Projekt „SCHILDA“:
Schweriner Galerist will Hallendach als Kunstwerk retten
Ein Hallendach bei eBay Kleinanzeigen? Ein Schweriner Galerist sieht darin keine Schrottteile, sondern Kunst. Unter dem Projektnamen „SCHILDA“ sollen die Stahlträger ein zweites Leben erhalten.

In Kürze:
- Galerist Stephan Schrör möchte das Stahltragwerk der Schweriner Radsporthalle vor der Verschrottung bewahren und als Kunstinstallation im Umfeld der Hyparschale präsentieren.
- Auslöser war ein Inserat bei eBay Kleinanzeigen, in dem das Hallendach nach dem Baustopp mit dem Hinweis auf Nachhaltigkeit zum Verkauf angeboten wurde.
- Unter dem Arbeitstitel „SCHILDA“ soll aus den markanten Stahlteilen ein Kunstprojekt entstehen, das Baugeschichte, Ostmoderne und aktuelle Stadtentwicklung miteinander verbindet
Der Arbeitstitel lautet „SCHILDA“ – ein augenzwinkernder Kommentar auf das, was sich rund um die Schweriner Radsporthalle abgespielt hat. Es gibt Geschichten, die kann wohl nur das Leben schreiben. Oder eBay Kleinanzeigen. Während andernorts alte Fahrräder, Kinderwagen oder Gartenmöbel den Besitzer wechseln, stand dort vor wenigen Tagen das komplette Stahltragwerk der Schweriner Radsporthalle zum Verkauf.
Nachdem der ursprünglich mit dem Bau der Halle beauftragten Firma der Auftrag entzogen worden war, wurde das Dach kurzerhand im Internet angeboten. In der Anzeige findet sich ein bemerkenswerter Satz: „Aus Gründen der Nachhaltigkeit wäre es unserer Meinung nach sehr zu begrüßen, wenn das Material nicht verschrottet werden muss.“
Diesen Appell nahm ausgerechnet ein Mann ernst, der beruflich den Blick für das Besondere hat: Stephan Schrör, Galerist der FreshEggsGallery in der Schweriner Hyparschale. Derzeit zeigt Schrör im Schweriner Dom die viel beachtete Ausstellung über Krieg und Kriegspropaganda. Was für andere lediglich ausrangierte Stahlträger sind, sieht er mit den Augen eines Kunstliebhabers – und wittert darin das Potenzial für eine außergewöhnliche Installation.
Vom Abrissmaterial zum „Ready-made“
„Ich habe die Anzeige zunächst aus Neugier geöffnet“, erzählt Schrör. „Doch schon nach den ersten Bildern war klar: Das ist kein Schrott. Das sind Skulpturen.“ Wo andere nur tonnenschwere Stahlträger sehen, erkennt der Kunstliebhaber eine monumentale Freiluftskulptur. „Mich begeistert die archaische und skulpturale Form dieser Bauteile. Das sind echte Ready-mades, ganz im Sinne von Marcel Duchamp. Ob bewusst geschaffen oder zufällig entstanden: Diese Objekte besitzen eine ungeheure ästhetische Kraft.“
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Für Schrör liegt der besondere Reiz darin, die ehemaligen Konstruktionselemente der Radsporthalle künftig im Umfeld der Hyparschale zu präsentieren. Schließlich stammt auch sie aus der Blütezeit der Ostmoderne. „Die Stahlteile würden sich hervorragend in dieses architektonische Ensemble am Lambrechtsgrund einfügen. Sie erzählen dieselbe Geschichte von technischem Optimismus, großem Gestaltungswillen und den Visionen einer ganzen Epoche.“
Der Galerist geht in seiner Interpretation sogar noch einen Schritt weiter. Manche der Bauteile erinnerten ihn an überdimensionierte Stempel oder Werkzeuge, wie sie der amerikanische Pop-Art-Künstler Claes Oldenburg in monumentalem Maßstab geschaffen hat. Gleichzeitig wirkten sie auf ihn wie Mahnmale einer aus dem Ruder gelaufenen Baupolitik.
Mahnmale einer Baupolitik?
„Wenn diese riesigen Stahlkörper heute nutzlos auf einem Lagerplatz liegen, erzählen sie plötzlich eine ganz andere Geschichte“, sagt er. „Sie werden zu Denkmälern einer Entwicklung, bei der enorme Summen verbaut wurden und am Ende doch der Abriss steht. Das hat eine ungeheure Symbolkraft.“ Auch die massiven, von Rost gezeichneten Stahlplatten wecken kunsthistorische Erinnerungen. „Sie erinnern mich sofort an die Arbeiten von Richard Serra. Diese Wuchtigkeit, diese Materialität, die schiere Präsenz. Das hat eine enorme Wirkung. Natürlich ist das hier keine Kunst im klassischen Sinne. Aber genau das macht den Reiz aus.“
Aus der spontanen Begeisterung ist inzwischen ein konkretes Vorhaben geworden. Nach Angaben von Stephan Schrör wurde bereits Kontakt mit der Firma in Wittenberge aufgenommen, die das Material derzeit anbietet. Ziel sei es, möglichst viele der markanten Stahlteile zu erwerben und sie vor der Schrottpresse zu bewahren. „Diese Zeugnisse der Zeitgeschichte gehören nicht in den Hochofen. Sie haben das Potenzial, ein neuer Ort für Kunst und Diskussion zu werden. Man muss sie nur mit anderen Augen betrachten.“
Projekt „SCHILDA“
Ob aus dem ehemaligen Hallendach tatsächlich eine Kunstinstallation wird, ist noch offen. Die Gespräche über den Ankauf der Stahlkonstruktion laufen im Moment. Gelingt das Vorhaben, könnten die tonnenschweren Träger schon bald eine zweite Karriere antreten, nicht mehr als Dachkonstruktion einer Sporthalle, sondern als monumentale Skulpturen im Umfeld der Hyparschale.
Ob die Stahlkolosse tatsächlich ihren Platz am Lambrechtsgrund finden, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden. Sicher ist schon jetzt: Das Projekt „SCHILDA“ sorgt für Gesprächsstoff. Und vielleicht wird ausgerechnet das Dach einer Radsporthalle am Ende zu dem, was es ursprünglich nie sein sollte, ein Kunstwerk.




