Schwerin: Mahnwache für die Opfer von Hanau
Wer am gestrigen Donnerstagmorgen Radio oder Fernsehen einschaltete, war bereits mit der Nachricht konfrontiert, dass ein Einzeltäter in Hanau zehn Menschen und sich selbst erschossen hatte. Im Laufe des Tages

Wer am gestrigen Donnerstagmorgen Radio oder Fernsehen einschaltete, war bereits mit der Nachricht konfrontiert, dass ein Einzeltäter in Hanau zehn Menschen und sich selbst erschossen hatte. Im Laufe des Tages wurde dann deutlich, dass es sich wohl um eine rassistisch motivierte Gewalttat handelte. Neun der Ermordeten hatten offenbar Migrationshintergrund. Das zehnte Opfer ist die Mutter des Täters. Am Nachmittag erklärte Generalbundesanwalt Peter Frank zufolge, der Todesschütze habe eine „zutiefst rassistische Gesinnung“ gehabt. Diese Erkenntnisse basierten auf der Auswertung von Videobotschaften und einer Art Manifest auf der Internetseite des Täters. Der Täter sei zudem psychisch schwer gestört gewesen und lebte in einer eigenen Welt.

Deutschlandweit Aufrufe zu Mahnwachen und Gedenkminuten – auch in Schwerin
Deutschlandweit riefen verschiedene Organisationen daraufhin zu Kundgebungen und vor allem Mahnwachen auf. Still, teilweise verbunden mit Reden, wollten die Menschen im gesamten Land der Opfer dieser offenbar mit einem fremdenfeindlichen Hintergrund verbundenen Bluttat gedenken. Auch in Schwerin hatte im Tagesverlauf ein unter anderem durch Andreas Katz verbreiteter Aufruf des Bündnisses „Schwerin für Alle” zu einer Mahnwache auf dem Marktplatz eingeladen.
Etwa 70 Menschen, darunter auch einige Stadtvertreter, kamen, um gemeinsam mit Kerzen der Opfer zu gedenken. Den meisten war das Entsetzen über die Tat und der Wunsch nach einem Moment des gemeinsamen Gedenkens anzusehen. In einer freien Rede rief Stadtvertreter Dr. Daniel Trepsdorf (DIE LINKE) zu mehr Zivilcourage auf. Speziell dann, wenn Menschen durch andere abgewertet werden, sollten wir im Alltag viel häufiger „Nein” sagen. Beim Grillfest, im Büro, bei der Familienfeier. An jedem Ort und in jeder Situation sei die Zivilcourage mehr denn je gefragt. Trepsdorf wies dabei auch auf die schwierige Rolle der sozialen Netzwerke hin, in denen täglich immer mehr Hass und Hetze gepostet würden.

Angriffe auf Polizei und Stadtvertreter in den Redebeiträgen
Neben diesen analytischen, zum demokratisch orientierten Kampf gegen Ausgrenzung und Abwertung, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufrufenden Worten, kam es auch zu Wortmeldungen, die mancher vermutlich eher nicht auf dieser Mahnwache erwartet hätte. So griff eine Rednerin am freien Mikrofon unwidersprochen die Polizei verbal an. Sie sprach von einer „Polizei, die nicht auf rechte Demonstranten losgeht. Einer Polizei, die auf Linken sitzt, auf kleinen Jungs.” Von einer „Polizei, die antifaschistische Demonstranten niederknüppelt und die Rechten schützt.”
Aber nicht nur die Polizei hatte die Rednerin auf der Veranstaltung, die eigentlich eine Mahnwache für die Opfer der nächtlichen Bluttat sein sollte, im Visier. Denn sie griff auch Vertreter der Stadtvertretung scharf an. Dabei warf sie der CDU-Fraktion vor, sie würde „Hetze in die Stadt bringen und mehr nach AfD klingen, als die AfD selbst”. Und auch der anschließende Redner, nach Teilnehmerangaben einer der Organisatoren des Bündnisses „Schwerin für Alle”, wandte sich an die zum Veranstaltungsschutz in Schwerin vor Ort befindlichen Einsatzkräfte. „Der Staatsschutz ist heute vor Ort, und schreibt sich genau auf, wer hier ist”. Es ginge um Überwachung und Kontrolle dieser Veranstaltung, während die Rechten problemlos agieren könnten.
Dass nicht jeder der Anwesenden gerade diese beiden Redebeiträge für passend hielt, zeigte das eine oder andere Randgespräch. Es wurden dabei durchaus Stimmen laut, die diese Art der Radikalität ablehnten. Grundsätzlich im Wirken gegen Rechtsradikalismus und menschenverachtende Ideologien – im Speziellen aber auch auf einer Mahnwache für gerade ermordete Menschen. Und doch, auch dies muss festgehalten werden, widersprach niemand den radikalen Äußerungen öffentlich, und gab es auch Applaus.



