„Nur Wenige besitzen den Mut ihre Liebe offen zu zeigen“

In Schwerin blickt man auf zwölf erfolgreiche Christopher Street Days zurück – Am 29. Juni geht es zum 13. Mal für Gleichberechtigung, Akzeptanz und Vielfalt auf die Straße.

Archivbild: Am 29. Juni zieht ab 14 Uhr wieder die CSD-Parade durch die Schweriner Innenstadt.
Foto: CSD e.V.

Seit dem ersten CSD im Jahr 2007 ist aus einem kleinen Straßenfest eine wirkungsvolle Demonstration im Herzen Schwerins geworden, an der sich inzwischen viele Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*, aber auch Familienangehörige und Freunde aus ganz Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus be­teiligen.

Im Vorfeld des CSD beginnen heute die „Rainbow Days“, die Queeren-Kulturtage – erneut unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Zu Eröffnung der queeren Kulturtage wird heute die Regenbogenflaggen am Bertha-Klingberg-Platz gehisst. Höhepunkt werden die CSD-Parade und das Politische Straßenfest am 29. Juni sein. Im Interview sprachen wir mit CSD Schwerin-Vorsitzenden Sebastian Witt über die kommende Woche.

Schwerin-Lokal: Heute ist der Auftakt der „Rainbow Days“, der queeren Kulturtage, in der Stadt. Höhepunkt ist am 29.Juni dann der 13. Christopher Street Day (CSD), der dieses Jahr unter dem Motto „Kein zurück“ steht. Wohin „Kein zurück“?

Sebastian Witt: In den letzten 50 Jahren, seit dem Stonewall-Aufstand in der New Yorker Christopher Street, hat sich so einiges in Sachen Gleichstellung von LSBTI* getan. Für diese Rechte sind mehre Generation auf die Straße gegangen um für das zu Kämpfen, was wir bis heute erreicht haben. Konservative und rechtspopulistische Organisationen, Gruppierungen und Parteien stellen sich gegen die Gleichstellung von LSBTI*. Sie fordern zum Beispiel die die Rückkehr zu Ehe ausschließlich zwischen Mann und Frau und zweifeln an dem Vorhandensein des sogenannten dritten Geschlechtes. In den letzten Jahren wurde viel erreicht in Sachen Gleichstellung, und das wollen wir bewahren. Wir wollen kein Rollback zu alten Familienbildern, wir wollen kein zurück zur Ehe ausschließlich zwischen Mann und Frau. Wir wollen die erreichten Ziele in der Gleichstellung bewahren und weiter vorantreiben.

 

Am Ende sollte es doch egal sein wem man liebt

 

Schwerin-Lokal:  Wenn man die öffentlichen Bekundungen der Zivilgesellschaft hört, dann kommt man nicht unbedingt darauf, dass dieses Land Probleme mit Gleichberechtigung, Akzeptanz und Vielfalt haben könnte. Ist Ihre Sicht da nicht etwas überzogen?

Sebastian Witt: Noch immer werden LSBTI* in der Gesellschaft massiv diskriminiert. Auch wenn durch die Gesetzte in den letzten Jahren viel in Sachen Gleichstellung erreicht wurde, reichen Gesetze allein nicht aus um die Gleichstellung voranzutreiben.

Fast täglich erreichen uns Nachrichten von homo- und transphoben Übergriffen, auch aus Deutschland. Homosexuelle Paare werden in der Öffentlichkeit beleidigt und geschlagen. Das Mahnmal der homosexuellen Opfer im NS Regime in Berlin wird regelmäßig Opfer von homophoben Schmierereien. Homosexuelle scheuen sich vor dem Outing aus Angst vor Ausgrenzung in der Familie, im Freundeskreis oder auf der Arbeit. Jugendliche scheuen sich vor dem Outing und verstecken Ihre Sexualität, was zu starken inneren Konflikten führt und die Lebensqualität stark beeinflusst. Die Selbstmordrate von LSBTI-Jugendlichen ist deutlich Höher als die von anderen Jugendlichen. Noch immer werden Jugendlich aus dem Elternhaus verstoßen wenn sich sich outen. Nur Wenige besitzen den Mut ihre Liebe offen zu zeigen und als Paar erkennbar durch die Stadt zu ziehen. Wir fordern hier keine Sonderstellung von LSBTI*, sondern die vollständige rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von LSBTI*.  Am Ende sollte es doch egal sein wem man liebt.

Foto: CSD Schwerin e.V.

Schwerin-Lokal: Sie kritisieren den steigenden Rechtspopulismus in unserer Gesellschaft. Ohne die Partei zu nennen, steht die AfD ja wie keine andere Partei für das, was Sie kritisieren. Ich sehe dann Alice Weidel, die mit einer Frau in einer Lebensgemeinschaft zusammenlebt. Eine lesbisch lebende Frau als Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Ist das nicht ein Zeichen, das Sie eigentlich begrüßen müssten?

Sebastian Witt: Offen homosexuell lebende Paare in der Gesellschaft und in der Politik sind ein positives Zeichen.  Nur ist das kein eindeutiges Zeichen für Akzeptanz von LSBTI* innerhalb einer Partei oder Organisation. So forderte beispielsweise die von ihnen genannte AfD im letztem Jahr die Abschaffung der Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren. In der sogenannten „Magdeburger Erklärung“ spricht sich die AfD gegen einen vielfältigen Sexualkundeunterricht aus in dem es unter anderen auch um die geschlechtliche Vielfalt geht. Diese Erklärung wurde unter anderen auch von homosexuellen AfD Politkern aus M-V unterzeichnet. AfD Politiker bezeichnen Homosexuelle als „degenerierte Spezies“ und hetzten offen gegen LSBTI. Die queere Bewegung wird dort als „Genderwahn“, “hirnverbrannten Gender-Gagaismus“ und „Minderheitendiktatur” bezeichnet. Das sind nur wenige Beispiele die zeigen, dass selbst eine Partei mit  offen homosexuell lebenden Politikern und einer lesbischen Fraktionsvorsitzende nicht auch automatisch tolerant gegen über LBSTI ist. Eine lesbische Fraktionsvorsitzende ist kein Beweis dafür, dass diese Partei ein Befürworter der gleichgeschlechtlichen Liebe ist. 

 

In Schwerin lebt man eher ruhig

 

Schwerin-Lokal: Kommen wir zurück nach Schwerin. Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die Situation von Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transen hier da?

Sebastian Witt: In den Beratungsstellen haben wir regelmäßig Kontakt zu Menschen die Opfer von homophober Gewalt geworden sind. Zum Glück bleibt es hier meistens bei verbalen Äußerungen. Je nach Selbstbewusstsein und eigener Stärke stecken die Opfer dies unterschiedlich gut weg. Ich selbst wurde auch bereits mehrfach Opfer solcher Übergriffe. In größeren Städten, wie beispielsweise auch Schwerin, lebt es sich als LSBTI* schon ehr ruhig. Aber verlässt man die Stadt und geht in den ländlichen Raum, so nehmen da die Übergriffe zu.

Schwerin-Lokal:  Kann man nach Ihrer Meinung beispielsweise im Alltag offen mit seiner Homosexualität umgehen?

Sebastian Witt: Der offene Umgang mit der eigen Sexualität ist noch nicht in allen Bereichen möglich. Hier hängt es sehr stark von der eigenen psychischen Stärke und dem sozialen Umfeld ab, wie sehr man offen homosexuell leben kann. In der Freizeit ist, je nach sozialem Umfeld, die Akzeptanz von LSBTI* schon etwas besser als im Bereich der Arbeit. Ein Outing im Berufsleben bedeute für viele noch immer Ausgrenzung und Diskriminierung innerhalb der Firma.

Schwerin-Lokal: Haben Sie nicht den Eindruck, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten gesellschaftlich viel im Bereich Akzeptanz getan hat?

Sebastian Witt: In den letzten Jahren hat sich einiges in Sachen rechtlicher Gleichstellung von LSBTI* getan, auch gesellschaftlich ist da einiges besser geworden. Doch noch immer erleben LSBTI* Ausgrenzung und Diskriminierung. Wir fordern hier keine Sonderstellung von LSBTI*, sondern die vollständige rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von LSBTI*. Am Ende sollte es doch egal sein wem man liebt. Wir wollen frei und ohne Angst mit unseren Partnern / Partnerinnen durch die Stadt gehen können – und das auch als Paar erkennbar.

 

CSD steht für Vielfalt in der Gesellschaft

 

Schwerin-Lokal: Sie sprechen in Ihrer Pressemitteilung von „unerträglicher Hetze“. Was meinen Sie konkret?

Sebastian Witt: LSBTI* werden noch immer ausgegrenzt und diskriminiert. LSBTI* werden offen als „degenerierte Spezies“ bezeichnet. Die sogenannten besorgten Eltern sprechen sich gegen Aufklärung von Kinder und Jugendlichen zu sexuellen Vielfalt aus. Vereine bieten Seminare zur Therapie von Homosexuellen an und bezeichnen Homosexualität als psychische Störung, die man therapieren sollte. „Schwule Sau“ ist noch immer ein beliebtes Schimpfwort an Schulen. Konservative Gruppierungen sehen in der Vielfalt der Geschlechter und dem sogenannten dritten Geschlecht eine Gefahr für die Familie und der Gesellschaft. Die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren ist genau soviel wert wie die Liebe zwischen heterosexuell Paaren – Liebe ist Liebe.

Schauen wir dann einmal über den Tellerrand hinaus. Da werden in anderen Ländern homosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt.  Zum Teil werden solche Handlungen sogar mit dem Tode verurteilt. Menschen die aus diesem Grund Schutz in Deutschland suchen, werden in die vermeintlichen sicheren Herkunftsländer abgeschoben. Kein Mensch sollte aufgrund seiner Sexualität weltweit verfolgt oder diskriminiert werden.

Schwerin-Lokal: Was müsste aus Ihrer Sicht in der Stadt passieren?

Wir sind ja nicht nur der CSD für die Stadt Schwerin. Wir, und auch die anderen CSD´s, fordern die Gleichstellung weltweit. Wir kämpfen nicht nur für ein besseren Leben in der Landeshauptstadt Schwerin und in Deutschland, sondern für eine weltoffene und tolerante Gesellschaft weltweit. Der CSD Schwerin setzt sich nicht nur für die Rechte von lesbischen, schwulen, bi- trans*- und intersexuellen Menschen ein, sondern steht für Vielfalt in der Gesellschaft. Kein Mensch sollte auf Grund seines Geschlechtes, sexuellen Identität, sexuellen Orientierung, Hautfarbe, Religion, Herkunft oder auf Grund einer Behinderung diskriminiert und ausgegrenzt werden.

Sebastian Witt ist Vorsitzender des Verein CSD Schwerin. Dieses Verein organisiert jährlich die Christopher Street Days, sowie die Rainbow Days

Stefan Rochow

Journalist, Unternehmer und Gründer der digitalen Tageszeitung Schwerin-Lokal.de. Sie erreichen mich per E-Mail unter redaktion@schwerinlokal.de

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