Sa, 18. April 2026
Close

Oberbürgermeisterwahl in Schwerin:
Dr. Aileen Wosniak: Schwerin braucht Politik mit Fakten, Beteiligung und Mut zur Veränderung

Dr. Aileen Wosniak fordert für Schwerin mehr Jugendbeteiligung, soziale Gerechtigkeit und konsequenten Umwelt- und Tierschutz. Verwaltung und Stadtentwicklung sollen effizienter, diverser und faktenbasiert neu ausgerichtet werden.

  • Veröffentlicht April 2, 2026
Dr. Aileen Wosniak als OB Kandidating von der ASK für Schwerin. Foto: Dario Rochow
Dr. Aileen Wos­ni­ak als OB Kan­di­dat­ing von der ASK für Schw­erin. Foto: Dario Rochow

 

SNO hat mit Dr. Aileen Wos­ni­ak, Ober­bürg­er­meis­terkan­di­datin der ASK – Aktion Stadt und Kul­tur –, über ihre Vorstel­lun­gen für Schw­erin gesprochen. Im Inter­view fordert sie mehr echte Kinder- und Jugend­beteili­gung, eine fem­i­nis­tis­che und diverse Stad­ten­twick­lung, einen stärk­eren Fokus auf Umwelt- und Tier­schutz sowie eine Ver­wal­tung, die aus ihrer Sicht endlich effizien­ter, bürg­ernäher und fak­ten­basiert arbeit­en muss.

Hin­weis: In diesem Inter­view ver­wen­den wir auf Wun­sch der Inter­view­part­ner­in gen­derg­erechte Sprache.


SNO: Frau Dr. Wos­ni­ak, Sie treten für die ASK – Aktion Stadt und Kul­tur – bei der Ober­bürg­er­meis­ter­wahl 2026 an. Sie wirken sehr engagiert und mit großem Elan unter­wegs. Was sind Ihre Kernziele? Was wollen Sie in Schw­erin direkt verän­dern?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Da gibt es einiges. Zuallererst geht es um echte Kinder- und Jugend­beteili­gung. Die gibt es de fac­to nicht. Wenn wir etwa auf den Stadt­teil­park in Lankow schauen, dann hätte man Kinder und Jugendliche von Anfang an mit ein­beziehen müssen, auch schon in der Stadtvertre­tung. Das ist ein­fach nicht passiert. Hier wird ins­ge­samt zu wenig investiert. Wenn Sie früh vor­beu­gen, müssen Sie später keine Symp­tome ver­wal­ten. Das ist eigentlich eine Milch­mäd­chen­rech­nung: Wer früh in Kinder und Jugendliche investiert, spart am Ende enorm viel Geld.

Der zweite große Punkt ist der Tier- und Umweltschutz. Der ist in Schw­erin qua­si nicht exis­tent, zumin­d­est haup­tamtlich. Bei Fundtieren kön­nen Sie es selb­st aus­pro­bieren: Rufen Sie nachts oder tagsüber an, wenn Sie eine Katze oder einen Igel gefun­den haben, und Sie lan­den im Nir­wana. Es ist wirk­lich unfass­bar, wie hier mit Men­schen umge­gan­gen wird, die sich für Tiere ein­set­zen. Men­schen kön­nen dann “froh” sein, wenn sie dann bei mir oder bei unserem neu gegrün­de­ten Tier­schutzvere­in “Tiere in Not Schw­erin  & Umge­bung e.V.” lan­den. Das Gle­iche gilt für den Umweltschutz. Auch da funk­tion­iert in Schw­erin vieles ein­fach nicht. Es wird in sen­si­ble Naturschutzräume hineinge­baut, etwa in Kreb­s­för­den. Oder man schaut sich Stadt­teile am Ziegelsee an, wo über 80 Prozent der Fläche ver­siegelt sind. Wie soll das nach­haltig funk­tion­ieren? Im Som­mer ist der Asphalt dort mit Sicher­heit 40–50 Grad warm. Was hat man denn da noch an Leben­squal­ität?

 

Das Stadthaus muss „entwurmt” werden

 

Dann geht es für mich um nach­haltiges Wirtschaften und eine diverse, fem­i­nis­tis­che Stad­ten­twick­lung. Das heißt: eine bar­ri­erearme Innen­stadt, Care-Arbeit sicht­bar machen, beleuchtete Wege ger­ade auf Rück­we­gen in der Dunkel­heit schaf­fen, den ÖPNV aus­bauen, statt kürzen und ihn vor allem wieder erschwinglich machen – ger­ade für Men­schen, die wenig Geld im Porte­mon­naie haben. Viele müssen erst teuer in die Innen­stadt fahren, um ins Stadthaus zu kom­men, und gel­ten im Zweifel noch als Straftäter:in, wenn sie sich den Fahrschein nicht leis­ten kön­nen. Ich finde das men­schlich nicht trag­bar. Warum geht die Stadt nicht wieder in die Bezirke, nach Lankow oder auf den Dreesch, dor­thin, wo die Men­schen leben?

Außer­dem muss ges­part wer­den – aber an den richti­gen Stellen. Ein zen­traler Punkt ist für uns das Stadthaus. Wenn wir sagen, das Stadthaus müsse „entwurmt“ wer­den, dann ist das kein per­sön­lich­er Angriff auf die Mitar­bei­t­en­den. Aber wir glauben, dass dort ganz viel opti­miert wer­den kön­nte. Das Sys­tem müsste grundle­gend evaluiert wer­den: Wo funk­tion­iert es, wo funk­tion­iert es nicht? Ich kenne Men­schen, die inder Aus­län­der­be­hörde in Schw­erin wegen ein­er Arbeit­ser­laub­nis waren und woan­ders schon eine Arbeit­ser­laub­nis hat­ten, in Schw­erin dann fak­tisch aber keine beka­men. Men­schen wer­den in diesem Sys­tem zer­mahlen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich hätte irgend­wann auch gar keine Lust mehr hier zu leben oder zu arbeit­en, wenn so mit mir umge­gan­gen wer­den würde.

Dazu kommt die Dig­i­tal­isierung. Da spielt auch die Frage eine Rolle: Wo kann man sparen? Dezernent:innenstellen einkürzen, städtis­che Unternehmen bess­er zusam­men­le­gen, Struk­turen effizien­ter machen. Da geht viel Geld rein, und wir glauben, da gibt es Verbesserungspoten­zial.

Und dann geht es natür­lich auch um die poli­tis­che und gesellschaftliche Lage in der Stadt. Viele mein­er Freund:innen – unge­fähr 85 Prozent – sind nach dem Abitur wegge­gan­gen. Ich selb­st ja auch. Schw­erin ist für junge Leute ein­fach nicht attrak­tiv.

Dazu kommt die Seg­re­ga­tion. Wenn Schw­erin da bun­desweit ganz vorne ist, dann müssen sich doch eigentlich alle, die hier seit Jahren oder Jahrzehn­ten in der Stadtvertre­tung sitzen, fra­gen: Was läuft hier eigentlich an unser­er eige­nen Poli­tik schief? Ein weit­er­er großer Punkt ist sozialer Woh­nungs­bau. Wer hier wenig ver­di­ent, allein­erziehend ist oder ein­er mar­gin­al­isierten Gruppe ange­hört, wird fak­tisch auf bes­timmte Stadt­teile ver­wiesen. In der Innen­stadt kön­nen sich viele das Wohnen gar nicht mehr leis­ten. So kann Stad­ten­twick­lung für alle doch gar nicht funk­tion­ieren.

 

SNO: Sie haben im sozialen Bere­ich sehr viele Vorhaben. Wie wollen Sie das in einen ohne­hin anges­pan­nten Haushalt inte­gri­eren? Schw­erin ste­ht ja trotz gesunken­er Kassenkred­ite vor schwieri­gen finanziellen Per­spek­tiv­en.

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Ich glaube, dass die Men­schen, die in der Stadtvertre­tung sitzen, sehr stark die oberen Zehn­tausend abbilden. Und dadurch wer­den hier auch falsche Pri­or­itäten geset­zt. Es geht um Pres­tige­pro­jek­te wie das Strand­ho­tel, eine Rad­sporthalle, die Lan­des­garten­schau oder das Wel­terbe. Das mag alles schön und gut sein, aber damit holt man längst nicht alle Men­schen ab. Fra­gen Sie ein­mal auf dem Dreesch oder in Lankow, was zum Wel­terbe gehört. Viele haben dazu gar kein Ver­hält­nis, weil das so weit weg erscheint.

Warum schaut man nicht stattdessen viel stärk­er auf Gesund­heit und Soziales? Das sind doch die Pfeil­er, mit denen wir arbeit­en soll­ten, weil nur dadurch eine Stadt langfristig lebens- und liebenswert bleibt, Men­schen gesund bleiben und man langfristig pla­nen kann. Auch für Unternehmen ist doch entschei­dend, dass eine Stadt vielfältig, divers und lebenswert ist. Son­st siedeln die sich hier ein­fach nicht an.

Dann habe ich schon gesagt: Im Stadthaus kann man mas­siv sparen. Das ist mir ein wichtiger Punkt. Vor allem das teure Mieto­b­jekt ist ein Prob­lem. Man hätte viel früher über­legen müssen, ob man Struk­turen, wie z.B. am Mar­gareten­hof oder in anderen Stadt­teilen wieder nutzen kann.

Gle­ichzeit­ig bin ich der fes­ten Überzeu­gung, dass aktuell nicht alle Fördertöpfe aus­geschöpft wer­den, auf Landes‑, Bun­des- und EU-Ebene. Da liegt wahnsin­nig viel Poten­zial. Dafür müsste man aber etwa einen Sozialat­las erstellen, stärk­er mit Vere­inen und Ini­tia­tiv­en kooperieren und die Daten­ba­sis verbessern. Darüber ließen sich enorme Fördergelder akquiri­eren und Mit­tel für Pro­jek­te freimachen. Ehre­namt muss sich auch endlich wieder lohnen und wert­geschätzt wer­den. 

 

SNO: Das Stadthaus sehen Sie als Kosten­prob­lem. Dort arbeit­en aber rund 1.100 Men­schen. Wenn man stärk­er dezen­tral­isieren will – wie soll das prak­tisch funk­tion­ieren?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Dezen­tral­isierung ist, glaube ich, das Zauber­wort. Also: Welche Bedarfe gibt es wo? Welche Behörde braucht es an welchem Ort? Das Gros sehe ich in Lankow und auf dem Dreesch. Dazu kommt Dig­i­tal­isierung. In den ersten 100 Tagen müsste man sich anschauen: Was kann ich hier tat­säch­lich eins­paren, wo machen vielle­icht mehrere Men­schen das Gle­iche, und wo müssen wir Ressourcen stärken?

Wenn Men­schen etwa monate­lang oder jahre­lang in der Aus­län­der­be­hörde zer­mahlen wer­den, dann muss diese Behörde per­son­ell aufge­stockt wer­den, damit Men­schen schneller in Arbeit kom­men. Gle­ichzeit­ig ist das aber eher eine langfristige Auf­gabe. Man muss sich Verträge anschauen, man muss auf ver­beamtete Struk­turen schauen und über­legen, was über­haupt möglich ist. Und man muss Leer­stand in der Stadt prüfen: Wo gibt es Gebäude, die sich nutzen lassen? Die Stadt hat darüber eigentlich den besten Überblick. Ich sehe da großes Poten­zial.

 

SNO: Sie haben die För­der­mit­tel ange­sprochen. Wie sehen Sie denn ins­ge­samt den Wirtschafts­bere­ich? Wollen Sie weit­ere Unternehmen in Schw­erin ansiedeln?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Ja, natür­lich. Aber ich glaube, Schw­erin ver­ste­ht an der Stelle ein Kern­prob­lem nicht. Ich habe gesagt: 85 Prozent mein­er Freund:innen sind abge­wan­dert, weil Schw­erin nicht so lebenswert ist, dass man hier friedlich, fröh­lich und frei miteinan­der leben und par­tizip­ieren kann. Ich posi­tion­iere mich ganz klar gegen Ras­sis­mus, gegen Queer- und Frauen­feindlichkeit. Aber genau das nehme ich in Schw­erin zunehmend wahr. Wenn man sich auf ein­er Demo gegen Rechts oder für fem­i­nis­tis­che The­men engagiert, wird man aus­gelacht, bedro­ht oder belei­digt. Das erleben wir ganz konkret.

 

Der Gewerbesteuerhebesatz von 458% zu hoch

 

Und daran sieht man auch, wie schw­er es hier für eine Frau ist, über­haupt ein Unternehmen zu führen. Ich kann mir den Steuer­hebe­satz in Schw­erin nicht leis­ten. Er liegt über dem Bun­des­durch­schnitt, und wir leben hier eben nicht in Berlin, München oder Ham­burg. Das ist doch absurd. Und gle­ichzeit­ig ist die Stadt nach außen nicht vielfältig, offen und divers genug. Wenn Men­schen Angst vor einem mas­siv­en Recht­sruck und vor der Nor­mal­isierung von Ras­sis­mus haben, dann kom­men sie eben nicht hier­her.

Dazu kommt das Stadt­mar­ket­ing. Ich finde, es ist viel zu sehr auf weiße, priv­i­legierte cis-Män­ner und het­ero­nor­ma­tive Fam­i­lien aus­gerichtet. Men­schen mit Migra­tions­geschichte, queere Fam­i­lien, andere Fam­i­lienkon­stel­la­tio­nen, neu­ro­di­ver­gente Men­schen oder Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen, sie alle kom­men darin kaum vor. So lockt man doch keine jun­gen Unternehmer:innen an. Auch Leer­stand wird nicht offen­siv genutzt. Warum sagt man nicht: Hier, du bekommst die Fläche erst mal gün­stig oder mit mehr Unter­stützung im Start-up-Bere­ich? Warum wer­den weib­lich gele­sene Unternehmer:innen nicht stärk­er gefördert, obwohl man weiß, dass vielfältige Unternehmensstruk­turen gesün­der sind? Das ist für mich ein großes Prob­lem.

 

SNO: Wie würde ein Weg ausse­hen, das in sieben Jahren umzu­drehen und die wirtschaftliche Attrak­tiv­ität der Stadt zu steigern?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Mit einem kom­plett neuen Stadt­mar­ket­ing und zwar mit Men­schen, die divers sind, mit Migra­tions­geschichte, mit Behin­derun­gen, mit unter­schiedlichen Leben­sre­al­itäten. Es reicht nicht, immer nur über Men­schen zu reden. Man muss Dinge endlich mit den Men­schen zusam­men machen. Das heißt: evaluieren, Umfra­gen starten, wis­senschaftliche Dat­en erheben und diese Dat­en dann auch nutzen.

Ich bin sehr für Poli­tik auf Augen­höhe mit Bürger:innen. Und wenn man die Men­schen aus den Stadt­teilen mit­nimmt, ger­ade auch die mit wenig Geld, dann kann sich in Schw­erin grundle­gend etwas verän­dern. Dann wird die Stadt auch für Unternehmer:innen attrak­tiv­er, weil endlich mehr Men­schen ange­sprochen wer­den und nicht nur ein klein­er priv­i­legiert­er Teil.

 

SNO: Sehen Sie dann auch das Wohnen als zen­trales Prob­lem? Men­schen sollen nach Schw­erin kom­men, gle­ichzeit­ig gel­ten die Mieten als hoch.

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Ja, abso­lut. Auch hier fehlt es an Daten­lage. Immer wieder heißt es: Es gibt keine belast­baren Zahlen. So kann man aber nichts verän­dern und das ist auch rechtlich extrem angreif­bar. Man braucht Dat­en, um wis­senschaftlich fundiert zu arbeit­en und Maß­nah­men aktiv in Schw­erin auf den Weg zu brin­gen, anstatt ständig und andauernd zu sagen: “Hier gibt es keine Dat­en und deshalb machen wir das auch nicht”. Still­stand und Prob­leme ignori­eren sind keine adäquate Lösungsan­sätze. 

Gle­ichzeit­ig gibt es in Schw­erin noch immer tausende leer­ste­hende Woh­nun­gen. Warum saniert man die nicht endlich und macht sie sozialverträglich nutzbar? Es gibt Städte, in denen Quoten für sozialen Wohn­raum viel kon­se­quenter funk­tion­ieren. Und in Schw­erin wird zwar immer so getan, als mache man das alles längst, aber es ist eben nicht verbindlich genug niedergeschrieben. Wenn gebaut wird, dann sollte verpflich­t­end ein Anteil von 20 bis 25 Prozent sozialem Wohn­raum mit entste­hen. Son­st wird weit­er gen­tri­fiziert, wie etwa am Ziegelsee oder auf dem War­nitzer Feld. Dabei wäre es eigentlich so ein­fach, das verbindlich festzuschreiben.

 

SNO: Die Baukosten sind seit Jahren hoch. Das Land sagt zugle­ich, dass es finanziell selb­st stark unter Druck ste­ht. Wie soll dann bezahlbar­er Neubau entste­hen?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Da fehlt mir tat­säch­lich die genaue Stu­di­en­lage, um das belast­bar beurteilen zu kön­nen. Aber ich frage mich schon: Warum baut man dann nicht nach­haltiger, mit nachwach­senden Rohstof­fen, und holt sich dafür gezielt För­der­mit­tel von Bund, Land und EU? Warum muss es immer der Beton­klotz sein? Da würde ich mir deut­lich mehr Offen­heit und Inno­va­tions­bere­itschaft wün­schen.

 

SNO: Ihr Kern­fokus ist die Attrak­tiv­ität der Stadt. Wie schafft man es, dass junge Men­schen bleiben?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Ich glaube, man muss Schule in Schw­erin noch ein­mal neu denken. Regionale Unternehmen soll­ten viel aktiv­er in Schulen einge­bun­den wer­den – nicht nur über einzelne Pro­jek­t­tage oder Prak­tikumswochen, son­dern wirk­lich sys­tem­a­tisch. Man sollte schauen: Wo kann ich junge Men­schen früh an regionale Unternehmen binden?

Gle­ichzeit­ig gilt: Wenn Kinder und Jugendliche zu Hause Prob­leme haben, dann kann es in der Schule nicht klap­pen. Deshalb braucht es mehr Sozialarbeiter:innen und Schulpsycholog:innen an den Schulen. Das gibt es in Schw­erin de fac­to nicht aus­re­ichend.

Außer­dem frage ich mich: Warum schließt die Stadt nicht viel stärk­er Koop­er­a­tio­nen mit Hochschulen und Uni­ver­sitäten – in Meck­len­burg-Vor­pom­mern oder auch Rich­tung Ham­burg, Lübeck, Lüneb­urg oder Berlin? Warum siedelt man nicht vielle­icht sog­ar eine Fakultät in Schw­erin an, am besten auf dem Dreesch oder in Lankow? Es gibt hier so viele The­men, zu denen man forschen kön­nte – auch ganz konkret in Bezug auf Seg­re­ga­tion oder soziale Stad­ten­twick­lung.

Und dann müssen die Stadt­teile wieder attrak­tiv wer­den. Früher gab es Orte, an denen junge Men­schen direkt im jew­eili­gen Stadt­teil aus­ge­hen kon­nten. Heute fehlen diese Orte. Es fehlen Place-to-bes in den Stadt­teilen. Jugendliche wer­den in die Innen­stadt gedrängt oder suchen sich Plätze, an denen sie ger­ade noch geduldet wer­den. So kann man doch nicht mit jun­gen Men­schen umge­hen. Man muss sie ein­beziehen und fra­gen: Was wollt ihr? Wo wollt ihr feiern? Wo wollt ihr euch aufhal­ten? Wenn dort wieder Leben ist, kom­men auch wieder Unternehmer:innen und Ange­bote in die Stadt­teile.

 

SNO: Wie bekommt man Schw­erin wieder aus dieser Entwick­lung her­aus?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Ich glaube gar nicht, dass Schw­erin im Schlaraf­fen­land ist. Wären wir im Schlaraf­fen­land, dann müssten wir nicht so viel Ehre­namt machen. Dann bräuchte es keinen ehre­namtlichen Tier­schutz und keine ehre­namtliche fem­i­nis­tis­che Arbeit. Ich sehe im Gegen­teil eine sehr prob­lema­tis­che Entwick­lung. Wenn ich auf Land­tagswahlen schaue oder auf neue rechte Struk­turen, dann macht mir das Angst. Und ich glaube, dass genau das auch weit­ere Abwan­derung befördert und die Gesellschaft weit­er spal­tet.

 

„Ich sehe es als meine Verpflichtung einzugreifen”

 

SNO: Die Stadtvertre­tung ist zu einem großen Teil recht­skon­ser­v­a­tiv, teils auch weit­er rechts geprägt. Wie wollen Sie sich mit diesem Gremi­um arrang­ieren?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Ich würde sog­ar noch ergänzen: teils recht­sex­trem­istisch. Und genau da liegt ja auch die Auf­gabe ein­er Ober­bürg­er­meis­terin: auf den Tisch zu hauen und zu sagen, wenn Dinge schieflaufen. Ich sehe das als meine demokratis­che Verpflich­tung, einzu­greifen und zu sagen: Das ist ras­sis­tisch, das ist frauen­feindlich, das ist queer­feindlich. Und wenn wir keinen Kon­sens hin­bekom­men, der diese Gren­zen wahrt, dann darf so ein Beschluss eben nicht durchge­hen.

Was ich außer­dem prob­lema­tisch finde: Viele Men­schen in der Stadtvertre­tung machen das ehre­namtlich neben ihrem Beruf. Das ist an sich nichts Schlecht­es. Aber was ist, wenn an entschei­den­den Stellen Fach­ex­per­tise fehlt? Dann sollte man sich diese Exper­tise von außen holen, Gutacht­en ein­holen, Wissenschaftler:innen oder Praktiker:innen ein­binden, bevor man Entschei­dun­gen trifft, die die Zukun­ft von fast 100.000 Men­schen betr­e­f­fen.

Ich habe das selb­st erlebt. Im Umweltauss­chuss kon­nte ich zu einem finanzier­baren Stadt­taubenkonzept sprechen, aber bekam am Ende kein Red­erecht. Im Finan­zauss­chuss war es ähn­lich. Dabei lag ein Konzept von mir vor, 25 Seit­en lang, wis­senschaftlich fundiert und mit ver­gle­ich­sweise gerin­gen Ein­stiegskosten. Solche Ideen wer­den in Schw­erin immer wieder abgesägt. Ich finde, das ist eine rück­wärts­ge­wandte Poli­tik, und das muss man der Stadtvertre­tung auch klar spiegeln.

 

SNO: Wären für Sie Anträge auch dann akzept­abel, wenn CDU und AfD ihnen zus­tim­men – voraus­ge­set­zt, Sie hal­ten den Inhalt für richtig?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Für mich braucht es immer eine wis­senschaftliche Fundierung- Zahlen und Fak­ten. Und was ich von CDU und AfD häu­fig sehe, sind Mei­n­un­gen und Bauchge­füh­le, aber keine wis­senschaftlich fundierte Argu­men­ta­tion. Darum geht es mir. Wenn endlich ein­mal fak­ten­basiert argu­men­tiert würde – und das gilt übri­gens nicht nur für CDU und AfD, son­dern auch für andere Frak­tio­nen –, dann wäre das ein riesiger Fortschritt. Das fehlt uns ja ger­ade in der Stadtvertre­tung.

 

SNO: Ein großer Stre­it­punkt sind auch die Kli­maziele der Stadt. Wie wollen Sie das in den Griff bekom­men?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Im Moment ist das ja fast ein Witz. Es wird sich an Pres­tige­pro­jek­ten abgear­beit­et, während gle­ichzeit­ig bei der grü­nen Infra­struk­tur viel zu wenig passiert. Kle­ingärten wer­den abgeris­sen, sen­si­ble Flächen bebaut, und gle­ichzeit­ig schmückt man sich mit Pro­jek­ten wie der Lan­des­garten­schau, obwohl die ehre­namtlichen Gartenfreund:innen sagen, dass ihre Arbeit kaum unter­stützt und wert­geschätzt wird.

Wenn wir es ernst meinen, dann müssen wir endlich den Marien­platz entsiegeln und so gestal­ten, dass er auch bei 40 Grad im Som­mer lebenswert ist. Für alle Men­schen.

 

Der Marienplatz braucht klare Strukturen und mehr Orientierung

 

SNO: Wie würde das konkret ausse­hen?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Indem man Bürger:innen an einen Tisch holt und wirk­lich fragt, wie ein entsiegel­ter Marien­platz ausse­hen soll. Für mich ist dieser Platz derzeit extrem men­schen­feindlich. Es braucht klare Struk­turen, mehr Ori­en­tierung, Bar­ri­ere­frei­heit, sicht­bare Sozial- und Care-Arbeit, eine bar­ri­ere­freie Toi­lette. Wer mit Roll­stuhl oder Kinder­wa­gen unter­wegs ist, merkt sofort, wie schlecht viele Dinge dort gelöst sind. Der Marien­platz ist ein­er der zen­tral­sten Orte der Stadt – und trotz­dem so unfre­undlich gestal­tet. Wenn er friedlich­er, lebenswert­er und funk­tionaler wäre, wür­den wir auch anders über Krim­i­nal­ität und Aufen­thalt­squal­ität sprechen.

 

SNO: Beim Nahverkehr gibt es eben­falls große Diskus­sio­nen – über neue Elek­trobusse, Finanzierung und Ange­bot. Welche Alter­na­tiv­en sehen Sie?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Andere Städte machen es doch vor. Warum schaut Schw­erin nicht stärk­er, was ander­swo funk­tion­iert? Wir brauchen einen zukun­ft­sori­en­tierten und gün­sti­gen Nahverkehr. Vor allem aber auch einen Nahverkehr, der analysiert und evaluiert wird- Und das gilt übri­gens auch für die Weiße Flotte. Ich finde es prob­lema­tisch, dass weit­er­hin so viel Diesel in die Seen gepumpt wird, während andere Städte längst wei­t­er­denken. Schw­erin ist klein genug für Pilot­pro­jek­te, für Förderun­gen, für mod­ell­hafte Lösun­gen. Genau das müsste man nutzen.

Und beim kosten­losen oder gün­stigeren Nahverkehr muss man doch nicht immer sofort sagen: Geht nicht. Warum geht man es nicht stufen­weise an? Zum Beispiel kosten­los für Grund­schulkinder oder an bes­timmten Tagen. Oder mit Mod­ellen wie dem 365-Euro-Tick­et. Es gibt so viele evaluierte Beispiele aus anderen Städten. Warum überträgt man die nicht auf Schw­erin? Nahverkehr muss sich jede Per­son leis­ten kön­nen.

 

SNO: Viele sagen aber auch, dass nicht nur der Preis, son­dern vor allem die Anbindung das Prob­lem ist.

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Ja, natür­lich. Auch da kann Schw­erin viel ler­nen. Die Tak­tung muss bess­er wer­den, vor allem nachts und in den Abend­stun­den. Wir brauchen ein Sys­tem, das Men­schen wirk­lich vom Auto weg­bringt. Schw­erin ist keine echte Fahrrad­stadt, und auch im Nahverkehr fehlt es an Attrak­tiv­ität. Ich würde zum Beispiel auch mehr Nacht­busse prüfen oder sichere Räume im Nahverkehr mit­denken – ger­ade für weib­lich gele­sene Per­so­n­en. Man muss den Nahverkehr so aus­bauen, dass Men­schen sich sich­er fühlen und er wirk­lich eine Alter­na­tive zum Auto wird.

 

SNO: Sie haben viele Pro­jek­te und Ambi­tio­nen genan­nt. Wie wollen Sie dafür in den ersten 100 Tagen das Fun­da­ment leg­en?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Ich bin neu­ro­di­ver­gent, mache par­al­lel sehr viel, habe mehrere beru­fliche Stand­beine, Ehrenämter, Sport – ich bin es gewohnt, Dinge par­al­lel und gle­ichzeit­ig zu organ­isieren. Das macht mir auch unheim­lich Spaß, daraus ziehe ich meine Energie und Kraft. Immer nur das Gle­iche, wäre mir per­sön­lich viel zu lang­weilig. Aber entschei­dend ist: Ich arbeite fak­ten- und zahlen­basiert. Wenn ich konkrete Konzepte habe, konkrete Hypothe­sen, die ich testen will, und eine belast­bare Daten­lage, dann kann ich losle­gen. Das ist keine Raketen­wis­senschaft.

Natür­lich braucht man Fach­ex­per­tise. Ich war noch nie Ober­bürg­er­meis­terin, ich kann nicht alles alleine. Deshalb holt man sich die Men­schen ins Boot, die wirk­lich Ahnung haben, kom­mu­niziert auf Augen­höhe mit den Bürger:innen und fragt: Ist das für euch in Ord­nung? Wollt ihr das so? Genau so entste­ht Poli­tik, die alle Schweriner:innen mit­tra­gen. 

 

SNO: Hat Schw­erin denn diese Exper­tise?

Dr. Aileen Wos­ni­ak: Wow… Bes­timmt. Ich glaube, es gibt in Schw­erin Men­schen, die total viel Ahnung und auch total viel Lust haben. Aber ich glaube auch, dass viele mod­ern oder anders denk­ende Men­schen im Sys­tem gar nicht mehr vorkom­men, ver­drängt wer­den oder sich zurückziehen. Ger­ade die müsste man wieder abholen: die “Quer­schießen­den”, die mit neuen Ideen, die wirk­lich etwas bewe­gen und aktiv verän­dern wollen- und nicht nur reden. Ich glaube, da gibt es noch ganz viele “Sterne am Him­mel”, die man find­en muss.