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Alter Bau, aber keine „unhaltbaren Zustände“:
Faktencheck zur Situation in der Schweriner Obdachlosenunterkunft

Nach alarmierenden Medienberichten über angebliche Missstände zeigt eine Begehung der Schweriner Obdachlosenunterkunft ein deutlich anderes Bild – ruhig, geordnet und ohne die behaupteten Zustände.

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  • Veröffentlicht November 17, 2025
Obdachlosenunterkunft Schwerin
Die Woh­nungslose­nun­terkun­ft in Schw­erin. Foto: Ste­fan Rochow

 

Dreck, Schim­mel, Rat­ten und Gewalt: Die Zustände in der Obdachlose­nun­terkun­ft in Schw­erin, so schildert es zumin­d­est ein Offn­er Brief aus dem ver­gan­genen Jahr, scheinen unhalt­bar zu sein. Sowohl der „Nord­kuri­er” als auch das Inter­net­por­tal „Nius” bericht­en vor eini­gen Wochen aus­führlich über die die Vor­würfe gegen die Stadt als auch gegen den Betreiber.

Nach Angaben eines ehe­ma­li­gen Mitar­beit­ers in diesem Offe­nen Brief, der unser­er Redak­tion allerd­ings nicht vor­liegt, auf den sich aber „Nius” und der „Nord­kuri­er” berufen,  kommt es in der Obdachlose­nun­terkun­ft in Schw­erin zu erhe­blichen Sicher­heits- und Ord­nung­sprob­le­men. Beschrieben wer­den wieder­holte Bedro­hun­gen, Kon­flik­te zwis­chen Bewohn­er­grup­pen sowie mut­maßliche Dro­gengeschäfte. Teile der Ein­rich­tung wür­den dem­nach vom Per­son­al aus Sicher­heits­grün­den gemieden.

Der ehe­ma­lige Mitar­beit­er kri­tisiert zudem unzure­ichende per­son­elle Ausstat­tung im Sicher­heits­di­enst sowie schlechte bauliche und hygien­is­che Zustände.

Brief gut ein Jahr alt

Der Stadt und auch dem Betreiber, der Com­tact GmbH, ist der Brief schon vor über einem Jahr (Herb­st 2024) bekan­nt­ge­wor­den. Die Vor­würfe habe man damals, so schildert es die Press­esprecherin der Stadt, Michaela Chris­ten, auf SNO-Anfrage, sehr ernst genom­men.

Blick in den Gemein­schaft­sraum. Foto: Ste­fan Rochow

Die Stadt Schw­erin weist gegenüber SNO  die in den Medi­en erhobe­nen Vor­würfe in weit­en Teilen zurück  und spricht vorn ein­er  ein­er „engen Abstim­mung zwis­chen Kom­mune, Betreiber und Polizei”. Täglich finde eine tele­fonis­che Lagebe­sprechung mit dem Betreiber statt, in der auch Polizeiein­sätze aus­gew­ertet wür­den. Die meis­ten Ein­sätze stün­den im Zusam­men­hang mit der Durch­set­zung der Hau­sor­d­nung, ins­beson­dere wegen Ver­stößen gegen das Rauch- und Alko­holver­bot. „Die Polizei muss in der Regel hinzuge­zo­gen wer­den, um zeitlich begren­zte Hausver­bote durchzuset­zen“, so die Stadt. Ein städtis­ch­er Mitar­beit­er sei wöchentlich vor Ort, der sozialpsy­chi­a­trische Dienst min­destens monatlich.

Überzogen und teilweise falsch

Die Darstel­lung ein­er prob­lema­tis­chen Bewohn­er­si­t­u­a­tion weist die Stadt eben­falls zurück. Die Medi­en­berichte seien „über­zo­gen, teil­weise auch falsch“. Die Zahl aus­ländis­ch­er Bewohn­er liege „regelmäßig im ein­stel­li­gen Bere­ich“, und diese blieben „in der Regel […] nie länger als zwei bis drei Nächte“. Vere­inzelte Fälle von Per­so­n­en mit Hausver­bot aus Gemein­schaft­sun­terkün­ften gebe es, doch diese seien nicht durch Gewalt aufge­fall­en. Aus der Erstauf­nah­meein­rich­tung Stern-Buch­holz sei „in den let­zten Jahren nie­mand“ in die Unterkun­ft gekom­men. Gle­ichzeit­ig stellt die Stadt klar, dass Per­so­n­en mit Hausver­bot geset­zlich Anspruch auf eine Notun­ter­bringung haben.

Blick in die Gemein­schaft­sküche. Foto: Ste­fan Rochow

Das Gebäude selb­st beschreibt die Stadt als „alt und mar­o­de“, weshalb bere­its nach ein­er Ersat­zlö­sung gesucht werde. Die veröf­fentlicht­en Fotos entsprächen jedoch nicht der tat­säch­lichen Wohn­si­t­u­a­tion. Ein Teil der Auf­nah­men sei „im Keller“ ent­standen, der nicht genutzt werde und für Bewohn­er unzugänglich sei. Das Foto mit Schädlin­gen stamme „nach unser­er Ein­schätzung nicht aus der Woh­nungslose­nun­terkun­ft“. Schädlings­be­fall könne vorkom­men, werde aber „inner­halb von weni­gen Tagen beseit­igt“.

Zur Betreu­ungslage erk­lärt die Stadt, der Betreiber könne seine Hau­sor­d­nung selb­st durch­set­zen und bei Bedarf die Polizei hinzuziehen. Hin­weise des Per­son­als wür­den aus­drück­lich unter­stützt: „Hin­weise von Mitar­beit­ern sind aus­drück­lich erwün­scht und führen keines­falls zu Restrik­tio­nen.“

Vor-Ort-Besichtigung kann Zustände nicht bestätigen

Unter­schiedlich­er kön­nen die Darstel­lun­gen der Sit­u­a­tion in der Obdachlose­nun­terkun­ft in Schw­erin nicht sein. SNO wollte sich deshalb selb­st ein Bild machen und begleit­ete Stephan Bel­ing, den für die Woh­nungslose­nun­terkun­ft zuständi­gen Sach­bear­beit­er auf seinem wöchentlichen Vor-Ort-Ter­min.

Beim Ort­ster­min am Vor­mit­tag zeigt sich die Obdachlose­nun­terkun­ft von ein­er unspek­takulären Seite. Im Gebäude ist es ruhig, Mitar­beit­er gehen ihrer Arbeit nach, ohne Anze­ichen von Anspan­nung oder Furcht. Auch die Bewohn­er wirken gelassen; nie­mand ver­mit­telt den Ein­druck, hier herrsche eine bedrohliche Atmo­sphäre.

Die san­itären Anla­gen in der Unterkun­ft. Foto: Ste­fan Rochow

Stephan Bel­ing, seit drei Jahren für die Woh­nungslosenein­rich­tung tätig, kann die öffentliche Debat­te kaum nachvol­lziehen. Zu Beginn habe er damals selb­st nicht gewusst, was ihn erwarte. „Aber ich bin in all den Jahren nie auf gewalt­tätige Bewohn­er gestoßen“, sagt er. Es ärg­ere ihn, dass nun ein Bild geze­ich­net werde, das sein­er Erfahrung nicht entspreche. Auch andere Mitar­beit­er bestäti­gen, dass in der Unterkun­ft keine Angst umge­he. Warum ein Brief, der über ein Jahr alt ist, nun öffentlich zirkuliere, sei ihnen rät­sel­haft.

Nach den dama­li­gen Vor­wür­fen – der Brief ging damals auch an die Stadt und dem Betreiber der Ein­rich­tung  – habe man gemein­sam über Verbesserun­gen berat­en. Unter anderem wur­den Git­ter vor den Büros ange­bracht, um das Sicher­heits­ge­fühl des Per­son­als zu stärken.

Die Ein­rich­tung selb­st präsen­tiert sich bei der Bege­hung geord­net. Küche und san­itäre Anla­gen sind sauber, von ein­er „Müll­halde“, wie in eini­gen Medi­en­bericht­en sug­geriert, ist nichts zu sehen. Unbe­strit­ten ist, dass das Gebäude in die Jahre gekom­men ist. Doch Hin­weise auf mas­siv­en Schädlings­be­fall gibt es nicht. Rat­ten oder Mäuse waren nicht zu sehen. „Da wäre uns ja auch das Gesund­heit­samt aufs Dach gestiegen“, merkt ein Mitar­beit­er an.

AfD möchte Auskunft über Zustände

Die AfD-Stadt­frak­tion ist inzwis­chen auf den Zug aufge­sprun­gen. In ein­er Pressemit­teilung spricht sie von „unhalt­baren Zustän­den“ in der Unterkun­ft und kri­tisiert Ver­wal­tung und Betreiber scharf. Die Frak­tionsvor­sitzende Petra Fed­er­au fordert umfassende Auskün­fte zu Sicher­heitsvorkehrun­gen, Hygiene und ver­traglichen Pflicht­en und erk­lärt, die bish­eri­gen Stel­lung­nah­men der Stadt wür­den Prob­leme „ver­harm­losen oder negieren“.

Die Frak­tion ver­langt eine voll­ständi­ge Aufk­lärung möglich­er Missstände – not­falls auch einen Träger­wech­sel. Mit ein­er Anfrage an Ober­bürg­er­meis­ter Rico Baden­schi­er (SPD) möchte die Frak­tion Aufk­lärung darüber, was in der Obdachlose­nun­terkun­ft in Schw­erin los ist. In der Anfrage beruft sich die Frak­tion vor allem Auf den Bericht von „Nius”.  Ein Bild vor Ort haben sich die Stadtvertreter aber offen­sichtlich noch nicht gemacht.

Bildergalerie Wohnungslosenunterkunft