Schwerin: Mieter im Mueßer Holz drohten kalte Heizungen und kein Warmwasser

Unruhe in der Ziolkowskistraße und der Marie-Curie-Straße im Mueßer Holz in Schwerin. Die Stadtwerke hatten die Abschaltung der Fernwärme angekündigt. Die Hausverwaltung hatte nicht gezahlt und war nicht erreichbar. Unter anderem betroffen: Alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern.

Einer der betroffenen Wohnblöcke in der Ziolkowskistraße in Schwerin. | Foto: schwerin-lokal

Ein Schreiben der Stadtwerke Schwerin sorgt aktuell für massive Unruhe in mehreren Wohngebäuden im Mueßer Holz. Darin kündigt der kommunale Versorger die komplette Einstellung der Fernwärmeversorgung ab dem 11. Februar 2021 an. Glaubt man aktuellen Wetterprognosen, könnten damit mitten in einer möglichen Kältewelle mit Minustemperaturen und Schnee damit Heizung und Warmwasser in den mehrgeschossigen Gebäuden aus DDR-Zeiten ausfallen.

Fernwärmeabstellung für mehrere Objekte im Mueßer Holz drohte

Die unmittelbare Schuld für diese Situation nun bei den Stadtwerken zu suchen, wäre allerdings gänzlich falsch. Denn von dieser Seite aus ist in der zurückliegenden Zeit scheinbar alles Erdenkliche getan worden, um diesen Schritt zu verhindern. Monatelang gelang kein Kontakt zur zuständigen Verwaltung und es waren keine Zahlungseingänge zu verzeichnen.  Das Unternehmen sitzt daher auf offenen Rechnungen für die Objekte, die sich  in der Ziolkowskistraße und der Marie-Curie-Straßen befinden. Die Verantwortung liegt also ganz klar auf Eigentümerseite. Die Mieter dort sind ihren Verpflichtungen nachgekommen. Offenbar allerdings hat die Hausverwaltung die vereinnahmten Vorauszahlungen nicht an die Stadtwerke Schwerin gezahlt. Diese wiederum haben entsprechend agiert, um das Äußerste zu vermeiden. Bis gestern Nachmittag aber ohne Erfolg.

 

Sperrungen sind, gerade in der Heizperiode, das absolut äußerste Mittel.“

Aurel Witt, Bereichsleiter Unternehmenskommunikation
Stadtwerke Schwerin

Damit steht nun eine Sperrung der Fernwärmeversorgung für die Mieter im Raum. „An sich war diese bereits zum 4. Februar vorgesehen“, berichten uns Daniela Pauluhn, Eileen Steinhagen und Krystin Hoitz nacheinander und übereinstimmend. Alle drei sind alleinerziehend und wohnen mit ihren Kindern in der Ziolkowskistraße. Dass sie von der geplanten Abstellung zum 4. Februar erfuhren, war fast ein Zufall. Denn ein entsprechendes Hinweisschreiben der Stadtwerke Schwerin wurde je Hausaufgang nur in einen beliebigen Briefkasten geworfen. „Wäre genau diese Wohnung leer oder wären die Mieter nicht da gewesen, hätten wir gar nichts von der drohenden Gefahr gewusst“, so Krystin Hoitz.

Nun sind die Stadtwerke zwar nicht verpflichtet, die Mieter überhaupt auf diese Situation hinzuweisen, denn letztlich besteht das Vertragsverhältnis mit dem Eigentümer bzw. der Verwaltung. Aber da es letztlich die Mieter betrifft, gehen die Stadtwerke in Schwerin grundsätzlich den Weg der direkten Information. Niemand soll unvermittelt überrascht werden. Hier war es nun zu einer kleinen Panne gekommen. Denn eigentlich sollte das Schreiben in den Hausaufgängen aushängen.

 

Viele Mieter mit Kindern wären betroffen 

Krystin hält ihre herzkranke Tochter im Arm. | Foto: schwerin-lokal

„Nachdem wir Dienstagabend nun von der Situation wussten, ist erst einmal eine Welt zusammengebrochen. Hier haben viele Mieter Kinder. Das geht nicht ohne Heizung und Warmwasser“, so Eileen. „Meine Jüngste hat einen Herzfehler. Wenn wir keine Wärme mehr haben, ist das für sie lebensgefährlich“, berichtet Krystin. Sie handelte daher am nächsten Tag und telefonierte sich die Finger wund. Bei den Stadtwerken erreichte sie einen Mitarbeiter, der allerdings wenig Verständnis zeigte. Es sei nun mal so. Wenn kein Geld käme, würde abgestellt. Sie verlangte einen Vorgesetzten, dem sie die Situation schilderte. Dort stieß sie auf mehr Verständnis. Er erreichte offenbar auch die mit der Koordination der Verwaltung vor Ort beauftragte Susanne Dime und einigte sich mit ihr auf einen Aufschub der Sperrung bis zum 11. Februar. Eine Woche war gewonnen.

Allerdings glaubten die drei alleinerziehenden Mütter gestern Vormittag nicht daran, dass sich die Situation ändert. Denn per Facebook-Messenger hatte Krystin Frau Dime schon am Abend angeschrieben und auf die Situation angesprochen. Da hieße es, alles sei geregelt. Es gebe keine Probleme. Dass dem ganz und gar nicht so war, zeigte das Telefonat mit den Stadtwerken.

 

Mieterin agierte – und erlebte unsensible Reaktion beim Mieterbund

Parallel rief Krystin Hoitz auch bei der Verbraucherzentrale an. „Die Dame dort war unglaublich freundlich und hat mir wirklich etwas Mut gemacht. Auch hat sie mir ein paar Hinweise gegeben. Das war wirklich super.“ Anders hingegen verlief das Gespräch mit dem Mieterbund Schwerin. Auch dort rief sie an. Die Dame am anderen Ende erklärte nach kurzer Schilderung der Situation lediglich, Krystin solle in den Mieterbund eintreten, dann könne man miteinander sprechen. „Das kostet 69 Euro.“ Die Mutter von vier Kindern schilderte daraufhin ihre dramatische Lage aufgrund der herzkranken Tochter. „Ich habe der Frau erklärt, dass die Kleine in Lebensgefahr gerät, wenn ich sie nur kalt duschen könnte. Daraufhin meinte sie nur, wenn das so ist, dann ist das so“.

Nun mag man natürlich nachvollziehen können, dass der Mieterbund nicht jedem Nichtmitglied helfen oder wenigstens Hinweise geben kann. In einer sich so erkennbar abzeichnenden Notlage sollte man aber vielleicht doch anders reagieren.  

Die Geschäftsführerin des Mieterbundes in Schwerin, Catharina Möller-Federau kann sich nicht vorstellen, dass eine Mitarbeiterin so schroff reagieren haben kann. „Natürlich sitze ich nicht die ganze Zeit dabei. Sollte es sich so zugetragen haben, dann täte mir das sehr leid und ist nicht der Anspruch unseres Vereins.“, so Möller-Federau. Nur habe man sich schon früh hausintern darauf verständigt, dass aufgrund der Notlage auch Nichtmitglieder eine Erstauskunft erhalten. Das man aber nur für Mitglieder eine detaillierte Rechtsberatung vornehmen kann, das liege vor allem am Rechtsdienstleistungsgesetz. „Beraten und geholfen werden darf nur Mitgliedern der Mietervereine, so schreibt es das Rechtsdienstleistungsgesetz vor. Uns sind hier die Hände gebunden“, betont die Geschäftsführerin. 

 

Auf Ungewissheit folgte die gute Nachricht: Sperrung ist offenbar abgewendet

Eileen hofft, dass die Wärme bleibt

Das war also der Stand gestern Mittag: Niemand wusste so wirklich, wie es weitergeht. Die Drohung der Fernwärme-Abschaltung hing über allen wie ein Damoklesschwert. „Man fühlt sich so hilflos, hier als Mieter so abgeschoben zu werden. Ich kann mir mit meinen Kindern doch nicht mal eben eine neue 5-Zimmer-Wohnung suchen“. Diese aber braucht Eileen für sich und ihre fünf Kinder. Sie war für das Treffen extra in der Mittagspause von der Arbeit gekommen. Denn sie fühlt sich der Situation schon ausgeliefert. Krystin hat sie motiviert, gemeinsam zu einem Rechtsanwalt zu gehen. Sie haben auch bereits einen im Blick. Denn wie das Kaninchen vor der Schlange möchten sie auch nicht sitzen. Vor allem, da es um die Gesundheit ihrer Kinder geht.

Diesen Weg können Sie sich nun vermutlich sparen. Denn am gestrigen Nachmittag gab es das Gerücht, dass Bewegung in die Sache gekommen sei. Unternehmenssprecher Aurel Witt bestätigte auf Nachfrage unserer Redaktion, dass man Kontakt zu aktuell zuständigen Personen habe. Die Entwicklungen ließen die Aussage zu, dass die Sperrung zum 11. Februar vom Tisch sei. 

 

Hier liegt die Verantwortung für die plötzliche Dramtik der Lage

Eigentümerin der betroffenen Gebäude ist übrigens eine in Berlin ansässige Gesellschaft namens Spree Beteiligung Ost GmbH. Diese wiederum hat eine Hausverwaltung mit der Bewirtschaftung der Objekte in Schwerin beauftragt. Deren Name: GEWINO – Gebäudewirtschaft Nord GmbH mit der Geschäftsführerin Yuliya Klimenchuk. Sitz auch in Berlin. Beide Gesellschaften haben erst einmal etwas gemeinsam: Sie sind faktisch nicht erreichbar. Oder zumindest nur sehr schwer. Unserer Redaktion zumindest gelang es den gesamten gestrigen Tag nicht, Frau Klimenchuk oder irgendwen von der Eigentümerseite oder auch irgendeine Person von Seiten der GEWINO zu erreichen. Recherchen über die „Tätigkeiten“ der Frau Klimenchuk führten uns lediglich zu einer Morck Hausverwaltung in Frankfurt/Main. Dort erreichten wir auch eine Person, die unser Anliegen aufnahm. „Ich werde es weiterleiten und hoffe, Sie bekommen einen Rückruf.“ Dabei aber blieb es dann auch.

 

Mieterin vermutet: „Sie wollen alle Mieter raushaben.“

Nichts anderes hatten wir vermutet. Denn so scheint das Dienstleistungs-Verständnis der GEWINO und ihrer Geschäftsführerin Klimenchuk zu sein. In den Gesprächen mit Eileen, Krystin und auch Daniela kamen nämlich noch weitere Informationen zu Tage, die das Gesamtbild rund machen. So kam es in Krystins Wohnung zu einem Wasserschaden. Sie meldete diesen, dann geschah lange nichts. Irgendwann wurde die Tapete von der Decke gerissen. Dabei aber blieb es dann tatsächlich. Nach einigen Wochen des Wartens tapezierte sie selbst. Schon nach kurzer Zeit kam wieder Feuchtigkeit durch. Da scheint das Dach undicht zu sein. Geschehen ist nichts. Im Hauseingangsbereich ist das Gitter im Boden lose und eine echte Verletzungsgefahr. Eileen repariert dies nun regelmäßig provisorisch. Von der Verwaltung keine Spur.

Die Kette der Probleme in den Wohnungen und an den Objekten ist noch länger. „Ich bin mir inzwischen sicher, die lassen die Häuser bewusst verkommen. Es war schon mal angedeutet worden, dass sie höhere Mieten wollen. Sie wollen einfach alle Mieter raushaben“, sagt Yvonne. Kämpferisch und klar reagiert Krystin darauf, als wie ihr von der Vermutung berichten: „Sie kriegen uns aber nicht raus!“

 

Seit gestern bekannt: Eine neue Hausverwaltung übernimmt ab 1. Februar

Diese durchaus kämpferische Ansage der Mieter dürfte auch eine weitere Gesellschaft interessieren. Denn zur Überraschung aller lag gestern ein Schreiben der GEWINO in den Postkästen. Darin weist man darauf hin, dass die Verwaltung der Objekte zum 1. Februar mal wieder wechselt. Neue Verwalterin ist dann die DIM – Deutsche Immobilienmanagement. Anders als die GEWINO hat dieses Unternehmen eine eigene Internetpräsenz und scheint neben Berlin noch über sechs weitere Standorte in Deutschland zu verfügen. Auch ein Unterschied: Bei der DIM geht jemand ans Telefon. So gelang es unserer Redaktion letztlich auch, mit jemandem aus dem Unternehmen zu sprechen, der/die für die neuen Objekte zuständig sein wird.

Allerdings, so die Information, habe man noch keinerlei Unterlagen und könne noch nichts zu dem neuen Auftrag sagen. Das soll zwar, wie wir aus der Branche wissen, gerade bei so großen Beständen eher selten sein – normalerweise bekommt die neue Verwaltung die Unterlagen häufig schon im Voraus, um eine nahtlose Weiterbearbeitung zu gewährleisten. Aber normalerweise kommt es auch nicht zu Androhungen der Fernwärmeabschaltung wegen Nichtbezahlung. „Normal“ ist in den Häusern also nicht alles. Wir bleiben daher ganz sicher dran und werden schauen, ob mit neuer Verwaltung auch ein neuer, positiver Wind im Mueßer Holz weht.

 

+++ Aktualisierung vom 29.01.2021 (13:00 Uhr)

 

Inzwischen hat Lutz Ackermann von der DIM Deutsche Immobilien Management der Redaktion mitgeteilt, dass die Stadtwerke Schwerin die angedrohte Sperrung von Heizung und Warmwasser nicht durchführen werden. Die offenen Forderungen aus den Monaten Dezember und Januar wurden durch den Eigentümer beglichen. Die Sperrung von Heizung und Warmwasser konnte damit abgewendet werden. „Dies soll uns durch die Stadtwerke im Tagesverlauf auch schriftlich bestätigt werden. Als neuer Verwalter haben wir uns in den vergangenen Tagen intensiv darum bemüht, die Sperrung von Heizung und Warmwasser abzuwenden. Wir freuen uns, dass uns dies rechtzeitig geglückt ist. Wir bedauern es, dass diese Angelegenheit kurzzeitig zur Beunruhigung bei den Mieterinnen und Mietern geführt hat.“, so Lutz Ackermann.

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