Vor 50 Jahren erschossen:
Der Mann der die DDR der Lüge überführte
Vor 50 Jahren wurde der DDR-Regimegegner Michael Gartenschläger an der innerdeutschen Grenze erschossen. Der frühere politische Häftling wollte eine Selbstschussanlage abbauen und geriet in eine Stasi-Operation.

Vor genau 50 Jahren, in der Nacht zum 1. Mai 1976, starb der DDR-Regimegegner Michael Gartenschläger an der innerdeutschen Grenze zwischen Mecklenburg und Schleswig-Holstein. Der frühere politische Häftling und spätere Fluchthelfer wurde von einem Spezialkommando des Ministeriums für Staatssicherheit erschossen, als er versuchte, eine Selbstschussanlage am Grenzzaun zu demontieren. Sein Leben steht exemplarisch für Widerstand gegen die SED-Diktatur – und für die Härte, mit der der Staat gegen seine Gegner vorging.
Jugend, Protest und lebenslange Haft
Michael Gartenschläger wurde am 13. Januar 1944 in Strausberg bei Berlin geboren. Der Sohn eines Gastwirtes wuchs liberal erzogen auf und entwickelte früh eine Leidenschaft für Rockmusik. Gemeinsam mit Freunden gründete er einen Fanclub für den Schlager- und Rock’n’Roll-Sänger Ted Herold – eine Szene, die bereits Anfang der 1960er Jahre ins Visier der Staatssicherheit geriet.
Nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 protestierten Gartenschläger und Freunde gegen das Grenzregime. Kurz darauf wurden sie festgenommen. In einem dreitägigen Schauprozess im Kulturhaus der Nationalen Volksarmee in Strausberg verurteilte das Bezirksgericht Frankfurt (Oder) den damals 17-Jährigen zu lebenslanger Zuchthausstrafe wegen „staatsgefährdender Propaganda und Hetze sowie Diversion“. Ein Gutachter bescheinigte ihm dafür eigens eine „biologische Volljährigkeit“, um die Anwendung des milderen Jugendstrafrechts zu umgehen.
Jahre in Haft und spektakulärer Protest
Gartenschläger kam zunächst in die zentrale Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg, später in mehrere Gefängnisse, darunter Brandenburg-Görden und das Jugendgefängnis Torgau. Die Haftbedingungen waren hart; Isolationshaft und mangelhafte Versorgung griffen seine Gesundheit stark an.
Mehrfach versuchte er zu fliehen – einmal versteckte er sich in einer präparierten Metallkiste, ein anderes Mal kletterte er während des Hofgangs auf den 48 Meter hohen Schornstein der Haftanstalt Brandenburg-Görden. Dort schrieb er mit herausgebrochenen Ziegelsteinen gut sichtbar das Wort „Hunger“ an den Schornstein. Der Protest löste Aufmerksamkeit bei Anwohnern aus und zwang die Gefängnisleitung zu Verhandlungen: Gartenschläger erreichte eine Verdoppelung der Brotrationen sowie Verbesserungen für isolierte Häftlinge.
1971 kam Gartenschläger nach fast zehn Jahren Haft frei – die Bundesrepublik hatte ihn für 40.000 D‑Mark aus der DDR freigekauft. Er zog nach Hamburg und arbeitete dort als Pächter einer Tankstelle. Doch die politische Auseinandersetzung mit der DDR ließ ihn nicht los.
Zwischen 1972 und 1975 beteiligte sich Gartenschläger an Fluchthilfen und unterstützte insgesamt 31 Menschen bei der Flucht aus der DDR. Sechs von ihnen brachte er persönlich über die Grenze in die Bundesrepublik.
Beweis gegen die DDR-Propaganda
Besondere Aufmerksamkeit erregte Gartenschläger 1976. Um die DDR-Behauptung zu widerlegen, an der Grenze würden keine automatischen Tötungsanlagen eingesetzt, baute er am Grenzzaun eine sogenannte Selbstschussanlage SM-70 ab – eine Splittermine, die bei Berührung ausgelöst wurde.
Eine der Minen übergab er dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel, eine zweite später der Arbeitsgemeinschaft 13. August. Die Aktionen belegten öffentlich den Einsatz der tödlichen Anlagen.
Tod an der Grenze
In der Nacht zum 1. Mai 1976 kehrte Michael Gartenschläger erneut an die innerdeutsche Grenze zurück. Gemeinsam mit zwei Unterstützern wollte er am sogenannten Grenzknick nahe der Grenzsäule 231 – zwischen Leisterförde im damaligen Bezirk Schwerin und Bröthen in Schleswig-Holstein – eine weitere Selbstschussanlage des Typs SM-70 vom Grenzzaun entfernen. Zwei solcher Anlagen hatte er in den Wochen zuvor bereits abgebaut und öffentlich gemacht.
Die DDR-Staatssicherheit wusste von seinen Aktionen. Zwar waren Ort und Zeitpunkt des geplanten Vorhabens zunächst unklar, doch das Ministerium für Staatssicherheit hatte bereits Tage zuvor umfangreiche Sicherungsmaßnahmen eingeleitet. Insgesamt 29 Angehörige einer Einsatzkompanie der Hauptabteilung I wurden in der Grenzregion eingesetzt. Ziel der Operation war es laut später bekannt gewordenen Unterlagen, Gartenschläger nach dem Betreten des DDR-Territoriums „festzunehmen oder zu vernichten“.
In der Nacht näherte sich die Gruppe dem Grenzzaun. Gartenschläger postierte seine beiden Begleiter auf westlicher Seite der Grenze und ging allein auf das DDR-Territorium, um die Anlage zu erreichen. Dort hatten sich jedoch bereits mehrere Posten des Spezialkommandos in Stellung gebracht.
Als Gartenschläger sich dem Grenzzaun näherte, kam es zu einem Schusswechsel. Nach Einschätzung eines Gerichtsverfahrens im Jahr 2000 ist es wahrscheinlich, dass Gartenschläger zunächst selbst das Feuer eröffnete, nachdem ein Posten durch ein Geräusch seine Anwesenheit verraten hatte. Die DDR-Grenzer erwiderten die Schüsse. Gartenschläger wurde dabei mehrfach von vorn getroffen und schwer verletzt.
Nach der ersten Schussfolge richteten die Posten einen Scheinwerfer auf den am Boden liegenden Mann. Einer der Soldaten näherte sich ihm und stellte fest, dass er noch lebte. Kurz darauf begann eine zweite Schussfolge, nachdem von westlicher Seite Geräusche wahrgenommen worden waren – vermutlich verursacht durch Gartenschlägers Begleiter, die nach den ersten Schüssen geflohen waren.
Als „anonyme Wasserleiche” eingeäschert
Der schwer verletzte Gartenschläger wurde anschließend durch den Grenzzaun auf DDR-Gebiet gebracht. Ein herbeigerufener Militärarzt stellte um 23.45 Uhr seinen Tod fest. Untersuchungen ergaben später, dass bereits ein früher Treffer wahrscheinlich das Herz durchschlagen hatte, eine Verletzung, die selbst bei sofortiger medizinischer Hilfe kaum überlebbar gewesen wäre.
Die DDR-Behörden unternahmen 1976 alles, um Michael Gartenschläger auch nach seinem Tod jede Identität zu rauben. Zwar wurde er am 10. Mai 1976 auf dem Schweriner Waldfriedhof physisch in einer regulären Grabstelle beigesetzt, doch geschah dies im Rahmen einer konspirativen Geheimoperation des Ministeriums für Staatssicherheit.
Um den Ort unkenntlich zu machen und eine öffentliche Trauerstätte zu verhindern, wurde er unter der Legende einer „unbekannten Wasserleiche“ bestattet – ohne Namen auf dem Stein und ohne Wissen seiner Angehörigen. Eine erkennbare Grabstätte erhielt der Regimegegner faktisch erst nach der deutschen Wiedervereinigung: Erst als seine Familie durch die Öffnung der Stasi-Archive den exakten Ort der Beisetzung identifizieren konnte, gestalteten Freunde und Hinterbliebene in den frühen 1990er-Jahren jenen Platz zu einer würdigen Ruhestätte um, die heute als offizielles Ehrengrab an sein Schicksal erinnert.
Erinnerung an einen Grenzgegner
Heute erinnert am ehemaligen Grenzverlauf ein Gedenkkreuz an Michael Gartenschläger. Sein Name steht für den Widerstand gegen die SED-Diktatur – und für einen Mann, der nach Jahren politischer Haft den Kampf gegen das DDR-Grenzsystem fortsetzte und dafür sein Leben verlor.

Am 30. April 2026 jährt sich sein Tod zum 50. Mal. Zum Gedenken wird die Stadt morgen um 15.00 Uhr am Ehrengrab von Gartenschläger auf dem Waldfriedhof einen Kranz niederlegen und eine Schweigeminute abhalten.




