Nach Dauerstreit:
FDP-Stadtvertreter Bressel verlässt Fraktion
Monatelange Spannungen in der UB/FDP-Fraktion enden im Bruch: FDP-Politiker Paul Bressel die UB/FDP-Fraktion. Beide Seiten erheben schwere Vorwürfe.

Geknirscht hatte es schon länger in der gemeinsamen UB/FDP-Fraktion der Schweriner Stadtvertretung. Spätestens seit den viel diskutierten „Brandmauer“-Äußerungen von Paul Bressel im Mai, damals noch als FDP-Kreisvorsitzender, war das Verhältnis zwischen Unabhängigen Bürgern (UB) und FDP merklich abgekühlt. Damals distanzierten sich die drei UB-Stadtvertreter öffentlich und ungewöhnlich deutlich von ihrem Fraktionspartner und betonten ihre klare Abgrenzung gegenüber der AfD sowie ihre Loyalität zu demokratischen Grundwerten.
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Nun zieht Bressel selbst die Konsequenzen und verlässt die UB/FDP-Fraktion mit sofortiger Wirkung. In einer persönlichen Erklärung begründet der Liberale den Schritt mit tiefgreifenden politischen Differenzen und wirft seiner bisherigen Fraktion einen zunehmenden Verlust liberaler Prinzipien vor.
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Die Fraktion habe in mehreren Entscheidungen zentrale Grundsätze wirtschaftlicher Freiheit missachtet, schreibt Bressel. Statt Entlastungen für Unternehmen und Bürger zu unterstützen, sei Mehrbelastungen zugestimmt worden – darunter eine Erhöhung der Gewerbesteuer, der Bettensteuer sowie weiterer kommunaler Gebühren. „Diese Politik steht im klaren Widerspruch zu dem, wofür ich angetreten bin“, erklärte er.
Auch mit der internen Arbeitsweise geht der Stadtvertreter hart ins Gericht. Posten in Aufsichtsräten und Ausschüssen würden nicht nach Kompetenz vergeben, sondern nach „persönlichem Gefallen und politischer Gefälligkeit“. Das sei weder bürgernah noch verantwortungsbewusst.
Nähe zur Stadtverwaltung
Zudem kritisiert er eine wachsende Nähe der Fraktion zur Stadtverwaltung, insbesondere zu Finanzdezernent Silvio Horn (UB). Die UB/FDP-Fraktion sei zunehmend zu einem „verlängerten Arm der Verwaltung“ geworden, während die Interessen der Schwerinerinnen und Schweriner in den Hintergrund rückten.
Bressel will seine Arbeit nun als fraktionsloser Stadtvertreter fortführen, „unabhängig, gradlinig und ausschließlich den Interessen unserer Bürger verpflichtet“, wie er betont.
In einer Pressemitteilung widerspricht die gescholtene Fraktion Paul Bressel. Die von ihm geäußerten Behauptungen seien haltlos und schaden dem fairen politischen Diskurs. „Er beschmutzt damit sein eigenes FDP-Nest“, so die Einschätzung des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Dietmar Tackmann (FDP).
UB/FDP-Fraktion kritisiert Arbeitsstil von Paul Bressel
Die Fraktion verweist darauf, dass Bressel in der Vergangenheit schon häufiger bei Entscheidungen, die nicht seinen Vorstellungen entsprach, eigensinnig reagierte. Zuletzt war er mit der Besetzung eines Aufsichtsrats unzufrieden und drohte mit Austritt, falls einer seiner Befürworter den Posten nicht erhalten sollte. Das Vorschlagsrecht für Personalien hatte hier die FDP inne.
„Unser Verständnis von Demokratie ist ein anderes. Nicht bockig wie ein Kleinkind zu reagieren und bei Unmut auszutreten, wenn der eigene Wille nicht durchsetzbar ist, entspricht nicht dem Geist verantwortungsvoller Kommunalpolitik”, so Fraktionsvorsitzender Manfred Strauß (UB). Man stehe für ein „gutes Miteinander” und eine „sachorientierte Politik” zum Wohle der Stadt. „Austritte müssen die Fraktion nicht spalten, sondern sind Ansporn, ruhig und zielorientiert weiterzuarbeiten“, so Manfred Strauß weiter.
Weder würden innerhalb der Fraktion interne Machtspiele noch taktische Abhängigkeiten dominieren. Ganz im Gegenteil: Mit Dietmar Tackmann (FDP) haben die drei UB-Stadtvertreter Manfred Strauß, Stefanie Pohlner und Rolf Steinmüller nach eigenen Angaben einen verlässlichen Fraktionspartner.
„Anders Paul Bressel, der von Anfang an ausgeschlossen hatte, in irgendeinem Gremium mitzuwirken – sei es in den Aufsichtsräten, Fach- und Werkausschüssen sowie Ortsteilvertretungen – und sich auch nicht aktiv in die Fraktionsarbeit einbrachte“, so Tackmann.
So habe er an den Fraktionssitzungen nur unregelmäßig teilgenommen; selbst in den Sitzungen der Stadtvertretung habe er sich mit eigenen Wortbeiträgen sehr zurückgehalten. „Unsere Zusammenarbeit innerhalb der Fraktion ist verlässlich, und ich bleibe selbstverständlich weiterhin Teil der Fraktion. Bereits vor einem Jahr haben wir Paul Bressel nach dem Ausschluss eine zweite Chance gegeben, sich als Teil der Fraktion einzubringen – diese Chance hat er nicht genutzt. Mit der Fortführung unserer jetzigen Fraktion in Vierer-Stärke geben wir gemeinsamen Themen klare Strukturen und gestalten Politik weiterhin im Sinne der Bürgerinnen und Bürger Schwerins.“
Wirtschaft diskutiert über den Umgang mit der AfD
Bressel steht mit seiner Position zur AfD nicht alleine. Auch bundesweit ist die Diskussion über den richtigen Umgang mit der AfD inzwischen entflammt. Rückenwind für eine sachlichere Auseinandersetzung kommt aus der Wirtschaft. Marie-Christine Ostermann, Präsidentin des Verbands DIE FAMILIENUNTERNEHMER, warnte jüngst davor, dass „Empörung allein sich als politische Strategie erschöpft“ habe.
Das Überbieten mit immer härteren Parolen habe die AfD nicht geschwächt – „die Partei klettert in den Umfragen immer weiter nach oben“. Statt moralischer Ausgrenzung brauche es eine offene inhaltliche Konfrontation, „jenseits von schlichten Kategorisierungen in gut und böse“. Reden bedeute nicht kooperieren, betont Ostermann: „Mit einem Andersdenkenden zu diskutieren, heißt nicht seine Positionen zu akzeptieren.“ Demokratie lebe vom Streit um Inhalte. „Wer gar nicht mehr redet, hat inhaltlich aufgegeben – und überlässt das Feld den Extremisten.“
Andere Wirtschaftsverbände blieben allerdings auf Distanz. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Verband der Chemischen Industrie (VCI), der Markenverband, der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) sowie der GdW lehnen Gespräche mit der AfD gegenüber „Bild” klar ab und verweisen auf „keine Schnittmengen“ oder den Schutz der demokratischen Grundordnung.
Gleichzeitig signalisierten einzelne Verbände vorsichtige Gesprächsbereitschaft: Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks hält Dialog auf Anfrage für eine Frage des Respekts vor dem Mandat, während die Familienbetriebe Land und Forst betonen, Interessenvertreter müssten mit allen demokratisch gewählten Parteien sprechen können. Der Bundesverband Mittelständische Wirtschaft analysierte zwar die begrenzte Wirkung der „Brandmauer“, stellte aber klar, daraus ergebe sich keine Öffnung gegenüber extremistischen Kräften. Insgesamt zeigt sich ein gespaltenes Bild: Wenige Verbände befürworten kontrollierte Gespräche, die Mehrheit hält an einer klaren Abgrenzung zur AfD fest.



