Alter Bau, aber keine „unhaltbaren Zustände“:
Faktencheck zur Situation in der Schweriner Obdachlosenunterkunft
Nach alarmierenden Medienberichten über angebliche Missstände zeigt eine Begehung der Schweriner Obdachlosenunterkunft ein deutlich anderes Bild – ruhig, geordnet und ohne die behaupteten Zustände.

Dreck, Schimmel, Ratten und Gewalt: Die Zustände in der Obdachlosenunterkunft in Schwerin, so schildert es zumindest ein Offner Brief aus dem vergangenen Jahr, scheinen unhaltbar zu sein. Sowohl der „Nordkurier” als auch das Internetportal „Nius” berichten vor einigen Wochen ausführlich über die die Vorwürfe gegen die Stadt als auch gegen den Betreiber.
Nach Angaben eines ehemaligen Mitarbeiters in diesem Offenen Brief, der unserer Redaktion allerdings nicht vorliegt, auf den sich aber „Nius” und der „Nordkurier” berufen, kommt es in der Obdachlosenunterkunft in Schwerin zu erheblichen Sicherheits- und Ordnungsproblemen. Beschrieben werden wiederholte Bedrohungen, Konflikte zwischen Bewohnergruppen sowie mutmaßliche Drogengeschäfte. Teile der Einrichtung würden demnach vom Personal aus Sicherheitsgründen gemieden.
Der ehemalige Mitarbeiter kritisiert zudem unzureichende personelle Ausstattung im Sicherheitsdienst sowie schlechte bauliche und hygienische Zustände.
Brief gut ein Jahr alt
Der Stadt und auch dem Betreiber, der Comtact GmbH, ist der Brief schon vor über einem Jahr (Herbst 2024) bekanntgeworden. Die Vorwürfe habe man damals, so schildert es die Pressesprecherin der Stadt, Michaela Christen, auf SNO-Anfrage, sehr ernst genommen.

Die Stadt Schwerin weist gegenüber SNO die in den Medien erhobenen Vorwürfe in weiten Teilen zurück und spricht vorn einer einer „engen Abstimmung zwischen Kommune, Betreiber und Polizei”. Täglich finde eine telefonische Lagebesprechung mit dem Betreiber statt, in der auch Polizeieinsätze ausgewertet würden. Die meisten Einsätze stünden im Zusammenhang mit der Durchsetzung der Hausordnung, insbesondere wegen Verstößen gegen das Rauch- und Alkoholverbot. „Die Polizei muss in der Regel hinzugezogen werden, um zeitlich begrenzte Hausverbote durchzusetzen“, so die Stadt. Ein städtischer Mitarbeiter sei wöchentlich vor Ort, der sozialpsychiatrische Dienst mindestens monatlich.
Überzogen und teilweise falsch
Die Darstellung einer problematischen Bewohnersituation weist die Stadt ebenfalls zurück. Die Medienberichte seien „überzogen, teilweise auch falsch“. Die Zahl ausländischer Bewohner liege „regelmäßig im einstelligen Bereich“, und diese blieben „in der Regel […] nie länger als zwei bis drei Nächte“. Vereinzelte Fälle von Personen mit Hausverbot aus Gemeinschaftsunterkünften gebe es, doch diese seien nicht durch Gewalt aufgefallen. Aus der Erstaufnahmeeinrichtung Stern-Buchholz sei „in den letzten Jahren niemand“ in die Unterkunft gekommen. Gleichzeitig stellt die Stadt klar, dass Personen mit Hausverbot gesetzlich Anspruch auf eine Notunterbringung haben.

Das Gebäude selbst beschreibt die Stadt als „alt und marode“, weshalb bereits nach einer Ersatzlösung gesucht werde. Die veröffentlichten Fotos entsprächen jedoch nicht der tatsächlichen Wohnsituation. Ein Teil der Aufnahmen sei „im Keller“ entstanden, der nicht genutzt werde und für Bewohner unzugänglich sei. Das Foto mit Schädlingen stamme „nach unserer Einschätzung nicht aus der Wohnungslosenunterkunft“. Schädlingsbefall könne vorkommen, werde aber „innerhalb von wenigen Tagen beseitigt“.
Zur Betreuungslage erklärt die Stadt, der Betreiber könne seine Hausordnung selbst durchsetzen und bei Bedarf die Polizei hinzuziehen. Hinweise des Personals würden ausdrücklich unterstützt: „Hinweise von Mitarbeitern sind ausdrücklich erwünscht und führen keinesfalls zu Restriktionen.“
Vor-Ort-Besichtigung kann Zustände nicht bestätigen
Unterschiedlicher können die Darstellungen der Situation in der Obdachlosenunterkunft in Schwerin nicht sein. SNO wollte sich deshalb selbst ein Bild machen und begleitete Stephan Beling, den für die Wohnungslosenunterkunft zuständigen Sachbearbeiter auf seinem wöchentlichen Vor-Ort-Termin.
Beim Ortstermin am Vormittag zeigt sich die Obdachlosenunterkunft von einer unspektakulären Seite. Im Gebäude ist es ruhig, Mitarbeiter gehen ihrer Arbeit nach, ohne Anzeichen von Anspannung oder Furcht. Auch die Bewohner wirken gelassen; niemand vermittelt den Eindruck, hier herrsche eine bedrohliche Atmosphäre.

Stephan Beling, seit drei Jahren für die Wohnungsloseneinrichtung tätig, kann die öffentliche Debatte kaum nachvollziehen. Zu Beginn habe er damals selbst nicht gewusst, was ihn erwarte. „Aber ich bin in all den Jahren nie auf gewalttätige Bewohner gestoßen“, sagt er. Es ärgere ihn, dass nun ein Bild gezeichnet werde, das seiner Erfahrung nicht entspreche. Auch andere Mitarbeiter bestätigen, dass in der Unterkunft keine Angst umgehe. Warum ein Brief, der über ein Jahr alt ist, nun öffentlich zirkuliere, sei ihnen rätselhaft.
Nach den damaligen Vorwürfen – der Brief ging damals auch an die Stadt und dem Betreiber der Einrichtung – habe man gemeinsam über Verbesserungen beraten. Unter anderem wurden Gitter vor den Büros angebracht, um das Sicherheitsgefühl des Personals zu stärken.
Die Einrichtung selbst präsentiert sich bei der Begehung geordnet. Küche und sanitäre Anlagen sind sauber, von einer „Müllhalde“, wie in einigen Medienberichten suggeriert, ist nichts zu sehen. Unbestritten ist, dass das Gebäude in die Jahre gekommen ist. Doch Hinweise auf massiven Schädlingsbefall gibt es nicht. Ratten oder Mäuse waren nicht zu sehen. „Da wäre uns ja auch das Gesundheitsamt aufs Dach gestiegen“, merkt ein Mitarbeiter an.
AfD möchte Auskunft über Zustände
Die AfD-Stadtfraktion ist inzwischen auf den Zug aufgesprungen. In einer Pressemitteilung spricht sie von „unhaltbaren Zuständen“ in der Unterkunft und kritisiert Verwaltung und Betreiber scharf. Die Fraktionsvorsitzende Petra Federau fordert umfassende Auskünfte zu Sicherheitsvorkehrungen, Hygiene und vertraglichen Pflichten und erklärt, die bisherigen Stellungnahmen der Stadt würden Probleme „verharmlosen oder negieren“.
Die Fraktion verlangt eine vollständige Aufklärung möglicher Missstände – notfalls auch einen Trägerwechsel. Mit einer Anfrage an Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) möchte die Fraktion Aufklärung darüber, was in der Obdachlosenunterkunft in Schwerin los ist. In der Anfrage beruft sich die Fraktion vor allem Auf den Bericht von „Nius”. Ein Bild vor Ort haben sich die Stadtvertreter aber offensichtlich noch nicht gemacht.
Bildergalerie Wohnungslosenunterkunft











