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Altkanzler Scholz als Zeuge in Schwerin:
Scholz beantwortet viele Fragen – und lässt andere offen

Im Schweriner Untersuchungsausschuss zur Klimastiftung muss sich Ex-Kanzler Olaf Scholz kritischen Fragen stellen. Seine Aussagen zeigen, wie weit die Affäre um Nord Stream 2 politische Kreise zieht.

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  • Veröffentlicht November 22, 2025
Vor dem Unter­suchungsauschuss des Land­tages musste gestern Alt­bun­deskan­zler Olaf Scholz Rede und Antwort ste­hen. Foto: Sebas­t­ian Hafen­meis­ter

Seit April 2022 unter­sucht ein Unter­suchung­sun­ter­schuss  im Land­tag, wie es zur umstrit­te­nen Kli­mas­tiftung kam. Die Debat­ten dort reichen längst weit über die Lan­des­gren­zen hin­aus. Immer wieder rück­en neue Fra­gen in den Mit­telpunkt, die nicht nur im Nor­dosten aufmerk­sam ver­fol­gt wer­den.

Im Kern geht es darum, welche Rolle die Lan­desregierung unter Min­is­ter­präsi­dentin Manuela Schwe­sig (SPD) bei der Errich­tung und Arbeitsweise der „Stiftung Kli­ma- und Umweltschutz MV“ gespielt hat. Die Abge­ord­neten wollen nachvol­lziehen, ob die Stiftung tat­säch­lich gemein­nützi­gen Zweck­en diente oder ob sie vor allem wirtschaftlich heik­le Großpro­jek­te wie Nord Stream 2, die „Wasser­stoff-Hanse“ oder ver­bun­dene Unternehmen unter­stützte.

Schon mehrfach standen promi­nente Bun­de­spoli­tik­er im Zeu­gen­stand: Ex-Kan­zler Ger­hard Schröder, der frühere Wirtschafts- und Außen­min­is­ter Sig­mar Gabriel und Ex-Bun­deswirtschaftsmin­is­ter Peter Alt­maier (CDU) mussten bere­its Rede und Antwort ste­hen. Die Liste zeigt, dass der Unter­suchungs­ge­gen­stand längst bun­de­spoli­tis­che Dimen­sio­nen angenom­men hat. Am Fre­itag rück­te nun ein weit­er­er Spitzen­poli­tik­er in den Mit­telpunkt: Altkan­zler Olaf Scholz.

Scholz erscheint ohne Anwalt, aber mit Kanzleramtsbegleitung

Pünk­tlich um zehn Uhr betritt Scholz den Demm­ler-Saal. An sein­er Seite: Ein Vertreter des Bun­deskan­zler­amts, das er noch bis Mai dieses Jahres geleit­et hat­te – jedoch kein juris­tis­ch­er Bei­s­tand. Die aktuelle Bun­desregierung unter Friedrich Merz hat dem ehe­ma­li­gen Kan­zler eine eingeschränk­te Aus­sage­genehmi­gung erteilt. Der Mitar­beit­er soll darauf acht­en, dass Scholz nicht mehr preis­gibt, als die Genehmi­gung erlaubt. Im Zweifel soll er dem Altkan­zler bera­tend zur Seite ste­hen, wenn dieser unsich­er ist, wie weit er bei der Beant­wor­tung ein­er Frage gehen kann.

Die Abge­ord­neten wollen unter anderem klären, weshalb die Lan­desregierung so vehe­ment für den Bau ein­er zweit­en Ost­see-Pipeline ein­trat, dass sie eigens eine Stiftung grün­dete, deren Kon­struk­tion schon damals Fra­gen aufwarf. Auch die 20-Mil­lio­nen-Euro-Zahlung der Nord Stream 2 AG an die Stiftung, ein Unternehmen mit rus­sis­ch­er Staats­beteili­gung, beschäftigt das Gremi­um seit Monat­en.

Scholz hält Abstand zum Thema

Schnell zeigt sich: Scholz kann die zen­tralen Fra­gen kaum beant­worten. Von 2018 bis 2021 war er Bun­des­fi­nanzmin­is­ter und Vizekan­zler – beteiligt, aber nicht fed­er­führend in Energiefra­gen. Gle­ich zu Beginn bekommt er die Gele­gen­heit zu ein­er zusam­men­hän­gen­den Stel­lung­nahme.

Der Altkan­zler betont mehrfach, dass es sich um ein reines Lan­despro­jekt gehan­delt habe. Die Ankündi­gung Schwe­sigs, eine Stiftung zu grün­den, habe er lediglich „zur Ken­nt­nis genom­men“. Offizielle Gespräche darüber habe es nach sein­er Erin­nerung nicht gegeben. Allerd­ings schließt er nicht aus, dass das The­ma am Rande per­sön­lich zur Sprache kam – schließlich sei man „befre­un­det“.

Scholz betont eigene Warnungen vor Russland-Abhängigkeit

Auf­fäl­lig ist, wie häu­fig Scholz darauf ver­weist, er habe stets vor der Abhängigkeit von rus­sis­chem Gas gewarnt. Schon als Ham­burg­er Bürg­er­meis­ter habe er den Bau von LNG-Ter­mi­nals gefordert. Deutsch­land hätte solche Anla­gen „immer“ schaf­fen müssen, not­falls voll­ständig finanziert aus Steuer­mit­teln, sagt er. Warum seine War­nun­gen jahre­lang unge­hört ver­hall­ten, erläutert er nicht.

Die Autoren Rein­hard Bin­gener und Markus Wehn­er hat­ten bere­its 2023 in ihrem Buch „Die Moskau-Con­nec­tion“ beschrieben, wie ein Net­zw­erk um Schröder Deutsch­land poli­tisch wie wirtschaftlich enger an Rus­s­land band. Auch andere Sozialdemokrat­en wie Frank-Wal­ter Stein­meier, Sig­mar Gabriel und Heino Wiese spiel­ten dabei eine Rolle. Unter­stützung gab es zudem aus der Union – etwa von Angela Merkel oder Philipp Mißfelder. Das Buch beze­ich­net diesen Kurs als einen der gravierend­sten außen­poli­tis­chen Irrwege der Bun­desre­pub­lik.

Im Auss­chuss bestätigt Scholz erst­mals per­sön­lich ein Doku­ment, das zuvor nur indi­rekt bekan­nt war: einen Brief aus dem Jahr 2021 an seinen dama­li­gen US-Amt­skol­le­gen Steven Mnuchin. Darin bot er Investi­tio­nen in Mil­liar­den­höhe in die LNG-Infra­struk­tur an – ver­bun­den mit der Bitte, die amerikanis­che Block­ade­hal­tung gegenüber Nord Stream 2 aufzugeben. Mnuchin antworte auf das Schreiben allerd­ings nicht. „Es wäre bess­er gewe­sen, die Antwort wäre pos­i­tiv gewe­sen“, sagt Scholz.

Wenige Erinnerungslücken – aber viele Grenzen der Aussagegenehmigung

Erstaunlich wenig ver­weist Scholz an diesem Tag auf fehlende Erin­nerun­gen, anders als in anderen Auss­chüssen. Stattdessen beruft er sich häu­fig auf seine Aus­sagebeschränkung oder darauf, dass bes­timmte Fra­gen allein Meck­len­burg-Vor­pom­mern beträfen.

Auf konkrete Nach­fra­gen reagiert er knapp:
Wer die Stiftungsidee hat­te? „Nö.“
Ob er Kon­tak­te zur Nord Stream 2 AG hat­te? „Ich kenne Bun­deskan­zler Ger­hard Schröder.“

In grund­sät­zlichen The­men hinge­gen wird er aus­führlich­er. Er schildert etwa, wie er Sorge hat­te, Rus­s­land könne nach ein­er Inbe­trieb­nahme von Nord Stream 2 den Gas­tran­sit durch die Ukraine ein­stellen. Die Bun­desregierung habe deshalb einen Spitzendiplo­mat­en beauf­tragt, den Weit­er­be­trieb der Tran­sit­streck­en abzu­sich­ern.

Schwesigs Weg und erneute Diskussionen im Ausschuss

Während­dessen set­zte Meck­len­burg-Vor­pom­mern 2021 auf einen anderen Ansatz: Die Kli­mas­tiftung sollte offiziell dem Naturschutz dienen, prak­tisch aber vor allem den Weit­er­bau von Nord Stream 2 absich­ern – auch gegen den mas­siv­en Druck der USA. Die Stiftung wurde weit­ge­hend durch rus­sis­ches Geld finanziert, ergänzt durch einen sym­bol­is­chen Lan­desan­teil.

Scholz bew­ertet dieses Mod­ell im Auss­chuss nicht. Er ver­weist auf die Zuständigkeit des Lan­des und auf die Gren­zen sein­er Aus­sage­genehmi­gung.

Gegen Ende entwick­elt sich eine lange, teils zähe Befra­gung durch den Grü­nen-Abge­ord­neten Hannes Damm, der über hun­dert Fra­gen vor­bere­it­et hat­te. Immer wieder ruft Scholz seine Beschränkun­gen in Erin­nerung. Schließlich entwischt ihm der Satz: „Sie sind ein eigen­tüm­lich­er Frager.“

Scholz war ein­er der let­zten promi­nen­ten Zeu­gen. In den näch­sten Sitzun­gen sollen Innen­min­is­ter Chris­t­ian Pegel und Min­is­ter­präsi­dentin Schwe­sig aus­sagen – bei­de hat­ten die Kli­mas­tiftung beson­ders unter­stützt. Schwe­sig hat ihr dama­liges Engage­ment inzwis­chen öffentlich neu bew­ertet.