern als Mah­n­mal, das zur Auseinan­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit anregt.

Die bevorste­hende Entschei­dung darüber, ob die Stat­ue unter Schutz gestellt wird oder in verän­dert­er Form erhal­ten bleibt, geht über eine denkmalpflegerische Frage hin­aus. Sie berührt die Werte, die die Stadt sicht­bar ver­tritt, und die Art und Weise, wie sie ihrer Geschichte begeg­net.

Ob das Lenin-Denkmal kün­ftig als his­torisches Relikt oder als kri­tis­ches Mah­n­mal beste­hen wird – es bleibt ein Prüf­stein für die Erin­nerungskul­tur Schw­erins.