Streit um Ostmoderne-Ensemble:
Schweriner kämpfen für ihr architektonisches Erbe – Petition gegen Parkhaus findet Zuspruch
Ein geplantes Parkhaus bedroht ein einzigartiges Ensemble der Ostmoderne in Schwerin. Eine Petition für den Erhalt der denkmalgeschützten Bauwerke findet wachsende Unterstützung in der Bevölkerung.

Foto: Marc Eising
Bereits in den ersten 48 Stunden sammelte die Initiative um Galerist Stephan Schröer über 300 Unterschriften – ein deutliches Zeichen für die emotionale Verbundenheit vieler Schwerinerinnen und Schweriner mit dem Areal. „Jeder war mal im Achteck tanzen, bei Veranstaltungen in der Sport- und Kongresshalle oder im Panorama-Restaurant in der Hyparschale essen“, so Schroer. Für viele sei dieses Stück Stadtgeschichte ein Ort mit starker identitätsstiftender Wirkung – und kein Platz für ein Parkhaus.
Fachleute und neue Bürgerinitiative unterstützen die Petition
Zuspruch kommt nicht nur aus der Bevölkerung, sondern auch von Fachleuten. Schröer berichtet von „tollen Briefen“ und persönlichen Gesprächen mit Denkmalpflegern, Architekturexperten und Kulturschaffenden. Besonders eindrucksvoll ist ein Statement eines Unterzeichners, der nach eigenen Angaben früher Gebietsreferent für Denkmalpflege und Architektur beim Landesdenkmalschutz in Brandenburg war. Er schreibt:
„Die Erlebbarkeit dieses Ensembles aus unterschiedlichen Bauphasen gilt es beizubehalten und zu schützen.“
Darüber hinaus hat sich inzwischen eine Bürgerinitiative gegründet, die sich explizit mit den klima- und verkehrspolitischen Folgen des Bauprojekts beschäftigt. Dabei geht es u. a. um die Versiegelung von Grünflächen, den Verlust der sogenannten „grünen Hundewiese“ sowie die Frage, ob die Verkehrsinfrastruktur einer zusätzlichen Belastung überhaupt gewachsen ist.
Historisches Ensemble soll unter Schutz gestellt werden
Kernforderung der Petition ist die Einstufung des gesamten Areals als Denkmal-Ensemble. Schon heute stehen drei der Gebäude – die Sport- und Kongresshalle, das Hochhaus in der Werner-Seelenbinder-Straße und die Hyparschale (Entwurf: Ulrich Müther) – unter Denkmalschutz. Das „Achteck“ ist bislang noch nicht offiziell geschützt, gehört jedoch aus Sicht der Initiatoren untrennbar dazu. Die architektonische Sprache dieser Bauten, ihre funktionale Anordnung und die Sichtachsen dazwischen würden durch das geplante Parkhaus zerstört, heißt es in der Petition.
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Der Zuspruch aus der Bevölkerung für die Petition ist groß: Fast 700 Menschen haben bereits unterzeichnet. Die Petition kann sowohl online als auch klassisch per Scan und E‑Mail unterstützt werden. Schroer betont: „Es geht nicht um Nostalgie, sondern um das Bewusstsein für kulturelles Erbe. Dieses Ensemble erzählt Geschichte.“
Bauherr signalisiert Kompromissbereitschaft
Der Investor, die Lambrechtsgrund Betriebsgesellschaft, zeigt sich angesichts der wachsenden Kritik kompromissbereit. So wurden bereits die ursprünglich geplanten Dachwohnungen gestrichen, um die Höhe des Gebäudes auf rund zwölf Meter zu begrenzen – auch auf Druck der Denkmalschutzbehörde, die eine Beeinträchtigung der historischen Sichtachsen befürchtet.

Das Parkhaus soll laut derzeitiger Planung bis zu zwölf Meter hoch werden und etwa 360 Stellplätze bieten. Die Investitionssumme liegt bei rund fünf Millionen Euro.
Das Vorhaben bleibt umstritten. Zwar ist die Parkplatzsituation in der Weststadt – besonders bei Großveranstaltungen in der Sport- und Kongresshalle – angespannt, doch Kritiker argumentieren, dass bereits Ausweichflächen unter dem zukünftigen Radsportzentrum sowie das Stadiongelände Entlastung schaffen könnten. Zudem sei das Parkhaus an dieser Stelle nicht im Interesse der Anwohner, sondern diene eher übergeordneten Interessen.
Gutachten soll endgültige Entscheidung bringen
Derzeit wird eine Studie zur „Denkmalverträglichkeit“ vorbereitet, um genau diese Fragen zu klären. Dabei geht es insbesondere um die städtebauliche Wirkung und die Sichtbeziehungen zwischen den historischen Gebäuden. Ohne klare Ergebnisse kann keine endgültige Entscheidung getroffen werde, das hat die Stadtverwaltung in der Vergangenheit immer wieder betont. Auch ein Umweltgutachten und ein Artenschutzbericht sollen Teil des Bebauungsplanverfahrens sein, das bis Herbst abgeschlossen sein soll. Laut der Lambrechtsgrund Betriebsgesellschaft könnte das Projekt nochmals überarbeitet werden, falls sich durch die Studie neue Auflagen ergeben.
Die Weststadt entstand ab Mitte der 1950er Jahre auf dem Reißbrett – ein sozialistisches Stadtplanungsprojekt, das moderne Wohnverhältnisse für tausende Neubürger schuf. Inmitten dieser strukturierten Siedlung entstanden architektonisch ambitionierte Gebäude: Die Sport- und Kongresshalle (1960), das erste Hochhaus (1963), das Achteck (1969) und schließlich 1972 die Hyparschale als Panorama-Restaurant.
Der Bedarf an Parkplätzen ist unbestritten, besonders bei Großveranstaltungen in der Kongresshalle. Doch Gegner des Vorhabens verweisen auf bereits geplante Alternativen wie die Flächen unter dem zukünftigen Radsportzentrum oder das Ausweichen aufs Stadiongelände.




