Schwerin: Im Interview – Betriebsratsvorsitzender Majorel Schwerin Olaf Schlicht

Der Konzern Majorel will seine Standorte in MV schließen. Betroffen sind davon auch 200 Arbeitsplätze in Schwerin. Schwerin-Lokal Redakteur Peter Scherrer sprach dazu mit dem Betriebsratsvorsitzenden des Standortes Schwerin, Olaf Schlicht.

Olaf Schlicht, Betriebsratsvorsitzender Majorel Servicecenter Schwerin. | Foto: schwerin -lokal / Peter Scherrer
 
Die Majorel Call- und Servicecenter in Mecklenburg-Vorpommern stehen vor der Schließung. Betroffen sind Schwerin, Stralsund und Neubrandenburg. Wenige Wochen vor Weihnachten überraschte der Konzern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie auch die Politik der jeweiligen Kommunen und des Landes mit dieser Nachricht. Allein in der Landeshauptstadt Schwerin sind etwa 200 Menschen unmittelbar betroffen. Peter Scherrer, freier Redakteur unserer Redaktion, sprach mit Olaf Schlicht, Betriebsratsvorsitzender des Majorel Standortes Schwerin.
 
Schwerin-Lokal: Herr Schlicht, am 3.11. letzten Jahres wurde den Betriebsräten der Majorel Standorte Schwerin, Stralsund und Neubrandenburg überraschend die Schließung für ihre jeweiligen Call- und Servicecenter zum 31.12.21 mitgeteilt. Wie haben Sie reagiert?
 
Olaf Schlicht: Ja, wir wurden von diesem Beschluss der Geschäftsleitung überrascht, haben sofort umfangreich Kontakte in alle Richtungen aufgenommen. Gespräche mit der Landespolitik und mit dem Wirtschaftsministerium gab es schon im November und Dezember. Vom Wirtschaftsministerium wurde uns signalisiert, dass es Möglichkeiten der Unterstützung gäbe. Wir hatten zwei Termine im Wirtschaftsministerium unter persönlicher Beteiligung des Ministers. In diesen Gesprächen wurde uns Unterstützung auf unterschiedlicher Weise angeboten. Voraussetzung dafür sei aber der Erhalt der Arbeitsplätze. Da neben den Standorten im Mecklenburg-Vorpommern auch der Standort Chemnitz in Sachsen betroffen ist, traten wir auch an die sächsische Landesregierung heran. Auch auf der Ebene der Bundespolitik versuchen wir Unterstützung für den Erhalt der Arbeitsplätze zu erhalten. Wir sind auch in Gesprächen mit dem DGB und ver.di und suchen gemeinsam nach Möglichkeiten, die Geschäftsleitung von der Weiterführung der Betriebe zu überzeugen.
 

„Geschäftsführung will von Schließungsbeschluss nicht abrücken“

 

Schwerin-Lokal: Wie hat die Geschäftsleitung bisher reagiert?
 
Olaf Schlicht: Die Geschäftsleitung hat immer betont, dass sie von dem Schließungsbeschluss nicht abrücken will. Im Dezember hatten wir den ersten Auftakt der Gespräche über den Interessenausgleich und Sozialplan. Für Ende Januar und Anfang Februar sind weitere Gespräche hier geplant. 
 
Schwerin-Lokal: Die Betriebsräte fordern in einer gemeinsamen Petition den Erhalt der Center. Wie weit sind sie mit der Petition?
 
Olaf Schlicht: Bedingt durch die aktuelle Corona Situation werden wir den Termin für das Ende der Unterschriftensammlung sicher verlängern und weiter für Unterstützung werben. Wir hoffen, dass es die Corona Situation möglich macht, die Petition dann auch bei den anstehenden Terminen der Geschäftsleitung persönlich übergeben zu können.
 

„Wenn man es will, kann Standort Schwerin wirtschaftlich betrieben werden.“

 

Schwerin-Lokal: Die Konzernleitung gibt wirtschaftliche Gründe für die Schließung an. Gibt es Konzepte der Betriebsräte, die das wirtschaftliche Überleben der Standorte sichern könnte?
 
Olaf Schlicht: Aus Sicht des Betriebsrates kann der Standort Schwerin wirtschaftlich betrieben werden. Dafür haben wir auch Konzepte erarbeitet. Auch wenn ein großer Auftraggeber zum 31.12.2021 wegfällt, gibt es ausreichend Geschäfte, um den Standorte Schwerin wirtschaftlich weiter zu betreiben. Das Service-Center in Schwerin ist gut mit Aufträgen ausgelastet. Wir haben nicht weniger Arbeit durch die Corona-Krise, wir haben eher mehr Arbeit. Ca. 70% unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aktuell im Home Office. Wir haben investiert und „coronagerechte“ Arbeitsbedingungen geschaffen. Acryltrennscheiben wurden aufgebaut, Arbeitsplätze wurden neu verteilt, Aufenthalts-, Pausenräume umgebaut. Also, wenn man es will, dann kann man den Standort Schwerin definitiv wirtschaftlich betreiben.
 
Schwerin-Lokal: Majorel bietet häufig auch sogenannten Quereinsteigern, gesundheitlich eingeschränkten Beschäftigten und Behinderten einen Arbeitsplatz.
 
Olaf Schlicht: Ja, diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden es schwer haben, auf dem Arbeitsmarkt aktuell eine neue Beschäftigung zu finden. Bei Majorel arbeiten viele Beschäftigte, die oftmals aus gesundheitsbedingen oder familiären Gründen nicht mehr in ihren erlernten Berufen tätig sein können. Alles was man für die Tätigkeit im Service Center an Wissen benötigt, erlernt man vor Ort. Gerade für die von Ihnen angesprochenen Beschäftigten war und ist die Arbeit bei Majorel besonders existenzsichernd.
 
Vielen Dank für das Interview.

Peter Scherrer

geb. 1959, gelernter Metallfacharbeiter und grad. Historiker, arbeitete für Gewerkschaften und politische Stiftungen in Europa u.a. 2015-2019 als stellvertretender Generalsekretär beim Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB), in Brüssel. Schwerpunkte: Industrie- und Sozialpolitik sowie Lokalgeschichte und Kulturelles. Wohnt seit 2017 in Schwerin.

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