MV: Frisch vom Feld auf den Tisch – dank 6000 Erntehelfern und Saisonarbeitern

Frühling ist schön, macht aber auch Arbeit! Spargel muss gestochen und Erdbeeren wollen gepflückt werden. Die ersten Saisonarbeiter sind in MV schon auf den Feldern.

Spargel muss gestochen und Erdbeeren wollen gepflückt werden. Die ersten Saisonarbeiter sind in MV schon auf den Feldern.

In MV sind auch in diesen Jahr wieder die „fleißigen hilfreichen Hände“ aus Polen, Bulgarien, Rumänien und der Ukraine auf unseren Feldern. Nach Auskunft des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern werden insgesamt  rund 6000 Saisonarbeitskräfte benötigt. Damit bis Ende Juli der Spargel, Salat und die Erdbeeren auf unseren Tellern liegen, benötigen die landwirtschaftlichen Betriebe rund 4000 Helferinnen und Helfer. Die ersten Saisonbeschäftigten sind bereits im Land und helfen bei der Vorbereitung und Pflege der Anbauflächen.

IG BAU: Unternehmen wollen Löhne sparen und Gewinne steigern

Frisch vom Feld: Obst und Gemüse auf dem Markt| Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Ende März beschloss das Kabinett der Bundesregierung, die sozialversicherungsfreie Beschäftigung von Erntehelferinnen und Saisonarbeiter von 70 auf 102 Tage im Jahr heraufzusetzen. Die zuständige DGB-Gewerkschaft, die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), reagierte mit deutlicher Kritik. Der Verbandsvize Harald Schaum sprach vom „Sozialdumping für Erntehelfer“ und resümierte „Es ist immer wieder dasselbe: Die Erntebetriebe versuchen an den Lohnkosten zu sparen, wie es irgendwie nur geht, um noch höhere Gewinne zu erzielen. Und der Staat hilft auch noch dabei“.

Lob von der Politik und vom Bauernverband

Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner und der Deutsche Bauernverband begrüßten fast wortgleich die vorgeschlagene Regelung, indem sie betonen, dass sichergestellt sei, „dass die Bevölkerung auch dieses Jahr trotz Corona gut mit heimischen Produkten versorgt werde“. Landwirtschaftsminister Till Backhaus begrüßte den Kompromiss zwischen der Bundesministerin und Bundesarbeitsminister Heil. Bevor der Kabinettsbeschluss rechtsgültig wird, muss der Vorschlag noch vom Deutschen Bundestag beraten werden. Neben der Erhöhung der sozialversicherungsfreien Tage sieht er eine Krankenversicherungspflicht für alle Beschäftigten vor. Die Anmeldung zur Krankenkasse muss der Minijobzentrale durch die Arbeitgeber gemeldet werden. So soll die Zahl der sozialversicherungsfreien Tage kontrolliert werden. Die Meldepflicht soll aber erst ab 2022 gelten.

 

Dirk Johne, Branchensekretär der IG BAU in Schwerin im O-Ton

 

Schweriner Gewerkschafter pocht auf Beiträge zur Sozialversicherung

Frisch vom Feld: Obst und Gemüse auf dem Markt| Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Der Schweriner Branchenexperte der IG BAU, Dirk Johne, lehnt eine sozialversicherungsfreie Beschäftigung grundsätzlich ab. Es geht für ihn schlicht darum, dass sich die Arbeitgeber ihre Beitragsanteile zur Sozialversicherung sparen wollen. Rentenansprüche müssten aber auch von Beschäftigten aus dem Ausland gelten gemacht werden können. Wenn Erntehelferinnen und – Helfer aus EU Mitgliedsländern hier arbeiten, so können sie dies das ganze Jahr über tun. Johne fragt sich, wieso sie dann an 102 Tagen arbeiten sollen, ohne das Arbeitgeber ihren Anteil an Renten – und Arbeitslosenversicherung bezahlen müssen. Warum dann 70 oder 115 Tage (wie im letzten Jahr) oder 102 Tage wie in diesem Jahr geplant beitragsfrei sein sollen, leuchtet dem Gewerkschafter nicht ein. Die Krankenversicherung werde insbesondere von den großen Landwirtschaftsbetrieben schon in eigenem Interesse abgeschlossen. Das sei für sie häufig selbstverständlich. Da es aber bislang keine gesetzliche Regelung dazu gibt, sei es eben auch möglich, dass ohne den Schutz einer Krankenversicherung auf den Feldern gearbeitet werde.

Mindestlohn und arbeiten im Akkord

Frisch vom Feld: Obst und Gemüse auf dem Markt| Foto: schwerin-lokal / Peter Scherrer

Was die Bezahlung der Spargelstecher und Erdbeerpflücker angeht, so sind laut Johne keine Verstöße gegen den Mindestlohn bekannt. Ob es diese Verstöße nun auch in der Realität nicht gibt, das kann der Gewerkschaftssekretär nicht eindeutig beantworten. Für die Kontrolle ist der Zoll zuständig. Bekannt sei, dass der Zoll schlicht zu viele andere Aufgaben erledigen müsse, um wirksam kontrollieren zu können. Oftmals wird im Akkord gearbeitet, und da liegt die Bezahlung über dem gesetzlichen Mindestlohn. Was durchaus mal zu Konflikten zwischen den Beschäftigten und Arbeitgebern führe, sei die Abrechnung der Fahrtzeiten zwischen den Feldern oder die Wartezeiten beim Abwiegen des im Akkord gepflückten Obst oder Gemüses. Einen Tarifvertrag, der die Einkommen der Saisonkräfte regelt, den gibt es in der Branche nicht. Die Saisonbeschäftigten sind auf die gesetzlichen Mindestregelungen angewiesen. Falls es hierbei zu Schwierigkeiten bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche kommt, gewährt die Gewerkschaft ihren Mitgliedern Arbeitsrechtsschutz.

Trotz verschiedener Positionen – Dialog zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Politik in MV beispielhaft

Der Dialog zwischen den landwirtschaftlichen Arbeitgebern, den Gewerkschaften und der Politik ist für den Schweriner Gewerkschafter beispielhaft. Die Landesregierung hatte im März vergangenen Jahres auf die durch die Pandemie ausgelösten Probleme in der Landwirtschaft reagiert und Gesprächsforen für alle Beteiligten organisiert. Teilweise wöchentliche Telefonkonferenzen, an denen neben den Verbänden auch die drei größten Saisonarbeitsbetriebe (Karls bzw. Glantz Erdbeerhöfe und die Behr AG) teilnahmen, haben für Verständigungsmöglichkeiten zwischen den Arbeitnehmervertretern, Arbeitgebern und den Politikverantwortlichen geführt. Sicher werde es auch weiterhin in einigen Fragen unterschiedliche und kontroverse Positionen geben. Offensichtlich sei aber auch, dass die Unternehmen, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fair und korrekt behandeln, ein Interesse daran haben, das es keine „schwarzen Schafe“ unter den Arbeitgebern mehr gibt.

Peter Scherrer

geb. 1959, gelernter Metallfacharbeiter und grad. Historiker, arbeitete für Gewerkschaften und politische Stiftungen in Europa u.a. 2015-2019 als stellvertretender Generalsekretär beim Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB), in Brüssel. Schwerpunkte: Industrie- und Sozialpolitik sowie Lokalgeschichte und Kulturelles. Wohnt seit 2017 in Schwerin.

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