Offene Vorgeschichte:
Schweriner spendeten für Nandolino – doch wie kam der Drache zu seinem Eigentümer?
15.000 Euro Spenden, 24.000 Euro Sachleistungen und mehrere beteiligte Akteure: Die Stadt soll Nandolino geschenkt bekommen. Doch seine Vorgeschichte ist nicht vollständig geklärt.

In Kürze:
- Für den Drachen Nandolino am Pfaffenteich kamen rund 15.000 Euro Geldspenden zusammen. Hinzu kommen nach Angaben der Stadt Sachleistungen im Wert von rund 24.000 Euro.
- ALBATROS will Nandolino der Stadt schenken. Wie der Verein zuvor Eigentümer der gemeinschaftlich ermöglichten Skulptur wurde, ist öffentlich nicht nachvollziehbar.
- ALBATROS, Maxpress und die Kanurenngemeinschaft werden in den Veröffentlichungen mit unterschiedlichen Rollen bei Spendenaktion und Projekt genannt.
Nandolino steht seit gut einem Jahr wieder am Schweriner Pfaffenteich. Bürger und Unternehmen spendeten für den neuen Bronzedrachen, weitere Unterstützer halfen mit Material und Leistungen. Nun soll die Skulptur offiziell der Stadt Schwerin gehören. Doch bei der Geschichte des Gemeinschaftsprojekts bleibt eine entscheidende Frage offen: Wie kam Nandolino in das Eigentum des Vereins ALBATROS Umwelt und Natur e.V., der den Drachen jetzt der Stadt schenken will?
Dafür muss man ins Jahr 2025 zurückblicken. Der alte Nandolino aus Holz hatte viele Jahre am Südufer des Pfaffenteichs gestanden und war vor allem bei Kindern beliebt. Nachdem die Figur stark verwittert war, entstand die Idee, den Drachen zurückzubringen – diesmal dauerhaft aus Bronze.
Geschaffen wurde die neue Figur vom Schweriner Künstler Nando Kallweit. Weil für Material und Bronzeguss Geld benötigt wurde, begann eine öffentliche Spendenaktion. Die Schweriner Agentur Maxpress startete dafür unter anderem einen Aufruf auf der Plattform GoFundMe. Die Kanurenngemeinschaft wurde dort nicht als Träger oder Initiator genannt.
Im August 2025 teilte Maxpress in einer Pressemitteilung mit, insgesamt 15.000 Euro seien durch Spenden von Bürgern, Firmen und städtischen Unternehmen zusammengekommen. Dabei hieß es, die Aktion sei von der Agentur „im Namen der Kanurenngemeinschaft“ initiiert worden.

Wer organisierte die Geldspenden?
In einer Pressemitteilung vom Mittwoch beschreibt die Stadt die Entstehung des Projekts nun ausführlicher. Darin wird Heiko Stolp, Initiator der Schweriner Drachenbootfestivals und selbst Unterstützer der Spendenaktion, mit den Worten zitiert, er danke „dem Albatros-Verein, der die Geldspenden organisierte“ sowie Maxpress für die „engagierte Begleitung“.
Damit werden drei Akteure mit unterschiedlichen Rollen genannt: ALBATROS soll die Geldspenden organisiert haben, Maxpress startete den GoFundMe-Aufruf und erklärte 2025, die Aktion „im Namen der Kanurenngemeinschaft“ initiiert zu haben. Wie die Aufgaben tatsächlich zwischen ihnen verteilt waren, lässt sich aus den Veröffentlichungen nicht vollständig nachvollziehen.
Schwerin Lokal fragte deshalb die Kanurenngemeinschaft, ob die Initiative von ihr ausging, ob Maxpress in ihrem Auftrag tätig war und welche Rolle sie bei den Spenden spielte. Der Verein beantwortete die Fragen nicht.
Auch im Hauptausschuss am Dienstag kam Maxpress zur Sprache. Der fraktionslose Stadtvertreter Heiko Steinmüller verwies auf die Beteiligung der Agentur. Oberbürgermeister Sebastian Ehlers (CDU) verwies allerdings darauf, dass Maxpress garnicht involviert sei. Auf den Schenkungsprozess trifft das sicherlich zu.
Wie wurde ALBATROS Eigentümer?
Aus Sicht der Verwaltung ist die heutige Eigentümerstellung geklärt. In den städtischen Unterlagen wird ALBATROS als Zuwendungsgeber des Nandolino geführt. Der Wert der Schenkung wird dort mit 39.000 Euro angegeben.
Kulturdezernent Silvio Horn sagte dazu im Hauptausschuss: „Am Ende wurde eine Vereinbarung mit einem Verein getroffen, der uns nicht daran zweifeln lässt, dass der Verein Eigentümer dieses Kunstwerks ist.“
Auf Anfrage von Schwerin Lokal erklärte die Verwaltung zudem: „Es liegen dazu Aussagen sowohl des Vereins ALBATROS als Vertragspartei der Schenkung als auch des ausführenden Künstlers vor, die die Basis des Schenkungsvertrages bilden.“
Nicht geklärt ist damit nicht die heutige Eigentümerstellung, sondern deren Vorgeschichte. Schwerin Lokal wollte von der Verwaltung wissen, ob ALBATROS bereits Auftraggeber des Kunstwerks war oder die Skulptur später übernommen hatte. Die Stadt antwortete: „Bitte fragen Sie zu diesen Details den Verein selbst.“
ALBATROS beantwortete die entsprechende Anfrage von Schwerin Lokal nicht. Das ist für sich genommen kein Hinweis auf einen unzulässigen Vorgang. Die Organisation einer Spendensammlung und das spätere Eigentum an dem finanzierten Kunstwerk müssen nicht bei derselben Organisation liegen. Auch eine spätere Übertragung wäre möglich. Welcher Weg bei Nandolino genommen wurde, ist bislang jedoch nicht nachvollziehbar.
Was ist ALBATROS?
ALBATROS Umwelt und Natur e.V. ist ein Schweriner Verein, der sich unter anderem dem Erhalt historischer Wasserfahrzeuge widmet. Bekannt ist er vor allem durch die Restaurierung des ehemaligen Kontrollbootes „Albatros“, das Vereinsmitglieder vor der Verschrottung bewahrten und über Jahre wieder aufbauten.
Eine weitere Verbindung besteht zur Agentur Maxpress. ALBATROS nennt in seinem Impressum die Stadionstraße 1 in Schwerin als Vereinssitz. Dort befindet sich auch die Geschäftsadresse von Maxpress. Auch die angegebene Telefonnummer ist identisch: 0385 760520. Verein und Agentur führen damit nach ihren eigenen Impressumsangaben dieselbe Anschrift und Telefonnummer.
Für die Nandolino-Recherche ist das deshalb von Interesse, weil Maxpress an der Spendenaktion beteiligt war. Welche Bedeutung die gemeinsame Adresse und Telefonnummer für das Projekt hatten, lässt sich daraus nicht ableiten.
Wie werden aus 15.000 Euro 39.000 Euro?
Die Bewertung des Nandolino beschäftigte ebenfalls den Hauptausschuss am Dienstag. Steinmüller wollte wissen, wie sich der Wert von 39.000 Euro erklärt. Ehlers betonte, dass dafür kein öffentliches Geld eingesetzt worden sei, und erläuterte: „15.000 Euro seien die Spenden spenden gewesen. Hinzu seien 24.000 Euro Arbeitsleistung gekommen”. Das sei so durch den Künstler angesetzt worden.
In der schriftlichen Antwort an Schwerin Lokal beschreibt die Verwaltung die Zusammensetzung etwas allgemeiner: „15.000 Euro Material & Gießereikosten; 24.000 Euro sonstige Leistungen als Sachleistungen.“
Den Gesamtwert habe Nando Kallweit bestätigt. Die Stadt schreibt: „Der Wert wurde in dieser Höhe vom Künstler Nando Kallweit bestätigt und ist plausibel, auch mit Blick auf andere Kunstwerke im öffentlichen Raum.“
Auch Manfred Strauß von den Unabhängigen Bürgern (UB) äußerte sich im Hauptausschuss dazu. Nach seiner Darstellung entfielen die 15.000 Euro auf das Material. Kallweit habe den Wert seiner Arbeitsleistung zusätzlich eingebracht. Strauß sagte, dies sei ihm auf Nachfrage so erläutert worden.
Die städtische Pressemitteilung vom Mittwoch fasst die Sachleistungen allerdings weiter. Kulturdezernent Horn nennt neben dem Verzicht Kallweits auf eine Bezahlung auch Fundament, Transportleistungen und weitere Arbeiten, die Unterstützer unentgeltlich für das Projekt erbracht hätten.
Fest steht damit: Die 39.000 Euro sind nicht mit der Höhe der Geldspenden gleichzusetzen. 15.000 Euro entfallen nach Angaben der Stadt auf Material und Gießerei. Weitere 24.000 Euro wurden als Sachleistungen bewertet. Wie sich dieser zweite Betrag im Einzelnen auf Künstlerarbeit, Fundament, Transport und weitere Leistungen verteilt, geht aus den vorliegenden Angaben nicht hervor.
Schwerin Lokal bat ALBATROS um eine konkrete Aufschlüsselung und wollte wissen, wie die einzelnen Sachleistungen bewertet wurden. Der Verein beantwortete auch diese Anfrage nicht.
Warum die Stadt einen Wert braucht
Für die Stadt ist die Bewertung nicht nur eine Zahl auf dem Papier. Sie benötigt einen Wert unter anderem für die Eigentumsübertragung, die bilanzielle Behandlung und einen möglichen Versicherungs- oder Wiederbeschaffungswert. Auch Horn verwies im Hauptausschuss auf den Versicherungswert eines Kunstwerks, das in städtisches Eigentum übergeht.
Zudem entscheidet die Höhe einer Schenkung darüber, welches politische Gremium zuständig ist. Nach Angaben der Verwaltung hätte bereits ein Wert von mehr als 1.000 Euro ausgereicht, damit die Stadtvertretung über die Annahme entscheidet.
Der Hauptausschuss hat der Schenkung am Dienstag einstimmig zugestimmt. Nun muss noch die Stadtvertretung am kommenden Montag entscheiden. Erst danach kann Nandolino offiziell in das Eigentum der Landeshauptstadt übergehen.
Damit übernimmt Schwerin zugleich die Verantwortung für die Skulptur. Auf die Frage, wer künftig für Pflege, Wartung, Reparaturen und mögliche Folgekosten aufkommt, antwortete die Verwaltung: „Die Stadt als neue Eigentümerin.“
Die Stadt begrüßt solche Initiativen nach eigenen Angaben gerade angesichts ihrer angespannten finanziellen Lage. Durch Spenden und ehrenamtliches Engagement könnten Projekte ermöglicht werden, die aus eigenen Mitteln nur schwer zu finanzieren wären.
Eine Lücke in der Geschichte des Nandolino bleibt dennoch: Auf welchem Weg wurde ALBATROS Eigentümer des gemeinschaftlich finanzierten Kunstwerks? Die Gelegenheit, die offenen Punkte zu erklären, nutzten ALBATROS und die Kanurenngemeinschaft nicht.





