Schwerin: Niemand von uns wird freiwillig aufgeben

"Die Bazooka wurde ausgepackt, mit der Wasserpistole aber geschossen." Die finanzielle Lage der Unternehmen in Gastro und Hotellerie wird schwieriger. Die Branche geht mit klaren Forderungen aber durchaus auch einem Realismus in die kommenden Wochen. Trotz allem aber war in einem Gespräch mit Vertretern der Branche aus Schwerin gestern weiter unternehmerischer Geist, Gestaltungswille und durchaus auch ein Stück weit Optimismus zu spüren. Offenbar bleibt Schwerin der größte Teil der gastronomischen Vielfalt erhalten.

Die Gastronomie in Schwerin hofftd arauf, bald wieder viele Gäste begrüßen zu können. An Gastfreudnschaft und Engagement wird es nicht fehlen. | Foto: R+P Skitterians

Am vergangenen Montag ging der deutschlandweite Lockdown in die nächste Runde. Für das Hotel- und Gastronomiegewerbe bedeutet dies eine erneute Verlängerung der Schließung. Bereits seit Anfang November sind die Türen in dieser so wichtigen Branche dicht. Abgesehen von kleinen Ausnahmen (Bringe- und Abholservice, Beherbergung für Geschäftsreisende) geht damit seit inzwischen 3,5 Monaten nichts. Ende: offen! Für die Unternehmen ist die Situation angespannt, wenngleich man versucht, den Unternehmergeist und das letzte bisschen Hoffnung nicht zu verlieren. So zumindest stellt sich die Situation bei der DEHOGA Schwerin und den dort engagierten Betrieben dar.

 

Die Lage ist angespannt

Um an dieser Stelle aber keinen falschen Eindruck zu erwecken: Es brennt hinter den Türen der Hotels und Gaststätten. Dabei geht es allerdings leider nicht um flammende Gasherde zur Vorbereitung warmer Speisen. Vielmehr dreht sich alles um einen laufenden Existenz- um Überlebenskampf. Ein Kampf, den die Unternehmen selbst nicht zu verantworten haben, sondern an dem ein winzig kleines Virus schuld ist. Ein Kampf, in dem die gestern im Rahmen eines DEHOGA-Pressegesprächs anwesenden Gastonomen und Hoteliers auch nicht mit dem Finger auf irgendwen gezeigt hätten. Wer von der Runde persönliche Angriffe an einzelne Adressen in der Politik oder Hals-über-Kopf-Öffnungsforderungen erwartet hatte, sah sich erneut enttäuscht.  Absolut sachlich aber natürlich von Emotionen getragen stellten sie ihre aktuelle Situation und ihre Forderungen für den Bereich Schwerin vor. 

 

Klare Perspektive mit tragfähigem Öffnungsszenario

Matthias Theiner, DEHOGA Regionalchef Schwerin | Foto: schwerin-lokal

So forderte Matthias Theiner, Vorsitzender des DEHOGA-Regionalverbands Schwerin, im Namen der Mitglieder eine klare Perspektive mit tragfähigen Öffnungskonzepten. Ob Hotel oder Gastronomie, nach der langen Zeit der Zwangsschließungen seien 10 bis 14 Tage Vorlauf einfach erforderlich. Man müsse das Personal aus der Kurzarbeit, teilweise auch aus der Arbeitslosigkeit zurückholen. Und vor allem auch der Einkauf müsse organisiert sein. Dabei, das haben Branchenkenner besser als Ottonormalverbraucher, im Blick, richtet sich der Blick nicht mal primär auf die unternehmerische Eigenorganisation. Vielmehr müssen die Produzenten und Lieferanten erst einmal wieder „aufrüsten“. „Die Brauereien produzieren derzeit kaum Fassbier. Und wer mal in den Großhandel schaut, wird schnell erkennen, dass die Regale halbleer sind“, so Theiner. Ein erfolgreicher Neustart des Hotel- und Gaststättengewerbes setzt eine umfangreiche,  stehende Logistik drum herum voraus.

 

Hygienekonzepte sind da und haben sich bewährt

In Bezug auf die Hygienemaßnahmen brauche man vermutlich nicht so viel Zeit. „Unsere Unternehmen haben bis Ende Oktober unter Beweis gestellt, dass wir in Sachen Hygiene und Gesundheitsschutz bestens aufgestellt sind.“ Auch die Kontaktdokumentation und -nachverfolgung habe perfekt funktioniert. all das könne von der ersten Minute an natürlich so fortgesetzt werden. Nochmaligen Verschärfungen allerdings erteilt Theiner vor diesem Hintergrund auch eine klare Absage: „Unsere Hygienekonzepte sind da, und sie haben sich bewährt. Weitere Verschärfungen sind aus unserer Sicht nicht notwendig.“

 

„Auf-und-zu darf es nicht geben“ – Öffnungen um jeden Preis lehnt die DEHOGA in Schwerin ab

Zu „tragfähigen Öffnungskonzepten“ gehört aus Theiners Sicht aber auch, dass nach einer Öffnung ein Stück weit Sicherheit für einen langfristigen Öffnungszeitraum besteht. „Ein Auf-und-zu darf es nicht geben.“ Schon kurz vor Beginn des Termin konnte man durchaus heraushören, dass man vor diesem Hintergrund eher einen Tag länger geschlossen halten wird, als sich diesem Risiko auszusetzen. Ein doch recht klarer Wink auch in Richtung Politik. Denn hinter vorgehaltener Hand gab es durchaus schon Stimmen, die eine definitive Öffnung zu Ostern diskutierten. Schließlich ist Ostern eine Hauptumsatzzeit gerade dieser Branche. „Besteht das Risiko, dass wir kurz danach wieder schließen müssten, ist das der falsche Weg“, stellt Theiner klar. Sein Credo: „Wir dürfen nicht einen Tag länger geschlossen bleiben als nötig. Das ist dann, wenn es gesundheitspolitisch möglich ist.“ Öffnungen um jeden Preis lehnt die DEHOGA Schwerin ab.

Dies habe, darauf wies Christoph Gerlach vom „Seglerheim“ in Schwerin hin, im Zweifel auch ganz handfeste Gründe. Denn manch vertragliche Situation – seien es Angestelltenverträge oder auch andere – erlauben eine solche Dynamik nicht. „Dann kann ganz schnell alles aus sein.“

 

Gelder müssen schnellstmöglich – besser sofort – fließen

Petra Schmitt („Seehotel Frankenhorst“) und Matthias Theiner („Zur Guten Quelle) | Foto: schwerin-lokal

Eine weitere Forderung der DEHOGA Schwerin: „Die zugesagten Hilfen, oder nennen wir sie besser Entschädigungen, müssen schnellstmöglich, besser sofort fließen. Wir sind im vierten Monat geschlossen. Die Unternehmen brauchen jetzt die Gelder, und nicht erst, wenn es zu spät ist“, so Theiner, der das Hotel mit Gastronomie „Zur guten Quelle“ in Schwerin betreibt. „Dazu gehört allerdings auch unsere Forderung, dass es auch Hilfen für große Unternehmen geben muss“, ergänzt Petra Schmitt vom „Seehotel Frankenhorst“. Denn nicht nur ganz kleine, sondern auch große Unternehmen konnten bislang keine Anträge auf Überbrückungshilfe III stellen. Auch bei anderen Hilfsprogrammen gab es für die größeren und Großen häufig Probleme oder gar nichts. 

 

„Bazooka ausgepackt aber mit Wasserpistole geschossen“

Zu der Frage der Entschädigungen zählt daher auch die Forderung nach einer deutlichen Nachbesserung bei der Überbrückungshilfe III. Dass hier in Schwerin lieber von „Entschädigungen“ als „Hilfen“ gesprochen wird, hat übrigens einen guten Grund: „Normalerweise könnten wir durch unsere eigene Arbeit überleben. Man hat uns aber gänzlich jede Chance dazu genommen – anders übrigens, als zahlreichen anderen Branchen. Gäbe es einen kompletten Lockdown, wäre das vielleicht etwas anderes. Aber so ist es keine Hilfe, sondern eine Entschädigung“, erläutert Christien Messerschmidt von der „Dampfwäscherei“ in Schwerin.
Aber zurück zu der „Überbrückungshilfe III“. Denn sie sei, so Matthias Theiner, bleibe sie so, ein Sterben auf Raten für die Branche. „Ja, es wird so einiges übernommen. Aber eben sehr zentrale Punkte bleiben komplett unberücksichtigt.“ Versprochen wurde viel, ankommen wird davon wenig. „Die Bazooka wurde ausgepackt, mit der Wasserpistole aber geschossen.“

So gäbe es beispielsweise für die Unternehmer an sich „nicht einen Cent für den eigenen Lebensunterhalt. Während die Arbeitnehmer dankenswerterweise durch die wirklich wichtige Kurzarbeiterregelung und andere Unterstützungen abgefedert seien, sehe das bei denjenigen, die die Verantwortung und das unternehmerische Risiko tragen, ganz anders aus. „Von irgendetwas müssen auch die Unternehmer leben. Denn bei den meisten sind die Rücklagen inzwischen aufgebraucht. Auch wir müssen unsere Kranken- und Rentenversicherungen zahlen.“ Diese Positionen allerdings sind in der staatlichen Unterstützung nicht vorgesehen. Nicht ein Cent steht für das Überleben der Unternehmer bereit. „Außerdem bleibt ja auch noch so manches offen, das eben nur teilweise oder gar nicht durch die Überbrückungshilfe III gedeckt ist“, so Theiner.

 

Klare Unterstützung auch aus Schwerin erforderlich

Und auch mit Blick in Richtung Kommunalpolitik in Schwerin haben die Unternehmen der Hotel- und Gastrobranche Erwartungen. Allem voran hoffen sie auf eine Verlängerung der Aussetzung der Bettensteuer über den April hinaus. Mindestens bis zum 30. September 2022. „Das ist auch erforderlich, um schon innerhalb unseres Bundeslandes einen Wettbewerbsnachteil auszugleichen. Denn nicht überall wird eine solche Steuer erhoben“, so Matthias Theiner.

 

Stolz darauf, dass so viele Mitarbeiter treu zu den Unternehmen stehen

Das Fahrwasser, in dem sich das Hotel- und Gastronomiegewerbe in Schwerin befindet, dürfte also noch etwas rauer werden. Jetzt gilt es vor allem, die Mitarbeiter beisammen zu halten, um nicht zur Öffnung die ohnehin kritische Personalsituation noch als zunehmende Belastung erleben zu müssen. Denn, auch das ist kein Geheimnis, so manche haben inzwischen die Branche gewechselt. „Und dennoch halten die meisten unserer Angestellten zu uns, und fiebern gemeinsam mit uns der Wiedereröffnung entgegen“, so Christien Messerschmidt. Schwierig ist die Situation im Bereich des Nachwuchses. Den aktuellen Auszubildenden fehlt gut ein halbes Jahr Theorie wie auch Praxis, was speziell für die Abschlussjahrgänge ein Problem ist. Sicher sei nur, dass Prüfungen stattfinden. Und die Bewerbersituation für das neue Ausbildungsjahr sieht aktuell noch recht düster aus. Teilweise gibt es noch nicht eine einzige Bewerbung. 

 

Trotz Druck spürt man einen Gestaltungswillen und irgendwie auch Optimismus

Dennoch sind die Gastronomen und Hoteliers in Schwerin nicht untätig. Sie halten Kontakt zu ihren Teams und auch zu ihren (Stamm-)Gästen. Sie unterstützen eine in Vorbereitung befindliche Restart-Kampagne, die offenbar in Vorbereitung ist. Und sie signalisieren, dass es dem Großteil bislang offenbar gelungen ist zu überleben. Kommt es also in einer absehbaren Zeit – und hier rechneten die Anwesenden gestern eher mit Mitte April – zu einer Öffnung, dürfte die zuletzt gewachsene Vielfalt an gastronomischen Angeboten in Schwerin doch auch weiterhin vorhanden sein. Das alles gilt allerdings nur, wenn möglichst Nachbesserungen bei der Überbrückungshilfe III kommen, wenn bald Klarheit über Öffnungsszenarien besteht, und wenn bei Öffnung gesichert ist, dass diese dann auch langfristig bleibt. Käme dann schon zeitnah ein weiterer Lockdown, möchte heute wohl noch keiner eine Prognose abgeben, wie es danach aussähe. 

 

 

Redaktion

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