Schulessen in MV:
Caterer warnt vor Systemversagen – Stadt Schwerin sieht aktuell keine Probleme
Schulessen wird in Mecklenburg-Vorpommern zunehmend zur Kostenfrage. Ein Caterer warnt vor einem strukturellen Problem, die Stadt Schwerin sieht aktuell jedoch keine Versorgungslücken.

Ein warmes Mittagessen gehört für viele Kinder selbstverständlich zum Schulalltag. Doch nach Ansicht des Schulverpflegers Knolles Küche aus Demen gerät genau dieses System zunehmend unter Druck. In einem Offenen Brief an Landesregierung, Kommunen und Schulträger warnt das Unternehmen vor wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die aus seiner Sicht langfristig die Versorgung an Schulen gefährden könnten.
Geschäftsführer Jörg Küfen spricht von einem System, das sich zunehmend selbst destabilisiere. Steigende Preise führten zu sinkenden Teilnehmerzahlen, sinkende Teilnehmerzahlen wiederum zu weiter steigenden Preisen. Die Folgen seien bereits sichtbar: weniger Kinder in der Mittagsversorgung, wirtschaftlicher Druck auf Anbieter und ein schrittweiser Rückzug aus kleineren Schulstandorten.
Nicht das Essen ist das Problem
Auf den ersten Blick scheint die Debatte eine Frage der Essenspreise zu sein. Nach Darstellung des Unternehmens liegt das eigentliche Problem jedoch nicht auf dem Teller. „Der Unterschied zwischen vier und sieben Euro pro Essen ist kein Qualitätsunterschied, sondern die Frage, wer die Struktur bezahlt“, argumentiert Knolles Küche.
Zur Veranschaulichung hat das Unternehmen eigene Kostenmodelle und Grafiken vorgelegt. Danach machen Zutaten, Zubereitung und Lieferung nur einen Teil der tatsächlichen Kosten aus. Hinzu kommen Personal für die Essensausgabe, Hauswirtschaft, Reinigung, Abrechnung, Organisation und technische Infrastruktur vor Ort. Diese Kosten fallen unabhängig davon an, ob täglich 30 oder 150 Kinder am Mittagessen teilnehmen.
Nach Berechnungen des Caterers liegt genau darin die wirtschaftliche Herausforderung. Während die Lebensmittelkosten pro Portion weitgehend konstant bleiben, müssen sich die Fixkosten der Ausgabestellen auf die Zahl der teilnehmenden Kinder verteilen. Sinkt die Teilnehmerzahl, steigt automatisch der Kostenanteil pro Mahlzeit. In seinen Unterlagen beschreibt das Unternehmen diesen Zusammenhang mit einer einfachen mathematischen Formel: Die Fixkosten einer Ausgabestelle werden durch die Anzahl der Teilnehmer geteilt. Je weniger Kinder teilnehmen, desto höher werden die Kosten pro Essen.
Besonders kritisch werde die Situation an kleineren Schulstandorten. Nach den Modellrechnungen des Unternehmens liegt der wirtschaftliche Kipppunkt bei etwa 50 bis 60 Essensteilnehmern pro Tag. Unterhalb dieser Größenordnung könnten bereits geringe Schwankungen der Teilnehmerzahlen erhebliche Auswirkungen auf die Kalkulation haben. Das führe zu einer Spirale: Höhere Preise veranlassen Familien, ihre Kinder vom Mittagessen abzumelden. Dadurch sinkt die Teilnehmerzahl weiter, die Fixkosten verteilen sich auf weniger Essen und die Preise steigen erneut. Das Unternehmen spricht von einer „mathematisch instabilen Kostenstruktur“.
In einer weiteren Kalkulation kommt Knolles Küche zu dem Ergebnis, dass selbst bei guter Auslastung eine wirtschaftliche Untergrenze von rund 5,80 Euro pro Mahlzeit erreicht werde. Verantwortlich seien vor allem die Kosten der Essensausgabe vor Ort. Zusätzliche Belastungen wie Mieten oder Beteiligungen der Schulträger könnten diesen Effekt weiter verstärken.
Während in anderen Bundesländern Teile dieser Strukturkosten durch Kommunen oder Länder übernommen würden, würden sie in Mecklenburg-Vorpommern häufig direkt über den Essenspreis finanziert. Das Unternehmen verweist auf Preise zwischen 4,50 und 7,50 Euro pro Mittagessen im Land und sieht darin einen wesentlichen Unterschied zu anderen Bundesländern.
Wer ist eigentlich zuständig?
Die wirtschaftlichen Probleme sind inzwischen auch zu einer politischen Frage geworden. Auf den Offenen Brief des Caterers, der inzwischen von 41 Einrichtungen und Unternehmen unterstützt wird, reagierte zunächst die Staatskanzlei. Im Auftrag von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, das Schreiben liegt SNO vor, teilte deren Büro mit, dass das Anliegen geprüft und an das Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt weitergeleitet worden sei. Die zuständigen Fachreferate würden sich mit dem Vorgang befassen.
Für Knolles Küche greift diese Zuordnung jedoch zu kurz. In einem Antwortschreiben an die Staatskanzlei argumentiert Geschäftsführer Küfen, dass es sich nicht vorrangig um Fragen der Landwirtschaft oder Lebensmittelqualität handele. Vielmehr gehe es um Bildungserfolg, soziale Teilhabe und Chancengleichheit von Kindern. Deshalb seien aus seiner Sicht auch das Bildungs- und das Sozialministerium gefragt. Noch deutlicher wurde das Bildungsministerium. In einer Antwort an das Unternehmen heißt es, dass eine Stellungnahme durch das Landwirtschaftsministerium erfolgen werde und deshalb keine Rückmeldung des Bildungsministeriums oder der Staatlichen Schulämter vorgesehen sei.
Für den Caterer bestätigt dies die Befürchtung eines „Zuständigkeits-Pingpongs“ zwischen verschiedenen Ressorts. Während die Landesregierung das Thema zunächst dem Landwirtschaftsbereich zuordnet, sieht das Unternehmen darin vor allem eine bildungs- und sozialpolitische Herausforderung. Auch SNO hatte das Bildungsministerium und das Landwirtschaftsministerium um Stellungnahmen gebeten. Die Anfragen blieben allerdings unbeantwortet.
Stadt Schwerin sieht derzeit keine Probleme
In Schwerin wird die Situation deutlich weniger dramatisch bewertet. Auf SNO-Anfrage erläuterte eine Sprecherin der Landeshauptstadt zunächst die Zuständigkeiten. Als sächlicher Schulträger stellt die Stadt die erforderlichen Räume und Ausstattungen bereit und vermietet diese an die jeweiligen Caterer. Die Anbieter werden über Ausschreibungen ausgewählt, die endgültige Entscheidung trifft die jeweilige Schulkonferenz. Die Organisation der Schulverpflegung liegt damit bei den einzelnen Schulen.
Wirtschaftliche Probleme bei den an staatlichen Schweriner Schulen tätigen Caterern seien der Stadt derzeit nicht bekannt. Hinweise auf Einschränkungen bei der Mittagsversorgung lägen ebenfalls nicht vor.
Eine stärkere öffentliche Finanzierung der Schulverpflegung bewertet die Stadt grundsätzlich positiv. Sollten zusätzliche Landesmittel für eine qualitativ hochwertige Schulverpflegung bereitgestellt werden, werde dies begrüßt. Aufgrund der angespannten Haushaltslage könne die Landeshauptstadt jedoch derzeit keine eigenen zusätzlichen Zuschüsse bereitstellen.




