Mit der Stimme Menschen berühren – hoffentlich geht es bald wieder los!

„Eine weitere Milliarde für NEUSTART KULTUR“ aus Berlin. Ungeduldig warten in Schwerin Künstlerinnen und Künstler auf den Neustart der Kultur. Auch die Sängerin Sophia Maeno hofft auf eine baldige Öffnung der Theater wie auch der Schauspiel- und Opernhäuser.

Sophia Maeno hofft auf ein baldiges Ende des Lockdowns | Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Es vergeht kein Tag, an dem nicht über die Auswirkungen der Coronabekämpfung berichtet wird. Im Vordergrund stehen häufig die Konsequenzen für Wirtschaft, Handel und Dienstleistungen. Unser Kulturleben ist ganz erheblich von wirtschaftlicher aber auch gesellschaftlich-sozialer Bedeutung. Schwerin-Lokal fragt bei Kulturschaffenden in unserer Stadt nach, wie sie mit der Zeit des „Leerlaufs“ umgehen. Heute im Portrait: die Sängerin Sophia Maeno.

 

Was kann Menschen bewegen?

„Das man mit Musik die Herzen der Menschen berühren, dass man Menschen so tief bewegen kann“ gab den Ausschlag für ihren Wunsch Sängerin zu werden. Während eines Studienaufenthaltes in Israel wirkte Sophia Maeno bei der Aufführung der Kinderoper Brundibár (Hans Krása) mit. Im Publikum saßen Zeitzeugen des Holocaust, die nach der Vorstellung mit den jungen Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch kamen. „Mit uns Kindern haben die alten Herrschaften dann nach Jahrzehnten erstmals wieder Deutsch gesprochen“, erinnert sich Maeno sehr genau. Eine für immer prägende Begegnung. „Da war für mich klar, Singen, das möchte ich mein Leben lang machen.“ Noch immer hat sie den Moment genau vor Augen.

 

Dresden, Karlsruhe, Rom und USA – in die Welt hinaus

Den Opernliebhaberinnen und -liebhabern ist Mezzosopranistin Sophia Maeno längst ein Begriff. Geboren in Schwerin studierte sie später Gesang in Dresden, Rom und Karlsruhe. Studienaufenthalte führten sie nach Italien, Israel und die USA. Sie ist Preisträgerin der Yehudi-Menuhin-Stiftung „Live Music Now“ und des Richard-Wagner-Verbandes. In Stuttgart gehörte Sophia Maeno dem „SWR-Vokalensemble“ als festes Mitglied an. Vom Staatstheater Schwerin wurde sie 2014 verpflichtet. Unter anderem konnte das Publikum sie als dort als Olga (Onegin), Gräfin (Der Wildschütz), Page (Salome), Flora (Traviata) und zweite Dame (Zauberflöte) erleben. 2016 wagte Sophia Maeno den Schritt in die Freiberuflichkeit. Ihre Engagements führten sie an das Hamburger Alleetheater, das Theater Erfurt, ans Landestheater Neustrelitz. Sie gastierte aber auch wieder am Staatstheater Schwerin. In Chemnitz ist sie seit der Saison 2017/18 ständiger Residenzgast.

 

Konzerte mit „Schweriner Musik“

„…keine Termine bekannt“ so heißt es seit den lockdownbedingten Absagen auf der Website (https://sophiamaeno.de) der Sängerin aus Schwerin

In ihrer Geburtsstadt Schwerin, der sie tief verbunden ist, gab die Sängerin noch im vergangen Herbst Konzerte. Im September stand Sophia Maeno mit der Pianistin Maša Novosel im Goldenen Saal vor heimischem Publikum. Im Rahmen des Projektes „Komponistinnen aus Mecklenburg wiederentdeckt“ präsentierten die beiden Musikerinnen Lieder von Sophie Westenholz (1759-1838), die als Komponistin und Kapellmeisterin am Hof des Herzogs Friedrich Franz I. in Ludwigslust wirkte. Es war das erste Mal seit ihren Lebzeiten, dass ihre Lieder wiederaufgeführt wurden. Schon zwei Jahre zuvor brachte Sophia Maeno gemeinsam mit Tenor Stefan Heibach und Maša Novosel am Piano Lieder und Duette des Schweriner Komponisten Friedrich Wilhelm Kücken dem heimischen Publikum zu Gehör.

Für Maeno ist es ein „ganz großer Wunsch, die Lieder sowohl von Sophie Westenholz als auch von Friedrich Wilhelm Kücken auf CD aufzunehmen“. Als Schwerinerin möchte sie so dazu beitragen, die reichhaltige lokale Musikhistorie bekannt zu machen. Dem NDR komme hier in seinem Sendegebiet eine enorm wichtige Rolle zu. Von dort erhofft sie sich Unterstützung für die weitere Arbeit. Den Komponistinnen und Komponisten aus dem Nordosten soll endlich ein ihren Werken gebührender Platz in der Musikgeschichte zukommen.

 

Fehlende Gemeinschaft der Kunstschaffenden

„Schwerin ist für mich Heimat, hier kann ich zwischen den Konzertreisen auftanken, die Landschaft lässt mich durchatmen“, drückt sie anschaulich ihre Verbundenheit zur Landeshauptstadt aus. Zu schaffen macht ihr aber der fehlende Kontakt zur Künstlergemeinschaft. „Wenn man nicht zusammen mit anderen Künstlern an einem Projekt arbeiten kann, das ist schon ein heftiger Einschnitt. So zum Beispiel das gemeinsame Hinfiebern auf eine Premiere, das fehlt mir doch sehr“, beschreibt sie den fehlenden beruflichen Austausch. „Wir Kulturschaffenden empfinden den Lockdown seit März letzten Jahres als durchgehend. Es gab leider nur kurze Momente der Öffnung“, so ihr nüchterner Rückblick auf das vergangene Jahr.

 

Familie und kreative Freiräume

Eine emotionale Stütze ist für Sophia Maeno das Familienleben. Mehr Zeit mit den Eltern und ihrem Sohn verbringen zu können, das war eine positive Erfahrung in Zeiten des Lockdowns. Ebenso hat sie ein „verschüttetes Hobby“ wiederentdeckt. Sie hat ihr Talent als Malerin weiterentwickelt. Erfolgreich experimentiert sie nun mit großformatigen Ölgemälden. Anfragen nach Gemälden, und auch Aufträge habe es schon gegeben. „Diese Entwicklung ist möglich geworden, weil ich auf mich zurückgeworfen wurde, weil es diesen Leerlauf gab“, sieht sie auch positive Entwicklungen bei allem Frust über die Corona-Zeiten.

 

Finanzielle Hilfe für Kunstschaffende – verstärkter Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt

Was die finanzielle Unterstützung angeht, so hat es Sophia Maeno nicht ganz so schlimm getroffen. Das Mecklenburgische Künstlerstipendium wurde zügig gewährt. Auch die Theater haben Verständnis gezeigt und eine zeitlang finanzielle Hilfe geleistet. „Ich hatte Glück und wurde ein paar Monate mitgetragen, obwohl ich freischaffend arbeite“, resümiert sie die Anfangszeit der Corona-Pandemie. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen aber hatten dieses Glück nicht. Sie wurden abrupt arbeitslos. Das nun sehr viele Kunstschaffende arbeitssuchend sind, könne dazu führen, dass Künstler „für ’nen Appel und ’n Ei arbeiten müssen“. Verhandlungen von Gagen seien in der jetzigen Situation besonders schwierig. „Das kann dazu führen, dass sich die Verhältnisse weiter hinunterpegeln“, befürchtet die Sängerin eine weitere Absenkung der finanziellen Konditionen für Kulturschaffende. Der Blick in ihre finanzielle Zukunft ist längst nicht gesichert. Alles hängt von der baldigen Öffnung der Schauspielhäuser und Theater ab.

 

Es soll endlich wieder losgehen!

Für die Mezzosopranistin stehen in der kommenden Spielzeit tolle Partien an. In Chemnitz soll sie als Carmen debütieren. In Flensburg steht die Händel-Oper des Perserkönigs Xerxes auf dem Spielplan. „Nachdem die Aufführungen nun mehrmals verschoben wurden, hoffe ich, dass es nun endlich bald wieder losgeht“, blickt die Schwerinerin ungeduldig aber auch optimistisch in ihre berufliche Zukunft. Sophia Maeno, ein optimistischer Mensch, eine Künstlerin, die Menschen mit ihrer Stimme bewegen kann!

 

 

Peter Scherrer

geb. 1959, gelernter Metallfacharbeiter und grad. Historiker, arbeitete für Gewerkschaften und politische Stiftungen in Europa u.a. 2015-2019 als stellvertretender Generalsekretär beim Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB), in Brüssel. Schwerpunkte: Industrie- und Sozialpolitik sowie Lokalgeschichte und Kulturelles. Wohnt seit 2017 in Schwerin.

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