Oberbürgermeisterwahl in Schwerin:
Dr. Aileen Wosniak: Schwerin braucht Politik mit Fakten, Beteiligung und Mut zur Veränderung
Dr. Aileen Wosniak fordert für Schwerin mehr Jugendbeteiligung, soziale Gerechtigkeit und konsequenten Umwelt- und Tierschutz. Verwaltung und Stadtentwicklung sollen effizienter, diverser und faktenbasiert neu ausgerichtet werden.

SNO hat mit Dr. Aileen Wosniak, Oberbürgermeisterkandidatin der ASK – Aktion Stadt und Kultur –, über ihre Vorstellungen für Schwerin gesprochen. Im Interview fordert sie mehr echte Kinder- und Jugendbeteiligung, eine feministische und diverse Stadtentwicklung, einen stärkeren Fokus auf Umwelt- und Tierschutz sowie eine Verwaltung, die aus ihrer Sicht endlich effizienter, bürgernäher und faktenbasiert arbeiten muss.
Hinweis: In diesem Interview verwenden wir auf Wunsch der Interviewpartnerin gendergerechte Sprache.
SNO: Frau Dr. Wosniak, Sie treten für die ASK – Aktion Stadt und Kultur – bei der Oberbürgermeisterwahl 2026 an. Sie wirken sehr engagiert und mit großem Elan unterwegs. Was sind Ihre Kernziele? Was wollen Sie in Schwerin direkt verändern?
Dr. Aileen Wosniak: Da gibt es einiges. Zuallererst geht es um echte Kinder- und Jugendbeteiligung. Die gibt es de facto nicht. Wenn wir etwa auf den Stadtteilpark in Lankow schauen, dann hätte man Kinder und Jugendliche von Anfang an mit einbeziehen müssen, auch schon in der Stadtvertretung. Das ist einfach nicht passiert. Hier wird insgesamt zu wenig investiert. Wenn Sie früh vorbeugen, müssen Sie später keine Symptome verwalten. Das ist eigentlich eine Milchmädchenrechnung: Wer früh in Kinder und Jugendliche investiert, spart am Ende enorm viel Geld.
Der zweite große Punkt ist der Tier- und Umweltschutz. Der ist in Schwerin quasi nicht existent, zumindest hauptamtlich. Bei Fundtieren können Sie es selbst ausprobieren: Rufen Sie nachts oder tagsüber an, wenn Sie eine Katze oder einen Igel gefunden haben, und Sie landen im Nirwana. Es ist wirklich unfassbar, wie hier mit Menschen umgegangen wird, die sich für Tiere einsetzen. Menschen können dann “froh” sein, wenn sie dann bei mir oder bei unserem neu gegründeten Tierschutzverein “Tiere in Not Schwerin & Umgebung e.V.” landen. Das Gleiche gilt für den Umweltschutz. Auch da funktioniert in Schwerin vieles einfach nicht. Es wird in sensible Naturschutzräume hineingebaut, etwa in Krebsförden. Oder man schaut sich Stadtteile am Ziegelsee an, wo über 80 Prozent der Fläche versiegelt sind. Wie soll das nachhaltig funktionieren? Im Sommer ist der Asphalt dort mit Sicherheit 40–50 Grad warm. Was hat man denn da noch an Lebensqualität?
Das Stadthaus muss „entwurmt” werden
Dann geht es für mich um nachhaltiges Wirtschaften und eine diverse, feministische Stadtentwicklung. Das heißt: eine barrierearme Innenstadt, Care-Arbeit sichtbar machen, beleuchtete Wege gerade auf Rückwegen in der Dunkelheit schaffen, den ÖPNV ausbauen, statt kürzen und ihn vor allem wieder erschwinglich machen – gerade für Menschen, die wenig Geld im Portemonnaie haben. Viele müssen erst teuer in die Innenstadt fahren, um ins Stadthaus zu kommen, und gelten im Zweifel noch als Straftäter:in, wenn sie sich den Fahrschein nicht leisten können. Ich finde das menschlich nicht tragbar. Warum geht die Stadt nicht wieder in die Bezirke, nach Lankow oder auf den Dreesch, dorthin, wo die Menschen leben?
Außerdem muss gespart werden – aber an den richtigen Stellen. Ein zentraler Punkt ist für uns das Stadthaus. Wenn wir sagen, das Stadthaus müsse „entwurmt“ werden, dann ist das kein persönlicher Angriff auf die Mitarbeitenden. Aber wir glauben, dass dort ganz viel optimiert werden könnte. Das System müsste grundlegend evaluiert werden: Wo funktioniert es, wo funktioniert es nicht? Ich kenne Menschen, die inder Ausländerbehörde in Schwerin wegen einer Arbeitserlaubnis waren und woanders schon eine Arbeitserlaubnis hatten, in Schwerin dann faktisch aber keine bekamen. Menschen werden in diesem System zermahlen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich hätte irgendwann auch gar keine Lust mehr hier zu leben oder zu arbeiten, wenn so mit mir umgegangen werden würde.
Dazu kommt die Digitalisierung. Da spielt auch die Frage eine Rolle: Wo kann man sparen? Dezernent:innenstellen einkürzen, städtische Unternehmen besser zusammenlegen, Strukturen effizienter machen. Da geht viel Geld rein, und wir glauben, da gibt es Verbesserungspotenzial.
Und dann geht es natürlich auch um die politische und gesellschaftliche Lage in der Stadt. Viele meiner Freund:innen – ungefähr 85 Prozent – sind nach dem Abitur weggegangen. Ich selbst ja auch. Schwerin ist für junge Leute einfach nicht attraktiv.
Dazu kommt die Segregation. Wenn Schwerin da bundesweit ganz vorne ist, dann müssen sich doch eigentlich alle, die hier seit Jahren oder Jahrzehnten in der Stadtvertretung sitzen, fragen: Was läuft hier eigentlich an unserer eigenen Politik schief? Ein weiterer großer Punkt ist sozialer Wohnungsbau. Wer hier wenig verdient, alleinerziehend ist oder einer marginalisierten Gruppe angehört, wird faktisch auf bestimmte Stadtteile verwiesen. In der Innenstadt können sich viele das Wohnen gar nicht mehr leisten. So kann Stadtentwicklung für alle doch gar nicht funktionieren.
SNO: Sie haben im sozialen Bereich sehr viele Vorhaben. Wie wollen Sie das in einen ohnehin angespannten Haushalt integrieren? Schwerin steht ja trotz gesunkener Kassenkredite vor schwierigen finanziellen Perspektiven.
Dr. Aileen Wosniak: Ich glaube, dass die Menschen, die in der Stadtvertretung sitzen, sehr stark die oberen Zehntausend abbilden. Und dadurch werden hier auch falsche Prioritäten gesetzt. Es geht um Prestigeprojekte wie das Strandhotel, eine Radsporthalle, die Landesgartenschau oder das Welterbe. Das mag alles schön und gut sein, aber damit holt man längst nicht alle Menschen ab. Fragen Sie einmal auf dem Dreesch oder in Lankow, was zum Welterbe gehört. Viele haben dazu gar kein Verhältnis, weil das so weit weg erscheint.
Warum schaut man nicht stattdessen viel stärker auf Gesundheit und Soziales? Das sind doch die Pfeiler, mit denen wir arbeiten sollten, weil nur dadurch eine Stadt langfristig lebens- und liebenswert bleibt, Menschen gesund bleiben und man langfristig planen kann. Auch für Unternehmen ist doch entscheidend, dass eine Stadt vielfältig, divers und lebenswert ist. Sonst siedeln die sich hier einfach nicht an.
Dann habe ich schon gesagt: Im Stadthaus kann man massiv sparen. Das ist mir ein wichtiger Punkt. Vor allem das teure Mietobjekt ist ein Problem. Man hätte viel früher überlegen müssen, ob man Strukturen, wie z.B. am Margaretenhof oder in anderen Stadtteilen wieder nutzen kann.
Gleichzeitig bin ich der festen Überzeugung, dass aktuell nicht alle Fördertöpfe ausgeschöpft werden, auf Landes‑, Bundes- und EU-Ebene. Da liegt wahnsinnig viel Potenzial. Dafür müsste man aber etwa einen Sozialatlas erstellen, stärker mit Vereinen und Initiativen kooperieren und die Datenbasis verbessern. Darüber ließen sich enorme Fördergelder akquirieren und Mittel für Projekte freimachen. Ehrenamt muss sich auch endlich wieder lohnen und wertgeschätzt werden.
SNO: Das Stadthaus sehen Sie als Kostenproblem. Dort arbeiten aber rund 1.100 Menschen. Wenn man stärker dezentralisieren will – wie soll das praktisch funktionieren?
Dr. Aileen Wosniak: Dezentralisierung ist, glaube ich, das Zauberwort. Also: Welche Bedarfe gibt es wo? Welche Behörde braucht es an welchem Ort? Das Gros sehe ich in Lankow und auf dem Dreesch. Dazu kommt Digitalisierung. In den ersten 100 Tagen müsste man sich anschauen: Was kann ich hier tatsächlich einsparen, wo machen vielleicht mehrere Menschen das Gleiche, und wo müssen wir Ressourcen stärken?
Wenn Menschen etwa monatelang oder jahrelang in der Ausländerbehörde zermahlen werden, dann muss diese Behörde personell aufgestockt werden, damit Menschen schneller in Arbeit kommen. Gleichzeitig ist das aber eher eine langfristige Aufgabe. Man muss sich Verträge anschauen, man muss auf verbeamtete Strukturen schauen und überlegen, was überhaupt möglich ist. Und man muss Leerstand in der Stadt prüfen: Wo gibt es Gebäude, die sich nutzen lassen? Die Stadt hat darüber eigentlich den besten Überblick. Ich sehe da großes Potenzial.
SNO: Sie haben die Fördermittel angesprochen. Wie sehen Sie denn insgesamt den Wirtschaftsbereich? Wollen Sie weitere Unternehmen in Schwerin ansiedeln?
Dr. Aileen Wosniak: Ja, natürlich. Aber ich glaube, Schwerin versteht an der Stelle ein Kernproblem nicht. Ich habe gesagt: 85 Prozent meiner Freund:innen sind abgewandert, weil Schwerin nicht so lebenswert ist, dass man hier friedlich, fröhlich und frei miteinander leben und partizipieren kann. Ich positioniere mich ganz klar gegen Rassismus, gegen Queer- und Frauenfeindlichkeit. Aber genau das nehme ich in Schwerin zunehmend wahr. Wenn man sich auf einer Demo gegen Rechts oder für feministische Themen engagiert, wird man ausgelacht, bedroht oder beleidigt. Das erleben wir ganz konkret.
Der Gewerbesteuerhebesatz von 458% zu hoch
Und daran sieht man auch, wie schwer es hier für eine Frau ist, überhaupt ein Unternehmen zu führen. Ich kann mir den Steuerhebesatz in Schwerin nicht leisten. Er liegt über dem Bundesdurchschnitt, und wir leben hier eben nicht in Berlin, München oder Hamburg. Das ist doch absurd. Und gleichzeitig ist die Stadt nach außen nicht vielfältig, offen und divers genug. Wenn Menschen Angst vor einem massiven Rechtsruck und vor der Normalisierung von Rassismus haben, dann kommen sie eben nicht hierher.
Dazu kommt das Stadtmarketing. Ich finde, es ist viel zu sehr auf weiße, privilegierte cis-Männer und heteronormative Familien ausgerichtet. Menschen mit Migrationsgeschichte, queere Familien, andere Familienkonstellationen, neurodivergente Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigungen, sie alle kommen darin kaum vor. So lockt man doch keine jungen Unternehmer:innen an. Auch Leerstand wird nicht offensiv genutzt. Warum sagt man nicht: Hier, du bekommst die Fläche erst mal günstig oder mit mehr Unterstützung im Start-up-Bereich? Warum werden weiblich gelesene Unternehmer:innen nicht stärker gefördert, obwohl man weiß, dass vielfältige Unternehmensstrukturen gesünder sind? Das ist für mich ein großes Problem.
SNO: Wie würde ein Weg aussehen, das in sieben Jahren umzudrehen und die wirtschaftliche Attraktivität der Stadt zu steigern?
Dr. Aileen Wosniak: Mit einem komplett neuen Stadtmarketing und zwar mit Menschen, die divers sind, mit Migrationsgeschichte, mit Behinderungen, mit unterschiedlichen Lebensrealitäten. Es reicht nicht, immer nur über Menschen zu reden. Man muss Dinge endlich mit den Menschen zusammen machen. Das heißt: evaluieren, Umfragen starten, wissenschaftliche Daten erheben und diese Daten dann auch nutzen.
Ich bin sehr für Politik auf Augenhöhe mit Bürger:innen. Und wenn man die Menschen aus den Stadtteilen mitnimmt, gerade auch die mit wenig Geld, dann kann sich in Schwerin grundlegend etwas verändern. Dann wird die Stadt auch für Unternehmer:innen attraktiver, weil endlich mehr Menschen angesprochen werden und nicht nur ein kleiner privilegierter Teil.
SNO: Sehen Sie dann auch das Wohnen als zentrales Problem? Menschen sollen nach Schwerin kommen, gleichzeitig gelten die Mieten als hoch.
Dr. Aileen Wosniak: Ja, absolut. Auch hier fehlt es an Datenlage. Immer wieder heißt es: Es gibt keine belastbaren Zahlen. So kann man aber nichts verändern und das ist auch rechtlich extrem angreifbar. Man braucht Daten, um wissenschaftlich fundiert zu arbeiten und Maßnahmen aktiv in Schwerin auf den Weg zu bringen, anstatt ständig und andauernd zu sagen: “Hier gibt es keine Daten und deshalb machen wir das auch nicht”. Stillstand und Probleme ignorieren sind keine adäquate Lösungsansätze.
Gleichzeitig gibt es in Schwerin noch immer tausende leerstehende Wohnungen. Warum saniert man die nicht endlich und macht sie sozialverträglich nutzbar? Es gibt Städte, in denen Quoten für sozialen Wohnraum viel konsequenter funktionieren. Und in Schwerin wird zwar immer so getan, als mache man das alles längst, aber es ist eben nicht verbindlich genug niedergeschrieben. Wenn gebaut wird, dann sollte verpflichtend ein Anteil von 20 bis 25 Prozent sozialem Wohnraum mit entstehen. Sonst wird weiter gentrifiziert, wie etwa am Ziegelsee oder auf dem Warnitzer Feld. Dabei wäre es eigentlich so einfach, das verbindlich festzuschreiben.
SNO: Die Baukosten sind seit Jahren hoch. Das Land sagt zugleich, dass es finanziell selbst stark unter Druck steht. Wie soll dann bezahlbarer Neubau entstehen?
Dr. Aileen Wosniak: Da fehlt mir tatsächlich die genaue Studienlage, um das belastbar beurteilen zu können. Aber ich frage mich schon: Warum baut man dann nicht nachhaltiger, mit nachwachsenden Rohstoffen, und holt sich dafür gezielt Fördermittel von Bund, Land und EU? Warum muss es immer der Betonklotz sein? Da würde ich mir deutlich mehr Offenheit und Innovationsbereitschaft wünschen.
SNO: Ihr Kernfokus ist die Attraktivität der Stadt. Wie schafft man es, dass junge Menschen bleiben?
Dr. Aileen Wosniak: Ich glaube, man muss Schule in Schwerin noch einmal neu denken. Regionale Unternehmen sollten viel aktiver in Schulen eingebunden werden – nicht nur über einzelne Projekttage oder Praktikumswochen, sondern wirklich systematisch. Man sollte schauen: Wo kann ich junge Menschen früh an regionale Unternehmen binden?
Gleichzeitig gilt: Wenn Kinder und Jugendliche zu Hause Probleme haben, dann kann es in der Schule nicht klappen. Deshalb braucht es mehr Sozialarbeiter:innen und Schulpsycholog:innen an den Schulen. Das gibt es in Schwerin de facto nicht ausreichend.
Außerdem frage ich mich: Warum schließt die Stadt nicht viel stärker Kooperationen mit Hochschulen und Universitäten – in Mecklenburg-Vorpommern oder auch Richtung Hamburg, Lübeck, Lüneburg oder Berlin? Warum siedelt man nicht vielleicht sogar eine Fakultät in Schwerin an, am besten auf dem Dreesch oder in Lankow? Es gibt hier so viele Themen, zu denen man forschen könnte – auch ganz konkret in Bezug auf Segregation oder soziale Stadtentwicklung.
Und dann müssen die Stadtteile wieder attraktiv werden. Früher gab es Orte, an denen junge Menschen direkt im jeweiligen Stadtteil ausgehen konnten. Heute fehlen diese Orte. Es fehlen Place-to-bes in den Stadtteilen. Jugendliche werden in die Innenstadt gedrängt oder suchen sich Plätze, an denen sie gerade noch geduldet werden. So kann man doch nicht mit jungen Menschen umgehen. Man muss sie einbeziehen und fragen: Was wollt ihr? Wo wollt ihr feiern? Wo wollt ihr euch aufhalten? Wenn dort wieder Leben ist, kommen auch wieder Unternehmer:innen und Angebote in die Stadtteile.
SNO: Wie bekommt man Schwerin wieder aus dieser Entwicklung heraus?
Dr. Aileen Wosniak: Ich glaube gar nicht, dass Schwerin im Schlaraffenland ist. Wären wir im Schlaraffenland, dann müssten wir nicht so viel Ehrenamt machen. Dann bräuchte es keinen ehrenamtlichen Tierschutz und keine ehrenamtliche feministische Arbeit. Ich sehe im Gegenteil eine sehr problematische Entwicklung. Wenn ich auf Landtagswahlen schaue oder auf neue rechte Strukturen, dann macht mir das Angst. Und ich glaube, dass genau das auch weitere Abwanderung befördert und die Gesellschaft weiter spaltet.
„Ich sehe es als meine Verpflichtung einzugreifen”
SNO: Die Stadtvertretung ist zu einem großen Teil rechtskonservativ, teils auch weiter rechts geprägt. Wie wollen Sie sich mit diesem Gremium arrangieren?
Dr. Aileen Wosniak: Ich würde sogar noch ergänzen: teils rechtsextremistisch. Und genau da liegt ja auch die Aufgabe einer Oberbürgermeisterin: auf den Tisch zu hauen und zu sagen, wenn Dinge schieflaufen. Ich sehe das als meine demokratische Verpflichtung, einzugreifen und zu sagen: Das ist rassistisch, das ist frauenfeindlich, das ist queerfeindlich. Und wenn wir keinen Konsens hinbekommen, der diese Grenzen wahrt, dann darf so ein Beschluss eben nicht durchgehen.
Was ich außerdem problematisch finde: Viele Menschen in der Stadtvertretung machen das ehrenamtlich neben ihrem Beruf. Das ist an sich nichts Schlechtes. Aber was ist, wenn an entscheidenden Stellen Fachexpertise fehlt? Dann sollte man sich diese Expertise von außen holen, Gutachten einholen, Wissenschaftler:innen oder Praktiker:innen einbinden, bevor man Entscheidungen trifft, die die Zukunft von fast 100.000 Menschen betreffen.
Ich habe das selbst erlebt. Im Umweltausschuss konnte ich zu einem finanzierbaren Stadttaubenkonzept sprechen, aber bekam am Ende kein Rederecht. Im Finanzausschuss war es ähnlich. Dabei lag ein Konzept von mir vor, 25 Seiten lang, wissenschaftlich fundiert und mit vergleichsweise geringen Einstiegskosten. Solche Ideen werden in Schwerin immer wieder abgesägt. Ich finde, das ist eine rückwärtsgewandte Politik, und das muss man der Stadtvertretung auch klar spiegeln.
SNO: Wären für Sie Anträge auch dann akzeptabel, wenn CDU und AfD ihnen zustimmen – vorausgesetzt, Sie halten den Inhalt für richtig?
Dr. Aileen Wosniak: Für mich braucht es immer eine wissenschaftliche Fundierung- Zahlen und Fakten. Und was ich von CDU und AfD häufig sehe, sind Meinungen und Bauchgefühle, aber keine wissenschaftlich fundierte Argumentation. Darum geht es mir. Wenn endlich einmal faktenbasiert argumentiert würde – und das gilt übrigens nicht nur für CDU und AfD, sondern auch für andere Fraktionen –, dann wäre das ein riesiger Fortschritt. Das fehlt uns ja gerade in der Stadtvertretung.
SNO: Ein großer Streitpunkt sind auch die Klimaziele der Stadt. Wie wollen Sie das in den Griff bekommen?
Dr. Aileen Wosniak: Im Moment ist das ja fast ein Witz. Es wird sich an Prestigeprojekten abgearbeitet, während gleichzeitig bei der grünen Infrastruktur viel zu wenig passiert. Kleingärten werden abgerissen, sensible Flächen bebaut, und gleichzeitig schmückt man sich mit Projekten wie der Landesgartenschau, obwohl die ehrenamtlichen Gartenfreund:innen sagen, dass ihre Arbeit kaum unterstützt und wertgeschätzt wird.
Wenn wir es ernst meinen, dann müssen wir endlich den Marienplatz entsiegeln und so gestalten, dass er auch bei 40 Grad im Sommer lebenswert ist. Für alle Menschen.
Der Marienplatz braucht klare Strukturen und mehr Orientierung
SNO: Wie würde das konkret aussehen?
Dr. Aileen Wosniak: Indem man Bürger:innen an einen Tisch holt und wirklich fragt, wie ein entsiegelter Marienplatz aussehen soll. Für mich ist dieser Platz derzeit extrem menschenfeindlich. Es braucht klare Strukturen, mehr Orientierung, Barrierefreiheit, sichtbare Sozial- und Care-Arbeit, eine barrierefreie Toilette. Wer mit Rollstuhl oder Kinderwagen unterwegs ist, merkt sofort, wie schlecht viele Dinge dort gelöst sind. Der Marienplatz ist einer der zentralsten Orte der Stadt – und trotzdem so unfreundlich gestaltet. Wenn er friedlicher, lebenswerter und funktionaler wäre, würden wir auch anders über Kriminalität und Aufenthaltsqualität sprechen.
SNO: Beim Nahverkehr gibt es ebenfalls große Diskussionen – über neue Elektrobusse, Finanzierung und Angebot. Welche Alternativen sehen Sie?
Dr. Aileen Wosniak: Andere Städte machen es doch vor. Warum schaut Schwerin nicht stärker, was anderswo funktioniert? Wir brauchen einen zukunftsorientierten und günstigen Nahverkehr. Vor allem aber auch einen Nahverkehr, der analysiert und evaluiert wird- Und das gilt übrigens auch für die Weiße Flotte. Ich finde es problematisch, dass weiterhin so viel Diesel in die Seen gepumpt wird, während andere Städte längst weiterdenken. Schwerin ist klein genug für Pilotprojekte, für Förderungen, für modellhafte Lösungen. Genau das müsste man nutzen.
Und beim kostenlosen oder günstigeren Nahverkehr muss man doch nicht immer sofort sagen: Geht nicht. Warum geht man es nicht stufenweise an? Zum Beispiel kostenlos für Grundschulkinder oder an bestimmten Tagen. Oder mit Modellen wie dem 365-Euro-Ticket. Es gibt so viele evaluierte Beispiele aus anderen Städten. Warum überträgt man die nicht auf Schwerin? Nahverkehr muss sich jede Person leisten können.
SNO: Viele sagen aber auch, dass nicht nur der Preis, sondern vor allem die Anbindung das Problem ist.
Dr. Aileen Wosniak: Ja, natürlich. Auch da kann Schwerin viel lernen. Die Taktung muss besser werden, vor allem nachts und in den Abendstunden. Wir brauchen ein System, das Menschen wirklich vom Auto wegbringt. Schwerin ist keine echte Fahrradstadt, und auch im Nahverkehr fehlt es an Attraktivität. Ich würde zum Beispiel auch mehr Nachtbusse prüfen oder sichere Räume im Nahverkehr mitdenken – gerade für weiblich gelesene Personen. Man muss den Nahverkehr so ausbauen, dass Menschen sich sicher fühlen und er wirklich eine Alternative zum Auto wird.
SNO: Sie haben viele Projekte und Ambitionen genannt. Wie wollen Sie dafür in den ersten 100 Tagen das Fundament legen?
Dr. Aileen Wosniak: Ich bin neurodivergent, mache parallel sehr viel, habe mehrere berufliche Standbeine, Ehrenämter, Sport – ich bin es gewohnt, Dinge parallel und gleichzeitig zu organisieren. Das macht mir auch unheimlich Spaß, daraus ziehe ich meine Energie und Kraft. Immer nur das Gleiche, wäre mir persönlich viel zu langweilig. Aber entscheidend ist: Ich arbeite fakten- und zahlenbasiert. Wenn ich konkrete Konzepte habe, konkrete Hypothesen, die ich testen will, und eine belastbare Datenlage, dann kann ich loslegen. Das ist keine Raketenwissenschaft.
Natürlich braucht man Fachexpertise. Ich war noch nie Oberbürgermeisterin, ich kann nicht alles alleine. Deshalb holt man sich die Menschen ins Boot, die wirklich Ahnung haben, kommuniziert auf Augenhöhe mit den Bürger:innen und fragt: Ist das für euch in Ordnung? Wollt ihr das so? Genau so entsteht Politik, die alle Schweriner:innen mittragen.
SNO: Hat Schwerin denn diese Expertise?
Dr. Aileen Wosniak: Wow… Bestimmt. Ich glaube, es gibt in Schwerin Menschen, die total viel Ahnung und auch total viel Lust haben. Aber ich glaube auch, dass viele modern oder anders denkende Menschen im System gar nicht mehr vorkommen, verdrängt werden oder sich zurückziehen. Gerade die müsste man wieder abholen: die “Querschießenden”, die mit neuen Ideen, die wirklich etwas bewegen und aktiv verändern wollen- und nicht nur reden. Ich glaube, da gibt es noch ganz viele “Sterne am Himmel”, die man finden muss.



