Pück: Schwerins vergessener Kobold

Pück, der Kobold.  Zeichnung: Jacob Martini
Pück, der Kobold.
Zeichnung: Jacob Martini

(stm) Jeder Schweriner kennt das Petermännchen. Der liebenswürdige kleine und allerlei Schabernack treibende Geist aus dem Schweriner Schloss gehört untrennbar zur Geschichte der Landeshauptstadt. Wer als Besucher Schwerins Straßen durchstreift, sei es als Tourist oder Bewohner der Stadt, begegnet dem Namen des kleinen Mannes buchstäblich überall. Neben dem Schweriner Stadtwappen, einem geharnischten Reiter, das an den Stadtgründer erinnert, gehört das Petermännchen zu den populärsten Gestalten der Schweriner Geschichte. Auf Plakaten, auf Flugblättern, für Stadtrundfahrten, für die Überquerung des Pfaffenteiches: Überall wirbt der gutmütige Schlossgeist für seine „Vaterstadt“. Viele Sagen und Geschichten erzählen über das Petermännchen und es gab sogar einst ein Museum für den Kobold.

Petermännchen ging nie zimperlich mit den Eroberern seines Schlosses um. So soll er Herzog von Wallenstein, als dieser während des Dreißigjährigen Krieges 1628 Schwerin zu seiner Residenz machen wollte, aus dem Schloss getrieben haben, so dass der neue Regent Mecklenburgs es lieber vorzog, seine Regierungsgeschäfte von Güstrow aus auszuüben. Ähnlich erging es fast 200 Jahre später dem Oberbefehlshaber der Napoleonischen Besatzungstruppen. Auch dem General Laval hat Petermännchen seinen Aufenthalt im Schloss mit allen Mitteln zu verleiden gesucht. So erzählt es jedenfalls die Sage.

Der Schlossgeist war aber nicht der einzige Kobold, der in der Stadt treu und redlich seine Herren verteidigte. In den von Karl Bartsch 1879 in Wien verlegten „Sagen, Märchen und Gebräuchen Mecklenburgs“ erzählt der Autor Geschichten über einen Kobold mit dem Namen „Pück“. Dieser Kobold soll in den Klostergebäuden der Franziskanermönche am Burgsee sein Unwesen getrieben haben. Im 16. Jahrhundert entdeckte der Rostocker Superintendent Simon Pauli (1534–1591) angeblich in einem Klosterschrein alte Handschriften, die über Pück berichten. Der Kirchenmann kann somit mit Fug und Recht als Urheber des kleinen Geistes angesehen werden.

Heute erinnert in Schwerin, außer der Straßenbezeichnung „Klosterstraße“, nichts mehr an die Gemeinschaft der Franziskaner. Das Kloster befand sich etwa auf dem Platz, auf dem heute das von Demmler erbaute Regierungsgebäude steht. Damals reichten die Klosterbauten bis an den Burgsee.

Pück erschien in Gestalt eines Affen

Karl Bartsch berichtet über Pück und schildert den kleinen Kobold als wahren Quälgeist. Mal erschien er seinem Herrn in der Gestalt eines Affen, mal als kleines garstiges Männchen, aber immer sorgte er sich um seine Gebieter. Nun war nach altchristlicher Tradition gerade der Affe ein Symbol des sündigen Menschen und so war der Kleine nicht überall ein gern gesehener Gast. Pück hatte sich, der Sage nach, bei einem Gastwirt auf dem Hofe Kleinen Brütz heimisch eingerichtet. Der Gastwirt wollte seinen ungebetenen Mitbewohner loswerden. Verständlich, denn wenn ab und an ein Affe durch den Schankraum turnte, so war dieses nicht unbedingt gut für eine Umsatzförderung der Herberge.

burgseeNun geschah es, dass eines Tages zwei Franziskanermönche aus dem nahen Schwerin gerade dieses Haus aufsuchten. Der Abend brach gerade an und dem doch unsicheren Heimweg geschuldet begehrten unsere wackeren Mönche einen Platz für die Nacht. Dass nun ausgerechnet Mönche mit Pück die Gästezimmer teilen sollten, war so gar nicht nach dem Geschmack des kleinen Kobolds. Er setzte den Kirchenmännern gehörig zu. Um nun endlich den ersehnten Schlaf zu finden, mussten die Mönche dem Quälgeist versprechen, ihn in ihrem Franziskanerkloster in Dienst zu nehmen. Seit diesen Tagen gehörte Pück quasi zum Inventar des Klosters. Besucher sollen den kleinen Mann im Klostergelände oft beobachtet haben. Ironie der Geschichte: auch in Gestalt eines Affen. Dennoch, treu ergeben war der Pück seinen Herren.

Nach einem der häufigen Stadtbrände, die auch das Kloster am Burgsee nicht immer verschonten, half der hilfreiche Kobold seinen Mönchen. Mit List sorgte er dafür, dass die Franziskaner an Bauholz und Materialien für den Neuaufbau des Klosters kamen. Leider erzählt der Verfasser nicht, um welche Art von Winkelzügen es sich gehandelt hat.

Ein „narrenartiger Rock“ als Lohn

Immerhin fast 30 Jahre lang soll sich der Pück im Kloster aufgehalten haben. Dann verließ der Kobold seine Wirkungsstätte. Vorher verlangte er einen Lohn für die getane Arbeit. Er brauche einen „narrenartigen Rock von allerlei Farben und voll Glocken“, so schreibt es Karl Bartsch im ersten Band seiner Sagensammlung.

Wohin der kleine liebenswürdige Kerl gegangen ist, ob er vielleicht in Schwerin blieb, ob er irgendwo einen neuen Herrn fand, darüber schweigen die Überlieferungen.

Vielleicht ist er auch nicht fortgegangen und trifft sich heimlich mit seinem Nachbarn, dem Petermännchen. Und vielleicht ist Pück ganz froh darüber, von den Schwerinern fast vergessen zu sein. So hat er seine Ruhe und kann unbemerkt ab und zu seinen Burgsee besuchen. Und das ist auch ganz gut so.

Ralph Martini

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